Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Geldwäsche: Jachten, Immobilien, Kunst

11.04.2017 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 15 2017

Systemkritik an der inneren Logik der globalisierten Biennalenökonomie kommt ausgerechnet aus der vermeintlich kapitalistischen Ecke. Konstatin Alexiou merkt im Handelsblatt vom 7. April an: "Gemessen an den drastischen sozialen Umständen tritt die Documenta jedoch beschwingt, spielerisch auf - und mit ihren weitgefassten Themen hätte sie in jeder anderen Stadt ihre Berechtigung gefunden. Aber wäre es nicht ratsam gewesen, gerade weil man nach Athen gekommen ist, das prekäre Lokale gegenüber dem Globalen genauer abzustecken? Wie bei den Biennalen des globalisierten Kunstbetriebs wird aber auch hier von einer Komfortzone aus behauptet, alles hänge mit allem zusammen und alles wiege gleich schwer."

In der x-ten Bedienungsanleitung für angehende Kunstsammler zum Zustandekommen der Preise für Kunst erklärt Anna Louie Sussman auf Artsy erst des Langen und Breiten, wie man mit Kunst spekuliert, um am Ende zwei Berater darauf hinweisen zu lassen, dass Kunst ja zuvörderst Geistesnahrung sei und daher nicht unter Investitionsgesichtspunkten gekauft werden sollte.

Bisweilen scheint die gesellschaftliche Realität den Kunstzirkus dann doch einzuholen. Die SP Arte in Sao Paolo muss vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Probleme Brasiliens ziemlich enttäuschend verlaufen sein, Silas Martìs Bericht im Art Newspaper zufolge. Vorsorglich hätte die Messeleitung das Wort Messe gestrichen und sich darauf verlegt, als Kunstfestival zu firmieren.

Aber es wartet ja schon immer die nächste Sau darauf, durchs Kunstmarktdorf gejagt zu werden. Der ewige Geheimtipp Dallas Art Fair scheint der aktuelle Aspirant zu sein. Anne Binlot hat für Artnews auch die schrilleren Aspekte der Eröffnung protokolliert. "Warum Händler von überall auf der Welt die Dallas Art Fair lieben", will Sarah Cascone für Artnet wissen. Eine Antwort bleibt sie weitgehend schuldig, jedoch geben ihr die befragten Galeristen Auskunft, warum sie teilnehmen. Wenig überraschend: Die Hoffnung auf spendierfreudige texanische Millionäre treibt sie an.

Das Phänomen der Geldwäsche untersucht Moritz Eichborn in der FAS vom 9. April. Als Aufhänger dient ihm dabei, wie so vielen anderen vor ihm, der Kunstmarkt: "Falls die Jachtverkäufer, Spielhöllenbesitzer und Art-Basel-Händler bei großen Bargeldgeschäften überhaupt skeptisch werden, behalten sie es für sich." Klar, der Kunstmarkt in seiner Obszönität eignet sich da am besten; Immobilien sind ja auch irgendwie langweilig.

Wie ästhetisch enttäuschend das Ergebnis ausfallen kann, wenn sich Künstler mit der dunklen Seite der Wirtschaft und des Kunstmarkts beschäftigen, beschreibt Joseph Nechvatal für Hyperallergic anhand von Paolo Woods' and Gabriele Galimbertis Projekt "The Heavens, Annual Report". Die Fotografen haben 13 Steuerparadiese und Freilager besucht, um das Unsichtbare der virtuellen Hinterzimmer und realen Bilderhorte in Kunstwerke zu transformieren. Doch wo es nichts zu sehen gab, hätten sich die Künstler in Klischees ergangen. Dieser Mangel "unterstreicht das fundamentale moralische Problem für die Kunst: die Beziehung zwischen Öffentlich und Privat, zwischen den Reichen und den Armen."

Zur österlichen Messezeit in Salzburg erfüllt Dorothea Baumer in der Süddeutschen Zeitung  ihre Chronistenpflicht, Wilhelm Sinkovicz bringt in der Wiener Presse sogar fast ein bisschen Begeisterung auf, und Reinhard Kriechbaum spürt für die Salzburger Online-Zeitung DrehPunktKultur mit Humor dem Lokalen im Angebot nach.

Die Art Düsseldorf hat die Mitglieder ihres Zulassungsausschusses bekanntgegeben, die Ambitionen über eine bloße Regionalmesse hinaus verdeutlichen: Veronique Ansorge (David Zwirner, New York), Cristina Guerra (Lissabon), Linn Lühn, Max Mayer und Alexander Sies (alle Düsseldorf), Nikolaus Oberhuber (KOW, Berlin), Gregor Staiger (Zürich) und Boris Vervoordt (Axel Vervoordt, Wijnegem). Rose-Maria Gropp feiert in der FAZ vom 8. April die neue Macht am Rhein: "Diese Namen - die zugleich neue höherkarätige Teilnehmer anziehen sollen - klingen nach strikter Auswahl, nach Ambition und Expansion, in die Oberklasse der Messen und in die länderübergreifende Region. Vernetzung heißt selbstverständlich das Zauberwort, angekündigte Synergien so weit das Auge reicht in dem europäischen Raum,wo angeblich die meisten Sammler leben.Kein Zweifel, dass die Schweizer Messemacher Profis sind, allein der Transferweg von Köln nach Düsseldorf spricht ja Bände." So aufgeregt ist sie, dass sie Cologne und Fine Art durcheinanderwirft, zumindest sprachlogisch: "Warm anziehen im kommenden Messeherbst muss sich freilich - die Art Cologne. Ihr ins Mark vor allem zielt dieser Coup." Mehr Details hat Klas Libuda in der Rheinischen Post.

Im Prinzip boomt der chinesische Kunstmarkt. Doch für dumm verkaufen lassen sich die Asiaten nicht unbedingt. Brian Boucher berichtet für Artnet, dass ein Mao-Portrait Andy Warhols bei Sotheby's in Hongkong mit 98,5 Mio. HK-Dollar inklusive Aufgeld, umgerechnet 12,6 Mio. US-Dollar, den höchsten Auktionspreis für ein zeitgenössisches Kunstwerk in Asien erzielt habe. Der Zuschlag sei bei 86 Mio. HK-Dollar jedoch unterhalb der Taxe von 90 Mio. erfolgt. Für den Einlieferer sei das ein schlechtes Geschäft gewesen, denn er habe im Jahr 2014 bei Sotheby's in London 7,6 Mio. Pfund, umgerechnet 12,6 Mio. US-Dollar für das Bild bezahlt. Insgesamt habe die Auktion jedoch die Erwartungen übertroffen.

Die Helldunkelmalerei der Caravaggisten gehört seit einigen Jahren zu den Lieblingen des Altmeistermarkts. Christian Herchenröder beleuchtet die Sparte für das Handelsblatt vom 7. April: "Im vollen Rampenlicht stehen die niederländischen Caravaggisten, die aus Utrecht an den Tiber kamen und unter dem Einfluss des Lichtmagiers ihre besten Werke schufen. Der rustikalere Dirck van Baburen ist weniger gefragt als seine Mitstreiter Hendrik Terbrugghen und Gerard van Honthorst, der in seinem Spätwerk zu einem trockenen Porträtmaler wurde. Die Preise für die Bilder seiner besten Zeit (1620er-Jahre) sind in den letzten zehn Jahren explodiert. Honthorsts 'Lachender Violinist' aus der Sammlung Koelliker erlöste 2009 722 500 Dollar. 2013 verkaufte sich das 'Singende Paar bei Kerzenschein' bei Christie's für 3,4 Millionen Dollar." Da können sich mid career artists mit US- oder China-Markt von ihrem Taschengeld eine schöne Sammlung zusammenkaufen.

Das Werkverzeichnis gilt als "der Adelsbrief eines Künstlers", weiß Peter Dittmer in DIE WELT. Da allerhand Schindluder mit diesen bedeutungs- und preissteigernden Listen getrieben wird, seien sie jedoch mit Vorsicht zu behandeln, mahnt er und führt jeweils mehrere Fälle an, in denen Fälschungen für echt erklärt wurden, authentische Arbeiten nicht aufgenommen oder Experten gerichtlich zur Aufnahme gezwungen werden sollten.

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