Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

05.12.2016 10:48 Uhr

Kobels Kunstwoche 49 2016

Der Kunstkompass ist mit seiner aktuellen Ausgabe zur DIE WELT-Beilage Bilanz abgestiegen.

"Stimmung - und Verkaufszahlen - sind hoch" jubelt Eileen Kinsella zum Auftakt der Art Basel Miami Beach für Artnet. Ein differenziertes Bild der gedämpften Stimmung zeichnet Alexander Forbes auf Artsy.

Barbara Kutscher weist im Handelsblatt vom 2. Dezember vor allem auf die Bedeutung der Art Basel Miami Beach für die lokale Wirtschaft hin: "Dutzende neuer Galerien und saisonale Satellitenmessen revitalisierten einst heruntergekommene Stadtteile, es entstanden neue Museen. Gerade feiert das von den Großsammlern Irma und Norman Braman unterstützte Institute of Contemporary Art (ICA) Richtfest, und gerade gab das Rubell Family Museum bekannt, sich von der international begehrten deutschen Architektin Annabelle Selldorf einen größeren Neubau errichten zu lassen. Dieses Know-how um die Instrumentalisierung der Kultur will die Messe künftig gegen Entgelt in ihrem 'Art Basel Cities' genannten Programm weltweit anderen Städten zur Verfügung stellen."

Für Philipp Meier von der NZZ ist die ganze Messe ein einziges Leuchten kunsthistorischer Imposanz: "Solche kunsthistorisch verdichtete Stände sind Höhepunkte dieser Messe. Blue Chips des Marktes für moderne und zeitgenössische Kunst funkeln aber, wohin man schaut. Die Art Basel Miami Beach ist selber eine Art Bildschirm, auf dem man von Highlight zu Highlight zappen kann".

Mit den Auswirkungen des Trumpismus auf die Messe und den Kunstmarkt beschäftigt sich Lukas Hermsmeier in der WELT AM SONNTAG vom 4. Dezember und flicht noch eine Personalie ein: "Während die Galeristen zwischen Kunden und Trumptalk jonglieren, gibt der kommende Präsident ein neues Kabinettmitglied bekannt: Der frühere Goldman-Sachs-Manager Steven Mnuchin soll Finanzminister werden. Wunderbares Timing, stellt die von Stevens Vater Robert gegründete Mnuchin Gallery doch auch bei der Art Basel in Miami aus. Am Messestand will sich jedoch niemand zu Trump äußern."

Gerhard Mack untersucht in der NZZ am Sonntag vom 4. Dezember, ob und wie sich das Angebot verändert hat: "Natürlich war auch diese Messe, die heute Sonntag zu Ende geht, ein Markt. Und natürlich kamen auch dieses Jahr viele Besucher, um Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Denen musste man auch Gefälliges bieten. Aber noch selten sahen die Wurstskulpturen aus Metall am Stand der südkoreanischen Galerie Kukje so deplaciert aus; und schon lange nicht mehr wirkte eine Skulptur von Jeff Koons so aus der Zeit gefallen: Der riesige Klunker-Ring in Metall, den Superhändler Larry Gagosian an den Eingang seines Standes gesetzt hatte, kam einem vor wie der Trash einer vergangenen Epoche."

Ein Kränzchen windet Rose-Gropp dem Art Basel-Chef Marc Spiegler in der FAZ: "Marc Spiegler, der weltweite Direktor der Messen in Basel, Hongkong und Miami Beach, führt die 'Basel Enterprises' (so würde er dieses Messe-Imperium selbst natürlich nicht nennen) ausgesprochen geschickt und mit Fortune. Sein Stil, Schritt für Schritt den Radius der Aktivitäten zu erweitern, hat einige Ähnlichkeit mit einer konservativen (im besten Sinne!) kapitalistischen Strategie: Es geht um das Unternehmen, und es geht um das Gemeinwohl derer, die damit verbunden sind. Und die davon ebenfalls profitieren."

Mit über zwei Dutzend Beiträgen rund um Miami schickt Artnet seine Leser in den informationellen Overkill. Darunter befinden sich Nachrichten wie die vom Umzug der auf 225 Aussteller angewachsenen Art Miami/Context in die unmittlebare Nachbarschaft des Perez Art Museums von Eileen Kinsella, bis hin zu einer Liste mit "Parties, zu denen man garantiert nicht eingelassen wird" von Eileen Kinsella und Sarah Cascone. Dort sind so exklusive Veranstaltungen gelistet wie eine Cocktailparty der CI Istanbul, die Neueröffnung eines Spas und ein Dinner, zu dem man Tickets kaufen konnte und sogar die Party einer Biermarke, bei der es reichte, eine Email zu senden.

Der Art Advisor Todd Levin erklärt im Interview mit Andrew M. Goldstein in Artspace seine Sicht auf Kunstmessen und wie er mit ihnen umgeht: "Kunstmessen werden heute als rein theratralische Events aufgezogen, trotz ihres Versuches, sich mit ein paar Podiumsdiskussionen einen intellektuell seriösen Anstrich zu verpassen."

Die Kunstmesse Contemporary Istanbul bekommt einen Direktor und wird vorverlegt. Eine Pressemitteilung (PDF-Download) stellt den Sammlersohn Kamiar Maleki als neuen Leiter vor und verkündet den Terminwechsel von Anfang November auf Mitte September, zeitgleich zur Istanbul Biennale. Zu dieser Zeit fand vorher die Art International Istanbul statt, die in diesem Jahr ausgesetzt hatte.

Artnet hat den belgischen Kunstmarkt-Datendienstleister Tutela gekauft, meldet Alyssa Buffenstein auf Artnet, um das eigene Produkt Analytics zu stärken.

Die Umsatzzahlen des offensichtlich nicht sehr auskunftsfreudigen Dorotheums hat Olga Kronsteiner für das Handelsblatt vom 2. Dezember recherchiert: Die Umsätze der vier Auktionswochen "Sie summierten sich aktuell auf einen Umsatz von 69,1 Millionen Euro und lagen damit unter dem Vergleichswert des Vorjahres von 72,3 Millionen (2014: 62,2 Millionen Euro). Ein Blick in die Gewinn- und Verlustrechnungen der Dorotheum GmbH & Co. KG würde mehr Details offenbaren. In jener für 2015 wurde der unter Kommissionsgeschäft dort vermerkte Umsatzerlös mit 46 Millionen Euro beziffert. Zusammen mit den Erlösen aus Handelswaren, Pfandkredit und Sonstigem ergeben sich insgesamt 84,4 Millionen Euro. Unterm Strich blieb ein Bilanzgewinn von 11,4 Millionen Euro. Noch 2012 lag dieser bei 18,6 Millionen, 2014 bei 6,6 Millionen Euro."

Die Jubiläumsauktion der Berliner Villa Grisebach wurde von einem möglichen Raubkunstfall überschattet. Erst nachdem der rbb das Auktionshaus mit der klärungsbedürftigen Provenienz zweier Gemälde von Lesser Ury konfrontiert hatte, zog das Haus die beiden Lose zurück.

Schindluder mit seinen "Kindersternen" beklagt Imi Knoebel gegenüber Hili Perlson bei Artnet. Die unlimitierten Wandarbeiten würden von Auktionshäusern für bis zu 20.000 US-Dollar versteigert, obwohl man sie darauf hingewiesen habe, dass sie auf der Internetseite der Wohltätigkeitsorganisation für 5.000 Euro jederzeit zu kaufen seien.

Alle Jahre wieder muss sich für die Kunstmarktseiten der Zeitungen jemand der Jahresgaben der Kunstvereine annehmen. In der Süddeutschen Zeitung vom 3. Dezember ist es an Kito Nedo, dem Thema etwas Neues abzugewinnen. Er lässt Kritiker an diesem Finanzierungsmodell zu Wort kommen: "Insgesamt scheint das Editionsgeschäft der Kunstvereine den Gebräuchen im kommerziellen Kunstmarkt ähnlich. Genau auf diesen Punkt zielen Kritiker wie Beate Anspach, die zwischen 2009 und 2013 gemeinsam mit dem Direktor Florian Waldvogel am Kunstverein in Hamburg arbeitete. Finanziell, so Anspach, ähnele das Jahresgaben-System dem Konzept von Galerien. Nach Abzug der Produktionskosten werde der Gewinn zwischen Kunstverein und Künstlern je zur Hälfte aufgeteilt."

Dem relativ neuen Vermittlungsmodell der Künstleragenturen kann Larissa Kikol in der ZEIT vom 1. Dezember durchaus etwas abgewinnen. Die Künstler ständen so in direktem Austausch mit den Konzernen, die sie beauftragten, etwa Filmfirmen: "In diesem Wettbewerb der Gattungen und Sparten, für die es bislang sehr unterschiedliche Vertriebswege gibt, könnten bisherige Maßstäbe der Kunstproduktion und -rezeption fundamental infrage gestellt werden, was ja nicht unbedingt schlecht sein muss. Plötzlich würde es dann weniger um Konzepte, Hintergrundideen und (pseudo)intellektuelle Sinnstiftung gehen, besonders wenn sie sich - wie so oft - am Kunstwerk selbst gar nicht ablesen lassen. Dafür aber wieder verstärkt um die Ästhetik, die Form, die Wirkungsentfaltung und die Kommunikationsfähigkeit." Wenn schon Repräsentationskunst, dann soll sie bitte auch hübsch sein.

Nach der Entscheidung des Architekturwettbewerbs für das Museum des 20. Jahrhunderts in Berlin hat das Sammlerehepaar Pietzsch jetzt seine auf 150 Millionen Euro geschätzte Sammlung dem Land Berlin geschenkt, wie Nicola Kuhn im Tagesspiegel berichtet.

Ein leicht süffisantes Portrait eines französischen Sammlers zeichnet Olga Grimm-Weissert im Handelsblatt: "Wenn der 76-jährige Milliardär Marc Ladreit de Lacharrière nicht gerade über seine Finanzgruppe Fimalac (für Financière Marc de Lacharrière) zusätzliche Millionenbeträge anhäuft, bei Tribal Art-Auktionen Topzuschläge für Spitzenobjekte bezahlt, oder moderne und zeitgenössische Kunst der zweiten Kategorie erwirbt, dann vergibt der erfolgreiche Unternehmer Kultur-Preise."

Helsinki bekommt jetzt endgültig doch kein Guggenheim-Museum, wie der Spiegel in einer aus Agenturmaterial zusammengestellten Meldung berichtet.

Berlins Noch-Kulturstaatssekretär Tim Renner will die Früchte seiner politischen Arbeit einfahren und in die Bundespolitik gehen, berichtet Lorenz Marold im Tagesspiegel. Er habe sich bei der SPD in Charlottenburg-Wilmersdorf um eine Direktkandidatur für den Bundestag beworben.

Karl-Sax Feddersen ist tot. Der Auktionator und Porzellanexperte starb im Alter von 45 Jahren. Annegret Erhard würdigt ihn in einem Nachruf für die Weltkunst.

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