Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Nicht nur auf der Arco: Kunst in Madrid; Foto Stefan Kobel

26.02.2017 17:45 Uhr

Kobels Kunstwoche 9 2017

Im Kampf um Marktanteile kommt der Deutungs- und Vermarktungshoheit über Kunstlernachlässe eine immer größere Bedeutung zu. Die New Yorker Galeristin Andrea Rosen hat die Konsequenzen aus dem Strukturwandel gezogen und die Schließung ihrer Galerie verkündet. Sie werde weiterhin den Nachlass von Felix Gonzales-Torres betreuen, gemeinsam mit dem Über-Galeristen David Zwirner. Das berichtet unter anderem Sarah P. Hanson im Art Newspaper.

Gerade hatte Hauser & Wirth in Köln für Verwirrung gesorgt mit der Ankündigung, zukünftig den Nachlass August Sanders zu vertreten. Im Gespräch mit mir auf der Arco für das Handelsblatt vom 24. Februar bemühte sich Iwan Wirth um Klärung: "Die Ankündigung der Übernahme des Nachlasses des Fotografen sei etwas missverständlich formuliert gewesen, gesteht er ein. Selbstverständlich würden sie nur mit dem Teil des Bestands arbeiten, der sich im Eigentum des Enkels befindet und mit dem sich handeln lässt. Der Stiftung habe er nie Konkurrenz machen wollen."

Ihren Finger am Puls der Zeit hat Astrid Mania, die sich des Themas Künstlernachlässe in der Süddeutschen Zeitung vom 25. Februar annimmt: "Doch so nachvollziehbar die Sorge um die Zerstreuung eines Werks sein mag - warum sollte ein Œuvre, zumal das eines zu Lebzeiten am Markt erfolgreichen Künstlers, nach dessen Tod in einen Zustand der Erstarrung verfallen? Und es gibt sehr pragmatische, wenn nicht gar zwingende Gründe für ein Zusammengehen der Erben mit dem Markt. Zum einen ist er eine Wertschätzungsinstanz, die der kritischen oder historischen Anerkennung oft genug vorausgeht."

Wenn ausnahmslos alle Berichterstatter (mich auf Artmagazine.cc eingeschlossen) ausführlich über das Gastland der Arco schreiben, kann die Messe selbst nicht so berauschend gewesen sein. Denn diese Einrichtung gibt es jedes Jahr.

Dem Gast Argentinien widmet sich Uta Reindl ausführlich in der NZZ: "Die Kunstszene Argentiniens - in Lateinamerika bisher neben der mexikanischen und brasilianischen eher unbedeutend - hat Aufwind. Die etwas stabilere Wirtschaft des Landes - vergleichbar mit Spanien nach langen Krisenjahren - bewog Buenos Aires für den jetzigen Madrider Auftritt geradezu zu einer wahren Kulturoffensive."

Bernhard Schulz betont im Tagesspiegel die Abhängigkeit der Arco vom europäischen Markt: "Arco-Direktor Carlos Urroz, weiß seinen Betrieb gut zu verkaufen. Die immerhin 21 deutschen Galerien - der größte ausländische Beitrag jenseits der wie stets mit über 60 Galerien aufwartenden Gastgeberlandes - umschmeichelt Urroz mit den Worten, gerade die deutschen Galerien seien seit jeher hervorragende Vermittler lateinamerikanischer Kunst. Das mag durchaus so sein. Der Subtext von Urroz' Worten verrät, dass es eben der europäische und nicht der lateinamerikanische Markt ist, der die Umsätze dieser Messe bringt, so löblich das besondere Engagement der Arco für den traditionell eng an die iberische Halbinsel gebundenen Kontinent jenseits des Atlantiks ist."

Viele Preise hat Clementine Kügler für die FAZ auf der Arco gesammelt.

In Wien gibt es eine neue Kunstmesse. Art Vienna heißt sie. Was Sabine B. Vogel in der NZZ und Werner Rodlauer im Artmagazine über sie schreiben, klingt aber nicht so, als wäre es ein Fehler gewesen, stattdessen nach Madrid gefahren zu sein.

Ein Galerist befragt die Vergangenheit der eigenen Branche mit den Mitteln eines Galeristen: Frank Elbaz hat in Paris eine bemerkenswerte Ausstellung organisiert, die sich Bettina Wolfarth für die FAZ vom 25. Februar angesehen hat: "Sie gibt anhand von Schriftstücken, Fotos und Filmmaterial einen schonungslosen Einblick in die Geschehnisse auf dem französischen Kunstmarkt unter der deutschen Besatzung. Paris war der größte Umschlagplatz für Kunst in Europa, mit einem euphorischen Markt, der durch ein hochkarätiges, mit Beutekunst angereichertes Angebot, einen - für die Besatzer äußerst vorteilhaft festgelegten - Wechselkurs und durch eine rege internationale Nachfrage stimuliert wurde."

Was hier aus verschiedenen Quellen schon häufiger zu lesen war, hat jetzt ein wissenschaftliches Fundament: Das Milliardengeschäft aus dem Handel mit Raubgrabungen zur Finanzierung des IS-Terrors existiert nicht. Thomas E. Schmidt stellt die Ergebnisse einer Studie in der Weltkunst vor und weist auf die Folgen des mit diesem Argument durchgedrückten Kulturgutschutzgesetz hin: "Die Dramatisierung des 'ISIS'-Schmuggels war letzten Endes Propaganda, ein Karnickel aus dem Zylinder des Postfaktischen avant la lettre. Mit dem Kulturgutschutzgesetz, so die Einschätzung von Experten, werden in Deutschland viele Sammeltraditionen abreißen. Provenienznachweise sind hierzulande, wo ältere Akten von Händlern und Versteigerern im Krieg vernichtet wurden, schwerer zu erbringen als in anderen Ländern. Der Handel mit ausländischen Antiquitäten flieht die Bundesrepublik jetzt schon. Gewinner werden die ohnehin starken Auktionshäuser in Großbritannien sein."

Warum deutsche Kunst im Ausland so hoch gehandelt werde, wollte Tobias Timm von Dirk Boll von Christie's im Gespräch für die ZEIT vom 23. Februar wissen: "Die deutsche Nachkriegskunst wird deshalb so hoch bewertet, weil die Sammler erkennen, dass sie so gut ist. Sicher spielt auch hier eine Rolle, dass Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten die wirtschaftlich führende Nation in Europa war. Die herrschende Kunst ist die Kunst der Herrschenden: Der Kunstmarkt reflektiert immer auch ökonomische Wahrheiten."

Der russische Milliardär Dmitry Rybolovlev habe bereits über 100 Millionen Dollar Verlust gemacht beim Verkauf von Kunstwerken, die er von Yves Bouvier gekauft hatte und werde in den anstehenden Frühjahrsauktionen noch mehr Geld verlieren, vermuten Katya Kazakina und Hugo Miller bei Bloomberg.

Der Kurator Paul Schimmel, der erst 2013 als Partner bei Hauser & Wirth in Los Angeles eingestiegen war, verlässt das Unternehmen wieder, wie unter anderem Eileen Kinsella bei Artnet meldet.

Es gibt tatsächlich noch Galerieneugründungen: Philipp Haverkampf, früher Partner bei Contemporary Fine Arts, eröffnet am 3. März seine eigene Galerie in Berlin.

Die renommierte Zeitschrift Parkett stellt nach 33 Jahren und 100 Ausgaben ihr Erscheinen ein. Andrew Russeth veröffentlicht auf Artnews den Abschiedsbrief der Macher Bice Curiger, Jacqueline Burckhardt und Dieter von Graffenried.

Ein Nachruf auf den Münchener Auktionator Rudolf Neumeister von Evelyn Vogel findet sich in der Süddeutschen Zeitung.

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