Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Ausweitung der Messezone: Artissima Turin

06.11.2017 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 45 2017

Die bekannte Power 100-Liste von Art Review wird mit Hito Steyerl von einer Deutschen angeführt. Beatrix Ruf landet auf Platz 29.

Dass Karrieren im Kunstbetrieb schon immer mit Macht und Geld zusammenhängen, zeigt Astrid Mania am Beispiel Paul Cezannes in der Süddeutschen Zeitung vom 4. November: "Vielleicht können Blicke in eine Kunstgeschichte, die solche Zusammenhänge aufarbeitet, ja bei der Beurteilung und Abwägung gegenwärtiger Konflikte zwischen öffentlichem Museum, Markt und privater Sammlung, zwischen Allgemein- und Eigenwohl helfen. Vielleicht lässt sich vor diesem Hintergrund auch ein anderes, realistischeres Bild von Sammlungshistorien zeichnen, von der Art und Weise, wie bedeutende Werke in Museumsbestände gelangt sind. Und vielleicht offenbart sich so auch, dass öffentliche Museen und Großausstellungen - mögen sie sich auch noch so marktfern geben - damals wie heute in den Markt und in ökonomische Kontexte eingebunden sind.

Wie Künstler in der Vergangenheit an ihrer eigenen Karriere arbeiteten, erklärt Susanne Schreiber Christiane Fricke im Handelsblatt vom 3. November für Ferdinand Hodler anlässlich von dessen Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn: "Ziemlich schnell fand der Maler heraus, welche Verkaufsstrategien er anwenden musste, um ein nationales und internationales Publikum zu erreichen und zu Bildkäufen zu bewegen. Fleißig beschickte Hodler nationale, später internationale Wettbewerbe, um sich bekannt zu machenund lernet die karriefördernde Wirkung von Eklats kennen."

Über den Fall Gurlitt hat Maurice Philippe Remy ein Buch geschrieben, in dem die beteiligten Staatsvertreter keine gute Figur machen und das Thomas E. Schmidt in der ZEIT bespricht: "Nach der Lektüre dieses Buches ist es ein deprimierender Gedanke, dass alle diese Personen in der gerade angebrochenen Legislaturperiode unbehelligt fortwirken können und die Affäre sogar für eine heroisierende Selbstdarstellung nutzen. Das Vorgehen der ermittelnden Behörden wird sicher nicht mehr Gegenstand eines juristischen Verfahrens sein."

Kolja Reichert stellt und beantwortet zum Thema einige Fragen in der FAZ vom 5. November, unter anderem die, ob Cornelius Gurlitt kriminell war: "Nicht nur Hildebrand log mehrfach über die Sammlung, auch seine Frau Helene und die beiden Kinder hielten die Lüge aufrecht, die Geschäftsunterlagen seien bei der Bombardierung Dresdens in der Familienvilla verbrannt. Jeder mögliche Tatbestand in Sachen Raubkunst aber war 2012 verjährt und der Anfangsverdacht der Steuerhinterziehung nicht zu halten." Mit dem letzten Satz ist zum Verhalten der Behörden eigentlich alles gesagt.

Um Verständnis wirbt bei aller Kritik hingegen Maria Ossowski im SWR: "Remy blendet aus, welch riesiger internationaler Druck auf der Bundesregierung lastete, als die Affäre öffentlich wurde. Und dass niemand 2013 wissen konnte, wie viele Bilder wirklich geraubt oder erpresst worden waren. Daher musste eine Taskforce eingesetzt werden, um genau dies zu prüfen. Der Focus ging von 1.500 Kunstwerken aus, ein Sprecher des damaligen Staatsministers für Kultur, Bernd Neumann, rechnete mit 590 Bildern, die Taskforce im Abschlussbericht 2016 geht von 117 Verdächtigen Bildern aus, bislang sind es sechs." Diese Argumentation wiederum blendet aus, dass der ganze Aufriss überhaupt nicht nötig gewesen wäre, wenn die Behörden von Anfang an etwas Umsicht hätten walten lassen.

Im Gespräch mit Carola Padtberg für den Spiegel erklärt Kurator Rein Wolfs seine Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle, die Werke der Sammlung Gurlitt im Raubkunst-Kontext zeigt.

Wie sich um die Restitution von Raubkunst ein Geschäftszweig entwickelt hat, erklärt Oliver Meier ausführlich im SRF.

Für eine Regionalmesse zu groß, für eine internationale Messe zu umsatzschwach, schafft es die Artissima in Turin gleichwohl immer wieder, hohe Qualität in erstaunlicher Breite anzubieten. Ich war für das Artmagazine dort.

Donald Trumps geplante Steuerreform  könnte gravierende Auswirkungen auf den Kunstmarkt in den USA haben, vetmutet Katya Kazakina bei Bloomberg. Bisher bot der ursprünglich für Immobiliengeschäfte gedachte Artikel 1031 aus dem Jahr 1921 des Steuergesetzes ein Schlupfloch für alle möglichen Arten von Spekulationsgewinnen. Bisher können entsprechende Steuern auf Verkäufe vermieden werden, wenn die Einnahmen in eine ähnliche Anlage reinvestiert werden. Diese Steuervermeidungsmöglichkeit sei der Motor des oberen Segments des amerikanischen Kunstmarkts gewesen. Kurzfristig könne die Änderung vor ihrem Inkrafttreten zu einer steigenden Zahl an Transaktionen und höheren Preisen führen, langfristig zu sinkenden, bis sich die Leute daran gewöhnt hätten, auf Gewinne aus Kunstverkäufen Steuern zu zahlen. Aus welchem Grund zukünftig nur noch House flipping begünstigt sein soll, ist dem Artikel nicht zu entnehmen. 

Der Versuch des Berkshire Museums, das Norman Rockwell-Tafelsilber zu verscherbeln, worum gerade vor Gericht gestritten wird, stelle einen Präzedenzfall dar und könne das Museumswesen nachhaltig verändern, argumentiert Andrew Russeth auf Artnews, weil es sich bei den Werken, die bei Sotheby's für geschätzte 30 Millionen Dollar verkauft werden sollen um Geschenke handele, deren Erlös stiftungswidrig nicht zum Ankauf neuer Werke oder der Existenzsicherung dienen solle, sondern zum Teil für Renovierungen und neue digitale Präsentationsformen.

Auch der Nahe und Mittlere Osten hat offenbar ein Problem mit Fälschungen seiner Klassischen Moderne, wie Tim Cornwell und Anna Brady im Art Newspaper berichten.

Druckgraphiken Alter Meister folgten nicht den Regeln, wie sie heute für Editionen gelten. Die Eigenheiten erklärt Peter Dittmer in der ZEIT vom 2. November: "Auch der Tod des Künst­lers setz­te dem Dru­cken sei­ner Wer­ke kein En­de. Die Holz­stö­cke und vor al­lem die Plat­ten der Kup­fer­sti­che wur­den ver­erbt und ver­kauft. Und im­mer wie­der neu ge­druckt. Mit je­der neu­en An­fer­ti­gung sank aber auch die Qua­li­tät. Von ei­ner ge­walz­ten Kup­fer­plat­te las­sen sich in der Re­gel 15 bis 30 gu­te Dru­cke ma­chen, von ei­ner ge­häm­mer­ten sind et­wa 50 mög­lich. Da­nach wer­den die Kon­tu­ren un­ge­nau. Doch die Ver­le­ger wuss­ten sich zu hel­fen: Ent­we­der lie­ßen sie die Plat­ten 'aufste­chen', al­so mit der Ra­dier­na­del nach­be­ar­bei­ten. Oder sie druck­ten statt mit Dru­cker­schwär­ze mit Braun­tö­nen, die zeich­nungs­ähn­li­cher wir­ken - und Feh­ler ka­schie­ren."  Es ist also einerseits Kennerschaft gefragt, wie sie bei zeitgenössischer Kunst kaum noch eforderlich ist. Andererseits bietet sich auf diesem Gebiet gerade für Einsteiger die Möglichkeit, schon für sehr wenig Geld am Werk von Künstlern teilzuhaben.

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