Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Unter Fälschungsverdacht: Heinz Mack; Foto Stefan Kobel

18.11.2019 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 47 2019

Und noch ein Skandal erschüttert den deutschen Kunstmarkt: Der Künstler Heinz Mack soll Arbeiten seiner Kollegen in großer Zahl gefälscht und auf den Markt gebracht haben, hat Swantje Karich für die WELT vom 16. November recherchiert. Und damit nicht genug: Die Machenschaften sollen in der Szene bekannt gewesen sein: "Der berühmte Zero-Künstler Heinz Mack, dessen Werke hohe sechsstellige Beträge in Auktionen erzielen, soll Werke von Künstlerfreunden nachgebaut und auf dem Kunstmarkt angeboten haben, nachdem sie bei einem Brand in seinem Wohnhaus in den 1980er-Jahren stark beschädigt oder zerstört worden seien. Wer sind die Hauptfiguren in diesem Drama: Der legendäre Kölner Galerist Rudolf Zwirner, der selbst wegen Betrugs verurteilte Düsseldorfer Kunstberater Helge Achenbach, der renommierte Restaurator Otto Hubacek. Weitere Galeristen und Kuratoren. Eigentlich die gesamte rheinische Kunstszene, wo wirklich alle von dem Gerücht gehört haben, beide Augen zudrückten - und trotzdem gerne tratschten." Da werden jetzt wohl einige Sammler und vielleicht auch Museen nochmal genau in ihren Kaufunterlagen nachsehen.

In einem ebenfalls lesenswerten und erhellenden Interview mit Marcus Woeller in der WELT vom 17. November zum selben Thema weist der ehemalige Galerist Rudolf Zwirner darauf hin, dass bei der Berichterstattung über den angeblich so windigen Kunstmarkt besonders strenge Maßstäbe zu gelten scheinen: "Es gibt überall Schmierfinken und natürlich auch in unserer Branche. Aber ich kann Ihnen im Moment nur einen nennen [...] Ich kann Ihnen aber keine hundert Betrüger nennen. In der Industrie und bei den Banken ist das schon anders."

In diesem Zusammenhang äußert der in der Kunstszene aktive Berliner Steuerberater Lothar Pues in einem Facebook-Post weitere Desiderate an den Journalismus.

Die Auswirkungen des Wechsels der Miteigentümer an der Art Düsseldorf hat Goerg Imdahl auf der aktuellen Ausgabe für die FAZ beobachtet: "Nachdem die finanziell unter Druck geratene Basler MCH, die Messe Schweiz, ihre Anteile vor einiger Zeit aufgab, wurden sie von den auf Fernost spezialisierten Managern Sandy Angus und Tim Etchells übernommen. Düsseldorf bleibt bei der Grundausrichtung einer regionalen Messe, investiert zudem aber Hoffnung in den Zuspruch von Händlern und Käufern aus Asien. Ein trennscharfes Profil ergibt sich daraus nicht unbedingt, auch wenn die Messe nach wie vor mit dem Industrie-Ambiente der ehemaligen Böhler-Werke punkten kann. Ein bisschen 'funky' nennt ein Aussteller aus Übersee scherzhaft die aktuelle Ausgabe mit ihren diesmal hundert Teilnehmern: Er meint damit eine Aufplanung der Kojen, die besonders in der größeren der beiden Hallen einigermaßen bunt gemischt anmutet."

Für den Tagesspiegel verlegt sich Jurriaan Benschop bei seinem Messebericht auf Nicht-Analyse: "Auf die Frage, ob neben der traditionsreichen Art Cologne noch Platz für eine zweite Messe im Rheinland sei, antwortet Gehlen selbstbewusst, die ersten beiden Auftritte hätten gezeigt, dass es funktioniert. Tatsächlich äußern sich zahlreiche Galeristen positiv. Das hängt zum einen mit dem Ort zusammen, zum anderen mit der Organisation der Messe selbst und drittens mit der Unterstützung durch Kuratoren und Sammler aus der Region."

Den Einstieg des Luxusgüter-Konzern LVMH von Bernard Arnault bei zwei Pariser Kunstmessen, der Fine Arts Paris und dem Salon du Dessin, meldet Olga Grimm-Weissert im Handelsblatt. Ein gutes Omen sei Arnaults Engagement jedoch nicht unbedingt: "Von Ende 1999 bis zum 1.1.2002 beteiligte sich LVMH am Auktionshaus Phillips und verlor einen dreistelligen Millionenbetrag. Von 2000 bis Anfang 2004 hielt die Luxusgruppe die Aktienmehrheit des - nur zuvor - umsatzstärksten Pariser Auktionshauses Tajan. Trotz der wiederholten Einbußen am Kunstmarkt stieg Arnault 2015 ins Berliner Internet-Auktionsunternehmen Auctionata Paddle8 ein, das bereits 2017 insolvent war."

Eine "Bilanz ohne Glanz" zieht Barbara Kutscher aus der New Yorker Auktionswoche im Handelsblatt: "Die internationale Klientel, darunter wieder erfolgreiche Bieter aus dem asiatischen Raum, Russland und dem Mittleren Osten, nahm den Gattungsmix nicht übel und kaufte vor allem bei Impressionisten und Moderne kräftig ein. Vorsichtshalber hatten aber Christie's wie auch Sotheby's kurz vor den Auktionen die Mindestpreise mit den Einlieferern herunterverhandelt. 'Der Markt reagiert auf Qualität, ist aber auch sehr preissensitiv', sagt Sotheby's Star-Auktionator Oliver Barker. Die drei Abende sahen nur selten Feuerwerke."

Etwas deutlicher in seiner Beurteilung ist Gerhard Mack in der NZZ vom 17. November: "Was sich seit ein paar Monaten angedeutet hat, wird nun auch in den zentralen Herbstauktionen in New York bestätigt: Der Kunstmarkt kühlt sich ab. Wer Topwerke besitzt, bringt sie derzeit eher nicht zum Verkauf. Wer kauft, gibt das Geld lieber für überraschende Arbeiten aus. Das gediegene Angebot der beiden grossen Auktionshäuser löste keine rauschhaften Bietgefechte aus."

Die zehn Toplose, inklusive ihrer Markthistorien, stellt Christiane Fricke ebenfalls im Handelsblatt vor.

Der Art Photography Fund ist Geschichte, und zwar weder rühmlich noch von Erfolg gekrönt. Die Versteigerung des prominentesten Objekts der Anlage-Ruine bietet Christiane Fricke die Gelegenheit, im Handelsblatt den Niedergang der Sparte und des Fonds zu erklären: "Die jüngste Herkunftsgeschichte dieser Bilderserie, die das Auktionshaus nicht preisgibt, wirft ein Licht auf ein Marktsegment, das gewöhnlich eher wenig Transparenz zeigt. Verkauft wurde die Tranche 2009 von Enkel Gerd Sander nämlich an den damals anderthalb Jahre alten Art Photography Fund der Merit Alternative Investments GmbH, einen Fonds, der im Steuerparadies Cayman Islands gelistet war und sich ursprünglich ausschließlich an institutionelle Anleger richtete. Es war das erste spekulative Kunstinvestment weltweit, das sich auf Fotografie konzentrierte. Inzwischen wurde der Fonds aufgelöst; die noch nicht veräußerten Restbestände werden versteigert. Das betrifft neben dem Sander-Konvolut weitere 205 Lose diverser Künstler aller Epochen der Fotografie. 'Einige Investoren erhielten im Zuge der Abwicklung auch Werke des Fonds statt einer Zahlung', ist von Friedrich Kiradi, einem der beiden Geschäftsführer von Merit AI, zu erfahren."

Den Kunsthandel in der DDR beschreibt Kito Nedo in der Süddeutschen Zeitung: "Der Auftrag lautete: 'Aufbau des sozialistischen Kunsthandels' - zu diesem Zweck wurden republikweit Ende der Achtziger nicht nur 40 Galerien für Gegenwartskunst betrieben, sondern auch Antiquitäten- und Münzgeschäfte, drei Münzauktionshäuser, Briefmarkengeschäfte, Briefmarkenauktionshäuser und Werkstätten für Keramik, Druckgrafik, Restaurierung, Plastikguss und Textilhandwerk. Obwohl der Fokus auf dem Inland lag, war der Staatliche Kunsthandel auch im Westen aktiv, um harte Währung zu verdienen. Dort kooperierte man mit dem Außenhandelsbetrieb Kunst und Antiquitäten GmbH (KuA) des Bereichs Kommerzielle Koordinierung (KoKo), die vom Stasioffizier und Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski geleitet wurde. Die Frage, was eigentlich 'sozialistisch' am DDR-Kunsthandel gewesen ist, weiß der ehemalige Generaldirektor Küttner heute nur noch schwer zu beantworten. 'Alles in allem war das, was wir machten, gar nicht so verschieden vom westlichen Kunsthandel.' Aus seiner Sicht mag das vielleicht sogar stimmen, besonders da, wo es um Geschäfte mit dem Westen ging. In den Achtzigerjahren bespielte der Staatliche Kunsthandel eigene Kojen auf der Art Basel genauso wie auf der Art Cologne."

Nachdem Chelsea zur Billionaires Row der Mega-Galerien mutiert ist, entwickelt sich Tribeca zum neuen Hotspot der Avantgarde-Galerien. In der NZZ bringt Christian Schaernack Nicht-New Yorker auf den neuesten Stand der Galerienszene und warnt abschließend: "Doch sollte man sich keinen Illusionen hingeben. Auch wenn der Flecken entlang der Walker Street inzwischen dem Denkmalschutz unterliegt und somit die Verdrängung durch Abriss und Neubau ausgeschlossen ist - überall im nahe gelegenen Umfeld spriessen die Neubauten funkelnder Luxustürme in den Himmel. Da stellt sich nicht nur die Frage, wo denn einmal das nächste Tribeca liegen könnte. Sondern ob auf Manhattan überhaupt noch Platz sein wird für eine Szene junger Künstler und kleiner Galerien, die schon heute wie eingeschnürt wirkt: immer auf der Flucht vor galoppierenden Mieten und Lebenshaltungskosten, und mit voller Härte dem disruptiven Strukturwandel auf dem Kunstmarkt ausgesetzt."

Die Galerien Hans Mayer und Max Mayer beziehen gemeinsam das Haus der ehemaligen Galerie Schmela in der Düsseldorfer Altstadt als Untermieter der Kunstsammlung NRW, meldet dpa, nachzulesen unter anderem in der Süddeutschen Zeitung.

Aus Wien ist zu hören, dass es der Berliner Galerie König nicht gelungen sein soll, das Augarten-Atelier anzumieten und entsprechende Filialpläne vorerst auf Eis liegen, und die Düsseldorfer Galerie Beck & Eggeling gibt ihre dortige Dependance Ende des Jahres auf.

Mit den Hohenzollern konkret über Entschädigung zu verhandeln, mit den Opfern ihrer Herrschaft, den Herero, aber nicht einmal zu reden, findet Jan Böhmermann nicht in Ordnung. Sebastian Leber berichtet im Tagesspiegel.

Auf Betreiben der deutschen Firma Fine Art Partners von Daniel Tümpel und Loretta Würtenberger habe ein britisches Gericht verfügt, dass der Kunsthändler Inigo Philbrick mit Galerie in Miami Kunst im Wert von umgerechnet 13,7 Millionen US-Dollar nicht aus England und Wales herausbringen dürfe, berichten Sarah Douglas and Alex Greenberger bei Artnews.

Einen Nachruf muss Lisa Zeitz der Nordeuropa-Kommunikationschefin von Christie's Stephanie Manstein in der Weltkunst widmen.

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