Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Auch Agitation will gelernt sein; Foto Stefan Kobel

18.06.2018 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 25 2018

Die Art Basel droht an ihrem eigenen Erfolg zu ersticken. Bei ihrem Mutterkonzern Messe Schweiz gilt sie jetzt wohl als Hoffnungsträger, nachdem die eigentliche Cash Cow Baselworld derartig an Ausstellern eingebüßt hat, dass man den verbleibenden zugestehen musste, ihre aufwendigen Stände in der sonst im Wechsel von der Art Unlimited genutzten Halle übers Jahr stehen lassen zu dürfen - mit der Folge, dass die Großformate-Schau der Art Basel ein Stockwerk höher ziehen musste. Bei den Fantastilliarden, die seit Jahren für Kunst im Luxus-Segment bezahlt werden, kann sich die Art Basel auch nicht mehr auf den Standpunkt zurückziehen, dass sie nur Wände vermiete und Seriosität allein Sache ihrer Mieter wäre. Ausgerechnet einen Mitautor der neuen Compliance-Regeln für die Art Basel hat die Schweizer Zollbehörde jetzt mit einer Millionenstrafe belegt, was dieser prompt der Messe nicht mitgeteilt habe, wie Catherine Ross für den schweizerischen Bund recherchiert hat.

Susanne Schreiber beklagt im Handelsblatt vom 15. Juni die mit den Hochpreisen einhergehende Eintönigkeit des Angebots: "Das Gros des Messeangebots ist ermüdend nah an dem, was in Auktionen Höchstzuschläge bringt, und an dem, was gerade in Museen gefeiert wird. Wirkliche Entdeckungen sind kaum zu machen. Denn die Art Basel umarmt und vereinnahmt alles. So findet sich stringent nicht als Warenkorb präsentierte Kunst eher an ihren Rändern und in den Sektionen Features und Statements."

Die sich immer weiter öffnende Schere bei großen und kleinen Galerien thematisiert Gerhard Mack in der NZZ vom 17. Juni: "Kunst ist nirgendwo sonst so sehr Ware wie an einer Messe. Die grossen Händler verkauften Werke mit achtstelligen Preisschildern. Bei den mittleren und kleineren Galerien wird dagegen erst geschlafen, wenn die Kosten gedeckt sind. Manche kommen nicht an die Art, weil die zu teuer ist. Das ist schlecht für die Messe. Sie braucht Vielfalt. Messedirektor Marc Spiegler weiss das und gab zu: 'Viele Galerien bei der Art Basel kämpfen. Wir tun alles, um ihnen bei Sammlern dieselbe Aufmerksamkeit zu verschaffen, wie die grossen Händler sie haben.' Ob das reicht, wenn die meisten Berater für ihre reichen Sammler nur Brands bei Brands einkaufen?"

Die gerne Diskretion genannte Heimlichtuerei um Preise kritisiert Rose-Maria Gropp in der FAZ: "Während überall die Ergebnisse der jüngsten Zeitgenossen-Auktionen kursieren, sind die Galeristen in solchen Fällen sehr schamhaft; der Grund ist denkbar simpel: Man weiß nicht recht, was man sagen soll. Weil man nämlich auch nicht recht weiß, wie das weitergeht mit solchen shooting stars. Oder eben auch mit den Rückkehrern aus den Sechzigern bis Achtzigern, die plötzlich wieder so begehrt sind - weil das, was einmal Avantgarde hieß, seit geraumer Zeit komplette Fehlanzeige ist. [...] Der erfahrene Kunsthandel weiß das so gut wie die informierte Kundschaft, die auch diesmal von überall in Scharen nach Basel strömte. Nur lustige Laien glauben, dass Kunst an sich immer teurer würde; das eigentliche Problem heißt im Gegenteil: Kunst kann schrecklich schnell billiger werden, was naturgemäß nichts mit ihrer Qualität zu tun haben muss. Dennoch wird für den vernünftigen Umgang mit Preisangaben auf der Messe bald eine Lösung gefunden werden müssen."

Eine Renaissance der Malerei hat Catrin Lorch für die Süddeutsche Zeitung ausgemacht: "Doch eine neue Generation von Sammlern will nicht auf die Kunstgeschichte warten, sie will schnelle Wertsteigerungen. Und weil derzeit viele ihr Geld mit Immobilien mehren, denken sie bei Kunst vor allem an Wände. Sogar auf der Nachwuchs-Messe Liste wird jetzt Malerei gezeigt. In manchen der Kammern einer alten Brauerei fühlt man sich wie auf dem Pariser Salon des 19. Jahrhunderts, die Wände sind mit Bildern gepflastert."

Eine Trendumkehr hat Philipp Meier bei der Wertschätzung von Frauen durch den Markt für die NZZ angesichts zweistelliger Millionenpreise für Arbeiten von Joan Mitchell festgestellt: "Die Preise für Verkäufe gestandener männlicher Kollegen wie Rauschenberg, Wesselmann, Richard Prince oder Sigmar Polke fallen da jedenfalls weit ab, figurieren sie doch alle im unteren einstelligen Millionenbereich. Allein am ersten Messetag stammten von den 9 bei Hauser & Wirth verkauften Arbeiten 7 von Frauen, darunter für 4,75 Millionen Dollar ein Werk von Louise Bourgeois und für 175 000 Dollar eine neue Videoinstallation von Pipilotti Rist. Und blickt man auf die Listen der von den Galerien bekanntgegebenen Verkäufe, die eine jüngere Generation von Kunstschaffenden betreffen, reihen sich weibliche Namen fast nahtlos aneinander."

Meine Eindrücke von der Art Basel und der Art Unlimited sind bei Artmagazine nachzulesen.

Die Design Miami Basel nimmt man mit, wenn man noch ein paar überteuerte Möbel zu seiner Kunstsammlung braucht. Sogar einige der ernsthaft an Design interessierten Aussteller beklagen seit Jahren die Glitzerkitsch-Schau, die ihnen aber mangels Alternativen immerhin das Auskommen sichert. Direkt aus der PR-Abteilung scheint das Urteil von Daghild Bartels in der NZZ zu kommen: "Die 13. Ausgabe jedenfalls präsentiert sich mit 47 Galerien aus 13 Ländern in Top-Qualität. Auch diesmal gibt es beides, hervorragende Beispiele prominenter Designer und überraschende Entdeckungen."

Die Liste, Basels erste und von der Art Basel als Talentschmiede und Warmhalteplatte genutzte Satellitenmesse, muss den Abgang ihres Mitgründers und Direktors Peter Bläuer verkraften. Man darf gespannt sein, wie sich die in der wirtschaftlich bedrohten Avantgarde verankerte Messe ohne ihr Gesicht behaupten wird. Dem Newcomer Paper Positions stellt Brita Sachs in der FAZ vom 16. Juni ein gutes Zeugnis aus: "Nach Ausgaben in Berlin und München dockt diese kleine Wandermesse jetzt auch in Basel an. Nicht weit von den großen Messehallen bezog sie eine ehemalige Druckereihalle im Ackermannshof, die den 25 Ausstellern zwar konzentriertestes Hängen abverlangt, aber dafür mit Übersichtlichkeit entschädigt und mit heller angenehmer Atmosphäre."

Die hohen Preise der Art Basel machten solche Veranstaltungen notwendig für einen funktionierenden Marktplatz, urteilt Christiane Meixner im Tagesspiegel vom 16. Juni: "Am wichtigsten aber ist die Erkenntnis, dass Basel noch Platz für Satellitenmessen mit klarem Fokus hat. Für solche, die flexibel und gelenkig für jene Sidekicks sorgen, wie jede große Messe sie braucht."

In einem langen Interview mit Andrew Goldstein erklärt Marc Spiegler bei Artnet, warum Kunstmessen nicht für die wirtschaftlichen Probleme von Galerien verantwortlich zu machen seien und daher auch nicht viel für sie tun könnten.

Welchen Beitrag Sammler zum Funktionieren des Galeriesystems beitragen können, erklärt Anna Louie Sussman bei Artsy. Zusammengefasst: Geht in die Galerien, kauft Kunst und bezahlt sie auch!

Wie man als Galerie in diesem Markt überleben kann, diskutieren in der New York Times zwei Urgesteine und zwei Newcomer, Paula Cooper, Elyse Derosia, Bridget Donahue und Sean Kelly. Fazit: Mach eine Galerie in New York auf und achte auf eine geringe Miete.

Mit einer Schnapsidee heischt die New Yorker Team Gallery um Aufmerksamkeit: Statt ihr Geld in Messen zu versenken, setze sie jetzt auf Instagram, berichtet Sarah Cascone bei Artnet. Auf der Bilderplattform haben Inhalte bekanntlich oberste Priorität.

Wie sich auch aus verstorbenen Künstlern noch Kapital mit neuen Werken in Form von posthumen Güssen, Editionen etc. schlagen lässt, untersucht Anna Louie Sussman bei Artsy.

So irre sind die Preise für Blue Chip-Künstler mittlerweile, dass es in den USA sogar möglich scheint, jemanden (den eigenen Vater) zu verklagen, weil dieser den Verkauf eines Basquiats schlechtgeredet und dadurch einen um 100 Millionen Dollar zu niedrigen Erlös verursacht hätte. Die haarsträubenden Details hat Eileen Kinsella für Artnet zusammengetragen.

Irgendwo ist immer Biennale. 320 davon gebe es mittlerweile rund um den Globus, und es habe sich das Sub-Genre der Biennale-Kunst entwickelt, die zu einer gewissen Ermüdung führe, schreibt Jane Morris im Art Newspaper. Das Modell bedürfe dringend der Erneuerung, zumal in den letzten 50 Jahren gerade einmal 20 dieser Veranstaltungen wieder eingegangen seien.

Chinas Regierung habe Kunst als Waffe im Kampf um kulturelle Dominanz entdeckt, erklärt der Sammler Uli Sigg im Interview mit Eva Karcher für die ZEIT: "Innerhalb des Landes gibt es gleichzeitig eine Bewegung, die auch Staatspräsident Xi Jinping forciert. Er wertet die traditionelle Kultur massiv auf. Denn er hat erkannt, dass der Verfall Amerikas ihm die Chance beschert, China als Weltmacht nicht nur politisch und wirtschaftlich zu profilieren, sondern auch kulturelle Wurzeln und Werte - Soft Power eben - verstärkt zu propagieren. Das offizielle China definiert Kunst als Schönheit und Harmonie. Als Reaktion wenden sich zahlreiche zeitgenössische Künstler verstärkt der Tradition zu - einige aus Opportunismus, andere, weil sie hier tatsächlich ihre Identität finden."

Ein interner Untersuchungsbericht des Amsterdamer Stedelijk Museums habe dessen ehemalige Direktorin Beatrix Ruf vollkommen rehabilitiert, berichtet Alex Greenberger bei Artnews. Drei Beiratsmitglieder seien daraufhin zurückgetreten, darunter Rita Kersting.

Zum Schluss noch etwas richtig Deprimierendes: Eine Studie zum Einkommen von Bildenden Künstlern, für die The Creative Independent über 1.000 Bildende Künstler befragt hat.

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