Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

geschenkt für 100 Millionen: Leonardos Dame mit dem Hermelin

05.02.2017 09:57 Uhr

Kobels Kunstwoche 2 2017

Ein Superkunstjahr droht, wie es in dieser Konstellation nur alle zehn Jahre passiert: documenta, Venedig Biennale, Skulpturenprojekte Münster und dazwischen noch die Art Basel. Ob das Jubeljahr tatsächlich Grund zum Feiern bietet, bezweifelt Niklas Maak allerdings in der FAS vom 8. Januar. Er sieht die zeitgenössische Kunst in einer Sinnkrise: "Es scheint zum ersten Mal vorstellbar, dass 'Gegenwartskunst' ihren für gegeben angenommenen positiven Status als Gegengewicht und Infragestellung der herrschenden Gesellschaft einbüßen könnte und am Ende als etwas zumeist Machtaffines, Ästhetisierendes, Irrelevantes, Ornamentales und Korruptes dasteht - als etwas, was sie vor ihrer modernen Selbstmythifizierung als randständig, kritisch, existentiell, frivol und unbequem schon einmal war, nämlich ein systemkonformes Selbstdarstellungswerkzeug der Macht: Hofkunst."

Doch es gibt Hoffnung! Das neue Geschäftsmodell der professionellen Kunstvermittlung heißt Artist Run Space, zumindest in Berlin. Arielle Bier hat für Artsy acht dieser Galerie-Alternativen besucht und mit den sie betreibenden Künstlern und Kuratoren gesprochen. Der Businessplan scheint aus Selbstausbeutung zu bestehen - der Begriff non-profit fällt häufig -, bis es dann eben doch in normalen Galeriebetrieb übergeht. Tips zur Gründung einer Galerie im Wohnzimmer gibt Casey Lesser anhand von Beispielen aus Berlin, Los Angeles, Mailand, Mexiko-Stadt und New York ebenfalls auf Artsy.

Dass konventionelle Galerien ein Modell des letzten Jahrhunderts seien, will Dylan Kerr bei Artspace beweisen. Die fünf Beispiele, die er anbringt, sind allerdings eher Argumente gegen seine These, da sie entweder temporärer oder virtueller Natur sind und in Guerilla-Manier bestehende Strukturen unterwandern oder sich in ihnen Nischen suchen, statt tragfähige eigene zu entwickeln.

Fundierter über den Strukturwandel und das mögliche Ende des konventionellen Galeriemodells sprechen Josh Baer von Baer Faxt und Richard Lehun auf dem Blog der auf Kunst spezialisierten New Yorker Anwaltskanzlei Stropheus.

Über die Brotlosigkeit des Künstlerlebens lässt sich Berit Böhme von dpa aus, nachzulesen unter anderem bei Art.

Nichts Genaues weiß man nicht, stellt Edward Helmore im Guardian fest. Zwar sei das Marktvolumen um insgesamt 30 Prozent geschrumpft; Ursache dafür sei jedoch lediglich das Ausbleiben einiger kapitaler Transaktionen gewesen. Auch wie sich der Trumpismus auf den Kunstmarkt auswirken werde, sei noch nicht ausgemacht. Den Galeristen bereite jedoch Sorge, dass die Auktionshäuser oder deren ehemalige Top-Angestellten jetzt auch in das Primärgeschäft einstiegen und direkt und dauerhaft mit Künstlern arbeiteten.

Das neue Jahr sieht das Sterben eines weiteren Irgendwas mit Kunst im Internet-Portals. Artspace, das erst 2014 vom Milliardär Leon Black über seinen Verlag Phaidon gekauft worden war, hat laut Nate Freeman bei Artnews unter anderem sein gesamtes Redaktionsteam vor die Tür gesetzt.

"Was von Dada bleibt" hat Peter Dittmar nach Ende 100. Jubiläumsjahrs für DIE WELT zusammengestellt. Er meint damit die sehr disparaten Preise, die für Dada-Werke erzielt wrden: "Diese weit gespannten Bewertungen dessen, was von Dada übrig blieb, bestätigen Walter Benjamin, der 1936 geschrieben hatte: 'Auf die merkantile Verwertbarkeit ihrer Kunstwerke legten die Dadaisten viel weniger Gewicht als auf ihre Unverwertbarkeit als Werke kontemplativer Versenkung.' Wer wollte dem heute widersprechen angesichts eines Marktes, dessen Preisvorstellungen durchaus dadaistische Züge erkennen lassen?"

Die Preisentwicklung von Kunsthandwerk und Design des 20. Jahrhunderts zeichnet Alexander Hosch in der Süddeutschen Zeitung anhand ausgewählter Spitzenzuschläge nach.

Britische Museen im Besitz von Städten und Gemeinden stehen seit Jahren unter extremem Druck. West Yorkshire denke jetzt darüber nach, ein Gemälde von Francis Bacon zu verkaufen, um zwei aus Geldnot geschlossene Museen wieder öffnen zu können, berichtet Nazia Parveen im Guardian. Neben den üblichen Einwänden gegen Museumsverkäufe gebe es noch einen ganz praktischen, der dem erhofften Geldsegen von bis zu 60 Millionen Pfund spreche: Das Werk sei vor rund 60 Jahren von der Contemporary Art Society gestiftet worden, die damals schon so klug gewesen sei, die Unverkäuflichkeit des Werkes im Stiftungsvertrag zu verankern. Ein Ratsfunktionär wird mit der Aussage zitiert, er würde das Gemälde lieber für Museumsausstellungen verleihen, um damit Geld zu verdienen.

Die Geschichte des Rechtsstreits zwischen den Nachkommen von Peggy Guggenheim und ihrer Stiftung darüber, wie mit ihrem Erbe umzugehen sein, breitet Milton Esterow in Vanity Fair aus.

Ein Geschenk für 100 Millionen Euro: Die Summe, die der polnische Staat der Adelsfamilie Czartoryski für ihre Kunstsammlung laut einer dpa-Meldung, unter anderem bei Monopol, zahlen will, klingt zunächst gewaltig. Allerdings ist schon Leonardos "Dame mit dem Hermelin" ein Vielfaches dieser Summe wert. Die restlichen 86.000 Objekte und Viertelmillion Bücher gibt es sozusagen als Dreingabe.

"Es ist viel einfacher, schlechte Kunst zu verkaufen als gute", zitiert Kito Nedo in seinem Nachruf in der Süddeutschen Zeitung die an Silvester im Alter von 56 Jahren verstorbene Berliner Galeristin Barbara Weiss. Swantje Karich tröstet ein wenig in DIE WELT: "Ein großes Werk ist ihr am Ende noch gelungen: Ihre Galerie bleibt erhalten. Sie rief extra noch mal an, um zu sagen, dass es weitergehen werde mit der Galerie Barbara Weiss. Sie hat ihr Lebenswerk in die Hände von Bärbel Trautwein und Daniel Herleth gelegt. Ihr letzter Satz: 'Die beiden sind richtig gut, sie sind Künstler.'"

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