Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Gefährdetes Geschäftsmodell Galerie, Foto Stephan Zilkens

13.08.2018 06:00 Uhr

Kunstwoche 33 2018

Das große Thema dieses Jahres ist in der Kunstmarktberichterstattung die tiefgreifende Veränderung der Art, wie Kunst im Diskurs und im Markt verhandelt werden. Am härtesten trifft dieser Strukturwandel den Galeriesektor, für den sich immer drängender die Sinnfrage stellt, wirtschaftlich wie inhaltlich.

Auf das Jahr der Galerieschließungen blickt Daniel Völzke für Monopol zu Beginn des neuen Jahres zurück und fragt: "Wo bleibt die Anerkennung für die herausragenden kulturellen Leistungen gerade der mittelgroßen Galerien? Eines sollte man nämlich nie vergessen: In einer Welt, in der zeitgenössische Kunsterfahrung von wenigen Medien- und Veranstaltungskonzernen abhängt, bieten die kleineren und mittleren Galerien mit hohem finanziellen Risiko und emotionalem Einsatz eigenwillige und persönliche Nischen."

Als Heilmittel gegen das Galeriensterben beschreibt Kolja Reichert den Galerieaustausch Condo in der FAZ vom 21. Januar: " Die Hälfte der Londoner Galerien schreibe rote Zahlen, rechnete die Londoner Galeristin Vanessa Carlos unlängst vor. Das liegt zum einen daran, dass man so tun muss, als ob: also auf möglichst vielen der immer zahlreicheren Kunstmessen für teils viele tausend Euro einen Stand mieten, was sich als Subvention der Großen durch die Kleinen beschreiben ließe; und dass man gleichzeitig auch zu Hause so tun muss, als ob; und die Mieterhöhungen für die Galerieräume stemmen muss, in die dann selten jemand kommt. Vor dem Hintergrund dieser Kunstmarkt-Mittelstands-Krise hat Vanessa Carlos 2016 die alternative Quasimesse Condo gegründet, die verblüffend einfach funktioniert: Galerien teilen sich für ein paar Wochen ihre Räume mit Galerien aus anderen Städten. Man braucht nur einen Termin, Flugtickets, Werke, die am besten in den Koffer passen, und eine Marke. Im letzten Sommer expandierte Condo nach New York, es folgen Mexiko, São Paulo und Schanghai".

Schon wieder ist ein Art Basel-Teilnehmer pleite: Die New Yorker Galerie Broadway1602 habe Insolvenz angemeldet, tweetet Katya Kazakina Ende Januar.

David Zwirner sei die erste von sieben Konzerngalerien, darunter Hauser & Wirth, Pace und Pearl Lam, die zusammen mit einem Auktionshaus elf von 24 Stockwerken in einem maßgeschneiderten Neubau in Hongkong beziehen werde, erzählt fast zeitgleich Sarah Forman in einem mit reichlich Werbematerial bebilderten Artikel auf Artsy.

Die Herausforderungen für kleine und mittlere Galerien, wie sie auf der Konferenz Talking Galleries in Barcelona formuliert wurden, fasst Tim Schneider Anfang Februar bei Artnet zusammen.

Die Berliner Galerie Aanant & Zoo hat im Dezember ihren Ausstellungsbetrieb eingestellt, wie erst im Februar bekannt wird. Damit verliert die Stadt eine der unaufgeregteren Galerien, die mit ihrem intellektuellen Programm (u.a. Michael Müller, Luis Camnitzer, Gerhard Rühm) sowie dem räumlichen, personellen und inhaltlichen Anschluss an den von Sammlern betriebenen Diskursraum Kunstsaele im aufgeregten Berlin eher angenehm im Hintergrund gewirkt hat.

Die Gründe für die Schließung seiner Galerie Aanant & Zoo erörtert Alexander Hahn im Gespräch mit Daniel Völzke in Monopol.

Wie anders der anglo-amerikanische Markt trickt, wird im Interview von Jose Freire (Team Gallery, New York/Venice) mit Andrew Goldstein Anfang März bei Artnet deutlich, in dem er darlegt, warum er nicht mehr an Kunstmessen teilnimmt. Der für seine Galerie günstigste Stand bei einer Messeteilnahme in der 13-jährigen Galeriegeschichte habe 25.000 Dollar gekostet. Dafür könne er auch ein tolles Abendessen geben. Die Frieze im Jahr 2008 habe ihn insgesamt 300.000 Dollar gekostet. In den USA gilt Team als mittelständische Galerie.

Art Basel Cities, die Digitalisierung und die Schwierigkeiten junger Galerien sind einige der Themen, über die sich Art Basel-Chef Marc Spiegler sehr ausführlich im Interview mit Andrew Goldstein bei Artnet verbreiten darf.

Einen weiteren Bericht über die Überlebensstrategien kleinerer Galerien steuert Scott Reyburn in der New York Times bei.

Selbst David Zwirner scheint die Entwicklung des Kunstmarktes in zwei entgegensetzte Richtungen langsam unheimlich zu werden. So habe er vorgeschlagen, dass große Galerien auf Messen höhere Preise zahlen, um die Stände der kleinen zu subventionieren, schreibt Farah Nayeri in der New York Times. Die Not scheint also groß zu sein. War es bisher so, dass die Megagalerien ganz selbstverständlich den Rahm abgeschöpft haben, scheinen sie jetzt allmählich einzusehen, dass man dafür die Kuh nicht verhungern lassen darf.

Warum wir auf Galerien nicht verzichten können, beschreibt Thaddaeus Ropac Anfang Mai bei Artsy.

Die Misere der kleineren Galerien beschreibt Clemens Bomsdorf in der ZEIT und zitiert dabei als Zeugen den Galeristen und Vorsitzenden des BVDG Kristian Jarmuschek: "Früher hätten Sammler ihr Geld im Kunstmarkt reinvestiert, sagt Jarmuschek. 'Jetzt wollen sie mit Kunst Rendite erwirtschaften und sind immer weniger bereit, auf noch nicht etablierte Künstler zu setzen. Darunter würden vor allem Galerien wie seine leiden, mit 1,5 Mitarbeitern zählt auch er zum Mittelbau. Solche, die versuchen, Künstler aufzubauen. Dazu sind Investitionen nötig. Je weniger Käufer aber bereit sind, am Anfang einer Karriere Arbeiten zu kaufen, desto riskanter wird diese Strategie."

Wie Schwarze Löcher ziehen Großgalerien Künstlernachlässe an und wachsen mit dem aufgesogenen Material immer weiter. Die Alleinvertretung des Nachlasses von Günther Förg duch Hauser & Wirth meldet Alex Greenberger Anfang Juni bei Artnews. Der Coup trifft jetzt sogar andere Schwergewichte der Branche, die im Vergleich allerdings immer noch als mittelständisch zu gelten haben: Greene Naftali (New York), Almine Rech (New York, London, Paris, Brüssel), Lelong's (Paris) sowie Bärbel Grässlin (Frankfurt) und Galerie Max Hetzler waren vorher Förgs Galerien.

Die Berliner Galerie Exile zieht von Berlin nach Wien und wird doch rechtzeitig zum dortigen Galerien-Festival "Curated by" im September die Galerien an der Eschenbachgasse verstärken. Private Gründe seien entscheidend für den Umzug gewesen; allerdings sei auch die Miete günstiger. Das verheißt nichts Gutes für die Zukunft Berlins als Kunstmarktstandort.

In einem langen Interview mit Andrew Goldstein erklärt Marc Spiegler Mitte Juni bei Artnet, warum Kunstmessen nicht für die wirtschaftlichen Probleme von Galerien verantwortlich zu machen seien und daher auch nicht viel für sie tun könnten.

Passend dazu fragt Margaret Carrigan Anfang Juli im Art Newspaper, ob das Ende des klassischen Kunstmarktmodells mit Galerien, die Künstler exklusiv vertreten, gekommen sei.

Pflichtlektüre für jeden Galeristen, dem es nicht genügt, sich als Vertreter einer aussterbenden Spezies zu sehen: Die bisher wertvollsten Einsichten aus dem Bankers Trust-Report über das Sammelverhalten der Baby Boomer, Generation X und Millennials vermittelt der National Art Services Executive des Bankers Trust Evan Beard bei Artsy. Selbst ein Millenial, gelingt es ihm, Einstellungen und Wünsche der Angehörigen seiner Generation zusammenzufassen und so auf den Kunstmarkt anzuwenden, dass dadurch ein Kundenprofil entsteht, auf das sich der Kunstmarkt einstellen kann und muss.

Publicity-Gag oder disruptive Erneuerung des klassischen Galeriegeschäfts? Stefan Simchowitz, der Sammlerhändler, für den das Schimpfwort Art Flipper kreiert wurde, verwandelt einen aufgegebenen Zeitungsstand in Los Angeles in einen Kunststand - eine Art Galerie, die nur aus Schaufenster besteht und nur zu den Zeiten mit Personal besetzt werden soll, in denen Dienste wie Google und Yelp für die Gegend ein hohes Passantenaufkommen feststellen. Nachzulesen bei Eileen Kinsella auf Artnet.


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