Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Werden nie alt: Bananenwitze; Anzeige aus dem Jahr 2006

30.12.2019 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 53 2019

Wie immer zum Jahreswechsel ist es Zeit für eine Rückschau auf die abgelaufene Saison. Sowohl die Konzentrations- wie die Zentrifugalbewegungen scheinen sich zu beschleunigen. Befeuert werden diese Entwicklungen vom gesellschaftlichen Wandel durch die sozialen Medien und die Durchkommerzialisierung, der sämtliche Lebensbereiche betrifft und damit auch die Kunst. Während sich der erste Teil des Rückblicks den großen Entwicklungslinien widmet, geht es im zweiten Teil Anfang nächsten Jahres um die Kunstmessen, deren zentrale Rolle im Betriebssystem sich ebenfalls wandelt.


Eine ausführliche Einführung ins Art Lending - die Vergabe von Krediten gegen Kunst als Sicherheit - bietet Laurence Darmiento Anfang August in der Los Angeles Times. Das weltweite Volumen der Branche betrage demnach rund 20 Milliarden US-Dollar, Tendenz steigend. Das Geschäftsmodell sei für Investoren attraktiv, da diese Darlehen mit neun bis zehn Prozent ungewöhnlich hoch verzinst seien. Insgesamt werde der Anteil der beliehenen Kunst am gesamten Bestand in Privatbesitz auf ungefähr ein Prozent geschätzt.

Was passiert, wenn bei so einem Geschäft der Ernstfall eintritt, ist gerade am Beispiel des Museo José Berardo in Lissabon zu bewundern. Wie Gareth Harris im Art Newspaper berichtet, haben drei Banken fast den gesamten Bestand des Sammler-Museums beschlagnahmen lassen, weil er einen Kredit von rund einer Milliarde Euro nicht zurückzahlen könne, bei dem Kunst als Sicherheit diene.


Und schon wieder hat ein "Irgendwas mit Kunst im Internet"-Start Up aus Deutschland einen Dummen Investor gefunden, der ihm zu einer Millionen-Bewertung verhilft. Das Mönchengladbacher Online-Versandhaus Meet Pablo habe eine Finanzierung in siebenstelliger Höhe von dvh ventures erhalten, meldet die Wirtschaftswoche Anfang August. Aktuell listet die Webseite 189 Artikel auf, von denen 11 als verkauft markiert sind. Im Angebot sind Objekte von 299 Euro (Baumgärtel-Banane) bis 85.000 Euro (Virnich-Baum). Die Künstler mit den meisten Positionen (je 12) heißen Devin Miles und James Rizzi. Der vom Boulevard zum Wunderkind erklärte achtjährige Mikail Akar ist siebenmal vertreten. Zuletzt hatte Auctionata Investorengelder von rund 100 Millionen Euro verbrannt. Es ist wirklich zum Haareraufen, dass die Holtzbrinck-Gruppe als Verlag seriöse Titel wie Handelsblatt, Wirtschaftswoche, Die ZEIT und Tagesspiegel zum Teil gnadenlos auspresst, um das Geld anschließend mit ihrer Risikokapitalgesellschaft zum Fenster hinauszuwerfen.


Im aktuellsten Teil seiner Reihe versucht Artsys (nicht ganz unbefangener) Consumer Marketplace Strategist Alexander Forbes Mitte August zu beweisen, dass die Veröffentlichung von Preisen Künstlern, Galeristen und Sammlern hilft. Er argumentiert unter anderem mit den Untersuchungen des eigenen Unternehmens, die belegten, dass Neulinge unter Umständen gar nicht erst anfingen Kunst zu kaufen, weil die Intransparenz sie abschrecke.


Die Pace Gallery macht jetzt auch in Irgendwas mit Kunst und Internet oder Tech: Alex Greenberger meldet bei Artnews die Gründung von PaceX. Seine Erklärungen zum Inhalt des Projekts sind so vage wie die von Pace-Chef Arne Glimcher. Um viel Geld wird jedenfalls gehen, da als CEO von PaceX Christy MacLear ageheuert wurde, die zuvor schon Vice Chairman von Sotheby's Art Agency, Partners war.


Einen so amüsanten wie beunruhigenden Blick in die nahe Zukunft entwickelt Holger Liebs nach dem Besuch einer Ausstellung des Künstlers Oli Epp in der Berliner Galerie Duve für die FAS vom 1. September: "Dass viele Kunstwerke heute fast nur noch digital wahrgenommen werden und durch alle Medien einfach so durchrauschen und damit auch an den Stabilisierungsfaktoren von Galerien, Museen und Experten vorbei, bedeutet natürlich für ihre Halbwertszeit nichts Gutes." Beim Anblick der leicht erfassbaren Malerei des virtuosen Instagram-Bespielers Epp, der seine Kunst selbst Post Digital Pop nennt, steigert sich der Autor in eine dystopische Vision: "Die Ultrareichen leben in bewachten pastoralen Idyllen à la Mittelerde mit zahlreichen ästhetischen Verlockungen, darunter, neben anderen Konsumgütern wie grünen Hügeln, Wasser oder lokaler Bienenzucht, auch Kunst. Individuelle Autorschaft ist wie zu höfischen Zeiten ein Hobby für die wenigen, die es sich leisten können, auf Produzenten- wie auf Käuferseite. Die Art Basel, inzwischen dem weitverzweigten Portfolio des Finanzriesen Blackrock angegliedert, hat sich in Grönland etabliert. Die wenigen Megagalerien, die noch Ausstellungen veranstalten, sind im Grunde Feelgood-Schaufenster. Sie werden alle jeweils von einem der drei großen 'A's besessen, Alphabet, Amazon und Apple, die ohnehin fast alles besitzen. Aus den früher wichtigsten Galerien Gagosian, Zwirner und Hauser & Wirth ist das Amalgam Zwirthagosian geworden".


Der aktuelle Artnet Intelligence Report ist Mitte September erschienen. Es geht vor allem darum, wie aus der Kunstwelt die Kunstindustrie wurde. Er kann hier (PDF) heruntergeladen werden.


Von einer neuen Entlassungswelle bei Artsy berichtet Anfang Oktober Margaret Carrigan im Art Newspaper. Demnach müssen erneut 20 Mitarbeiter gehen, etwa zehn Prozent des Personals. Die Maßnahme betreffe auch drei Stellen in der Redaktion.


Neuzugänge in Paris hat Bettina Wohlfarth für die FAZ vom 13. Oktober zusammengetragen. „Die Unsicherheit, die der Austritt Großbritanniens aus der EU mit sich bringt – wie werden Kunstwerke künftig zirkulieren können, und welcher Steuersatz gilt –, treibt große Galerien über den Ärmelkanal, um sich ein Standbein innerhalb der EU zu sichern. Und keine andere europäische Stadt hat, neben bedeutenden Sammlern, ein mit Paris vergleichbares Angebot an Museen, Kunstinstitutionen und Galerien. Der deutsch-amerikanische Galerist David Zwirner eröffnet zur Fiac-Woche seine neue Pariser Zweigstelle im Marais-Viertel (F.A.Z vom 20. Juli). Nun sind weitere Meldungen, auch Gerüchte zu hören. Jay Joplings für London und die einst 'Young British Artists' emblematische Galerie White Cube hat eine Ausstellungsfläche in der Rue Matignon gefunden, in direkter Nachbarschaft zur schon anwesenden Mega-Galerie von Gagosian, zu Christie’s und zu Sotheby’s; die Dependance soll in den nächsten Monaten eröffnen.“

Auch Daniel Völzke fragt in Monopol: „Ist Paris das neue London?“

Einen Werbeblock für den Chairman der Tefaf und sein "Irgendwas mit Kunst und Blockchain"-Unternehmen hievt Sarah Pines anlässlich der New Yorker Messe Anfang November in die NZZ.


Warum ihr Marktplatz für Digital Art den Kunstmarkt revolutionieren wird, erklärt Christina Steinbrecher-Pfandt bei Medium.


Banksy, KAWS und andere Street Art-Künstler hätten ihren Aufstieg Instagram und einem neuen Typ Sammler zu verdanken, analysiert Scott Reyburn im Art Newspaper. Diese seien mehr Konsumenten als Sammler und müssten vom traditionellen Kunstmarkt durchaus ernst genommen werden.


Nachwuchssammler Mitte 20 in Asien gründen Museen. In Serie. Gleichermaßen beeindruckende wie beängstigende Geschichte von Benjamin Sutton bei Artsy.


Nachdem Chelsea zur Billionaires Row der Mega-Galerien mutiert ist, entwickelt sich Tribeca zum neuen Hotspot der Avantgarde-Galerien. In der NZZ bringt Christian Schaernack Mitte November Nicht-New Yorker auf den neuesten Stand der Galerienszene und warnt abschließend: "Doch sollte man sich keinen Illusionen hingeben. Auch wenn der Flecken entlang der Walker Street inzwischen dem Denkmalschutz unterliegt und somit die Verdrängung durch Abriss und Neubau ausgeschlossen ist - überall im nahe gelegenen Umfeld spriessen die Neubauten funkelnder Luxustürme in den Himmel. Da stellt sich nicht nur die Frage, wo denn einmal das nächste Tribeca liegen könnte. Sondern ob auf Manhattan überhaupt noch Platz sein wird für eine Szene junger Künstler und kleiner Galerien, die schon heute wie eingeschnürt wirkt: immer auf der Flucht vor galoppierenden Mieten und Lebenshaltungskosten, und mit voller Härte dem disruptiven Strukturwandel auf dem Kunstmarkt ausgesetzt."


Mit ihrer nur allzu bereitwilligen Anbiederung ans Kapital habe sich die Kunst in eine Abhängigkeit gebracht, aus der sie sich jetzt nur schwer befreien könne, analysiert Jörg Heiser in einem lesens- und hörenswerten Essay Ende November für den Deutschlandfunk: "Wie soll es überhaupt Kunst geben, wenn nicht auch dank derer, die in einer Art modernem Ablasshandel ihre schmutzigen Geschäfte mit sauberer, ehrenvoller Patronage in der Kunst kompensieren? Ist doch gut, wenn sie nicht nur Schlechtes mit ihrem Vermögen anstellen! Ein Problem mit dieser affirmativen Argumentationsweise ist, dass sie oft gerade von jenen kommt, die besonders vehement ihre Abscheu über Donald Trump zum Ausdruck bringen - so als hätte das eine mit dem anderen gar nichts zu tun! Aber das hat es."


Hochpreiskunst habe ihre Berechtigung und sei sogar ein Zeichen für einen gesunden Markt, glaubt Philipp Meier in der NZZ Mitte Dezember: "In ihrer Ambivalenz fordert solche Kunst den Intellekt eben ganz anders heraus als der makellose Lack eines Ferrari. Die weltweite Finanzelite ist verrückt nach solcher Kunst. Ihre Kunstbegeisterung ist ihr indessen hoch anzurechnen. Denn sie ermöglicht eine Kunstszene, die ausgesprochen reich, lebendig und vielseitig ist mit ihren Ausstellungen, Biennalen, Messen und Debatten, an welchen nicht zuletzt eine breite Öffentlichkeit partizipieren kann. Es ist das nicht zu überschätzende Verdienst dieser Elite, ein überaus generöses modernes Mäzenatentum darzustellen." Die Argumentation hinkt an so vielen Stellen, dass man gar nicht weiß, wo anfangen. Vielleicht bei der Familie Sackler.

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