Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Kunstszene Bogota, Satellitenmesse Odeon; Foto Stefan Kobel

30.10.2017 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 44 2017

Die Tefaf New York scheint in ihrer zweiten Herbstausgabe gut anzukommen. Zumindest freut sich Nate Freeman bei Artnews darüber, wie neu das Alte aktuell wirke.

Beeindruckt zeigt sich auch Sarah Pines in der NZZ: "Es ist der Tag vor der Eröffnung, alles leuchtet, befindet sich hier und da noch im Aufbau, und es ist angenehm, diese Ruhe vor dem Sturm, das Plaudern der Händler über dies und jenes, die langsamen, schweren Kunstwerke - es gibt diese Saison nichts Filigranes oder schrill Lautes, sondern flächige und gelassene Stücke, Schneelandschaften, in diesige Wetter blickende Damen, jahreszeitliches Jagdgrün, Gold, Alabaster. Man möchte gähnen und beruhigt weiterschauen, während Kunsthändler in dunklen Anzügen die Teppiche der Ausstellerkojen noch schnell saugen, unsichtbare Staubkörner von Flächen zupfen und Bilderrahmen gerade rücken."

Warum den Munich Highlights die Aussteller abhanden kommen und sich die einzige deutsche Edelmesse dem 20. Jahrhundert öffnet, erklärt Susanne Schreiber im Handelsblatt: "In Manhattan kommen Kunden zur Tefaf zum Kaufen, nicht nur zum Schauen. Gerade die historischen Künste finden beim altem Geld, wo Bildung auf Finanzkraft trifft, eine dankbare Klientel. Dazu kommt, dass in den USA die Ausgaben für Kunst generell höher liegen als bei uns. Die Kunst einer Messe besteht nun darin, das anzubieten, was der jeweilige Markt erwerben möchte. Zu rar, zu teuer, zu elitär und zu aufwendig verpackt durch Stände, die schöner scheinen als so manches Wohnzimmer - das alles hat in München nicht funktioniert."

Einen detaillierten Rundgang durch das Zelt im Münchener Hofgarten hat Dorothea Baumer für die Süddeutsche Zeitung vom 28. Oktober absolviert. Brita Sachs hat für die FAZ nicht nur die traditionellen Messen besucht, sondern auch den Berlin-Import Paper Positions: "35 Aussteller aus sechs Ländern, darunter auch eine Reihe Münchner Galerien, teilen sich die helle, weite ehemalige Schalterhalle, zwischen hohen Marmorsäulen. Fortlaufend, gewissermaßen Wange an Wange, hängten sie Kunst auf Papier und aus Papier, von fast ausnahmslos zeitgenössischen Künstlern: Das Ergebnis ist eine spritzige, junge Ergänzung der beiden ehrwürdigen Messen."

In Lateinamerika bemühen sich mehrere Hauptstädte um die Vormachtstellung als wichtigster Kunstmarktplatz des Kontinents. ArtBo in Bogota hat dabei keine schlechten Chancen, weil sie von der dortigen Handelskammer veranstaltet wird und daher nicht unbedingt Geld verdienen muss. Ich war für Artmagazine.cc dort.

Das Imperium des Yves Bouvier ist bröckelt. Der Freeport-Betreiber und Kunsthändler habe das Familienunternehmen Natural Le Coultre an die französische Firma André Chenue verkauft, meldet Anny Shaw im Art Newspaper. Sie vermutet, der Rechtsstreit mit Rybolovlev habe Bouviers Geschäfften arg geschadet.

Der Schweizer Fiskus könnte von wegen der Geschäfte Bouviers mit Rybolovlev Steuernachzahlungen von bis zu 165 Millionen Franken verlangen, fasst Eileen Kinsella für Artnet die Recherchen anderer Medien zusammen.

Als Daten-Junkie bezeichnet sich die Galeristin Wendy Norris in ihrem Plädoyer gegen das traditionelle Galeriemodell auf Artsy. Seit sie vor acht Jahren "eine erfolgreiche Karriere in der Tech-Industrie aufgegeben habe, um meiner Leidenschaft für die Kunst folgen", habe sie festgestellt, dass lediglich zehn Prozent der Verkäufe direkt aus Galerieausstellungen resultierten. Sie habe daher nach Optionen gesucht, wie sie jenseits des Galerieraumres (den sie bis auf ein neues Hauptquartier in einem aufstrebenden Viertel San Franciscos) der Kunst und den Künstlern am besten dienen könnte: "Ich habe eine Antwort im Immobilienmarkt gefunden." An dieser Stelle ließe sich eine Diskussion anknüpfen darüber, ob solche Modelle globalen Nomadentums dazu geeignet sind, mehr Menschen zu erreichen oder ob sie der Bespaßung der globalen 0,1 Prozent dienen.

Die Zahl der Milliardäre sei laut dem Milliardärsreport von UBS und PWC im letzten Jahr weltweit um zehn Prozent auf 1.542 gewachsen, berichtet Isaac Kaplan auf Artsy. In Asien sei die Zunahme besonders stark. Ihn interessieren dabei die möglichen Auswirkungen auf den Kunstmarkt.

Jetzt hat auch der Kunstmarkt seinen Harvey Weinstein. Knight Landesman, Mitherausgeber der Zeitschrift Artforum soll über viele Jahre Frauen aus seinem beruflichen Umfeld sexuell missbraucht und belästigt haben. Nach einem ersten Artikel von Rachel Corbett bei Artnet am 24. Oktober trat der Beschuldigte am folgenden Tag zurück.

Die Chefredakteurin des Magazins Michelle Kuo ist inzwischen ebenfalls zurückgetreten, wohl aus Protest gegen den Umgang der Unternehmensleitung mit der Affäre. So lässt sich zumindest ihr Offener Brief verstehen, den Andrew Russeth bei Artnews veröffentlicht.

Das Management scheint mit der Affäre so unglücklich umzugehen, dass sich die eigenen Mitarbeiter laut Sarah Cascone bei Artnet öffentlich distanzieren.

Auf der Facebook-Seite von Artnet-Chefredakteur Andrew Goldstein bricht sich derweil der Zorn der (Selbst-)Gerechten Bahn. Da wird etwa gefordert, der Beschuldigte möge sich vor Gericht nicht verteidigen und allen Beschuldigungen nicht widersprechen.

Man darf gespannt sein, ob und was sich aus der Tierleichenzählung entwickelt, der Caroline Goldstein für Artnet das Hirstsche Œuvre unterzogen hat.

In den USA stehen zwei Museen vor Gericht, weil sie Teile ihrer Bestände liquidieren wollen. Die unterschiedlich gelagerten Fälle erläutert Andrew Russeth für Artnews.

Im Gurlitt-Bestand mit einem Werk von Thomas Couture scheint man doch noch Nazi-Raubkunst gefunden zu haben. Catherine Hickley erzählt den Kunstkrimi im Art Newspaper.

Den Wegen syrischer Raubgrabungen folgt Thomas E. Schmidt für die ZEIT und weist dabei auf einen kaum diskutierten Umstand hin: "Es fehlen Datenbanken, die den Weg von Kunstwerken über Ländergrenzen hinweg dokumentieren. Es wird jedoch auch angenommen, dass Objekte mit höherem Wert zunächst nicht auf den Markt gelangen. Sie werden in Lagerhäusern nahe der Grenze der Ursprungsländer aufbewahrt - für ruhigere Zeiten. Antiken aus Palmyra beispielsweise, wo nach der Ankunft des IS Raubgrabungen nachgewiesen wurden, gelten in Westeuropa zurzeit als unverkäuflich. Anders reagieren die zahlreichen Museen, die derzeit in den reichen Ölstaaten eröffnet werden. Sie kaufen Antiken ohne klare Herkunft sehr wohl an. Proteste westlicher Archäologen werden zurückgewiesen: "Ausgerechnet ihr wollt uns über den Umgang mit Kunst belehren, die ihr uns jahrhundertelang ausgeplündert habt?"

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