Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Independent Brüssel; Foto Stefan Kobel

24.04.2017 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 17 2017

Größtes Thema für die Art Brussels war aktuell die erste vollwertige Ausgabe der Independent, nachdem die Premiere im letzten Jahr von den Terroranschlägen in Brüssel überschattet worden war. Eva Karcher urteilt im Tagesspiegel: "Mag der Art Brussels auch der Glam-Faktor der viel jüngeren Independent fehlen: Mit ihrer soliden Bodenständigkeit bewährt sie sich gerade in turbulenten Zeiten."

Mein Eindruck für das Handelsblatt vom 22. April lautet zusammengefasst: "Neue Medien und Experimentelles findet sich am ehesten bei den jungen Galerien der Sektion Discovery, die diesmal in einer eigenen kleinen Halle untergebracht sind. Was hier ein stimmiges Bild ergibt, lässt das Hauptfeld mit den eingestreuten 'Rediscoveries' jedoch bisweilen etwas spannungsarm aussehen. Was positiv auffällt: Die Abwesenheit der globalen Großgalerien und der von ihnen vertretenen Markenkünstler mit Millionenpreisen."

Für ein friedliches Miteinander der Art Brussels und der Independent plädiert Alexandra Wach in DIE WELT: "Die eine feiert selbstbewusst ihr 35. Jubiläum, die andere erholt sich noch von einer verstolperten Premiere. Beide fischen im gleichen Teich der Gegenwartskunst und beanspruchen für sich das Label 'Entdeckermesse'. Einander fürchten müssen sich die Art Brussels und der aus New York importierte Satellit Independent nicht. Obwohl mit 70 Teilnehmern nur halb so groß, kann der amerikanische Ableger zwar die glamouröseren Namen vorweisen, aber die Art Brussels profitiert von ihrem Schwerpunkt auf Osteuropa."

Einen außergewöhnlich direkten Draht zur Zeitgenössischen Kunst hat Katharina Rudolph, den sie erklärt in der FAZ: "Eines passiert in Brüssel jedoch so gut wie nie: dass der Besucher ratlos, ohne innere Beteiligung, vor einem Werk steht und hilfesuchend nach einem erklärenden Schildchen Ausschau halten muss. Die 35. Ausgabe der Art Brussels ist eine erfrischende und lebendige Messe, auf der kaum eine der gezeigten Arbeiten näherer Erläuterung bedarf. Die Kunst spricht dort für sich."

Dem ersten Auftritt Larry Gagosians auf der Art Cologne bescheinigt Marcus Woeller in DIE WELT vorab "museales Format".

Interessante Einblicke in seine Pläne für Cofa Contemporary und Art Berlin gibt Art Cologne-Direktor Daniel Hug im Interview mit Michael Kohler im Kölner Stadt-Anzeiger: "Wir haben schon im Vorfeld entschieden, dass wir die Cofa Contemporary reduzieren. Es wird sie weiterhin geben, aber ganz anders strukturiert, vor allem wird sie nicht mehr auf einer eigenen Etage zu sehen sein. Die Cofa Contemporary ist ein Ventil dafür, dass wir auf der Art Cologne zu viele gute rheinische Galerien ablehnen müssen. Das schafft unnötige Konkurrenz unter den Händlern. Für diese Galerien sollte es eine Möglichkeit geben, auf einer deutschen Messe auszustellen. Auch dafür ist Berlin ein interessanter Standort."

Strategie ist die Stärke von Dirk Boll, einem von drei Präsidenten bei Christie's. Im Interview mit Nikolai B. Forstbauer für die Stuttgarter Nachrichten schildert er seine Sicht auf den Kunstmarkt im Internet und sich ändernde Sammelgewohnheiten: "Wenn man asiatische Entfernungen ansieht, versteht man, dass die Interessenten dort ein anderes Verhältnis zur Frage der Unmittelbarkeit von Rezeption haben als die Bewohner europäischer Metropolen. Das gilt auch für den subjektiv empfundenen Nachholbedarf der Bewohner früherer kommunistischer Staaten. In beiden Fällen kommt die Geschwindigkeit hinzu - im alten Westen bedeutet sammeln eben auch, Zeit mit der Kunst, mit der Selektion zu verbringen. Neuankömmlinge wissen den verbesserten Informationszugang zu nutzen und kaufen zuweilen entschlossener. Wozu sich auch 'tiefe Taschen' als hilfreich erweisen."

Die autoritäre Regierung von Singapur habe Kunst als Standort- und Wirtschaftsfaktor entdeckt, berichtet Ulf Lippitz in seinem Portrait der Kunstszene des Stadtstaates für den Tagesspiegel vom 22. April: "Jetzt gibt es eine Kunstmesse, einige Museen und überlebensgroße Auftragswerke auf öffentlichen Plätzen. Das meistfotografierte ist wahrscheinlich das Riesenbaby des Briten Marc Quinn in den Gärten der Marina Bay, die Skulptur 'Planet'. An ausgesuchten Wänden im arabischen Viertel dürfen sich Street-Art- Künstler austoben, obwohl Graffiti sonst streng verboten sind. Zwei Sprayer aus Leipzig wurden 2014 zu drei Stockschlägen und neun Monaten Haft verurteilt, nachdem sie einen U-Bahn-Waggon bemalt hatten. Den Kunstmarkt stört das nicht. Die nationale Statistikbehörde berechnete seinen Wert zuletzt mit etwa 423 Millionen Euro - fast eine Verdoppelung innerhalb von zehn Jahren."

In der Endlos-Geschichte um Yves Bouvier gibt es einen neuen Cliffhanger: Laut Anna Louie Sussman bei Artsy hat jetzt ein Gericht in Singapur entscheiden, dass der Streit zwischen Yves Bouvier und Dmitry Rybolevlev besser vor einem Gericht in der Schweiz geführt werde. Der Oligarch hatte argumentiert, in der Schweiz würden ihm grundlegende Rechte verwehrt.

Damien Hirsts Comeback-Versuch in Venedig ist für Marcus Woeller in DIE WELT Ausweis eines guten Gespürs: "Denn Damien Hirst hat Sinn für Timing. Ende der Achtziger erkannte er, dass die Zeit reif war für einen neuen Kunsthype, auch wenn die YBA weniger eine Bewegung waren, als eine Gruppe von Künstlern, die wie Hirst den Geschmack des Sammlers Charles Saatchi trafen. Und mochte das Datum seiner legendären Auktion auch nur zufällig mit dem Zusammenbruch von Lehman Bros und der Weltfinanzen zusammenfallen - es sah nach gutem Timing aus, eine weitere Blase platzen zu lassen. Wenn Hirst jetzt mit 'Treasures of the Wreck of the Unbelievable' das ganz große Fass von Wahrheit und Lüge aufmacht, dann muss man ihm zugestehen: Es ist die Ausstellung zur Zeit.

So fürchterlich sehe der Markt von Damien Hirst gar nicht aus, stellt Eileen Kinsella in ihrer Analyse auf Artnet fest. Glaubwürdiger wird diese These jedoch nicht, wenn man sie mit den Aussagen von führenden Auktionshausmitarbeitern zu untermauern versucht.

Eine Einführung in die Geheimnisse des Sammelns, vor allem von Kunst, findet sich an ungewohnter Stelle: Die Zeitungen der Madsack-Gruppe bringen ein langes Feature, in dem Stefan Winter einige Sammlegebiete vorstellt sowie ein Interview mit dem Ökonomen und Soziologen Michael Hutter, der präzise Motive und Mechanismen des Sammelns erklärt, gratis nachzulesen im Göttinger Tageblatt: "Ich wage mal zu behaupten, dass 90 Prozent aller Kunstwerke nicht zum Anlageobjekt taugen. Da liegt der Wert allein im Dekorativen. Aber es redet natürlich niemand über seinen Wertverlust. Deswegen ist die Außenwahrnehmung des Kunstmarkts im Grunde systematisch verzerrt. Die Künstler haben kein Interesse, über Flops zu reden, die Galeristen erst recht nicht und die Käufer auch nicht. Schließlich wurde mal viel Geld für das Werk ausgegeben, und man will doch nicht blöd gewesen sein. Das ist ein bisschen wie bei Beziehungen: Man gesteht sich das Scheitern ungern ein."

Artsy hat den Datendienstleister ArtAdvisor gekauft, wie aus einer Pressemitteilung (PDF-Download) hervorgeht. Mitgründer des Unternehmens sind Lucas Zwirner, Sohn von David Zwirner und Hugo Liu, der Chief Scientist bei Artsy wird.

Wie sich die Arbeit des Zentralarchivs des Internationalen Kunsthandels ZADIK mit den elektronischen Medien wandelt, erklärt dessen Leiter und der Träger diesjährigen des Art Cologne-Preises Günter Herzog mit Interview mit Michael Kohler im Bonner General-Anzeiger.

Über den Kunstmarktstandort Deutschland hat sich Catrin Lorch für die Süddeutsche Zeitung vom 22. April mit den Düsseldorfer Galeristen Daniela Steinfeld (Van Horn) und Thomas Reger (Konrad Fischer Galerie) unterhalten. Steinfeld appelliert: "Wenn Deutschland will, dass die Kultur gut läuft, muss der Gesetzgeber anerkennen, dass der Markt und die Kunst zusammen gehören. Aber etliche Galerien werden in den nächsten Monaten und Jahren aufgeben. Das ist jetzt schon abzusehen."

Die Rechtsfigur des gutgläubigen Erwerbs in nicht in jedem Rechtsraum bekannt. In Deutschland bewahrt es etwa Kunstsammler vor den Restitutionsansprüchen in Raubkunstfällen. Gleichzeitig ist diese Einrichtung ein Hemmnis für den Kunsthandel, da die damit verbundenen ethischen Probleme nicht gelöst und der internationale Warenaustausch erschwert sind. Sabine Spindler erläutert im Handelsblatt vom 21. April Pläne des deutschen Gesetzgebers zu entsprechenden Änderungen: "Schon 2016 erarbeitete das Bundesjustizministerium den Entwurf eines 'Gesetzes zur erleichterten Durchsetzung der Rückgabe von abhanden gekommenen Kulturguts'. Entscheidend ist nicht mehr die Verjährung. Nach neuer Regelung soll der Besitzer nachweisen, dass er beim Erwerb guten Glaubens war. Sollte es zur Herausgabe von Kulturgütern kommen, sieht der Entwurf einen finanziellen Ausgleich vor. Dass dieses Gesetz in dieser Legislaturperiode entschieden wird, ist nicht zu erwarten. Vor allem macht es wohl dem Finanzministerium Sorgen, denn das Ausmaß von Ausgleichszahlungen ist eine schwer zu prognostizierende Größe."

Michael Kewenig ist tot. Dem großen Galeristen widmet Sebastian Preuss in der Weltkunst einen einfühlsamen Nachruf: "Der Berliner Galerist war einer, der keine Kompromisse einging, wenn es um das Aussehen seiner Umwelt ging. Und schon gar nicht, wenn es um die Kunst ging. Bis ins kleinste Detail stimmte bei ihm immer alles. So geschmackssicher war kaum ein zweiter in der Kunstszene. Das Ringen um ästhetische Fragen war bei Kewenig Teil des Lebens; das betraf auch Musik und Literatur, überhaupt Bildung, und den sorgsamen Umgang mit der Sprache. Ein Gespräch mit ihm - die Worte elegant und expressiv moduliert - war immer ein anregender Genuss."

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