Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

June im August: Online stark

24.08.2020 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 34 2020

Besser als befürchtet seien die von Sotheby's veröffentlichten Zahlen, schreibt Anne Reimers in der FAZ: "Sie beziehen sich auf die ersten sieben Monate des Jahres, weil wichtige Live-Auktionen wegen Corona auf spätere Termine im Juli verlegt werden mussten. Der Zeitraum von Januar bis Ende Juli 2020 ist daher besser mit den ersten sechs Monaten des Vorjahres vergleichbar. Es lief deutlich besser als zunächst befürchtet: Die Firma konnte 2,5 Milliarden Dollar umsetzen. Die Summe setzt sich aus Auktions- und Privatverkäufen und Einnahmen über die Online-Plattformen 'Sotheby's Home' und 'Sotheby's Gallery Network' zusammen. Zum Vergleich: Im ersten Halbjahr 2019 wurden insgesamt 3,3 Milliarden Dollar umgesetzt."

Eine zumindest irgendwie versöhnliche Saisonbilanz versuche ich für das Handelsblatt zu ziehen.

Überschaubarer und weniger hektisch werde die Kunstwelt nach Corona sein, glaubt Andrew Fabricant, der COO von Gagosian, mit dem Abby Schultz für Barron's gesprochen hat: "Ein Problem ist diese Aufblähung, dieser Überfluss und diese Redundanz in der Kunstwelt. Es gibt zu viele Kunstmessen; jede Woche findet eine Auktion statt. Es gibt ein gewisses Maß an Müdigkeit, das ich nicht nur im letzten Jahr, sondern auch in den letzten paar Jahren gespürt habe. Das Übermaß der schieren Menge an Dingen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfinden, führte zu einer gewissen Apathie. Der unbeabsichtigte positive Effekt von Covid, wenn es einen gibt, besteht darin, dass die Leute sich zurückhalten und neu bewerten: Was ist eine Priorität für mein Geschäft, wenn ich im Kunsthandel tätig bin, und was sind meine Prioritäten als Sammler? Was muss ich tun, um Kunst zu sehen? Welche potenziellen Risiken gehe ich ein? Lohnt es sich, mein Leben zu riskieren, um diese Raphael-Ausstellung [in der National Gallery of Art] in London [die verschoben wurde] zu sehen? Vielleicht. Aber lohnt es sich, zur Art Basel Miami zu gehen? Das glaube ich nicht."

James Murdochs Einstieg bei der MCH Group könnte ein Glücksfall für die Art Basel sein, hofft Georg Imdahl in der FAZ: "James Murdoch unterstützt im amerikanischen Wahlkampf Trumps Widersacher Joe Biden, und ein Blick auf die unternehmerischen Aktivitäten seiner Investmentgesellschaft Lupa Systems kann die Erwartung nähren, dass dem neuen MCH-Aktionär mehr an Kontinuität gelegen ist als daran, seine Beute spontan umzukrempeln. Anzeichen dafür erkennt eine "Artnet"-Analyse in Murdochs Umgang mit dem von ihm erworbenen Tribeca-Filmfestival. In Bezug auf Technologie und Digitalisierung, in die er im größeren Stil investiert habe, würden Schnittstellen mit den Anforderungen und Zielen der Art Basel erkennbar."

Doch der Deal ist noch immer nicht in trockenen Tüchern, weil jetzt die Aufsichtsbehörde Einspruch erhebt, wie Isabel Strassheim in der Basler Zeitung meldet: "Ein Entscheid der Übernahmekommission verhindert den Einstieg von James Murdoch. Denn der Milliardärssohn darf nun nur wie geplant mit mindestens einem Drittel bei der MCH Group einsteigen, wenn er auch den restlichen Aktionären ein Kaufangebot macht. Das würde ihn jedoch teuer zu stehen kommen. Murdochs Beteiligung und die dringend nötige Sanierung der Messe, an der die Kantone Basel und Zürich beteiligt sind, hängen damit in der Luft."

Die ursprünglich in Miami als Satellitenmesse gestartete Untitled hat zusammen mit dem skandinavischen Start-Up Artland eine virtuelle Ausgabe auf die Beine gestellt, die deutlich besser aussieht, als alles, was die Platzhirsche bisher dargeboten haben. Das Art Newspaper hat den Auftritt von drei Fachleuten beurteilen lassen. Das Thema Privatsphäre scheint übrigens nicht nur hier bestenfalls noch am Rande zu interessieren.

Während die verkleinerte Liste Basel nicht ganz überraschend auch für den September abgesagt wurde, liefert die Baseler Satellitenmesse June Art Fair unter den Internet-Fittichen von Hauser & Wirth einen beeindruckenden Online-Auftritt hin, den sich etablierte Kunstmessen sehr genau ansehen sollten.

Nur gerecht oder wohlfeile PR-Maßnahme? Das Flipping von Kunstwerken gerade angesagter schwarzer Künstler ufere derart aus, dass Christie's für seine Auktion "Say it loud" den Käufern restriktive Bedingungen stelle, berichtet Eileen Kinsella für Artnet. Sie müssten sich verpflichten, die ersteigerten Werke frühestens nach fünf Jahren auf einer Auktion anzubieten und im Falle eines anderweitigen Verkaufs 15 Prozent des Gewinns an den Künstler weiterzureichen. Immerhin verspricht das Auktionshaus selbst, den kompletten Erlös den einliefernden Künstlern zu überlassen. Deren Galerien belieben offenbar außen vor. Über diese Direktvermarktung wird ein Spekulantenmarkt allerdings eher befeuert, da die Galerien außen vor bleiben. Und schließlich sind sie es, die Künstlerkarrieren begleiten und mit Institutionen zusammenarbeiten.

Aber warum sollten Auktionshäuser und deren Kunden es anders machen als der Staat, der als Corona-Hilfsmaßnahme den Ankauf von rund 150 Kunstwerken für jeweils bis zu 20.000 Euro direkt aus den Ateliers plant, wie Daniel Völzke bei Monopol berichtet.

Nach seinem Weggang aus Berlin trennt sich der Thomas Olbricht von einem Teil seiner Sammlung über das Kölner Auktionshaus Van Ham, meldet Christiane Fricke im Handelsblatt: "Dem Wunsch des Sammlers folgend, wird Van Ham eine Präsenzauktion mit Vorbesichtigung veranstalten. Kleinere Lose, die nicht im gedruckten Katalog verzeichnet sind, finden sich im Onlinekatalog, der darüber hinausgehende Bildinformationen anbietet. Im Übrigen rechnet Markus Eisenbeis mit seinen neu gewonnenen Onlinebietern: 'Früher hatten wir nur fünf bis zehn Prozent.' Bei allen Präsenzauktionen des Frühjahrs habe der Anteil jedoch schon bei 25 Prozent gelegen. 'Da geht die Reise hin.'"

Das Geschäftsgebaren Yves Bouviers im Umgang mit Dmitry Rybolovlev mag zwar unschön aber legal gewesen sein. Auf die rund 2 Milliarden Franken Umsatz soll der Kunsthändler und ehemalige Freeport-König jedoch vergessen haben, fällige Steuern an den schweizerischen Fiskus anzuführen, berichten Anna Brady und Vincent Noce im Art Newspaper. Bouvier bestreite nach wie vor jegliche Verfehlung, berichtet Olga Grimm-Weissert, die sich im Handelsblatt ebenfalls des Themas annimmt: "Bouvier habe Gewinnsummen von 330 Millionen Franken von seinen Konten MEI Invest Ltd in Hongkong und Blancaflor Investments Ltd auf den Britischen Jungferninseln abgehoben. Die Summe ergäbe laut Ansicht des Schweizer Fiskus eine Steuerschuld von 80,9 bis 160 Millionen Franken."

Bei der Tefaf dreht sich das Personalkarussell weiter. Die erst im Frühjahr interimistisch angetretene Geschäftsführerin Sophie Scheerlinck räume ihren Posten für Charlotte van Leerdam, die von Amsterdam aus alle drei Ausgaben (einmal Maastricht, zwei mal New York) verantworten werde, meldet Anna Brady im Art Newspaper. Gleichzeitig werde in New York Personal abgebaut.

Die Gefahren am Arbeitsplatz Bildender Künstler sind normalerweise bestenfalls in Anekdoten Gesprächsthema. Der New Yorker Restaurator Christian Scheidemann warnt im Interview mit Christina Lissmann für Monopol: "Im Fachhandel hat sich einiges getan. Vorsicht aber beim Kauf von preiswerteren Farben über das Internet oder im Baumarkt. Viele lesen die Warnhinweise nicht - falls welche existieren. Außerdem sind die Inhaltsangaben für Nichtchemiker oft kaum zu übersetzen. 'Aromaten' etwa hört sich nach Duftstoff an, es sind jedoch gefährliche chemische Verbindungen. Es lohnt sich, den Waschzettel genau zu studieren."

Am Ende ihrer Erzählungen aus der eigentümlichen Welt der Mega-Yachten macht Pandora Mather-Lees, die Schulungen im Umgang mit teurer Kunst auf See anbietet, im Gespräch mit Anne Waak für Monopol einen pragmatischen Vorschlag, der ihre eigenen Dienste im Grunde überflüssig macht: "Ich bin gerade aus Vancouver zurückgekehrt, wo ich die Mitarbeiter einer Technologie-Firma in den Themen Kunstwelt und Kunstverständnis geschult habe. Diese Firma stellt 3-D-Repliken von Gemälden her. Um einen auf einer Yacht ruinierten Monet oder van Gogh wäre es wirklich schade. Eine elegante Lösung dafür ist, das Werk scannen und minutiös reproduzieren zu lassen, um es ohne Risiko auf dem Schiff präsentieren zu können, während das Original zum Beispiel im Freihafen lagert."

Die Crossover-Abteilung Orangerie der Villa Grisebach wird jetzt von Georg Ottomeyer geleitet, den Sabine Spindler im Handelsblatt portraitiert.

Einen sehr einfühlsamen Nachruf auf die ermordete Kuratorin und Kunstmanagerin Rebbecah Blum hatte Kit Schulte für die Taz verfasst.

Ganz ohne Nachruf in der Presse musste der bereits Ende Juli verstorbene Gerhard Charles Rump auskommen. Ein wenig aus der Zeit gefallen wirkte der 1947 geborene umfassend klassisch gebildete Kunsthistoriker in der Kunstmarktberichterstattung, die er als Redakteur der WeLT von 1994 bis 2010 mit prägte. Meinungsstark und durchaus ein wenig exzentrisch, galt er in der Szene als kontrovers. Schon seine 1974 erschienene Dissertation über George Romney und die Bildform der Bürgerlichen Mitte in der englischen Neoklassik offenbarte eine Fabulierlust, die eher barock üppig zu nennen ist denn klassisch nüchtern. Mir seiner entsprechenden Haltung eckte er oft an in den späten 90er und Nuller Jahren, doch bewahrte er sich immer seine ganz eigene Stimme, was im oft trockenen bis erbsenzählerischen Berichterstattungston der Branche durchaus unterhalten konnte. Neben und nach seiner Karriere widmete Rump sich der Lehre und der Fotografie, die er mit Leidenschaft betrieb. Seine Bielefelder Galerie würdigt Gerhard Charles Rump in einer Pressemitteilung.

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