Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Gütliche Einigung über Gurlitt-Cézanne

09.07.2018 06:00 Uhr

Kunstwoche 28 2018

Wie schön ist doch die Kunstwelt, wenn man unter sich bleibt! Die Masterpiece in London scheint nach der Übernahme durch die Messe Schweiz genau die Besucher und Aussteller anzuziehen, auf die die neuen Besitzer für ihre geplante weltweite Expansion setzen. Eine Ausstellerin freut sich laut Nate Freeman bei Artsy: "Das ist Chelsea, und gerade ist Wimbledon und die Leute wohnen einfach hier." Man fühlt sich einfach so feudal, dass Sätze wie jener eines Juwelenverkäufers über die Förderung von speziellen Saphiren ganz natürlich über die Lippen kommen: "Ohne Technologie, eine Menge Leute sind für die Gewinnung dieser Steine gestorben." Nicht fehlen darf in so einem Umfeld Hauser & Wirth als eine der wenigen Galerien für zeitgenössische Kunst, deren Direktor sich mit dem Satz zitieren lässt: "Es gibt Juwelen, Boote, Uhren - von der zeitgenössischen Kunst kommend, würde man erwarten, dass sich das irgendwie falsch anfühlt, aber verrückterweise fühlt es sich total richtig an."

Überzeugungstäter wird man auf solchen Veranstaltungen eher nicht finden. Doch es gibt sie noch, die echten Sammler. Christiane Fricke portraitiert für das Handelsblatt vom 6. Juli Gabi und Wilhelm Schürmann, auf die sich bereits einige Sammler der nachfolgenden Generation als Vorbilder berufen: "Die Werke begegnen ihnen. 'Die finden uns, nicht wir finden die', betont Wilhelm Schürmann. Offenheit, auch für den Zufall, gehört dazu, ebenso wie eine zum Credo erhobene Unangepasstheit. 'Links blinken, rechts abbiegen', lautet die Devise. Der Mainstream ist nicht interessant. Wohl aber die Dinge, die übersehen werden, 'weil sie nicht laut in der ersten Reihe Bling-Bling rufen.'"

Künstlerschmuck als Wertanlage empfiehlt Anna von Münchhausen in der ZEIT: "Der Trend geht also zum identifizierbaren Einzelstück - dem Gegenteil zur Massenproduktion großer Häuser wie Tiffany. Es verleiht offenbar das Gefühl von Nähe zum Genie, ein vom Künstler oder von der Künstlerin entworfenes Stück zu tragen. Zu achten ist immer auf die Höhe der hergestellten Auflagen - bei den Pop-Artikeln von Jeff Koons zum Beispiel geht das auch mal in die Tausende, dann ist der hohe Preis kein Indikator für Exklusivität."

"The Köln Show - Netzwerke der Avantgardegalerien in den 90er Jahren", eine Publikation des Zentralarchivs für deutsche und internationale Kunstmarktforschung (wie es neuerdings heißt), betreibe nur ein bisschen nostalgische Nabelschau, urteilt Michael Kohler im Kölner Stadt-Anzeiger. Die damalige Stimmung klingt vertraut: "Zwar findet sich bei den Kölner Galeristen eine verbreitete Vorliebe für 'Kontextkunst', in der weniger um einen persönlichen Stil gerungen wurde, als um eine Haltung zu Museen, Vorbildern, dem Kunstmarkt und der Rolle des Künstlers in einer Zeit, in der alles schon mal gemalt, gedacht und verkauft schien."

Der Einsatz von Victoria Beckham als "Muse" für die Altmeister-Auktion bei Sotheby's hat Anne Katrin Fessler vom Standard nicht überzeugt: "Die Verkäufe waren gut, aber waren sie auch überraschend? Neben dem Rubens erzielten die besten Ergebnisse zwei Gemälde, die nicht in der Auswahl des Ex-Spice-Girls waren: eine heilige Familie von Hans Baldung Grien (Zuschlag bei 3.010.000 Pfund) und ein Gemälde William Turners (der Hammer fiel bei 3.370.000 Pfund). Wie groß war also der Beckham-Effekt? Sotheby's wird es nicht verraten. Und wohl ebenso wenig, wie man zum eigenwilligen Musenbegriff kam. Denn die Muse Beckham inspiriert ja nicht zur kreativen Leistung, sondern im Wecken und Entdecken neuer Lüste und Leidenschaften vor allem zum Kauf. Sagen Sie doch einfach Influencerin zu ihr!"

Den Kunstmarkt der FAZ füllen Auktionsberichte, der von Laura Henkel über die Ergebnisse von Kornfeld in Bern ist online frei zugänglich.

Der Auktionsmarkt für Asiatika tut sich im deutschsprachigen Raum immer schwerer, wie Sabine Spindler im Handelsblatt vom 6. Juli anhand der aktuellen Auktionsergebnisse nachzeichnet, nicht nur wegen Nachschubmangels: "Der Preisspagat der westlichen Kunst findet zusehends auch auf dem Markt für Asiatika statt. Die Spitze wird immer stärker. Die anderen Bereiche verlieren an Potenz. Das spiegeln auch die Ergebnisse der Asiatika-Auktion bei Lempertz in Köln vom 15. Juni wider. Bester Erhaltungszustand eines Paares strahlend blauer Porzellanvasen der Yongzheng-Periode (1678-1735) animierte zahlreiche telefonisch mitbietende Chinesen. Das auf 5 000 Euro taxierte Paar wurde erst bei 395 000 Euro einem asiatischen Saalbieter zugeschlagen."

Die Giambologna-Bronze der Bayer AG geht jetzt doch nicht zu Sotheby's nach London, sondern in die Dresdener Kunstsammlungen, meldet die FAZ. Susanne Schreiber argumentiert im Handelsblatt vom 4. Juli, dass der Chemie-Konzern damit einen Imageschaden vermieden habe: "Mit der späten Einsicht, dass der gut dokumentierte "Mars" nach Dresden gehört, ist die Bayer AG, die sich sogar eine eigene Kulturabteilung leistet, knapp am Gesichtsverlust vorbeigeschrammt. Eigentum verpflichtet - in diesem Fall zu Dialog und Provenienz."

Der Streit zwischen den Erben Paul Cézannes und dem Kunstmuseum Bern um ein Bild aus dem Gurlitt-Nachlass ist nach einer APA-Meldung, unter anderem in Standard nachzulesen, beigelegt: "Die Familie Cézanne beanspruchte das Bild, das ihr gestohlen worden sei. Die nun getroffene Einigung sieht vor, dass die Familie im Rahmen eines langfristigen Leihvertrags das Gemälde regelmäßig im Musée Granet in Aix-en-Provence, Cézannes Heimatstadt, zeigen kann."

Bei einem Vortrag in Bonn scheint der Vorsitzende der Limbach-Kommission, der ehemalige Verfassungsrichter Hans-Jürgen Papier, keine allzu gute Figur gemacht haben, so Patrick Bahners in der FAZ vom 6. Juli: "Papier wurde um eine Bewertung des Umstands gebeten, dass Kunstwerke mit ihrer Eintragung in die staatlich geführte Datenbank Lost Art praktisch unverkäuflich werden. Seine Antwort: Das sei nur eine faktische Folge des staatlichen Handelns, ohne rechtliche Bedeutung; der Bürger müsse sie hinnehmen wie einen Verdacht der Staatsanwaltschaft, der sich später als unbegründet erweise. Der Vergleich verkennt, dass die Datenbank desto besser funktioniert, je mehr Bilder als Verdachtsfälle markiert werden. Papier wiederholte erwartungsgemäß sein Argument, aber es wurde dadurch nicht besser."

Fiac, Biennale des Antiquaires, Paris Photo und Art Paris erhalten während der Renovierung des Grand Palais eine semi-permanente Struktur auf dem Marsfeld zu Füßen des Eiffelturms, berichtet Gareth Harris im Art Newspaper.

Aus dem neuen Leben von Helge Achenbach über den Dächern von Köln-Ehrenfeld berichtet dpa, unter anderem nachzulesen in den Aachener Nachrichten.

Den Abgang ihres ehemaligen Redaktionskollegen Florian Illies von der Villa Grisebach meldet Rose-Maria Gropp in der FAZ vom 4. Juli.

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