Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Gedanklich schon woanders: Julia Stoschek; Foto Stefan Kobel

11.05.2020 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 19 2020

Den Abzug der Julia Stoschek Collection verkündet Gesine Borcherdt exklusiv in der WeLT vom 10. Mai und fährt dabei schwere Geschütze gegen die Politik auf: "Die Entscheidung von Julia Stoschek ist absolut nachvollziehbar. Man kann ihr nichts entgegensetzen. Die Ignoranz der Berliner Politik, die mit Provinzmuff, dilettantischer Misswirtschaft und neidgetränkter Verhinderungstaktik international gefeierte Kuratoren und Sammler vertrieben hat, macht nun auch vor der 44-jährigen Düsseldorferin nicht halt." Nun hat Berlin-Schelte bisweilen ihre Berechtigung. Doch wenn die Polemik aus der Feder einer Angestellten freien Mitarbeiterin des Kindsvaters einer sich ungerecht behandelt fühlenden Sammlerin stammt, riecht das schon etwas seltsam. Disclaimer: Julia Stoschek hat einen Sohn mit Mathias Döpfner, dem Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer SE, zu der DIE WeLT gehört.

Dass die Art Basel demnächst ihre größte Filiale im Internet haben könnte, ist nicht zu befürchten, zumindest solange Marc Spiegler dort etwas zu sagen hat. Angesichts der Entwicklungen bei der MCH Group dürfte das auf absehbare Zeit so bleiben. Für die NZZ erklärt der Messedirektor im Interview mit Philipp Meier, warum er an die klassische Kunstmesse glaubt: "Der Kunstmarkt ist ein Markt, auf dem ein Unikat von einer Person an eine andere Person verkauft wird. Es ist ein Akt des Vertrauens, ein Kunstwerk zu kaufen und zu verkaufen. Was allgemein unterschätzt wird in Anbetracht des gegenwärtigen Online-Wachstums im Kunstmarkt, ist die Tatsache, dass dieses Geschäft nur funktioniert auf der Basis des persönlich aufgebauten Vertrauens zwischen Käufer und Verkäufer. Dieses Vertrauen baut man aber nicht im Internet auf, sondern im direkten Kontakt. [...] Die Geschäfte, die jetzt zwischen Galerien und Sammlern stattfinden, kommen nur zustande, weil diese Galeristen und Sammler zum Beispiel letztes Jahr zusammen ein Abendessen genossen haben und sich noch bestens daran erinnern, in Paris diese grossartige Flasche Wein getrunken zu haben."

Fürs Protokoll: Die auf Februar 2021 verschobene Baselworld ist abgesagt. Die Art Düsseldorf (PDF) ist aufs nächste Jahr verschoben. Wann die Messe stattfinden soll, möchte der Veranstalter noch nicht sagen, aber immerhin gibt es mit dem 1. September diesen Jahres schon einen Termin für die Terminverkündung.

Einen Rundgang durch die gerade wieder öffnenden Galerien Berlins hat Kate Brown für Artnet unternommen: "Die Branche kehrt zu einer gewissen Form von Normalität zurück, aber die Situation ist bei weitem nicht normal und auch nicht gesichert. Die Händler, mit denen ich gesprochen habe, tun nicht so, als ob es anders wäre. Die Messen, darunter die Art Basel und die Art Cologne, sind nach wie vor verschoben. Und Galeristen, die normalerweise für ein ganzes Jahr Ausstellungen vorausgeplant haben, zucken mit den Achseln, wenn ich frage, was im September zu sehen sein wird, wenn das Berlin Gallery Weekend jetzt stattfindet, nachdem es vom Mai verschoben wurde."

Wie etablierte französische Galerien in der Krise ihre prekäreren Kollegen und deren jungen Künstler unterstützen, erklärt Naomi bei Artnet am Beispiel von Thaddaeus Ropac, der ihnen im September seine Ausstellungshallen überlässt: "Die 60 Künstler wurden von der Künstlervereinigung Jeune Création ausgewählt. Der gesamte Erlös aus dem Verkauf der Werke geht direkt an die Künstler und ihre Galerien. Die Aktion geht auf eine ähnliche Initiative des französischen Galeristen Emmanuel Perrotin zurück, der einen seiner Pariser Räume nach seiner Wiedereröffnung Ende Mai 26 lokale Galerien zur Verfügung stellt."

Die Vorbereitungen der Branche zu einer behutsamen Rückkehr zu normalem Betrieb in Österreich schildert Nicole Scheyerer in der FAZ: "Mittlerweile durften die österreichischen Galerien ihre Ausstellungen wieder öffnen. 'Nur mit Wiederaufsperren ist es nicht getan. Der jetzige Einschnitt ist existentiell', klagt [Galerist Martin] Janda, der sich auch im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft für seine Branche engagiert: 'Das Geschäftsmodell kleinerer und mittlerer Galerien wird von mehreren Seiten attackiert.' Aufgrund der Fixkosten und der ausgefallenen internationalen Messen würde es die Unterstützung der öffentlichen Hand brauchen, appelliert Janda an die Kulturpolitik."

Eine Idee, wie Österreichs Künstlern, Galerien und Kunsthändlern geholfen werden könnte, greift Olga Kronsteiner im Standard auf: "Was immer den Handel in nächster Zeit ankurbelt, hilft folglich auch den Künstlern. Es gebe Mittel und Wege, beide Akteure des Marktes durch die Krise zu manövrieren. Die steuerliche Absetzbarkeit von Kunstankäufen wäre eine konjunkturbelebende Maßnahme, von der alle Beteiligten profitieren würden." Sie verweist auf die wirtschaftliche Bedeutung von Kultur- und Kreativwirtschaft, die laut einer EU-Studie zu den größten Wirtschaftszweigen gehöre: "Denn direkt oder indirekt beschäftigt sie etwa sieben Millionen Europäer und stelle damit mehr Arbeitsplätze als Automobilhersteller, sei damit der drittgrößte Arbeitgeber in Europa, übertroffen nur vom Bauwesen und der Gastronomie."

Wie schwerwiegend die Corona-Krise für Sotheby's ist, zeigt mein Blick in den Jahresbericht für das Handelsblatt: "In der aktuellen Situation kann niemand seriöserweise exakte Prognosen treffen. Es gehört daher zur unternehmerischen Sorgfaltspflicht, auf diese Unsicherheiten hinzuweisen, ebenso wie der noch bedrohlicher klingende Satz: 'Das Unternehmen hat erklärt, dass diese negativen finanziellen Bedingungen erhebliche Zweifel an der Fähigkeit des Konzerns zur Fortführung des Unternehmens aufkommen lassen.'"

Von der Schuldenlast des Konzerns ist auch Eileen Kindella bei Artnet beeindruckt: "Der Kauf von Sotheby's durch Drahi im Wert von 3,7 Milliarden Dollar war mit hohen Schulden verbunden. Bis heute belaufen sich die ausstehenden Schulden des Unternehmens nach den neuesten Unterlagen auf 467 Millionen Dollar (plus Zinsen). Mehr als ein Viertel davon - 119 Millionen Dollar - muss das Unternehmen in diesem Jahr an Zinsen und Tilgungszahlungen zahlen, in den nächsten vier Jahren jeweils rund 84 Millionen Dollar."

Die Auktionshäuser Christie's und China Guardian planten gemeinsame Ausstellungen und Auktionen in Schanghai, berichtet Anna Brady im Art Newspaper.

An den Neustart des Kunsthandels nach dem Zweiten Weltkrieg, bei dem es keineswegs eine Stunde Null gab, erinnert der Leiter des Oldenburger Landesmuseums Rainer Stamm in der FAZ vom 9. Mai: "Mit der Einführung der Deutschen Mark im Juni 1948 erlebte die Pionierphase des modernen Kunsthandels in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands ein vorläufiges Ende. Waren alte Reichsmarkbestände noch gerne gegen Kunst eingetauscht worden, so war die neue Währung ein knappes Gut: '1948, nach der Währungsreform hatten die Leute kein Geld mehr, Bilder zu kaufen', erinnerte sich Ingeborg Sello, die den Kunsthandel daraufhin aufgab und noch im selben Jahr ein eigenes Fotoatelier eröffnete."

Auch diesseits der berühmt-berüchtigten Quote von vier Prozent der Künstler, denen nach dem Akademieabgang eine (Markt-) Karriere beschieden ist, lässt es sich zufrieden leben - laut einer Studie der Universität Hamburg, die Georg Imdahl für die FAZ vom 9. Mai ausgewertet hat: "Vielleicht ist eine realistische, pragmatische Selbsteinschätzung eine entscheidende Voraussetzung dafür, die Laufbahn nach der Akademie langfristig zu bestimmen. Denn der Grad der Zufriedenheit mit dem Leben erweist sich weniger in jungen Jahren als im vorgerückten Alter, wenn Fragen nach Daseinsvorsorge drängender werden und sich Alternativen im Broterwerb reduzieren. Ob in Hamburg, Berlin, Frankfurt oder im Rheinland: Überall leben viele Künstlerinnen und Künstler, die ein Alter um die fünfzig überschritten haben, täglich ins Atelier gehen und bemerkenswerte Werke schaffen, für die sich aber partout niemand so recht interessieren will. Schon gar nicht der Markt, der ist brutal. Aber Erfolg, wenigstens durchschnittliche Zufriedenheit, braucht offenbar nicht notwendig die große Bühne der Öffentlichkeit."

Den Ankauf der Sammlung Kicken für acht Millionen Euro durch Generaldirektor Felix Krämer für das Düsseldorfer Museum Kunstpalast kritisiert Christiane Fricke im Handelsblatt: "Tatsächlich handelt es sich bei der Sammlung Kicken nicht um eine gezielt aufgebaute Sammlung, sondern um den über 40 Jahre von permanenten Zu- und Abflüssen geprägten Warenstock einer Galerie. Der beinhaltete neben Originalabzügen aus dem zeitlichen Umfeld der Aufnahme auch auffällig viele spätere Abzüge, Mappenwerke sowie 413 anonyme Bilder und Schnappschüsse von nicht durchweg origineller Art."

Das internationale Den Haager Schiedsgericht Cafa für Streitigkeiten in Sachen Kunst habe 170 neue Experten zu Schiedsrichtern und Mediatoren ernannt, meldet Riah Pryor im Art Newspaper.

Der Sammler Thomas Olbricht gibt seinen Me Collectors Room auf und übergibt das Gebäude an den Berliner Sammler Peter Janssen für dessen Samurai Museum, wie Christiane Meixner im Tagesspiegel meldet: "Es waren großartige Jahre für die Stadt. Ein offenes Haus im Zentrum gleich neben dem KW Institute for Contemporary Art, dessen museumsreife Ausstellungen mit Werken u.a. von Gerhard Richter, der amerikanischen Fotokünstlerin Cindy Sherman oder dem Maler Sigmar Polke den internationalen Diskurs über zeitgenössische Kunst spiegelten. Damit ist nun Schluss, und auch die einzigartige Wunderkammer im oberen Geschoss mit ihren teils bizarren Antiquitäten aus Mittelalter und barocken Zeiten wird abgebaut und nach Essen gebracht."

Die Aufarbeitung des Falls Gurlitt sei zu einem Akt akademischer Bürokratie verkommen, erklärt Stefan Koldehoff im Deutschlandfunk im Gespräch mit Britta Bürger über die abschließende Studie des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste: "Ein wichtiger Aspekt bleibe in dieser Veröffentlichung jedoch unbeleuchtet: 'Man hätte eigentlich erwarten müssen, dass die Rolle der beteiligten Behörden aufgearbeitet worden wäre. Wenn wir uns erinnern: Diese Sammlung war eigentlich völlig ohne rechtliche Grundlage bei einem alten Mann in München-Schwabing beschlagnahmt worden. Man konnte ihm nichts nachweisen. Man hat ihm bis heute nicht nachweisen können, dass er irgendwie verbrecherisch gehandelt hätte. Im Gegenteil: Die Zahl der sogenannten Raubkunstwerke, die im Schwabinger Kunstfund ausfindig gemacht werden konnten, ist nach wie vor verschwindend gering. Davon aber kein Wort. Eine Behörde, wie sie ja letztlich auch das Zentrum Kulturgutverluste ist, übt offenbar an anderen Behörden keine Kritik.'"

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