Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

29.05.2017 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 22 2017

Wenn junge Kunst sehr schnell wieder auf den Markt kommt, sei das nicht selten Schuld der Galerien, behauptet Dirk Boll von Christie's im Interview mit Brigitte Ulmer in der NZZ: "Dieser Nachfrageüberhang ist ein Produkt der Wartelisten von Galerien, die ihre Kunst in möglichst bedeutenden Sammlungen placieren. Es ist nicht immer Spekulation dabei, wenn jüngere Kunst auf die Auktion kommt. Beispielsweise kann ein Mittelklasse-Sammler, der über Jahre einen Künstler gesammelt hat, plötzlich vom Nachschub abgeschnitten sein, wenn der Künstler berühmt wird und die Galerie nur noch an die Grossliga-Sammler verkaufen will. Dann gibt er diese Werke eben auf den Markt und erwirtschaftet so viel Geld, dass er die nächsten Jahre mit anderen Künstlern weitermachen kann."

Der ehemalige Christie's-Mitarbeiter Doug Woodham erklärt in seinem Buch "Art Collecting Today", wie eine neue Generation von Sammlern den Kunstmarkt und damit die Produktion verändern. Auf Artsy bietet er eine Zusammenfassung. Demnach profitierten weltweit vor allem 300 bis 500 Künstler, die von Großgalerien vertreten werden, von der Vorliebe dieser neuen Käufer, in kurzer Zeit Sammlungen mit bekannten Namen zusammenzutragen.

Warum eine mittelständische Galerie im aktuellen Kunstmarkt zwingend am eigenen Erfolg zugrunde gehen muss, erklärt der Galerist Joel Mesler im Interview mit Loney Abrams für Artspace. Demnach treibe der Erfolg Künstler den Großgalerien in die Arme, was für die Galerien, die sie aufgebaut haben, letztlich das Aus bedeute.

In aktuellen Ausgabe von BILANZ, die DIE WELT beiliegt, erklärt Max Hollein afrikanische Kunst zur nächsten Sau, die durchs Kunstmarktdorf gejagt wird: "Der Anteil afrikanischer Künstler am internationalen Kunstmarkt ist mit derzeit 0,01 Prozent praktisch inexistent. Die Kunst eines ganzen Kontinents unbeachtet von einer immerfort auf das nächste Neue, Authentische, Aufregende gierenden Kunstmarktszene? Das wird sich sehr bald ändern."

Die Kunstszene Beiruts werde vor allem von den Galerien getragen, hat Christiane Hoffmanns bei einem Besuch für DIE WELT vom 28. Mai festgestellt: "27 Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs und 17 Jahre nach dem Ende des Konflikts mit Israel gehören die Spuren der Zerstörung zum Stadtbild Beiruts wie Narben in einem Gesicht. Überall kann man sie sehen. Doch daneben gibt es das andere, das aufstrebende, lebensfrohe und der Zukunft zugewandte Beirut, das sich mit allen Kräften für eine Normalisierung einsetzt. Eine der wesentlichen Triebkräfte im täglichen Kampf für die Demokratisierung des Landes, das eingekeilt zwischen den Kriegs- und Krisengebieten Syrien, Israel und der Türkei liegt, ist die unerschrockene Kulturszene."

Buenos Aires soll die erste Art Basel City werden. Vor diesem Hintergrund habe ich für das Artmagazine.cc die dortige Kunstmesse ArteBA besucht.

"Wo sind die Millionenbilder?" fragt Marcus Woeller angesichts des dürftigen Angebots der Villa Grisebach in DIE WELT. Und er weiß auch gleich eine Antwort: "Nun muss man keine Krise ausrufen, bevor der Hammer gefallen ist, aber eines wird schon deutlich: Das seit August 2016 nivellierte Kulturgutschutzgesetz wirkt. Zumindest insofern, als es viele Kunstbesitzer davon abhält, ihre Schätze in Auktionen zu geben - jedenfalls in Deutschland, wo sie befürchten müssen, schlechtere Preise zu erzielen."

Es gibt sie noch, die reichen Russen. Einen von ihnen hat Christian Herchenröder auf seiner Einkaufstour bei Lempertz in Köln für das Handelsblatt vom 26. Mai beobachtete: "Er war die Stütze der Auktion. Als am Morgen des 20. Mai 2017 bei Lempertz die Altmeistergemälde ausgeboten wurden, ließ sich ein russischer Sammler im Saal nicht weniger als 14 Lose zuschlagen, deren Bruttobetrag sich auf eine knappe Million Euro summiert. Der Käufer ist seit zwei Jahren einer der Hauptkunden in den Auktionen alter Kunst am Kölner Neumarkt. Sein Geschmack ist flexibel, er erwirbt holländische Genrebilder, die zur Zeit unterbewertet sind, altniederländische Malerei, flämische und italienische Gemälde."

Die Wiederentdeckung des fast unbekannten Hamburger Impressionisten Ernst Eitner mit einer Ausstellung im dortigen Jenisch Haus begleitet Benedikt Erenz in der ZEIT vom 25. Mai mit einem Preisbild: "Die Preise für Bilder aus Eitners großer Zeit erreichen inzwischen angemessene Höhen. Im Herbst erst erzielte im Hamburger Auktionshaus Stahl eine magisch schöne Ansicht der Außenalster 33 000 Euro, auf der Auktion im April ein kühner Blick über die Landungsbrücken 24 000 Euro. Auch bei Rainer Herold gibt es zurzeit Ernst Eitner zu sehen. In den prachtvollen Galerieräumen an den Colonnaden zeigt Herold ergänzend zur Schau im Jenisch Haus noch bis zum 7. Juli eine Auswahl von Spitzenwerken: 34 000 Euro kostet hier eine sengend grüne Deichidylle, 16 000 ein kleiner leuchtend bunter Garten-Fleck."

Wie Künstler über ihre Marktverweigerung auch ihre ihre Stellung in der Kunstgeschichte ruinieren können, erläutert Sarah Cascone am Beispiel der New Yorker Künstlerin Florine Stettheimer bei Artnet.

Von Mitgliedern der Trump-Regierung wird gerne investmentfähige Kunst gekauft, wie aus deren Pflichtangaben zu entnehmen sei, berichten Christian Erin-Madsen, Jeremy Olds, Renata Mosci und Sam Bloch für Artnet. Nur die Kushners hielten ihre Kunst für Deko und hätten es es deshalb für nötig befunden, sie in ihrer Erklärung zu erwähnen.

In Istanbul hat die Galerie Rampa gerade aufgegeben,meldet Sabine B. Vogel in ihrem Blog. Der Letzte macht das Licht aus.

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110 Millionen US-Dollar für ein Gemälde von Jean-Michel Basquiat! Den glücklichen Käufer protraitiert die FAZ. Barbara Kutscher hat für das Handelsblatt vom 19. Mai eine erfolgreiche Auktionswoche in New York erlebt: " Für...| mehr

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