Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Art Basel Berlin style: VIP-Zugang zur ABMB 2017; Foto anonym

11.12.2017 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 50 2017

Das Auffälligste an der gerade zu Ende gegangenen Art Basel Miami Beach war wohl der Baustellen-Parcours, den Besucher auf dem Weg zur Kunst zu bewältigen hatten. Annegret Erhard hält in DIE WELT fest: "Und wie gewohnt überbieten sich die Titanen schon auf den ersten Metern des überwältigenden Parcours gegenseitig. Bluechips allerorten, die bekannte Bild- und Formensprache der teuersten Zeitgenossen und ein sorgfältig gepflegter Rückgriff auf Bewährtes. Der weitgehende Verzicht auf Blitzgehyptes, ebenso Teures wie Unausgegorenes macht sich wohltuend bemerkbar. Schillernd-lustig-bunte Miami-Spezialitäten sind selten geworden, die Käufer und Sammler sind irgendwie erwachsen, die Investoren schließlich doch noch ein bisschen überlegter."

Trotz allen Glamours und der Konzentration von Reichtum in der Statdt böte die Art Basel Miami Beach durchaus politische und anspruchsvolle Kunst, hat Anne Reimers für die FAZ herausgefunden: "Wer jene Sektion der Messe betritt, wo sich die großen Galerien befinden, die sich mit ihren Blue-Chip-Werken auf den Sekundärmarkt konzentrieren, könnte den Eindruck gewinnen, in Miami Beach sei sei mehr die Rede von engagierter Kunst, als das dem kommerziellen Angebot entspräche. Doch je weiter man sich in die 'Nova'-Sektion vorarbeitet, die junge Galerien und Künstler mit frischen Arbeiten vorstellt, umso mehr Belege lassen sich dafür finden, dass es die Auseinandersetzung mit komplizierten, unbequemen Themen gibt, von der Geschlechter bis zur Rassenpolitik."

Weitgehend same procedure as last year macht Philipp Meier in Miami für die NZZ aus: "Diesem Geschmack, nennen wir ihn den Miami-Taste, begegnet man Schritt auf Schritt, was die Art Basel in Miami übrigens zu einem besonderen, sich von anderen Messen dieser Welt unterscheidenden Kunsterlebnis macht. Unter diesen Rahmenbedingungen schnell ausgemacht sind dann auch die 'Must-haves' an der diesjährigen Ausgabe: So ist der grosse Hit der riesige weisse Baum aus gegossenem Aluminium von Ugo Rondinone. Jetzt zur Adventszeit passt er zu den nachts weiss strahlenden Rentier- und Schlitten-Dekorationen auf den grünen Rasenflächen der Anwesen in Miami - und lässt sich fürs Fest gut mit Lichterketten behängen."

Gerhard Mack legt im selben Blatt hingegen sein Augenmerk auf den angestrebten Wandel Miamis von der Party- zur Kulturmetropole, der sich auch in der Messe widerspiegele: "Insgesamt zeigte die diesjährige 16. Auflage der Art Basel Miami Beach einen gediegenen Auftritt. Die schrillen Töne sind verschwunden, der starke Auftritt lateinamerikanischer Kunst setzt politische Töne. Die Galeristen wissen, dass sie den über 150 Museumsgruppen und ihren Fachleuten etwas bieten müssen, wenn sie Geschäfte machen wollen. Man kann nicht im Schäuble-Sound sagen 'Party isch over', aber sie findet nach Türschluss am Abend statt. 'Das ist eine Messe, die nicht mehr schreien muss. Die Galeristen haben genug Vertrauen, um die Kunstwerke selbst sprechen zu lassen. Die hochtheatralischen Stände der frühen Jahre gibt es nicht mehr', bringt Marc Spiegler die Entwicklung auf den Punkt."

Von diversen Partys kann man bei Eva Karcher im Tagesspiegel vom 9. Dezemeber lesen, aber auch von ihrer Erkenntnis: "Eine Messe für Entdecker ist die ABMB nicht mehr, mehr eine für die wachsende Zahl superreicher Sammler, Investoren und vielleicht auch Spekulanten." Den Tratsch rund um die Messe hat deren Medienpartner Art Newspaper in epischer Breite aufbereitet, inklusive des Angebots einer kostenlosen Botox-Behandlung für Journalisten in einer Bar.

Der Übersättigung mit Wiederentdeckungen der 50er- bis 70er- Jahre ist Julia Halperin für Artnet auf der Messe nachgegangen. Einerseits habe sie häufiger die Meinung vernommen, dass einige der damaligen Positionen zu Recht vergessen worden seien, während gleichzeitig die junge Szene an dieser Rückwärtsgewandtheit des Interesses gelitten habe.

Entdeckungen lassen sich am ehesten noch auf einigen der zahlreichen Satellitenmessen machen. Rachel Corbett und Andrew Goldstein haben sich ebenfalls für Artnet die NADA vorgenommen.

Dass Kunst von Frauen auf dem Kunstmarkt weniger wert ist, nur weil sie von Frauen stammt, hat Roman Kräussl von der Luxembourg School of Finance in einer großangelegten Studie experimentell nachgewiesen. Versuchspersonen sollten die Kunst von vermeintlich männlichen oder weiblichen Künstlern bewerten, wobei weibliche Namen durchschnittlich deutlich schlechter abschnitten als männliche, egal ob das betreffende Werk in Wahrheit von einem Mann, einer Frau oder einem Roboter stammte. Untermauert werden diese Ergebnis durch die Auswertung von Auktionspreisen, nach der Kunst von Frauen 47,6 Prozent weniger kostet als die von Männern.

Leonardos Salvator Mundi geht wohl an den Louvre Abu Dhabi, nachdem es erst hieß, ein saudischer Prinz aus der zweiten Reihe hätte das Bild gekauft oder bezahle es zumindest in sechs Monatsraten. Die verwirrenden Volten der Geschichte versucht Hrag Vartarian bei Hyperallergic in eine Reihe zu bringen.

Bescheiden nimmt sich dagegen der für deutsche Verhältnisse sensationelle Rekordpreis aus, den Ketterer in München mit 2,3 Millionen Euro inklusive Aufgeld für ein Scheibenbild von Ernst Wilhelm Nay verbuchen konnte.

Aus Anlass der Affäre um Beatrix Ruf untersuchen Julia Halperin und Javier Pes für Artnet andere Fälle möglicher Interessenkonflikte von Kuratoren.

In diesem Zusammenhang fragt Andreas Tobler in der Basler Zeitung, ob Michael Ringier, für den die Kuratorin 20 Jahre lang beratend tätig war, durch Wertesteigerung seiner Leihgaben nicht finanziell von Rufs Doppeltätigkeit profitiert haben könnte und ob das nicht eine Lücke im System sei. Es ließe sich auch argumentieren, dass diese Lücke das System erst ermöglicht und bewusst in Kauf genommen wird.

Für Frieze habe ich versucht, die Strukturen aufzuzeigen, die zu solchen Interessenkonflikten führen.

Über die Einstellung des Online-Angebots von Art. Das Kunstmagazin frohlockt Monopol. Regelmäßig frei empfangbare Nachrichten in deutscher Sprache aus der Kunstszene, die nicht von dpa stammen, werden immer rarer.

Ein Loblied auf Händlerfamilie Vervoordt trägt Marcus Woeller in DIE WELT vor: "Die Familie hat aus diesem Prinzip ein interdisziplinäres Geschäftsmodell gemacht. Übertragbar sei es aber nicht, sagt Boris Vervoordt mit einem gewinnenden Lächeln. 'Wir haben dieses Modell schließlich auf unserer DNS aufgebaut.'"

Von den Erkenntnissen einer Tagung zum Thema "Raub & Handel", die in Bonn weitgehend in Abwesenheit von Vertretern des Kulturministeriums stattgefunden, hat berichtet Susanne Schreiber im Handelsblatt: "Provenienzforschung ist in den letzten zwanzig Jahren zur wichtigsten, weil politisch relevanten Disziplin der Kunstwissenschaft geworden. Das internationale Ansehen Deutschlands hängt schließlich daran, dass Museen die Herkunft ihrer Sammlungen einwandfrei belegen können. Rückgaben von NS-verfolgungsbedingt erworbenen Kulturgut sind aus Museen und Privatsammlungen, exemplarisch von Cornelius Gurlitt vorgemacht, erwünscht. Die BKM argumentiert dabei stets moralisch. Für Ehre, Moral und Image sowie für Bildung und Forschung sollten sich doch Mittel und Strukturen finden lassen, um die weit gediehene Provenienzforschung aus der Projektfalle zu befreien und sie in einer großen Wissenschaftsstruktur zu verankern."

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