Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Peinlicher geht immer: Berlins ehemaliger Kulturstaatssekretär Tim Renner auf Wahlkampftour auf der Art Berlin; Foto Stefan Kobel

18.09.2017 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 38 2017

Die Art Berlin hat die Nachfolge der gescheiterten abc Art Berlin Contemporary angetreten, nunmehr als Tochter der Art Cologne. Voll des Lobes für die neue Veranstaltung ist Christian Herchenröder im Handelsblatt vom 15. September: "Die Berliner Messerepräsentantin Maike Cruse und Daniel Hug, der als Vertreter der Art Cologne seine Erfahrung einbringt, haben das Wunder vollbracht, gleichsam aus dem Stand ein neues Format zu schaffen, dessen Stände meist breit und offen sind. Nach wie vor haben wir hier ein Heimspiel renommierter Berliner Galerien. Aber dank der Kölner Schützenhilfe ist es gelungen, rund 40 Galerien in diese Veranstaltung zu locken, die an diesem Ort lange nicht oder noch nie vertreten waren."

Die Vorteile der neuen Allianz von Rhein und Spree betont Gabriela Walde in der Morgenpost: "Der Sammler stößt hier gleichermaßen auf Neues und große Namen und Kunstgeschichte. Das ist die Chance der Art Berlin. Das neue Duo Köln/Berlin bietet Perspektiven. Hier bündeln sich Expertise und Sammlerkraft vom Rhein, Berlin als Kunstproduktionsstandort Nr. 1 in Europa lockt mit Spirit und der Lust auf mehr. Sammler kommen gerne nach Berlin - darin sind sich alle einig. Die Frage bleibt, ob die Messe langfristig profitabel arbeitet. Diese erste Ausgabe wurde in wenigen Monaten gestemmt, erst im nächsten Herbst soll es eine Auswahlkommission für die Galerien geben. Dann wird sich das Profil wohl noch einmal ändern."

Die Verwertungslogik des Kunstmarkts stellt Niklas Maak in der FAZ in Frage: "Wann immer in Berlin eine Kunstmesse stattfindet, wie immer sie auch heißt, wird gefragt, ob sie denn nun auch mithalten könne mit den anderen Veranstaltungen dieser Art, mit der Frieze in London, der Fiac in Paris oder wenigstens der Art Cologne, und mit 'mithalten' ist gemeint: Große, international bekannte Galerien, Blue-Chip-Triple-A-Kunst, Meister- und Spitzenwerke, wer immer definiert, was das ist. Man weiß gar nicht, ob man Berlin diesen Erfolg wünschen soll, denn es ist ja die Besonderheit der Stadt wie auch ihrer Messe, dass der fehlende ökonomische Druck, der in vielerlei Hinsicht ein Problem sein mag, auch eine Freiheit erzeugt, Dinge zu machen und zu zeigen, die man anderswo in Erwartung horrender Gewinne durch die bekannten Cash-Maschinen des Betriebs lieber gar nicht erst auf die Bühne bringt."

Swantje Karich kann sich für DIE WELT nur mäßig begeistern: "Mit der Art Berlin ist der Traum geplatzt, Berlin sei anders, frei. In den letzten zwanzig Jahren hat die Stadt als Kunstmarktort eine große Zeit erlebt, und Maike Cruse ist ein antreibender Motor. Nirgends sonst wurde so mutig experimentiert. Man wollte sich mit der ABC lösen von der klassischen Kojenwelt, in der Kunst wie Küchenmöbel angeboten wird.Geblieben ist von dieser Zeit das extrem erfolgreiche Gallery Weekend im Frühjahr. Die Art Berlin aber ist nun eine erstaunlich gewöhnliche Messe geworden, die nur einen Zweck erfüllen soll: Verkaufen. [...] Der Weg dahin ist weit, schaut man sich die erste Ausgabe an, die Kunst von der Moderne bis in die Gegenwart zeigt. Man muss zur Verteidigung sagen: Zugelassen wurden alle Galerien, die sich meldeten. Ein Bewerbungsverfahren mit Jurykontrolle setzt erst im kommenden Jahr ein. Dann wird sich das Gesicht der Messe noch einmal verändern. Hoffentlich." Das Auswahlverfahren hätte sie sich vielleicht besser erklären lassen sollen.

"Wie groß muss die Verzweiflung gewesen sein, dass man sich in Berlin mehr Kommerzialität wünschte?", fragt Jörg Häntzschel rhetorisch in der Süddeutschen Zeitung vom 16. September. Er findet, "Dass die Messe per Sturzgeburt auf die Welt gekommen ist, bleibt unübersehbar." Allerdings sieht auch er: "Die meisten aber stören sich kaum an der Anwesenheit ihrer nicht immer satisfaktionsfähigen Kollegen und sind froh, dass die Messe überhaupt stattfindet."

Meine Berichte zur Art Berlin finden sich bei Artmagazine.cc und Kunstmarkt.com.

Auf der Satellitenmesse Positions hat sich Agata Waleczek für DIE WELT umgesehen: "Ziel der Messe ist es, die Zahl der Teilnehmer aus Osteuropa in Zukunft weiter zu erhöhen, um sie in ihrer harte wirtschaftlichen Situation in ihren Heimatländern zu unterstützen. Neu ist außerdem das Projekt Academy Positions im Einkaufszentrum Bikini Berlin. 29 Studenten von deutschen Kunsthochschulen bekommen hier die Chance, auszustellen. Alle diese programmatischen Teile ergeben ein Bild, das einen guten Weg anzeigt."

Auf Lokalpatriotismus macht Angela Hohmann im Tagesspiegel, indem sie anscheinend voraussetzt, die Positions und die Art Week hätten ohne Hauptmesse eine Perspektive: "Die Messe hat also weiter an ihrem Profil gearbeitet und präsentiert sich mit solchen Formaten jedes Jahr mit neuen Varianten. Dennoch könnte durch die neue Partnerschaft von Art Berlin und Kölnmesse während der Berlin Art Week erneut ein Modell entstehen, wie man es noch aus Zeiten des Art Forums kennt - jener ersten Berliner Messe, die 2011 eingestellt wurde. Um eine Hauptmesse würden sich dann wieder Nebenmessen scharen."

Johann König auf dem Weg zur Großgalerie: Über die Eröffnung seiner Londoner Filiale "König Archiv & Souvenir" spricht der Galerist für Artnet mit Caroline Elbaor.

Dass Fotografie aktuell das heißeste Investment wäre, will Patrick Collinson für den Guardian herausgefunden haben. Belege bleibt er leider schuldig.

Wie unangenehm ihr die Idee von Kunst als Ware ist, erklärt die Sammlerin Erika Hoffmann in der ZEIT vom 14. September im Interview mit Christiane Meixner: "Es stört mich, wenn es das Erste und Wichtigste ist, was über ein Kunstwerk gesagt wird. Die bloße Idee, in Kunst zu investieren, lässt mich zweifeln, ob ich hier weitermachen kann, weil diese Sammlung eben nicht als Investition gedacht ist, sondern als etwas, das zum Leben gehört. Kunst, mit der ich mich täglich auseinandersetzen will. Deshalb hänge ich die Arbeiten in meiner Wohnung auf."

"Von Athen lernen" - angesichts der aktuellen Entwicklungen bei der documenta schreiben sich die Witze fast von selbst: Die documenta 14 wäre vor ihrem Ende bankrott gegangen, hätten die Stadt Kassel und das Land Hessen nicht 7 Millionen Euro in Form einer Bürgschaft nachgeschossen, berichten Florian Hagemann, Horst Seidenfaden und Frank Thonicke in der HNA: "Als die dramatische Schieflage der documenta auffiel, gab es am 28. August 2017 eine Sondersitzung des Aufsichtsrats der documenta in Wiesbaden. documenta-Leiter Adam Szymczyk wurde dazu schon gar nicht mehr eingeladen. Auf dieser Sitzung wurde ein Bankrott der documenta GmbH abgewendet. Man einigte sich, dass das Land Hessen und die Stadt Kassel als Gesellschafter der documenta gGmbH Bürgschaften in Höhe von je 3,5 Millionen Euro übernehmen." Der Skandal bestimmt auch das "Streitgespräch" zwischen Elke Buhr und Kolja Reichert in der Kulturzeit von 3sat.

In einem Statement, ebenfalls in der HNA veröffentlicht, verwehrt sich der künstlerische Leiter der documenta Adam Szymczyk gegen die Vorwürfe und legt nahe, man hätte ja wissen müssen, dass das bewilligte Budget nicht ausreichen würde. Damit nicht genug, treten zahlreiche documenta-Künstler in einem Offenen Brief auf e-flux noch einen Umweg-Beweis von Godwin's Law an.

Tilman Krause flüchtet sich angesichts dieser Uneinsichtigkeit für DIE WELT in Sarkasmus: "Schade nur, dass der Millionenverbrenner dabei doch nur wieder zu der öden Kuratorensprache Zuflucht nimmt, um sich zu erklären, anstatt mit Grandezza einen Bogen zum alteuropäischen Brauchtum der Verschwendung zu schlagen. Denn wir haben sie ja, die Tradition der lustvollen Sinnlosigkeit, die den staunenden Zeitgenossen vorführt, wie man das Nützlichkeitsdenken mit Karacho außer Kraft setzt."

Die documenta gleich komplett abzuschaffen, fordert Marcus Woeller, ebenfalls in DIE WELT: "Und so ist vielleicht das beste Ende doch ein Ende mit Schrecken. Die Documenta hat sich selbst zerlegt. Mit einem finanziellen Fiasko, mit verletzten Eitelkeiten auf allen Seiten, mit Schäden an der Kunst, am Kurator, am Management. Tabula rasa. Immer noch die beste Voraussetzung, um einmal ganz neu anzufangen."

Unterdessen macht Sabine B. Vogel in ihrem Blog öffentlich, wie sie sich von der Geschäftsführerin der documenta in Zermürbungsgefechte gezwungen fühlt.

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