Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Kunst im halb-privaten Raum: Kuba; Foto Stefan Kobel

05.02.2018 06:01 Uhr

Kobels Kunstwoche 6 2018

Von Gerüchten über eine Frieze-Ausgabe in Los Angeles erzählen Charlotte Burns und Allan Schwartzman en passant in einem Wasserstandsbericht vom (New Yorker) Galeriemarkt für das Magazin in other words der Sotheby's-Tochter Art Agency, Partners, in dem sie - ebenfalls nebenbei - das deutlich gesunkene Mietniveau in Chelsea erwähnen. Als Termin für die Premiere der Frieze in Kalifornien wurde mir - ebenfalls gerüchteweise - Februar 2019 genannt. Eine Einordnung unternimmt Julia Halperin für Artnet.

Galeristen ohne Galerie dürften schon an der kommenden Ausgabe der Frieze New York teilnehmen, hat Eileen Kinsella den geänderten Teilnahmebedingungen für Artnet entnommen. Damit bricht die Messe ein Tabu, das selbst für kleinere Veranstaltungen noch gilt: Teilnahme nur für Galerien mit eigenem Galerieraum und regelmäßigen Ausstellungen. Die Messemacher begründeten das mit den steigenden Herausforderungen, mit denen sich mittelständische Galerien konfrontiert sehen. Andererseits erleichtert die Erweiterung des potentiellen Ausstellerkreises es der Frieze, das wenig beliebte Zelt auf Randall's Island mit Qualität zu füllen.

Diadochenkämpfe in Paris: Nachdem die Biennale des Antiquaires im Grand Palais nach endlosen Führungswechseln bei sich und dem veranstaltenden Syndicat Nationale des Antiquaires in den letzten Jahren an Glanz und Bedeutung verloren (und auf jährlichen Turnus umgestellt) hat, lanciert Christian Deydier, 2014 geschasster Präsident des Syndikats, in diesem Herbst seine eigene Veranstaltung mit dem Titel "Sublime" in einem Zelt vor dem Invalidendom. Nachzulesen unter anderem bei Herve Dewintre in Fashion United. Die Veranstaltung werde sich mit der Fiac überschneiden und so den Standort attraktiver machen.

'Spannungsarm aber umsatzstark' ist der Eindruck, den Marcus Woellers Bericht von der Artgenève in DIE WELT vermittelt: "Und tatsächlich wirkt die Artgenève gediegen. Rund ein Viertel der Teilnehmer kommt aus Genf. Unter den Ausstellern sind viele Kunsthändler des Sekundärmarkts, die klassische Moderne zeigen. Sperrige oder radikale Positionen unter den Galerien für zeitgenössische Kunst sind rar. Als Entdeckermesse kann die Artgenève nicht gelten."

Die Herausforderungen für kleine und mittlere Galerien, wie sie auf der Konferenz Talking Galleries in Barcelona formuliert wurden, fasst Tim Schneider bei Artnet zusammen.

Mit dem "State of the Culture" beschäftigt sich Ben Davis ein einer vierteiligen Reihe bei Artnet. Der letzte Teil "Why the 'Art World' as We Know It Is Ending" ist gerade erschienen. Seine Kernthese ist, dass die Kunstwelt die aus ihrer Selbstreferentialität bezogene Deutungshoheit an die elektronisch vernetzte Welt abgegeben hat.

Passend dazu ruft Daniel Hornuff in der NZZ den "Tod des Kurators" aus: "Kuratoren haben ihr Monopol auf einen 'irgendwie theologischen Sinn' (Barthes) eingebüsst. Das emanzipierte Publikum zwingt sie zurück in die Rolle, die ihnen ursprünglich aufgegeben war: ein Gewebe aus Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur so zu präsentieren, dass sich Besucher ihr eigenes Bild machen können - ohne dabei Sorge tragen zu müssen, mit ihren Auslegungen den Bedeutungsambitionen der Kuratoren unterlegen zu sein. Ist also die Geburt des Besuchers zu bezahlen mit dem Tod des Kurators?"

Wie der Markt über das Schicksal einer ganzen Kunstszene mitentscheiden kann, erörtert Ulrike Kremeier, Direktorin des Brandenburgischen Landesmuseums für Moderne Kunst in Cottbus und Frankfurt/Oder in der Märkischen Allgemeinen vom 31. Januar: "Aber man kann nicht pauschal sagen, es lag an der Ignoranz des Westens. Da wäre schon eine generelle Kapitalismuskritik nötig. Es haben sich im Osten zweifellos Frustrationen angesammelt. Zumal nicht nur die staatliche Versorgung wegbrach, sondern für diejenigen, die sich in der DDR außerhalb der staatlichen Normen bewegt hatten, gingen zugleich Gemeinschaften zu Bruch, in denen sich Künstler und Kunstinteressierte zusammenfanden. In diesen Kreisen wurde Kunst gelebt. Da ging es nicht um Geld. In der aktuellen Debatte geht es auch nicht nur um Geld, sondern vor allem um Aufmerksamkeit, Deutungshoheiten und Definitionsmacht von Kunst und ihrer Geschichte."

Auf Kuba streben junge Künstler auf einen Markt, den sie gerade selber erst schaffen, indem sie halblegale Ausstellungs- und Galerieräume gründen, die Stefan Frenzen für die NZZ in Havanna besucht hat: "Damit sind sie nicht allein, denn in der Altstadt haben in den letzten zwei, drei Jahren mehr als ein halbes Dutzend neue Ateliers eröffnet, wo nicht nur für den typischen Touristenbedarf gemalt wird, sondern auch oder ausschliesslich Eigenes. [...] Das ist ein in Kuba beliebter Mittelweg, denn private Galerien sind eigentlich nicht vorgesehen. Der Staat hat etwas gegen die Kommerzialisierung von Kunst durch Dritte, und deshalb ist die Zahl der Galerien in Havanna einstweilen beschränkt. Doch genau das beginnt sich zu ändern, denn die jüngere Generation sucht nach Alternativen."

Für Christie's sei 2017 ein "Superkunstjahr" gewesen, stellt Susanne Schreiber im Handelsblatt nach der Analyse der Jahresbilanz des Unternehmens fest: "Ein solches Superkunstjahr war 2017 auch für Christie's. Das eigentümergeführte Auktionshaus veröffentlicht am heutigen Freitag in einer freiwilligen Auswahlbilanz einen Gesamtumsatz von 6,6 Milliarden Dollar - ein globales Wachstum von 21 Prozent, eine Zunahme bei den Auktionsumsätzen um 33 Prozent. Mit je 1,6 Milliarden Dollar Umsatz liegen die Sammelgebiete zeitgenössische Kunst (+20 Prozent) und Impressionisten und Moderne (+53 Prozent) gleichauf. Anders als der börsennotierte Konkurrent Sotheby's, muss Christie's keine Bilanzzahlen veröffentlichen. Das sind nach einem Jahr der Restrukturierung und Kosteneinsparung (in South Kensington u. Amsterdam) erstaunlich starke Zahlen in einem vor allem im Hochpreissektor starken Markt."

Die umstrittene Ausstellung mit angeblichen Werken der russischen Avantgarde im Museum voor Schone Kunsten in Ghent ist geschlossen. Nach der Veröffentlichung eines Offenen Briefs von Kunsthistorikern und -händlern im Art Newspaper Mitte Januar, habe das Museum jetzt eine Kehrtwende vollzogen und die inkriminierten Leihgaben abgehängt, berichtet Simon Hewitt im Art Newspaper. Minutiös zerlegt er die Legenden, die die leihgebenden Sammler Igor und Olga Toporovsky um die Bilder aufgebaut haben. Ein denkwürdiger Text, der eindrucksvoll vor Augen führt, wie Provenienzen erfunden werden, die immer noch von zu Vielen in Institutionen und Markt geglaubt werden. In diesem Zusammenhang empfiehlt der Kunsthändler James Butterwick, ebenfalls im Art Newspapaper, in Authentizitätsfragen eher auf den Handel zu hören als auf den die Expertise von Experten, weil gerade im Bereich der russischen Avantgarde zu viele von ihnen bereits kompromittiert seien. Jeder Interessent sollte für sich vor dem Kauf drei Fragen beantworten: "Könnte ich das Werrk auf dem Primärmarkt wiederverkaufen, d.h. über Christie's oder Sotheby's? Ist das Werk akzeptabel für einen Wiederverkauf durch einen renommierten Händler? Ist das Werk geeignet für eine wichtige Museumsausstellung?" Das schließt einen Großteil der auf dem Markt kursierenden Werke aus. Wahrscheinlich fällt bei dieser Methode das eine oder andere authentische Werk durchs Raster. Doch die kann man getrost der wissenschaftlichen Diskussion überlassen, bevor man als Sammler sein Geld in einer Gurke versenkt.

Und noch eine Firma möchte den Kunstmarkt mit der Blockchain sicherer machen: Sarah P. Hanson stellt im Art Newspaper das Start Up Codex vor, das mit Biddable die Lose der 5.000 bei Invaluable.com angeschlossenen Auktionshäuser sicher und authentifizierbar machen wollen. Monopol schließt daraus, Bitcoin wäre als Zahlungsmittel am Kunstmarkt angekommen.

Die Berliner Galerie Aanant & Zoo hat im Dezember ihren Ausstellungsbetrieb eingestellt. Damit verliert die Stadt eine der unaufgeregteren Galerien, die mit ihrem intellektuellen Programm (u.a. Michael Müller, Luis Camnitzer, Gerhard Rühm) sowie dem räumlichen, personellen und inhaltlichen Anschluss an den von Sammlern betriebenen Diskursraum Kunstsaele im aufgeregten Berlin eher angenehm im Hintergrund gewirkt hat.

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