Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Der Zirkus ist in der Stadt! Basel; Foto Stefan Kobel

17.06.2019 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 25 2019

Ist das Fehlen eines beherrschenden oder zumindest benennbaren Stiles Stillosigkeit? Einen gemeinsamen Nenner des Angebotenen kann Catrin Lorch für die Süddeutsche Zeitung auf der Art Basel nicht erkennen: "Wer die Stände der vier marktbeherrschenden Galerien betrachtet, wird sie nicht auf einen Nenner bringen können. Nach hunderten von Jahren Kunstgeschichte, die sich als Abfolge von Stilen definierten, ist man in einem Limbo angekommen, in dem sich die Händler von allen Avantgarden emanzipiert haben und vor allem am weltumspannenden Erfolg ihrer Unternehmen arbeiten, an Strategien für eine globale Welt, in der mehr als 2000 Milliardäre nur darauf warten, dass man ihnen entgegen kommt. Wird man die Gegenwart einst als die Epoche 'Kunstboom' klassifizieren?"

Als roter Faden zieht sich die immer größere Kluft zwischen den Mega-Galerien und dem Rest des Kunstmarkts durch die gesamte Berichterstattung, so auch bei Marcus Woeller in DIE WELT: "Die Art Basel, mit Standorten auf drei Kontinenten dominant global aufgestellt und mit 290 teilnehmenden Galerien unüberschaubar groß, hat darauf reagiert. Ein bisschen wenigstens. Im vergangenen Jahr wurde ein neues Preismodell für die Standmieten angekündigt. Die großen Galerien zahlen etwas mehr (905 Franken), die kleinen etwas weniger für den Quadratmeter (760 Franken). Jetzt wurde es erstmals angewendet. Gut verkaufen müssen die kleinen trotzdem. Zu den Mietkosten kommen noch Schlafplätze für Mitarbeiter und Künstler sowie Anreise-, Versicherungs- und Transportkosten, Dinner für Freunde und Sammler müssen ausgerichtet werden. Eine Woche Basel kann arg teuer werden."

Den Primat des Umsatzes sehe man der Messe an, findet Stephanie Dieckvoss im Handelsblatt: "Künstlerische Trends sind auf der Art Basel wenig zu finden. Die Zwänge der Ökonomie erlauben wenig Spielraum für das Experimentelle oder auch nur das Leise und Zarte. Hier ist das Laute und Bekannte Trumpf. Schon die ganz jungen Galerien sind auf Absatz bedacht, um die Standkosten zu decken. Der Großteil des Kapitals kommt internationalen Großgalerien zugute. Wie geht der Besucher damit um? Viele Sammler fühlen sich von den millionenschweren Verkaufszahlen der Topgalerien ausgeschlossen. Es ist aber wichtig zu betonen, dass die Mehrzahl der Galerien auch Arbeiten im Segment von 100.000 bis 500.000 Euro anbietet. Diese muss man nur finden."

Eine Erstausstellerquote von 6,5 Prozent auf der Art Basel sieht Rose-Maria Gropp in der FAZ nicht nur positiv: "Oben in der Halle macht die 'Verjüngung' die Orientierung nicht einfacher. Es herrscht dort vor allem Malfieber und Bastelfreude, was sich schon im vorigen Jahr andeutete. Vielleicht ist das die erwartbare Antwort auf die Chimäre 'Post-Internet'. Was sich digitalisieren lässt, so scheint es, lässt sich analog doch sinnlicher darstellen, mit durchwachsener Fortune, nicht selten bis an die Grenze der Infantilisierung - überhaupt ein Trend in der Kunstproduktion. Die Kojen der wichtigen Galerien sind da wie Stützpunkte, Sadie Coles, Gisela Capitain oder König, Contemporary Fine Arts mit Arbeiten unter anderen von Huma Bhabha (Preise 18.000 bis 175.000 Dollar); Neu oder Krinzinger mit Hans Op de Beecks erschöpfter 'Dancer'-Plastik als Standwächterin; Kamel Mennour oder Perrotin mit der hochglanzpolierten Stahlskulptur 'Other Love (Title to be confirmed)' von Elmgreen & Dragset (350.000 Euro).

Auf die Suche nach Inhalten im Angebot der Art Basel hat sich Gerhard Mack für die NZZ begeben. Beeindruckt ist er von den immer aufwendigeren Vermarktungsmethoden der Großgalerien. Für die weniger potenten Aussteller hat er Trost parat: "Den Kleinen stehen solche Möglichkeiten nicht zur Verfügung. Sie dürfen darauf hoffen, dass die Millennials irgendwann von den grossen Brands genug haben und auf das Überschaubare setzen: auf Werke, die seismografisch auf unsere Zeit reagieren, ohne nach dem grossen Markt zu schielen. Zeichner haben da alle Argumente für sich."

Die Art Unlimited verbreitet nach wie vor gepflegte Langeweile in Cinemascope. Stephanie Dieckvoss fasst ihre Eindrücke im Handelsblatt zusammen: "In diesem Jahr glaubt der Besucher zunächst, ihm würden die klassischen, im Großformat arbeitenden Künstler des 20. Jahrhundert vorgeführt. Doch schnell stößt ihm auf, dass er das alles schon kennt. Welches Museum oder welche Privatstiftung braucht noch eine Rauminstallation von Jannis Kounellis (präsentiert von der Galerie Karsten Greve) oder einen goldenen, fünf Meter hohen Sonnenkreis von Ugo Rondinone (Gladstone Gallery und Galerie Eva Presenhuber)?"

Mit Art Basel-Direktor Marc Spiegler habe ich für Artmagazine über die Position der Art Basel innerhalb des Konzerngefüges gesprochen. Ein besonderes Vergnügen war mir die VIP-Lounge-Kritik von der Art Basel ebenfalls für Artmagazine. Auf den Satellitenmessen habe ich mich für das Handelsblatt und Artmagazine umgesehen.

Nach der Kunstwoche von letzter Woche, nimmt sich auch Susanne Schreiber für das Handelsblatt der neuen Ticket-Politik der Art Basel an.

Wer bis hierher noch nicht genug Input zur Art Basel bekommen hat, kann sich die komplette Berichterstattung von Artnews antun, inklusive Verkaufsmeldungen.

An die Schaltzentralen der Kunstmacht ist Kolja Reichert für das FAZ Quarterly gereist und hat eine ausführliche Bestandsaufnahme mitgebracht, die zugleich Sittenbild ist: "Wie lange wird der Glaube halten, dass es in der Kunst um das Gleiche geht, sich der Aufenthalt in Somerset um dieselben Werte dreht wie der Projektraum in Berlin-Neukölln? Wie lange wird eine weitere Besonderheit der Kunstwelt bestehen, nämlich dass sich hier die unterbezahlte Künstlerassistentin neben der Milliardärin am selben Dinnertisch findet? Und wenn der Glaube bricht, werden die Preise halten?"

Den Gründen für die fehlende Preistransparenz geht Eileen Kinsella bei Artnet nach (das übrigens eine Auktionspreisdatenbank betreibt und selbst Online-Auktionen veranstaltet).

Die "wichtigsten jungen Galerien der Welt" hat Nate Freeman für Artsy zusammengestellt. Abgesehen davon, dass Superlative immer etwas verdächtig sind, ist es wirklich ein toller Zufall, dass 17 von 27 genannten Galerien Kunden von Artsy sind. Das zeigt wieder einmal, wie wichtig die Werbeplattform für Erfolg und Bedeutung von Galerien ist. Wenn der Rest der letzte Woche angekündigten Reihe ähnlich objektiv ist, könnte das dem Einen oder der Anderen doch als Argument dienen, eine klassische Bezahlpublikation mit einem Abonnement zu unterstützen.

Die erfolgreichste deutsche Auktion der Saison hat Ketterer in München abgeliefert, berichtet Sabine Spindler im Handelsblatt, was nicht zuletzt der Einführung einer Abendauktion zu verdanken sei: "Ketterer hat seine Auktionsstruktur stark verändert. Limited Editions, Young Collectors, Moderne Kunst und Zeitgenössische Kunst II heißen die anderen Sparten. Insgesamt kamen 733 Lose zum Aufruf, mit einem Gesamtergebnis von beachtlichen 26,5 Millionen Euro. Kein anderes deutsches Auktionshaus schaffte das."

Wie der britische Kunstmarkt von EU-Austritt des Landes profitieren könnte, lässt sich Thomas E. Schmidt für die ZEIT vom Christie's-Manager Dirk Boll erklären: "Im Unterschied zu Deutschland gibt es hier seit Jahrzehnten einen starken Dachverband, der mit der Regierung im Gespräch ist. Und die weiß, dass sie ihren Branchen helfen muss. Man überprüft vor allem die gesetzlichen Regelungen, die man in der Vergangenheit aus Brüssel übernehmen musste, insbesondere die Einfuhrumsatzsteuer auf Kunst und das Folgerecht, also den gesetzlichen Anspruch auf Beteiligung des Künstlers am Weiterverkauf eines Werkes."

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Kobels Kunstwoche 25 2019

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Kobels Kunstwoche 22 2019

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