Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Kaufen Kunst lieber als Investment: Millennials; Foto Ed Yourdon via Wikimedia

02.07.2018 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 27 2018

Jetzt hat es auch einen der (fast) ganz Großen erwischt. Cheim & Read schließen ihre Galerie im New Yorker Galerienviertel und ziehen sich weitgehend aufs Privatgeschäft zurück, wie Alex Greenberger bei Artnews und Eileen Kinsella bei Artnet berichten.

Passend dazu fragt Margaret Carrigan im Art Newspaper, ob das Ende des klassischen Kunstmarktmodells mit Galerien, die Künstler exklusiv vertreten, gekommen sei.

Den Wettbewerbsnachteil der deutschen Umsatzsteuer thematisiert Christiane Fricke im Handelsblatt: "Anstatt sich die EU-konforme französische Praxis der Pauschalmargenbesteuerung zu eigen zu machen, wie es das vom Bundestag mit Zustimmung des Bundesrates einstimmig beschlossene Gesetz ermöglicht hätte, entschieden sich die Finanzminister der Länder für eine restriktive Auslegung. Damit votierten sie gegen Gestaltungsoptionen, mit denen der deutsche Handel Nachteile gegenüber seinen ausländischen Mitbewerbern hätte kompensieren können." Sie plädiert dafür, das rechtlich mögliche Margenmodell bundesweit einzuführen; das bisweilen propagierte Agenturmodell sei weniger vorteilhaft.

Millennials (Geburtsjahrgänge der 1980er und -90er) sammelten Kunst doppelt so häufig aus Investmentgründen wie ihre Vorgängergenerationen, fasst Alexander Forbes für Artsy eine Umfrage der Privatbank US Trust zusammen. Bemerkenswerter findet Eileen Kinsella bei Artnet an dem selben Report, dass Millenials und Frauen die am schnellsten wachsenden Gruppen unter den Sammlern stellen. Ästhetische Werte spielen laut Umfrage lediglich für eine Minderheit unter den Jüngeren eine Rolle.

Die Internationalisierung der Art Cologne lasse sich durch das Digitalisierungsprojekt "Art Gallery GIS Cologne" veranschaulichen, schreibt Constantin Alexiou in der Kölnischen Rundschau vom 26. Juni: "Bis Anfang der 1980er Jahre waren ausländische Galerien in nur überschaubarer Zahl an der Kunstmesse beteiligt. Neben der Kölner Galerien spielten die Münchner früh eine Rolle. Interessant auch: 1983 war noch keine New Yorker Galerie dabei; ein Jahr später aber bereits sieben. In Zukunft sollen Interviews mit Galeristen und die Messekataloge als PDFs die Datenbank ergänzen. Zudem werden die Kojenpreise aufgelistet."

Während Christie's seine abendlichen Frühjahrsauktionen in London seit letztem Jahr gestrichen hat, mache Sotheby's mit zeitgenössischer Kunst dort aktuell gute Geschäfte, wie Nate Freeman für Artsy berichtet.

Stephanie Dieckvoss gibt im Handelsblatt jedoch zu bedenken: "Gleichwohl hat sich Sotheby's den Erfolg mit Garantien teuer eingekauft. Von 44 Losen waren 25 vor der Auktion mit Garantien versehen, davon alle bis auf eine als "Irrevocable Bids" von dritter Hand gesichert. Das heißt, dass Sotheby's den Garanten einen Prozentsatz des Betrags zahlt, den die Arbeit über ihrer Garantie einbringt. Der Journalist Godfrey Barker fragte nach der Auktion spitz, ob es sich hier denn überhaupt noch um eine öffentliche Auktion handelte, erhielt aber von den Spezialisten des Hauses keine überzeugende Antwort. In jedem Fall gab es am Dienstagabend neben den Einlieferern eine ganze Menge Spekulanten, die Geld machten und damit die Marge des Hauses weiter verkleinern."

Eine ausführliche Bilanz aller Frühjarsauktionen in London zieht Anne Reimers in der FAZ: "Wichtiges Zeichen der Gesundheit des Markts ist der Erfolg des mittleren Segments, mit Preisen zwischen einigen hunderttausend und zwei Millionen Pfund. Dort kann eine breitere Gruppe kaufen als bei zweistelligen Millionensummen. Das bestätigte auch das neue Juni-Format von Christie's, die Tagauktion 'Postwar to Present' mit Preisen zwischen einigen tausend und drei Millionen Pfund, das positiv von Sammlern aufgenommen wurde. Der Umsatz entsprach der oberen Erwartung, mit insgesamt 12,7 Millionen Pfund; 92 Prozent der Lose wurden vermittelt."

Die Stärke des mittleren Marktsegments in London bestätigt Anny Shaw im Art Newspaper.

Die Tefaf habe das Management ihrer beiden New Yorker Ableger in die eigenen Händen genommen, meldet Anna Brady im Art Newspaper.

Auf der Masterpiece in London hat Alexander Menden für die Süddeutsche Zeitung einen verstärkten Trend zur Luxus-Deko ausgemacht, die von - in der freundlichen Auslegung - "Cross Collectors" genannten Käufern gesammelt wird: "Beim Gang durch das riesige klimatisierte Zelt, das aus diesem Anlass jeden Juni in den Gärten des Chelsea Hospital errichtet wird, gewinnt man den Eindruck, dass sich das Angebot im Vergleich zu früheren Jahren in Richtung des bewährten Spitzenniveaus für Kunstmessenware eingependelt hat. Aber natürlich gibt es auch dieses Jahr wieder ein Riva-Tritone-Boot, diesmal eines von 1961, das einst der italienischen Speiseeismaschinenfabrikantenfamilie Carpigiani gehörte (395 000 Pfund). Und selbstverständlich kann man auch wieder allerlei bizarre Entdeckungen machen. Unter anderem auf dem Stand von ArtAncient, die sich auf 'natürlich entstandene Skulpturen' spezialisieren. Dazu gehören fossile Abdrücke von Farnwedeln, ein Meteorit und, wie es auf dem Schildchen heißt 'Tausende von Karat eines ungeschliffenen Stücks Mondgestein', das 55 000 Pfund kostet."

Die unterschiedliche Marktentwicklung für Arbeiten Gustav Klimts und Egon Schieles erklärt die Händlerin und Expertin Jane Kallir im Gespräch mit Eva Komarek in der Wiener Presse: "Als Händlerin beobachtet sie den Markt sehr genau und hat seit der Rezession 2008 für Schiele ebenso wie für die klassische Moderne im Allgemeinen eine stärkere Volatilität wahrgenommen. 'Manche Objekte erzielen hohe Preise, andere enttäuschen, und manche Arbeit bleibt unverkauft.' Natürlich sei die Rezession an sich schlecht für den Kunstmarkt gewesen, aber als sich dieser wieder erholte, habe er sich sehr selektiv erholt."

Ein wenig gemahnt die Geschichte an Nigel Farage, der erst die Brexit-Büchse der Pandora geöffnet hatte, um sich dann aus dem Staub zu machen: Der Direktor des Berkshire Museums Van Shield trete zurück, nachdem der von ihm veranlasste Verkauf hochkarätiger Museumsbestände über die Bühne gegangen sei, meldet Abdrew Russeth bei Artnews.

Die Anhebung des Kulturetats im Bundeshaushalt um fast neun Prozent auf 1,78 Milliarden Euro vermeldet dpa, unter anderem zu lesen bei Monopol.

Den Plan der Bayer AG, eine Giambologna-Bronze, die sich jahrhundertelang in Dresden befunden hatte, mit NRW-Exportgenehmigung in London versteigern zu lassen, beklagt Volker Krahn in der FAZ: "In Anbetracht der einzigartigen Provenienz stellt sich nun die Frage, weshalb der Mars nicht dauerhaft eine Bleibe in Dresden finden konnte. Es sieht so aus, als ob die Bayer AG keinen Versuch unternommen hat, mit Dresden - wo sich die Bronze mehr als dreihundert Jahre befunden hat - in Kontakt zu treten, um sie dort durch Verkauf, als Leihgabe oder eben als Geschenk dauerhaft zu verankern: an einem Ort, an dem Fragen des Umgangs mit dem kulturellen Erbe stärker präsent sind als in den meisten anderen Teilen Deutschlands. Ebenso stellt sich aber die Frage, auf welcher Grundlage die vorherige Landesregierung in Nordrhein-Westfalen für ein Kunstwerk dieses Rangs einen dauerhaften Export genehmigen konnte. Zumal in Kenntnis des - wahrlich nicht von heute auf morgen erfolgten - Inkrafttretens des Kulturschutzgesetzes hätte man doch erst recht hellhörig sein müssen."

Helge Achenbachs Verurteilung zu Schadenersatzzahlungen in Höhe von 16,1 Millionen Euro notiert die Legal Tribune Online.

Von einer neuen Freundschaft und Zukunftsplänen Achenbachs weiß Benedikt Müller in der Süddeutschen Zeitung: "Immerhin hat Achenbach mit Günter Wallraff nun einen prominenten Vermieter und Weggefährten gefunden: Der 75-jährige Enthüllungsjournalist hatte in seinem Haus im hippen Kölner Viertel Ehrenfeld ohnehin noch eine Dachgeschosswohnung frei. Achenbach will sich nun in einer gemeinnützigen Stiftung um politisch verfolgte Künstler in Krisenländen kümmern. 'Damit werde ich hoffentlich die nächsten 20 Jahre ein erfülltes Leben haben.'"

Lazar Bakovic und Regine Müller haben für das Handelsblatt mit Eugen Viehof gesprochen, der zusammen mit seinen Brüdern mit Achenbach in der Sammlung Rheingold verbunden war: "'Herr Achenbach hat viele gute Seiten', sagt Viehof. Und: 'Er hat uns an die Kunst rangeführt - dafür sind wir ihm auch dankbar. Aber er hat leider auch eine schlechte Seite und die lässt sich nicht wegdiskutieren.'"

Die Zerstörung des Marktes für Kunst der russischen Avantgarde beschreibt Christian Herchenröder in der NZZ: "Die Fälscherindustrie hat hier ein Grundvertrauen in Einlieferungen dieser Spezies erschüttert. Bis ihre Echtheit bewiesen ist, gehen alle wichtigen Auktionshäuser der Welt heute von der Annahme aus, dass alle russische Avantgardekunst, die im Ursprungsland und in Europa angeboten wird, falsch ist."

Und wieder einmal bereitet ein etabliertes Medium Wolfgang Beltracchi die große Bühne: Im Interview mit René Scheu verbreitet der verurteilte Kriminelle in der NZZ seine krude Mischung aus Populismus, Eigenlob und Kunstmarktschelte.

Dem Münchener Galeristen Rüdiger Schöttle gratuliert Annegret Erhard zum 50-jährigen Geschäftsjubiläum ausführlich in DIE WELT. Die Bilanz des Jubilars ist nicht nur positiv: "Aus der Reserve lockt man Schöttle dann doch, wenn es um aktuelle Wertschätzung der Arbeit des Galeristen in Öffentlichkeit und Politik geht. Der Kunsthandel sei in der öffentlichen Wahrnehmung von Bösewichtern bevölkert, der Ruf des Galeristen und Kunstvermittlers habe völlig unnötig extrem gelitten, der kulturelle Mehrwert seiner Tätigkeit wird vom Staat nicht gesehen. Stattdessen erschwerten neuerdings unsinnige Vorschriften und nachteilige Besteuerung die 'Knochenarbeit, die für Künstler und Gesellschaft gleichermaßen geleistet wird'."

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