Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Größter Fälscher des 20. Jahrhunderts - nicht vom Niederrhein, sondern aus Holland: Han van Meegeren.

17.12.2018 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 51 2018

Der größte Einzelhändler der USA schluckt den größten Kunstdruck- und Posterhändler Art.com. Wie Lauren Thomas bei CNBC berichtet, habe Walmart den Versand mit einem Jahresumsatz von 300 Millionen US-Dollar für eine nicht genannte Summe gekauft, um der Konkurrenz von Amazon etwas entgegenzusetzen. Auf die überdurchschnittlich jungen, gut ausgebildeten und gutverdienenden zwölf Millionen Kunden von Art.com verweist Pamela N. Danziger bei Forbes. Das ist genau die Zielgruppe, die der Kunstmarkt gerne ansprechen würde.

Ohne großen Marketing-Pomp, aber mit Beharrlichkeit und persönlicher Auswahl der zugelassenen Händler, hat sich 1stdibs zur größten Internetplattform für Design entwickelt. Ulrich Clewing stellt das Unternehmen in der Süddeutschen Zeitung vom 15. Dezember vor, ohne die Kritikpunkte zu verschweigen: "Manche sehen die Gefahr, 1stdibs könnte zu mächtig werden. Sich, ein bisschen wie Amazon, de facto zum Monopolisten entwickeln, um dann die Preisschraube für Händler immer weiter zuzudrehen. Angeblich haben deshalb einzelne Galeristen 1stdibs schon wieder verlassen."

Ob Künstler auch ohne Instagram und Co. erfolgreich sein können, fragt Anika Meier bei Monopol. Die Antwort ist eindeutig: Jein.

Neben ihrem Beitrag zur Selbstinszenierung von Magnus Resch als Kunstmarktexperte hat Anika Meier für ihren Artikel zum Entstehen von Künstlerkarrieren und zum Netzwerken in der ZEIT auch mit Menschen befasst, die aus eigener Erfahrung berichten können, etwa Judy Lybke von der Galerie Eigen + Art: "Lybke sagt: 'Netzwerken heißt, mit Menschen zusammen sein.' Er geht zu vielen Ausstellungseröffnungen. Meistens trifft er eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung ein. Er geht um das Haus herum, macht sich mit dem Ort vertraut, begrüßt die Eintreffenden. Doch wenn drinnen die Feierlichkeiten beginnen, ist er oft schon wieder auf dem Rückweg. Mit den richtigen Leuten hat er vorher gesprochen."

Bescheiden als "genialster Fälscher des 20. Jahrhunderts" wird im Adventskalender der NZZ von Ruth Haener nicht etwa der Mann vorgestellt, für dessen Selbstwahrnehmung die Beschränkung auf lediglich ein Jahrhundert eine Beleidigung darstellen würde, sondern Ham van Meegeren. Der Betrüger musste als vermeintlicher Kollaborateur nach dem Krieg um sein Leben malen, weil ihm niemand glauben wollte, dass er Göring eine eigenhändige Fälschung statt wertvolles Kulturgut angedreht hatte.

Über die Neuerfindung des Rades namens Blockchain darf sich Elena Zavelev, ehemalige Mitarbeiterin von Sergey Skaterschikov, darf sich bei Forbes verbreiten und vom "Blockchain-Fieber auf der Miami Art Week" fabulieren.

Auch die Anwälte Andres Ritter und Luise Schnidrig widmen sich in der NZZ dem Thema Blockchain. Sie äußern bei aller Zuversicht jedoch Bedenken: "Zentraler Punkt bleibt schliesslich, ob mit der erhöhten Transparenz auch der Verlust von Anonymität einhergeht. Der Kunstmarkt wird nämlich nicht bereit sein, diese aufzugeben. Es wird also darauf ankommen, ob die neue Technologie den sich stets verschärfenden Geldwäschereibestimmungen zu genügen weiss und gleichwohl ein hohes Mass an Anonymität gewährt. Blockchain verspricht also viel, wird in der Kunst aber vor allem dann eine Zukunft haben, wenn es den Kunstmarkt zwar transparenter und rechtssicherer macht, aber nicht weniger anonym."

"Wie die Blockchain den Kunstmarkt verändert", erklärt Yasmine Gagne im wohl der Magazinausrichtung geschuldeten Überschwang bei Fast Company. Gleichwohl ist der Überblick über die verschiedenen Geschäftsmodelle interessant.

Die ZEIT leistet wieder einmal Basisarbeit und lässt dem Leser von Karoline Kuhla-Freitag mit erhobenem Zeigefinger das Renaissancegemälde "Der Geldwechsler" von Quentin Massys erklären: "Die Spiegelung betont damit noch einmal die Ermahnung des ganzen Bildes, Ethik und Kommerz im Gleichgewicht zu halten. Das Leben auf Erden mag Reichtümer schenken. Doch die wahre Erlösung, so die Botschaft des Bildes, wartet nur im Jenseits."

Einem bei Sotheby's durchgefallenen Werk von Lucas Cranach dem Älteren hat Olga Kronsteiner für das Handelsblatt vom 14. Dezember hinterherrecherchiert. Das Ergebnis wirft kein gutes Licht auf die Behörden: Das Gemälde sei 2005 vorübergehend auf der Liste geschützter Kulturgüter des Landes Schleswig-Holstein gelandet, das den Vorbehalt jedoch zurückgenommen habe, was dann aber wohl vergessen wurde: "13 Jahre sind seither vergangen, der Eintrag wurde jedoch nie gelöscht. Warum? Die Datenbank würde nicht in Schleswig-Holstein administriert, 'sondern bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM)'. Eine Anfrage dort lieferte ein erwartbares Ergebnis: Die Datensatzpflege obliege allein den zuständigen Kulturministerien der Länder, die die 'Eintragungen, Ortswechsel und Löschungen' zu verantworten haben. Die seit 2010 online verfügbare 'Datenbank geschützter Kulturgüter' sei lediglich 'eine Plattform zur Veröffentlichung ihrer Verzeichnisse'. Eine Berichtigung sei in die Wege geleitet worden. Wie viele vergleichbare Datenleichen landesweit noch existieren, ist unbekannt."

Eine mögliche Preisblase bei Werken des Expressionismus hat Sabine Spindler während der Auktionen in München für das Handelsblatt vom 14. Dezember ausgemacht: "In anderen Häusern erfuhren die Toplose des deutschen Expressionismus gerade viel Zurückhaltung. Wie schnell der Markt Stimmungen aufnimmt, war auch in München zu spüren. 'Kunden sind dadurch verunsichert', sagte Robert Ketterer im Gespräch mit dem Handelsblatt. Was so viel heißt, dass die Angst vor dem überteuerten Einkauf umgeht." Ein marktfrisches Gemälde von Emil Nolde sei mit knapp 1,7 Millionen Euro inklusive Aufgeld unter dem Auktionsrekord des Künstlers geblieben. Bei der Nachkriegskunst überwanden demnach Werke von Günther Uecker und Gerhard Richter die Millionenmarke.

Diese Zahlen verblassen jedoch gegen den Rekordzuschlag bei Nagel, den das Haus bei seiner vom Stammsitz Stuttgart nach Salzburg ausgelagerten Asiatika-Auktion erzielt hat. Ebenfalls für das Handelsblatt vom 14. Dezember meldet Sabine Spindler: "Erst bei einem Einsatz von 7,3 Millionen Euro (Zuschlagspreis und Aufgeld) ging das auf 30.000 bis 50.000 Euro taxierte, blau und eisenrot bemalte Porzellan in die Hände eines Sammlers aus dem Reich der Mitte. Der in Stuttgart angesiedelte Versteigerer, der auf dem Gebiet der Asiatika zu den führenden Häusern Europas zählt, setzte damit wieder einmal einen Auktionsrekord für chinesische Kunst im deutschsprachigen Raum. Der hohe Preis beruht auf der Überzeugung der fernöstlichen Interessenten, dass es sich bei dem Gefäß um eine der fünf Drachenvasen handelt, die im kaiserlichen Archiv von 1737 erwähnt sind".

Die Stadt Düsseldorf kauft für den Kunstpalast (ehemals Museum) den Bestand der Galerie Kicken von Annette Kicken, wie Klas Libuda und Arne Lieb in der Rheinischen Post berichten: "Dem Düsseldorfer Kunstpalast hat sie ein Angebot unterbreitet, das die Stadt als Betreiber des Hauses nun angenommen hat: 1823 Fotos möchte Düsseldorf für die städtische Sammlung kaufen - der Kaufpreis von rund acht Millionen Euro soll dabei weit unter dem realen Wert der Fotografien liegen, der auf einen unteren zweistelligen Millionenbereich geschätzt wird, wie es aus dem Kunstpalast hieß. Hinzukommen 1216 Werke, die Annette Kicken dem Kunstpalast schenken möchte. Die Schenkung ist vonseiten Kickens an keine Bedingungen geknüpft. Außerdem soll sich die Galeristin bereit erklärt haben, dem Museum über fünf Jahre einen wissenschaftlichen Mitarbeiter zu finanzieren, der die Sammlung betreut."

Die schlechte Nachricht zum Coup hat Freddy Langer bei allem Jubel in der FAZ ausgemacht: "Da es sich bei den Abzügen um den Bestand der Galerie des Ehepaars Kicken handelt, bedeutet der Verkauf zugleich, dass Annette Kicken vier Jahre nach dem Tod ihres Mannes die Galerie in der bisherigen Form schließen wird. So findet dieses mehr als vierzig Jahre währende Engagement für die Anerkennung des Mediums Fotografie als Kunst mit der Übergabe an das Museum seinen Höhe- und Endpunkt und die größte Bestätigung."

Im Interview mit Rose-Maria Gropp in der FAZ vom 14. Dezember erklärt Annette Kicken nicht nur ihre Motive, sondern äußert auch eine Erkenntnis über der den Markt für Fotografie: "Die Fotografie ist heute eine feste Größe im internationalen Kunstmarkt und nicht mehr nur in spezialisierten Sammlungen zu finden. Im Bereich des Kunsthandels nehme ich seit wenigen Jahren insgesamt eine entscheidende Veränderung wahr: Es gibt die sehr aktuelle Tendenz, dass große international operierende Kollegen wie die Galerien Zwirner, Hauser und Wirth oder Gagosian fotografische Positionen und Nachlässe zu vertreten beginnen. Wir befinden uns da in einem spannenden Prozess, der aus unserer Sicht den Kreis unseres jahrzehntelangen Engagements, die Fotografie aus ihrer Isolation zu befreien, vollendet - sozusagen 'mission accomplished'!"

Den Rückzug der Berliner Galerie Bastian vom Kupfergraben in einen privateren Rahmen nach Dahlem sieht Christiane Meixner im Tagesspiegel als Abgesang auf den Kunstmarktstandort Berlin: "Diese Zeiten, so muss man es lesen, sind vorbei. Die Stadt teilt ihr reiches Erbe: Das Museale gewinnt an Platz, die Galerien wachsen nicht weiter, sondern suchen sich Nischen für ihr individuelles Programm. Das passt, solange sich das Image vom kreativen Standort hält. Die Vision aber, kunsthändlerisch zu Metropolen wie London oder Paris aufzuschließen, kann die Stadt nach Aderlässen wie diesem aufgeben."

Deutliche Worte von Monika Grütters und Michelle Müntefering in der FAZ vom 15. Dezember, denen jetzt nur noch Taten folgen müssen: "Alle Besucher haben das Recht zu erfahren, wie Kult-, Kultur- und Alltagsgegenstände aus kolonialen Kontexten in die Bestände der jeweiligen Häuser gelangt sind. Zu der dringend notwendigen Offenheit gehört es ebenso, dass unsere Kultureinrichtungen kenntlich machen, welche Objekte sie überhaupt in ihrem Besitz haben. Das heißt: Wir müssen unsere Aktivitäten zur Digitalisierung von Beständen und Inventaren deutlich verstärken. Sinnvoll ist eine bundesweite Forschungsdatenbank, in der alle verfügbaren Recherchen frei zugänglich sind."

Das Kolonialmuseum in Tervuren hat gerade nach einer langen Rundumerneuerung wiedereröffnet. Rüdiger Schaper vergleicht im Tagesspiegel den belgischen und deutschen Umgang mit dem schwierigen Erbe: "Das Humboldt Forum ist ein Nagelneubau, eine Schlossfiktion. Tervuren wirkt dagegen noch sehr real, als royale Machtdemonstration des späten 19. Jahrhunderts. Das Berliner Schloss entsteht als Gebäude des 21. Jahrhunderts, wenn auch in seiner Architektur massiv dem Alten verhaftet, mit Putten und Portalen und Kuppelkreuz. Und dann schließt sich der Kreis: Der von dem größenwahnsinnigen Leopold II. und später vom belgischen Staat beherrsche Kongo grenzte, wie auf den Kartenwandgemälden in Tervuren zu sehen, an deutsches Kolonialgebiet."

Die geplante Indienstnahme des Kunstmuseums Wolfsburg durch den Volkswagen-Konzern solle der Grund für seinen plötzlichen Abgang sein, ist einer Stellungnahme des (Ex-) Direktors Ralf Beil laut einer Meldung bei Monopol zu entnehmen.

Nach 59 Jahren Ehe müsse das New Yorker Sammlerehepaar Harry und Linda Macklowe ihre auf 700 Millionen US-Dollar geschätzte Kunstsammlung im Rahmen ihrer Scheidung auf richterliche Anordnung fast vollständig verkaufen und den Erlös teilen, meldet Annie Arstrong bei Artnews.

Die Zeit der Rückblicke leutet Colin Gleadell bei Artnet ein und listet die acht überraschendsten Auktionsergebnisse des ablaufenden Jahres auf, unter denen tatsächlich einige Überraschungen sind.

Wer's braucht: Was auf der Art Basel Miami Beach zu welchem Preis verkauft wurde, hat Caroline Goldstein für Artnet zusammengetragen.

Aus journalistischer Perspektive scheint das Fazit etwas nüchterner, wie bei Eva Komarek in der Presse aus Wien nachzulesen ist: "Die heuer fertig gewordene Renovierung und Erweiterung des Convention Centers, in dem die Messe logiert, hat sich die Stadt 620 Millionen Dollar kosten lassen. Dafür gibt es Erwartungen an die Art Basel-Betreiber. Doch just in diesem Jahr erscheinen die ersten Risse im Lack. Nach einem kolportierten Verlust von 100 Millionen Dollar haben die Art Basel-Betreiber die neue Luxusautomobilmesse, die für Februar ebenfalls im Convention Center geplant war, abgeblasen und sich eine Konsolidierung verordnet. Aber auch die Art Basel selbst hatte nicht die gewohnte positive Stimmung. Die Verkäufe gingen schleppender, es fehlten einige wichtige Sammler."

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