Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Ein letztes Mal BLAU

23.12.2019 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 52 2019

Und wieder stirbt eine Kunstpublikation. Die Einstellung von Springers Magazin Blau meldet Kito Nedo in der Süddeutschen Zeitung: "Für ein nur im deutschsprachigen Raum erscheinendes Kunstmagazin sehe der Verlag angesichts eines zunehmend international agierenden Kunstmarktes 'derzeit keine weitere wirtschaftliche Perspektive' erklärte ein Sprecher. "Der Springer-typisch restriktive und im Fall von Blau praktisch inexistente Online-Auftritt dürfte nicht gerade zur Breitenwirkung der WamS-Beilage beigetragen haben. Die gerade lancierte englischsprachige Ausgabe soll wie geplant viermal im Jahr erscheinen.

Die Deutsche Bank scheint sich von den wertvolleren Teilen ihrer Kunstsammlung zu trennen. Wie gewohnt, setzt das Unternehmen dabei eher auf Heimlichtuerei und Abwiegeln statt auf Transparenz. Jörg Häntzschel, Michael Kläsgen und Meike Schreiber haben für die Süddeutsche Zeitung vom 21. Dezember nachgehakt: "Noch 2016 umfasste die Sammlung nach Bank-Angaben 59 000 Werke. Heute beläuft sich die Sammlung des Konzerns samt Tochter-Unternehmen noch auf 55 000. Der Bank ist das Thema offenbar unangenehm. Ein Teil des Schwunds gehe auch auf eine 'neue Klassifizierung' der Werke zurück, heißt es, eine gewisse Fluktuation habe es schon immer gegeben. Die Kuratoren sprechen gerne von der 'atmenden Sammlung'. Doch zuletzt wurde bei der Deutschen Bank wohl mehr aus- als eingeatmet." Ausgeatmet wurde unter anderem ein Triptychon von Gerhard Richter mit einem Wert um 20 Millionen US-Dollar.

Den weltweiten Kunstmarkt sieht Christian Herchenröder für das Handelsblatt in einer Konsolidierungsphase: "Im zweiten Halbjahr wandelte sich das Bild. In den weltweiten Auktionen zeigte sich bei marktprägenden Sammelgebieten wie impressionistischer, moderner und zeitgenössischer Kunst vor allem ein rückläufiger Trend: Im gleichen Maß, in dem es weniger Einlieferungen aus bedeutenden Sammlungen gab, hielten sich Auktionskunden aller Preissegmente mit hohen Geboten zurück. Es war eine Herbstsaison der niedrigen Gebote, die meist am unteren Rand der Schätzpreise lagen. Dieses Verhalten ist charakteristisch für Konsolidierungsphasen, die auf eine Periode von Rekorderlösen folgen." Für die nahe Zukunft ist er dennoch vorsichtig optimistisch: "Wie es weitergeht, lässt sich mit aller Vorsicht prognostizieren. Solange die amerikanische Wirtschaft floriert, die nach wie vor treibende Kraft des Kunstmarkts ist, wird sich nicht viel ändern. Auch der chinesische Markt bleibt, wie wir am Beispiel Hongkongs sahen, unangefochten entwicklungsstark. Die Verlagerung von London nach Paris wird alten Angebots- und Vertriebskanälen neuen Schwung geben."

Wie sehr sich die Bundeshauptstadt bei ihrem kulturellen Kopfputz auf die Zulieferung fremder Federn verlässt, zeigt eindrucksvoll eine Meldung der Leipziger Volkszeitung, derzufolge die städtische Förderung der freien Szene um knapp 20 Prozent auf 10 Millionen Euro im nächsten Jahr aufgestockt werden soll. Vor allem soll damit die Einkommenssituation der zumeist prekär Beschäftigten verbessert werden. Berlin steigert seinen Beitrag zur freien Kulturproduktion um immerhin zehn Prozent auf 20 Millionen. Zum Realitätsabgleich: Berlin hat knapp siebenmal so viele Einwohner wie Leipzig.

In ihrem Rückblick auf das deutsche Auktionsjahr kommt Rose-Maria Gropp in der FAZ zu einem ähnlichen Schluss: "Es bleibt also bis auf weiteres dabei: Der Mangel an ganz herausragenden Losen hält an, und wer im Moment seine Kunst nicht verkaufen muss, behält sie lieber. Das ist kein typisch deutsches Phänomen, denn auch der internationale Auktionsmarkt ist derzeit alles andere als in der Verfassung eines Höhenflugs. Das lässt sich Vernunft nennen, weniger freundlich heißt es eine Delle."

In seiner Analyse des deutschen Markts für die NZZ vom 21. Dezember ist Christian Herchenröder jedoch zuversichtlich: "Der deutschsprachige Auktionsmarkt ist im Konzert der Weltgrossen nur ein Nebenschauplatz. Aber einer, der sich durch Kontinuität und Preisvernunft auszeichnet. Millionenzuschläge sind seltener geworden, in vielen Marktsegmenten regiert das gehobene Mittelmass. Entsprechend sind auch die Gebote, die sich in dieser Herbstsaison eher an den unteren Schätzpreisen orientierten, was eine globale Erscheinung ist. Das heisst nicht, dass hier der Konsum schwächelt. Es zeigt sich nur eine Preiskontrolle, die auch dank ihrer wachsenden internationalen Klientel als ein gesundes Marktphänomen zu werten ist."

Was beim Einbruch in Dresden und im Vorfeld so alles schief gelaufen zu sein scheint, haben Adina Rieckmann, Heike Römer-Menschel und Ina Klempnow für eine halbstündige Doku im MDR recherchiert. Haarsträubend.

Ein anonymer Kunstliebhaber habe den Einbrechern in das Grüne Gewölbe angeboten, ihnen für die Rückerstattung der Beute 1,3 Millionen Euro zu zahlen, meldet derweil dpa, nachzulesen unter anderem bei Monopol. Der Freistaat Sachsen scheint bisher noch nicht auf so eine Idee gekommen zu sein.

Die offensichtliche Pleite des Kunstspekulanten Inigo Philbrick zieht immer weitere Kreise. Eileen Kinsella hat für Artnet herausgefunden, dass der Kunstfinanzierer Athena Art Finance rund 15 Millionen Dollar von dem Briten fordert, weil die beliehene Kunst diesem gar nicht gehöre. Das klingt, als hätte jemand seine Hausaufgaben nicht gemacht. Sollte sich die Angelegenheit zu einem Totalverlust entwickeln, dürfte das ein harter Schlag für das Unternehmen sein, das nach einer anfänglichen Finanzausstattung von 280 Millionen Dollar vor einem halben Jahr für gerade einmal 170 Millionen Dollar den Besitzer gewechselt hatte.

Während die Kosten für eine Versicherung der zur Art Basel Hong Kong transportierten Werke lägen aktuell beim 21-fachen der normalen Rate gestiegen seien, biete die Messe im Falle des Veranstaltungsausfalls den Ausstellern eine Rückerstattung in Höhe von 75 Prozent an, hat Anny Shaw für das Art Newspaper in Erfahrung gebracht.

Die Halbierung der Katalogproduktion von Christie's vermeldet Benjamin Sutton bei Artsy. Möglicherweise sei Umweltschutz nicht der treibende Grund für diese Entscheidung gewesen, sondern der Umstand, dass über die Hälfte der Bieter im letzten Jahr überhaupt keinen gedruckten Katalog erhalten habe und Print daher keine so große Rolle mehr für den Vertrieb spiele.

Crowdfunding fürs Museum: 25.000 Eigentümer habe jetzt ein Gemälde von Picasso, das vom Paul-Klee-Zentrum in Bern mit Hilfe einer Crowdfunding-Initiative angekauft wurde, meldet dpa, nachzulesen unter anderem bei Monopol. Das ist doch eine großartige Idee: Die Politik baut weiterhin überteuerte Hüllen, die dann von den Bürgen mit Kunst befüllt werden. Das stärkt den Gemeinschaftssinn.

Das in der Öffentlichkeit wenig bekannte, aber börsennotierte, Kunsthandelsunternehmen Weng Fine Art AG aus dem rheinischen Monheim hat außerbörslich ein größeres Aktienpaket der Artnet AG übernommen und ist jetzt mit 10,21 Prozent größter Einzelaktionär nach Unternehmensgründer Hans Neuendorf, wie aus einer Pressemitteilung der Weng Fine Art und einer Ad hoc-Mitteilung hervorgeht.

Der bekannte Berliner Anwalt Hartmut Fromm (75) soll den in Kunstkreisen noch bekannteren Sammler Erich Marx (98) laut René Bender im Handelsblatt sowie der BILD (Paywall) mithilfe von dessen Ex-Geliebten um mehrere Millionen Euro erleichtert haben.

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