Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Vorsicht shoppende Scheichs! Foto Stefan Kobel

04.06.2018 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 23 2018

Deutscher Auktionsrekord! 4,7 Millionen Euro netto, gut 5,5 Millionen Euro inklusive Aufgeld, hat Max Beckmanns "Ägypterin" bei Villa Grisebach in Berlin gebracht. Rose-Maria Gropp hat in der FAZ eine Erklärung für den Preis: "Es ist kein 'Museumsbild', von denen Beckmann mit seinen dramatischen Großformaten nicht wenige geliefert hat. Die 'Ägypterin' ist ein klassisches Bild für Sammler, für flammende Liebhaber. Entsprechend waren bei der Auktion dreizehn Bieter an Telefonen aktiv, vier weitere engagierten sich im Saal. Sie kamen aus Deutschland, der Schweiz und Amerika; siegreich war am Ende eine ungenannte schweizerische Privatsammlung, bedeutend jedenfalls, so heißt es. Ob sie die dunkle Schönheit den Augen der Öffentlichkeit zeigen wird, ist ebenso nicht bekannt."

Einen atmosphärischen Einblick in die Arbeit eines Autkionshauses gibt Jenny Hoch in ihrem Feature "Das große Los" für den Deutschlandfunk aus der Berliner Villa Grisebach.

In einem routinierten Interview für die ZEIT vom 31. Mai zum Auktionsmarkt im allgemeinen und Christie's im besonderen, zur Digitalisierung und Globalisierung nötigt Lisa Zeitz dem Christie's-Chef Guillaume Cerutti lobende Worte über Deutschland ab: "Deutschland ist lebendig, wenn es um Einlieferungen geht, aber auch beim Ersteigern. Unvergleichlich ist hierzulande die Zahl wichtiger Künstler, die natürlich nur durch die Unterstützung der Sammler möglich ist. Sie macht Deutschland auf diesem Feld zu einem der großartigsten Länder der Welt, allein schon durch die Brille des Kunstmarkts betrachtet. So viele der Künstler, die auf Auktionen die höchsten Preise erzielen, sind deutsch: Polke, Richter, Baselitz, Kippenberger, Albert Oehlen."

Etwas ergiebiger ist das Interview, das Ulrich Clewing mit Christie's Mit-Präsident Dirk Boll für die Süddeutsche Zeitung geführt hat. Der Deutsche ist immer prägnante Aussagen gut: "Dass die Leute Kunst nur noch als Investment kaufen, kann ich aus meiner Erfahrung jedenfalls nicht bestätigen. Sicher, es gibt Spekulanten und es gibt Käufer, die mit Kunst ihr soziales Prestige erhöhen wollen. Darüber rümpfen manche in der Branche immer noch die Nase, aber ich kann diese Ansicht nicht teilen. Wenn man an die Kraft der Kunst glaubt, dann glaubt man auch daran, dass etwas, das ursprünglich als ein Investment gedacht war, seine Wirkung entfaltet und der Investor irgendwann zum Sammler wird."

Die ausgeprägten Shoppingtouren arabischer Herrscher waren in der Vergangenheit nicht immer von Fortüne begleitet, weiß Christian Herchenröder im Handelsblatt vom 1. Juni aus Katar zu berichten: "Scheich Saud, den die 'New York Times' als 'einen der weltweit fruchtbarsten und individuellsten Sammler' bezeichnete, trat zwölf Jahre in Auktionen und auf der Maastrichter Messe als Megakäufer auf. Neben staatlichen Ankäufen von Antiken bis Fotografie erwarb er auch Spitzenstücke für seine Privatsammlung. Allein in den Jahren 2000 bis 2005 kaufte er Kunst für 134 Millionen Pfund in London - und ging dabei offenbar zu weit. Er häufte Schulden an, wurde 2005 wegen des Missbrauchs öffentlicher Gelder seines Amtes enthoben und musste mehrere Tage im Gefängnis verbringen. 2014 starb er an Herzversagen in seiner Londoner Zweitwohnung."

Wie Schwarze Löcher ziehen Großgalerien Künstlernachlässe an und wachsen mit dem aufgesogenen Material immer weiter. Die Alleinvertretung des Nachlasses von Günther Förg duch Hauser & Wirth meldet Alex Greenberger bei Artnews. Der Coup trifft jetzt sogar andere Schwergewichte der Branche, die im Vergleich allerdings immer noch als mittelständisch zu gelten haben: Greene Naftali (New York), Almine Rech (New York, London, Paris, Brüssel), Lelong's (Paris) sowie Bärbel Grässlin (Frankfurt) und Galerie Max Hetzler waren vorher Förgs Galerien.

Das Löwenbräu-Areal in Zürich stemme sich mit einem Runderneuerungsversuch gegen seinen Bedeutungsverlust, schreibt Gerhard Mack in der NZZ. Neben Hauser & Wirth als Ankermieter wolle sich aber wohl niemand so recht in Zürich engagieren: "Mit ein Grund für die Absagen war sicherlich das Geld. Zürich ist sehr teuer. Und Mietpreise werden nicht gesenkt. Daneben sagen diese Entscheidungen aber auch etwas über den Kunstplatz Zürich aus. Der globalisierte Kunstmarkt zwingt auch grosse Galeristen, streng zu kalkulieren und vorwiegend an den zentralen Messen und Haupthandelsplätzen wie London, New York und Hongkong präsent zu sein. Dazu zählt Zürich für viele ausländische Händler offensichtlich nicht mehr."

Auch Philipp Meier ist, ebenfalls in der NZZ, skeptisch: "Ob das reichen wird? Der Kunstmarkt hat sich in den letzten Jahren stark verändert und verlagert, international Richtung Asien, lokal etwa vom Löwenbräu- ins Maag-Areal, wo heute die Galerien Eva Presenhuber und Peter Kilchmann ihre Adressen haben. Geld verdienen Galerien vor allem an Kunstmessen. Ein Global Player für die leeren Galerieräume im Löwenbräu-Areal liess sich trotz unternommenen Anstrengungen nicht finden. Vor Jahren noch hatte Zürich zahlreiche Galerien aus dem Ausland angezogen." Er plädiert für einen Neuanfang: "Das alles wird den einstigen Fabrik-Groove, als das Löwenbräu mit seinen Ausstellungen, Vernissagen und Partys Bekanntheit weit über die Landesgrenzen hinaus erhielt, nicht zurückbringen. Aber solcher Löwenbräu-Nostalgie jetzt ein Ende zu bereiten, könnte eine Chance sein, diesen einmaligen Zürcher Kunststandort wieder mit Leben zu füllen."

Zumindest in den USA scheint Yves Bouvier aus dem Schneider zu sein. Chrisitan Berthelson bei Bloomberg zufolge deutet alles daraufhin, dass die Strafverfolgungsbehörden die Ermittlungen eingestellt hätten. Zwei Gründe werden angeführt: Erstens habe Dmitry Rybolovlev beim Verkauf des Salvator Mundi für 450 Millionen US-Dollar (inklusive Aufgeld) ein Vielfaches dessen eingenommen, was er beim Kauf von Yves Bouvier (128 Mio.) zuviel bezahlt habe. Zweitens spielten wohl Befürchtungen eine Rolle, es könnte schwierig sein, für einen Prozess gegen einen Geschäftspartner Donald Trumps eine unvoreingenommene Jury zusammenstellen zu können.

Die Raubgrabungsindustrie in Guatemala beleuchtet Jörg Römer in einer langen Reportage für den Spiegel.

Während sich drinnen im MoMA auf einer Fundraising-Party Wallstreet-Milliardäre darüber unterhielten, welche Kunst-Trophäen an ihren Bürowänden hingen - protokolliert von Amanda L. Gordon für Bloomberg - demonstrierten vor der Tür 250 Angestellte, die laut Ivy Olson im Art Newspaper angesichts eines geplanten 400 Millionen Dollar-Neubaus forderten, das Museum möge sie zeitgemäß entlohnen.

Wie sich die US-amerikanischen Strafzölle auf Stahl auf die Preise für Kunst auswirken, erläutert Daniel Völzke in Monopol anhand der Skulpturen von Richard Serra.

Die Bank Austria habe eine Crowdfunding-Initiative für Kunst gestartet, bei der sie selbst bis zu 5.000 Euro pro Projekt zuschieße, berichtet Artmagazine.

Die Berliner Galerie Exile zieht von Berlin nach Wien und wird doch rechtzeitig zum dortigen Galerien-Festival "Curated by" im September die Galerien an der Eschenbachgasse verstärken. Private Gründe seien entscheidend für den Umzug gewesen; allerdings sei auch die Miete günstiger. Das verheißt nichts Gutes für die Zukunft Berlins als Kunstmarktstandort.

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