Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Ist das Kunst und wenn ja, wohin damit? Foto: Stefan Kobel

15.10.2018 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 42 2018

Alles Banksy. Wirklich jedes Medium springt auf den Zug auf, sodass kaum noch Raum für etwas anderes bleibt. Insofern war die Aktion ein voller Erfolg, dessen Medienecho an dieser Stelle jedoch nicht noch wesentlich weiter ventiliert werden soll.

Während sich eine Kollegin tatsächlich darüber freut, dass einige der wenigen Sammlerinnen das "Werk" gekauft hat und behalten möchte, offenbart Banksys PR-Gag grundsätzliche Missverständnisse bei einigen Marktteilnehmern, wie sich einem Bericht von Stephanie Dieckvoss für das Handelsblatt vom 12. Oktober entnehmen lässt: "Die Käuferin sei eine 'europäische Sammlerin und langjährige Kundin von Sotheby's'. Sie habe das Bild vergangene Woche ersteigert und nehme es auch zerschreddert an. Sie bezahle den Preis, der bei der Auktion erzielt wurde – umgerechnet rund 1,2 Millionen Euro. Sie sei zunächst schockiert gewesen, doch dann sei ihr klar geworden, dass sie ihr 'eigenes Stück Kunstgeschichte' erhalte, zitierte Sotheby's die Käuferin." Mit dem Zuschlag gehen Eigentum und Risiko auf den Erwerber über. Die Käuferin ist zur Entrichtung des Preises verpflichtet; rechtlich bestand also zunächst keine Wahl. Es sei denn Sotheby's hätte von der Aktion vorher gewusst. Vor allem aber dürfte es recht unwahrscheinlich sein, dass die Dame ein "Stück Kunstgeschichte" erworben hat, bestenfalls ein Stück Marktgeschichte. Das ist zum Glück immer noch nicht identisch.

Jan Dalley versucht in der Financial Times, wenigstens einen theoretischen Unterbau zu schaffen und philosophiert ausführlich über Vertrauen. Das genieße Banksy unter seinen Mitarbeitern und Mitwissern in höchstem Maße, schließlich wahrten sie seine Anonymität seit drei Jahrzehnten. Ob er durch seinen neuesten Coup das Vertrauen in den Kunstmarkt erschüttert habe, vermag der Autor jedoch nicht zu beurteilen.

Um Vertrauen und dessen Verlust geht es auch in dem Fall um die unter Fälschungsvorwürfen abgebrochene Ausstellung mit Werken der russischen Avantgarde im Ghenter MSK aus der Sammlung eines in Belgien lebenden russischen Geschäftsmanns. Mehrere Experten, spezialisierte Händler und auch der Nachfahre eines ausgestellten Künstlers hatten in einem Offenen Brief ihre Bedenken geäußert. Museumsdirektorin Catherine de Zegher war daraufhin suspendiert worden. Jetzt haben 60 Personen aus der Kunstwelt ebenfalls einen offenen Brief geschrieben, den Sarah Cascone bei Artnet mit einer Zusammenfassung anderer Medienrecherchen veröffentlicht. In dem Schreiben wird unter anderem beklagt, dass bis jetzt keine genauere Untersuchung der inkriminierten Werke stattgefunden habe. Schuld an der Suspendierung wären "die Medien" mit ihrer Rufmordkampagne. Ins Feld führen de Zeghers Befürworter ihre erwiesene Expertise in der zeitgenössischen Kunst, ihre Engagement für Kunst von Frauen und die Tatsache, dass sie eine der wenigen Frauen in so herausgehobener Position sei.

Wer hätte gedacht, dass sich die Contemporary Istanbul noch zum Hort künstlerischer Freiheit entwickeln würde!? Als die Art International von Sandy Angus noch existierte und kurz davor stand, von der Messe Schweiz gekauft zu werden, galt die CI des einheimischen Hoteliers Ali Güreli immer als etwas zwielichtige Kitschmesse mit Nähe zur AKP. Werner Bloch zeichnet in der ZEIT ein anderes Bild der aktuellen Ausgabe: "Angesichts solcher Aussagen ist es erstaunlich, dass es die Contemporary Istanbul, auch CI genannt, überhaupt gibt. Oder müsste man eher sagen: noch gibt? Seit 2005 findet die Messe am Bosporus statt, sie ist die bedeutendste zwischen Europa und dem Nahen Osten. Und dass die Messe Kunstperformances wie denen von Şükran Moral Raum gibt, zeigt, dass die CI anders ist als andere Messen. Sie ist zu einem Ort des freien Ausdrucks geworden, einer Versuchszone demokratischer Freiheiten – in einer Zeit, in der in der Türkei mehr und mehr Druck auf Künstler, Schriftsteller und Journalisten ausgeübt wird. 'Die CI', sagt eine Künstlerin, die gerade erst nach Berlin geflohen ist, 'ist praktisch das Einzige, das uns bleibt.'"

Mit der Öffnung der Pariser FIAC zum Petit Palais auf der gegenüberliegenden Straßenseite ergebe sich eine fragwürdige Mischung aus Institution und Kunstmarkt, gibt Joseph Hanimann in der Süddeutschen Zeitung vom 1. Oktober zu bedenken: "Diese Durchmischung von Markt und Museum erscheint allerdings fragwürdig. Soll öffentlicher Dienst und Privathandel wirklich so eng miteinanderverknüpft werden? Die Fiac hat damit kein Problem. Die Rollenverteilung zwischen Museum und Messe sei klar, wird betont, 'wir jedenfalls stehen zu unserer Rolle als Akteure des freien Markts, im Unterschied zu manchen Kuratoren von Kunstbiennalen, die so tun, als ginge der Kunstmarkt sie nichts an'. Ähnlich sieht das auch Dominique de FontRéaulx, die Direktorin des staatlichen Musée Eugène Delacroix, die seit vier Jahren während der Fiac jeweils einen Künstler oder eine Künstlerin aus dem Messeangebot in ihre Sammlung aufnimmt, diesmal eben die Engländerin Rebecca Warren. Die Werke würden ohne Preisangabe ausgestellt und die Transaktion werde in den Galerien getätigt. Die zeitgenössische Kunst sei überdies ein Sektor, der für Eigenankäufe ihres Hauses nicht infrage komme."

Wohin mit der ganzen Kunst? Museen und Sammler kaufen immer mehr davon und dauernd wird Neues produziert. Künstler sterben und hinterlassen Archive. Gerne wird über dieses Thema nicht gesprochen, wohl weil auch niemand eine zufriedenstellende Lösung anzubieten hat. Christian Saehrendt nimmt sich in der NZZ vom 9. Oktober des Problems an und schlägt Lösungen vor. Dankenswerterweise, wie man zunächst meinen könnte: "Es müsste möglich werden, marktgängige Mainstream-Kunst aus Museumsbeständen zugunsten des Ankaufsetats für junge Kunst und der Kunstvermittlung zu verkaufen. Schenkungen sollten nur noch unter dem Vorbehalt des späteren Weiterverkaufs angenommen werden." Bis dahin sind seine Ideen vielleicht provokant, aber diskutabel. Dann gleitet der Autor jedoch ins Groteske ab: "Eine letzte Ruhestätte könnten ausrangierte Kunstwerke auf speziellen Friedhöfen finden, wo sie dem kontrollierten Verfall überlassen oder von Pflanzen pittoresk überwuchert würden. So würden Kunstfriedhöfe zu romantisch-kontemplativen Orten, die zugleich eine kunstpädagogische Funktion ausübten, indem Schulklassen, Studenten und Touristen dort einiges über den Wandel des Geschmacks erfahren könnten." Wer eine durchaus notwendige Diskussion derart ins Lächerliche zieht, braucht nicht auf Gesprächspartner zu hoffen.

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