Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Italienisches Museum sieht sich als Opfer: Modigliani-Fälschungen; Ausstellungsplakat Palazzo Ducale Genua

24.07.2017 07:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 30 2017

Einem - trotz Beltracchi - beispiellosen Fälschungsskandal hat Tobias Timm in akribischer Arbeit nachrecherchiert, zu lesen auf drei ganzen Seiten in der ZEIT vom 20. Juli: "Die Berlinische Galerie ist nur einer der Schauplätze in diesem ungewöhnlichen Kriminalfall, in dem es nicht um Raub geht, sondern um Betrug, um einen der größten Fälschungsskandale der Nachkriegszeit. Museen und Galerien wurden hintergangen, auch Händler und Sammler, die für die fraglichen Werke viele Millionen Euro bezahlten. Ich recherchiere diesen Fall seit fast zwei Jahren. Neben der Berlinischen Galerie bin ich auch bei Christie's, dem umsatzstärksten Auktionshaus der Welt, auf verdächtige Werke gestoßen. Mutmaßliche Fälschungen sind zudem in Museen wie der Villa Stuck in München und der ehrwürdigen Albertina in Wien aufgetaucht. Sie hängen - noch heute - im Lehmbruck Museum in Duisburg. Obwohl es zahlreiche Hinweise gibt, dass es sich um Fälschungen handelt, werden sie dort weiterhin als Originale betrachtet. Es ist, als wollten sich manche Museumsdirektoren und Galeristen nicht von dem Gedanken lösen, dass das, was einst so wertvoll war, tatsächlich echt sein müsse." Schön, dass es immer noch Medien gibt, die eine derartige Arbeit würdigen und unterstützen.

Den Umgang der betroffenen Berlinischen Galerie mit dem Thema sieht Marcus Woeller in DIE WELT kritisch: "Dass öffentliche Museen ihr Verhältnis zu Leihgebern und Stiftern überdenken und die Provenienzforschung stärken, ist gut und unumgänglich. Mehr Offenheit wäre aber notwendig, um etwas zu ändern. Fälschungen sind nicht selten. Durch Transparenz können Museen weiteren Schaden von sich abwenden."

Eine Modigliani-Ausstellung im Palazzo Ducale in Genua wurde drei Tage vor Ende der Laufzeit geschlossen, nachdem die Staatsanwaltschaft einige Werke wegen Fälschungsverdacht beschlagnahmt hat, wie unter anderem in Die Presse nachzulesen ist. Das Museum sieht sich selbst als einzigen Geschädigten, wie es auf seiner Homepage verkündet.

Die Berlinische Galerie hat bei ihren Provenenienzforschung entdeckt, dass es sich beim fünfteiligen "Tempeltanz der Seele" von Fidus um Raubkunst handelt. Sie hat den Zyklus restituiert und zurückgekauft. Harry Nutt kommentiert den Vorgang in der Berliner Zeitung.

Artsy hat 50 Millionen US-Dollar neues Spielgeld erhalten und hat damit insgesamt 100 Millionen Dollar Risikokapital eingesammelt. Eine Meldung auf Deutsch gibt es dazu von mir im Artmagazine. Wofür die New Yorker das Geld wahrscheinlich einsetzen werden, erklärt Ingrid Lunden bei techcrunch. Für Artnet dürfte es damit eng werden, da Artsy in denselben Feldern aktiv ist, aber nicht nur über mehr Geld verfügt, sondern auch besser geführt wird.

"Berlin hängt komplett am Kölner Tropf", weiß Gabriela Walde in der Berliner Morgenpost, als wäre die Kölnmesse eine wohltätige Organisation, die der Hauptstadt ihr Kunstspielzeug subventionieren und selber kein Geld verdienen möchte. Aber für sie ist Art Berlin-Direktorin Maike Cruse auch "die Kunstfrau mit den langen Haaren".

Wieviel Eintrittsgeld zu viel wäre, fragt Andrew Russeth auf Artnews aus Anlass des Preises von 25 US-Dollar für den Besuch der Yayoi Kusama-Ausstellung im Broad Museum in Los Angeles. Wohlgemerkt, nur für die Ausstellung. Denn diese Summe rufen einige Museen in den USA für den Besuch ihrer regulären Sammlung ebenfalls auf. Beim mit 27 Dollar (inklusive 2 Dollar service fee pro Ticket) noch teureren Art Institute of Chicago werden für einige Sonderausstellungen zusätzlich 7 Dollar fällig. Das ist dem Autor entgangen. Wie ernst der philanthropische Anspruch der zumeist privaten Institutionen bei derart prohibitiven Preisen noch genommen werden sollte, könnten sich zum Beispiel die Finanzbehörden fragen.

Die Idee der Aufspaltung der Kunstproduktion in die Bereiche Kuratorenkunst und Marktkunst greift Wolfgang Ullrich in einem langen Essay für den Perlentaucher auf: "Zuletzt aber fiel es mir immer schwerer, mich überhaupt noch für etwas zu interessieren, was dort diskutiert und fabriziert wurde. Tatsächlich erschien mir vieles zu glatt, zu kommodifiziert, zu steril, anderes hingegen empfand ich als hypersensibel und selbstgerecht. So oder so aber spürte ich eine Art von Professionalität, die wenig mit künstlerischer Könnerschaft zu tun hat, sondern die vielmehr verrät, wie sehr Standards anderer Bereiche in die Kunst eingewandert sind. Es ist die Professionalität von Geschäftsleuten, die nichts dem Zufall überlassen wollen, oder die Professionalität von Leuten, die sich als Anwälte, gar als Missionare eines Themas verstehen und die daher ihrerseits keine Lücke lassen wollen."

Ein Zollfreilager werde möglicherweise demnächst in Thüringen eröffnen, berichtet Marcus Woeller in DIE WELT.

Dass Werke von Egon Schiele zuletzt auf Auktionen durchgefallen sind, liege nicht an einem Abflauen des Marktes für den Künstler, sondern an den zu aggressiven Taxen der Auktionshäuser, glaubt Sara Roffino bei Artsy.

Das Centre Pomdidou werde 2019 eine Filiale in Schanghai eröffnen, meldet Lorena Muñoz-Alonso bei Artnet.

Anne Lahumiere ist tot. Die gebürtige Deutsche hatte 1963 mit ihrem Mann die Galerie Lahumiere in Paris eröffnet und galt eine der wichtigsten Fürsprecherinnen der Konkreten Kunst. Roxana Azimi widmet ihr einen langen Nachruf in Le Monde.

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