Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Art Cologne; Foto Stefan Kobel

02.05.2017 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 18 2017

"Die Spekulationsblase ist geplatzt" betitelt das Manager Magazin seine Pressemitteilung, mit der das Blatt das Erscheinen des mm-Kunstindex ankündigt. Vor einem Jahr hieß es nicht ganz so dramatisch: "Der Boom am Kunstmarkt ist vorbei". Immerhin, im Gegensatz zu den Verfassern anderer Markt-Reports beschränkt sich Ökonom Roman Kräussl auf das belastbare Datenmaterial von Auktionshäusern. Doch um zu dieser Analyse zu kommen, reicht ein Blick in die von Materialarmut geprägten Kataloge der Frühjahrsauktionen deutscher Auktionshäuser.

Der Online-Kunstmarkt hätte entgegen dem Trend zugelegt, will der von ArtTactic erstellte Hiscox Online Art Trade Report festgestellt haben. Der Vertriebskanal wäre 2016 um 15 Prozent auf 3,75 Mrd. US-Dollar gewachsen und behauptete jetzt einen Marktanteil von 8,4 Prozent, auf Basis der Gesamtmarktschätzung des Tefaf-Reports. Das Datenmaterial von ArtTactic sei allerdings ebenso fragwürdig wie das von Tefaf und UBS/ArtBasel, urteilt Tim Schneider auf Artnet.

Ein Plädoyer für einen transparenten Kunstmarkt hält Georgina Adam in der Financial Times.

Die verkürzte Art Cologne hoffte auf Synergieeffekte mit der Art Brussels und dem Gallery Weekend Berlin. Ein rauschendes Fest wurde daraus allerdings nicht, wie ich für den Tagesspiegel beobachtet habe. Tagesgespräch in Köln war vor allem der Einstieg der Art Cologne bei der neuen Art Berlin, die aus der glücklosen abc hervorgehen soll. Georg Imdahl ist sich in der FAZ sicher: "Für ebendiese Art Cologne ist die Gemengelage ein geeigneter Zeitpunkt, Flagge zu zeigen. Und das bedeutet für die Traditionsmesse noch immer, ein gut informiertes Sammlerpublikum in einer dicht vernetzten Kunstlandschaft zu überzeugen: Die Klientel hier gilt als leidenschaftlich und kauffreudig, bezahlt aber nicht jeden Preis. Auf diese Käuferschicht zielen etliche interessante Teilnehmer, die jetzt zum ersten Mal auf der Art Cologne neue Sammler suchen".

Die Attraktivität der Art Cologne für auswärtige Galeristen hat für Christiane Fricke im Handelsblatt vom 27. April zwei Seiten: "Eine zweite Gefahr ist nicht auf den ersten Blick erkennbar. So stehen Global Player wie Gagosian, White Cube oder David Kordansky der Art Cologne wohl gut zu Gesicht. Sie sind Zeichen für einen vitalen und sehr speziellen, deutschlandtypischen Nährboden, der auf dem noch funktionierenden Wechselspiel zwischen ambitionierten Galerien mit Programmprofil und den Künstlern beruht. 'Dieser hochpotente Markt ist auch für ausländische Aussteller attraktiv', sagt Sven Ahrens von der Kölner Galerie Hammelehle und Ahrens, und stellt doch mit Blick auf die zusätzliche Abgabenlast hierzulande fest: 'Ausländische Kollegen sehen darin klar den Wettbewerbsvorteil.'"

Zum selben Thema führt Susanne Schreiber ebenfalls im Handelsblatt aus: "Das Ungemach resultiert aus der auf 19 Prozent erhöhten Mehrwertsteuer, dem Kulturgutschutzgesetz und dem Folgerecht. Alles Maßnahmen, die der Außenwirkung des Marktplatzes Deutschland nicht eben zum Vorteil gereichen. Deutsche Regularien führen zu Wettbewerbsverzerrungen. Ein deutscher Galerist muss einem deutschen Sammler 19 Prozent Mehrwertsteuer berechnen. Ein ausländischer Galerist berechnet demselben Sammler 7 Prozent Einfuhrzoll. Wer zahlt freiwillig 12 Prozent mehr? Mit dieser Rechnung im Kopf wird klar, warum die Schweizer Messegesellschaft MCH Anteile an der im Entstehen begriffenen Art Düsseldorf erworben hat. Jeder ausländische Teilnehmer profitiert automatisch von den Wettbewerbsvorteilen."

Die Aktivitäten der Messe Schweiz hält Daniel Hug im Interview mit Uta M. Reindl für die NZZ "für eine Art von 'kulturellem Kolonialismus'". Die Gemengelage versucht Astrid Tauch vom SWR2 im Gespräch mit mir zu ergründen.

Eine gemsichte Bilanz zieht Emmanuel van Stein im Kölner Stadt-Anzeiger vom 1. Mai: "Mit guten Verkäufen, interessanten Gesprächen, aber auch Frust endete am Samstagabend die 51. Art Cologne in Halle 11 der Kölnmesse. 52 000 Besucher zählte der älteste Kunstmarkt der Welt; 8000 weniger als im Vorjahr, weil wegen des Berliner Gallery Weekends auf den besucherstarken Sonntag verzichtet wurde. 'Stinksauer' waren deshalb manche Aussteller [...] Während sich der messefreie Sonntag als großer Aufreger erwies, nahmen die meisten Galeristen das Engagement der Art Cologne bei der Berliner Kunstmesse AB C gelassen hin - oder hatten von der Kooperation noch nichts gehört."

In seinem Vorbericht für die ZEIT vom 27 Juni stellt Tobias Timm die Vorteile des Gallery Weekend Berlin heraus: "Das von vielen anderen Städten kopierte Gallery Weekend hat im Vergleich zu allen bereits existierenden und noch neu zu erfindenden Kunstmessen dieser Welt einige Vorteile: Die oft unter prekären Bedingungen arbeitenden Galeristen sparen sich die Kosten für das Anmieten von Messehallen, Besucher müssen in Galerien selbstverständlich keinen Eintritt zahlen, und die Kunst wird dort nicht nur für die Dauer einiger Tage installiert, man kann sie auch noch mehrere Wochen, wenn nicht sogar Monate nach dem Gallery Weekend besuchen." Dabei ignoriert er jedoch die Teilnahmekosten, die sich mittlerweile auf dem Niveau eines preiswerten Messestandes befinden und die weitverbreitete Reisemüdigkeit der Sammler, die einen Boom von Regionalmessen zur Folge hat.

Das Nomadenhafte der Kunstkarawane zwischen urbaner Neulandgewinnung und Gentrifizierung beschreibt Christiane Meixner in ihrem Rundgang für den Tagesspiegel: "Es muss gehen, der Kunstbetrieb ist viel zu volatil, um sich auf ewig festzulegen. Auch etablierte Galerien schließen alte Orte und eröffnen neue. Mehdi Chouakri zieht von Mitte an den Fasanenplatz und in die Mommsenstraße. Crone hat Kreuzberg verlassen und plant ein Ein-Galerie-Haus an der Friedrichstraße. Auf dem ehemaligen Tagesspiegel-Gelände an der Potsdamer Straße hat der Leipziger Galerist Torsten Reiter seine Räume enorm erweitert. Im selben Haus saß bis Anfang des Jahres 401 Contemporary. Die Galerie gibt es unter diesem Namen nicht mehr - dafür arbeitet Ralf-Otto Hänsel an einem neuen Konzept jenseits der klassischen Präsentation."

Sogar Rose-Maria Gropp und Niklas Maak sind für die FAZ in der Realität angekommen: "Allgemein herrscht die Ansicht, dass es ruhiger geworden ist, der Rummel ist etwas abgeschwollen. Die Amerikaner seien nicht mehr so stark vertreten, heißt es; sie werden offenbar schon seit ein paar Jahren weniger." Meine Eindrücke vom Wochenende sind bei Artmagazine.cc nachzulesen.

Die kruden Thesen des Berliner Kultursenators zerpflückt Boris Pofalla in seinem Rundgang für die FAS vom 30. April: "An keinem anderen Wochenende ist Kunst ein so bestimmender Faktor in Berlin wie am Gallery Weekend, und das hat nicht nur damit zu tun, dass hier Umsätze in den Galerien generiert werden. Das tun sie aus eigener Kraft. Berlins linker Kultursenator Lederer, nun schon hundert Tage im Amt, hat kürzlich bei einer Podiumsdiskussion sein Programm erklärt und gesagt, dass Kultur für ihn kein Standortfaktor sei - ein Bruch mit der Politik seiner Vorgänger. Gefördert werden sollen von der Kulturbehörde nicht Wirtschaftsunternehmen, sondern die freie Szene und solche Institutionen und Projekte, die nicht auf Profit aus sind. Der 'Tagesspiegel' zitierte ihn mit der Frage, wie man verhindern könne, 'dass Künstler so schnell wie möglich an den Markt streben, damit sie überhaupt Künstler bleiben können'. Das ist einerseits richtig, weil Galerien eben Unternehmen sind, und die brauchen keine Subventionen. Andererseits ist der Kunstmarkt nicht die Antithese zu Kunst, so wie der Buchmarkt nicht die Antithese zu Literatur ist. Das eine funktioniert ohne das andere weniger gut, und das utopische Moment am Gallery Weekend ist, dass es der Kunstmarkt ist, der nach den Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie dafür sorgt, dass an einem Termin im Jahr die Kunstprofis der Welt nach Berlin reisen, um sich hier Ausstellungen anzusehen, auch solche, mit denen kein Geld verdient werden muss."

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