Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Ausverkauft: Art Basel Hong Kong; Foto Stephan Zilkens

27.03.2017 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 13 2017

Kurz vor der Veröffentlichung des ersten Marktreports von Clare McAndrews für Art Basel und UBS (PDF als Download) erklärt Georgina Adam in der Financial Times, auf welch tönernen Füßen dieser Kaffeesatz und der konkurrierende von Rachel Pownall für die Tefaf stehen.

Die Kernpunkte des Reports fasst Katya Kazakina für Bloomberg zusammen. Am wichtigsten ist ihr der darin konstatierte Rückgang des weltweiten Marktvolumens um 11 Prozent auf 56,6 Milliarden Dollar. Und plötzlich sei der chinesische Kunstmarkt nur noch halb so groß wie der US-amerikanische und sogar minimal kleiner als der britische.

Die sich immer weiter öffnende Schere zwischen dem obersten Ende des Marktes und dem dahindarbenden Rest des Marktes scheint selbst McAndrews als Bedrohung für das gesamte Betriebssystem zu sehen. Zu diesem Schluss kommt Anna Louie Sussmann auf Artsy.

Auf methodische Schwächen weist Susanne Schreiber im Handelsblatt hin: "In dem Kapitel über einzelne Sammelgebiete werden nach wie vor Alte Meister untersucht: solche aus Europa und solche aus China, wie etwa Ren Renfa oder Wu Zhen. Da stützen dann die alten Chinesen den schwächelnden Markt europäischer Alter Meister. Unberücksichtigt bleiben indes die angewandten Künste. Es verzerrt jedoch den Blick auf den Markt, wenn dieses wichtige Gebiet unter den Teppich gekehrt wird. Vorsicht ist also geboten beim Umgang mit dem Zahlenzauber aus dem globalisierten Kunstmarkt."

Die beiden Studien für Tefaf und Art Basel hat Astrid Mania für die Süddeutsche Zeitung verglichen: "In vielem aber ähneln sich die Befunde. Das Volumen des Auktionshandels hat laut Tefaf vor allem in den USA deutlich abgenommen (um 40 Prozent), dennoch bleiben die USA mit 29,5 Prozent unverändert weltweit größte Kunsthandelsmacht, vor Großbritannien und China. Auch finden sich unter den teuersten Losen wie gewohnt keine Künstlerinnen, aber viele chinesische Künstler, und mit Raja Ravi Varma hat es erstmals ein indischer Maler in die Top 20 geschafft. Laut Tefaf-Report ist Asien auch der Kontinent, der mit 40,5 Prozent den größten Anteil am weltweiten Auktionshandel hat."

Trotz des PR-Geklingels mit Millionenwerten versuchten die meisten Aussteller der Art Basel Hong Kong, die wachsende Zahl der asiatischen Millenials mit Werken aus dem mittleren Preissegment für das Kunstsammeln zu begeistern und an sich zu binden, berichtet Anny Shaw im Art Newspaper.

Auf mögliche negative Auswirkungen der strikteren Devisenkontrollen seitens der chinesischen Regierung weist hingegen Amy Qin in der New York Times hin. Das bestätigt Nikki Sun in der South China Morning Post. Für Privatpersonen aus der Volksrepublik sei das Umtauschlimit von umgerechnet 50.000 US-Dollar jährlich ein Hindernis; für Firmen sei es leichter. Sie zitiert einen Immobilienentwickler aus Nanjing, der über seine Firma in Hongkong für 10 Millionen US-Dollar auf der Messe shoppen gehen wolle. Der Kunstmarkt sei jedoch wohl nicht erklärtes Ziel der Kapitalbeschränkungen. Schließlich habe die Regierung gerade erst die Importsteuer auf Kunst auf drei Prozent halbiert.

Eine gegenteilige Beobachtung hat Felicitas Rhan für die FAZ gemacht: "In den Augen vieler Galeristen ist die Messe mittlerweile zur ebenbürtigen Schwester von Miami geworden. Immer mehr Kunsthändler wittern in Asien und besonders im chinesischen Markt das große Geld. Zahlreiche Galerien verkündeten schon an den ersten beiden, den VIP vorbehaltenen Messetagen Verkäufe nach Asien, häufig in chinesische Privatsammlungen." Bei Artsy dramatisiert Alexander Forbes: "Die fünfte Art Basel in Hongkong komplettiert den Schwenk der Kunstwelt nach Asien". Die Abstimmung mit den Füßen dürfte die Veranstaltung jedenfalls für sich entschieden haben: Insgesamt 80.000 Besucher haben die Veranstalter gezählt.

Die NZZ leistet sich für seine beiden Wochenendausgaben gleich zwei Messeberichte mit jeweils unterschiedlichem Schwerpunkt, einen von Philipp Meier und einen von Gerhard Mack.

Auf die Qualität der Auslage und die Interessenlage der Kunden hat Annegret Erhard für DIE WELT vom 26. März geachtet: "Der hiesige Horizont hat sich jenseits ökonomischer und plagiatorischer Interessen geweitet, die Neugier ist mit dem Verständnis für die Bedeutung globaler Zusammenhänge gewachsen. Das Interesse geht derweil hin zu den soziokulturellen Hintergründen und natürlich auch zu ihrem Investitionspotenzial. Freilich gibt es auch hier auf der Messe immer noch die überfrachteten, verjuxten, freundlichkitschigen China-Schinken, die Installationen, wo's klappert und sich dreht. Warum auch nicht, nach Basel schaffen die es sowieso nicht."

Das erste Galeriewochenende in Peking sieht Alexander Forbes für Artsy als vielversprechenden Versuch, die traditionelle Kunstmetropole Chinas wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken.

Die Pariser Zeichnungsmessen hat Bettina Wolfarth für die FAZ vom 25. März besucht: "Ohne den erlesenen 'Salon du Dessin', der jetzt zum 26. Mal im Palais Brongniart stattfindet und zweifellos dazu beigetragen hat, den Blick der Kunstliebhaber für die Subtilität von Werken auf Papier zu schärfen, wäre die junge Messe 'Drawing Now' vielleicht nie ins Leben gerufen worden. Sie ist seine komplementäre Weiterführung in die Gegenwart und hat in den letzten Jahren eindeutig an Qualität gewonnen. Bei aller Verschiedenheit des Publikums dieser beiden Messen lässt sich deshalb eine wachsende Schnittmenge bemerken. Wer sein Auge im Salon du Dessin an alten und modernen Blättern in Kreide, Tusche, Aquarell oder Gouache geschult hat, erkennt Virtuosität, Kreativität und Ausdruckskraft zeitgenössischer Arbeiten - und umgekehrt." Im Handelsblatt vom 24. März erklärt Olga Grimm-Weissert: "Seit zehn Pariser Galeristen vor 25 Jahren den 'Salon du Dessin' als internationale Messe lancierten, entwickelte sich das einstige Nischen-Sammelgebiet zum Marktschlager und Paris zum 'Must' für Sammler und Kenner aus Museen."

Wie eine unglücklich aufgestellte Regionalmesse aussieht, habe ich für Artmagazine.cc auf der Art Austria in Wien beobachtet.

Von sensationellen Verkäufen während der Asia Week New York berichtet Barbara Kutscher im Handelsblatt vom 24. März. Den größten Anteil am Gesamtumsatz von 424 hatte demnach Christie's mit "Keramik, buddhistischen Skulpturen, klassischen Gemälden und archaischen Ritualbronzen - aus dem bedeutenden privaten Fujita-Museum in Osaka, Japan. Sie schwemmten am 15. März 262,8 Millionen Dollar in die Kasse - Christie's bislang beste Auktion in diesem Jahr. Gerechnet hatte man mit etwa 39 Millionen Dollar. 'So etwas ist nicht wiederholbar und wird für viele Jahre unübertroffen bleiben', freute sich Christie's Starauktionator Jussi Pylkkänen"

Zur Schließung der Christie's-Filiale in South Kensington entwickelt Colin Gleadell im Telegraph eine sehr differenzierte These: Nicht die Abwanderung des dort angesiedelten unteren Preissegments ins Internet sei die wahre Ursache. Vielmehr sei es so, dass die dort verhandelte Ware - Möbel, Collectibles, Antiquitäten - von dem Unternehmen so lange vernachlässigt worden sei, dass sie von dem Auktionsgiganten überhaupt nicht mehr profitabel zu vermarkten sei und daher an kleinere Mitbewerber abgegeben werde. Hinzu komme eine globale Verschiebung der Marktanteile: Hätten Europa und New York noch vor zehn Jahren 90 Prozent des gesamten Umsatzes verantwortet, sei es jetzt nur noch die Hälfte. Es sei daher sinnvoller, die vorhandenen Ressourcen auf die neuen Märkten Asien, Mittlerer Osten und US-Westküste zu konzentrieren.

Dass das Verleasen von Kunst eine gute Investmentidee wäre, versucht Isabella Zhong den Lesern von Barron's aufzubinden. Die Beratungsfima Art Works habe sich auf den aufstrebenden chinesischen Markt spezialisiert und biete Investoren aus einer großen Palette Kunstwerke zum Kauf an, die von den Beratern dann wiederum an Firmen verleast werden. Für den Anleger wären dabei durchschnittliche Renditen von sieben Prozent drin. Möchte mir jemand den Eiffelturm abkaufen oder den Kölner Dom?

Wie sein ehemaliger Direktor Thomas Campbell das Milliarden-Unternehmen Metropolitan Museum in ein strukturelles Defizit gefahren hat, erklärt William D. Cohen in Vanity Fair.

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