Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Wie weit geht die facebook-Zensur noch?

05.03.2018 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 10 2018

Das gab's noch nie: Beide Berliner Kunstmessen an einem Ort. Durch den wegen Belegung der Station erzwungenen Umzug der Art Berlin (früher abc) in den Flughafen Tempelhof wurde die Berlin Art Week ebenfalls um eine Woche verschoben, was wiederum die Positions in die Bredouille brachte, weil deren Austragungsort zu diesem Termin Ende Sepember ebenfalls belegt ist. Jetzt findet sie auf kleinerer Fläche in einem Hangar statt. (Fast) die ganze Geschichte hat Gabriela Walde für die Berliner Morgenpost. Dabei war abc immer auf größtmögliche Distanz zur Positions (früher Preview) bedacht. Dumm gelaufen.

Die erste Ausgabe der schon in London und New York präsenten Messe für afrikanische Kunst I-54 Marrakesch war auf den ersten Blick ein großes Schaulaufen mit viel Bling-Bling vor Kunstkulisse. Dass es im Hintergrund um viel mehr geht, erläutert Niklas Maak im wohltuend ernstzunehmenden Artikel über die Veranstaltung in der FAZ vom 4. März: "Die Frage hinter Kunstrummel, Palmen und Kolonialfolklore lautete: Kann es sein, dass an verschiedenen Orten Afrikas gerade soziale, ästhetische, ökonomische Modelle entstehen, die wegweisender sind als das, was als 'Entwicklungshilfe' nach Afrika exportiert wird?" Die Regel sind Werbetexte wie die von Antwaun Sargent bei Artsy.

Wohlfeile Ratschläge für angehende Sammler, einen Einblick in das gespaltene Verhältnis von Galeristen zu Messen und die seltsamen Blüten, die das Art Lending treibt - all das bietet ein Vorbericht zur Armory Show von Paul Sullivan in der New York Times.

Warum Kunstsammler sammeln und wie sich zukünftige Sammler von traditionellen unterscheiden könnten, versucht Wolfgang Ullrich im Gespräch mit Gesa Ufer im Deutschlandfunk zu erklären: "Vielleicht wird die nächste Sammlergeneration sich dadurch auszeichnen, dass sie in der Lage ist, eine eigene Sammlung immer wieder interessant zu transformieren und eben nicht mehr die Sammlung am Vorbild eines Unternehmens oder eines Werkes sehen, das also immer noch mehr auf Vollendung hin angelegt wird, sondern eher in der Analogie zu einem Körper zu sehen. So wie wir einem Körper auch mal mehr zuführen, aber auch mal wieder mehr auf Diät gehen, so kann man sich das genauso auch für Sammlungen vorstellen, dass immer wieder auch mal die Phasen eintreten, wo Sammler eher stolz darauf sind, sich von etwas trennen zu können, als wieder was Neues sich zuzulegen."

Dem Sammler Tomas Olbricht darf man durchaus die Leidenschaft für das Kunstsammeln unterstellen, die aus seinem Interview mit Doja Kujacinski im Focus vom 3. März spricht: "Früher zählte nur die Leidenschaft: erster Blick. Gefallen. Erwerben. Super. Heute schaue ich in einen Auktionskatalog: super Bild - zu teuer! Oft steht hinter einem horrenden Preis auch das Omegazeichen, also die Third Party, die das Kunstwerk eh kauft, wenn es kein anderer haben will. Bei den Auktionen scheint heute Manipulation aller Seiten eine nicht unerhebliche Rolle zu spielen. Es geht nur noch ums Geld, weil man den Menschen eingeimpft hat, dass das Sammeln von Kunst eine neue Asset-Klasse sei, neben Renten, Aktien oder Immobilien. Dies scheint mir allerdings ein Trugschluss. Investition in Kunst ohne eigenes Wissen, ohne Leidenschaft geht schief. Früher gab es in den Abendauktionen vielleicht nur eine Arbeit, die über einer Million angeboten wurde. Heute sind es mehrheitlich Millionen-Lose. Das können sich nur noch die Superreichen leisten."

Wie das so ist, wenn man ganz altmodisch bürgerlich Kunst aus Leidenschaft sammelt, erklärt Alain Claude Sulzer in der NZZ: "Abgesehen von professionellen Händlern kauft kaum jemand Kunst allein zum Zweck, sie schnell und möglichst einträglich wieder loszuwerden. Der Kunstliebhaber richtet sein Augenmerk auf etwas anderes: Es geht ihm um das Bild selbst und - ganz schlicht - die Zierde seiner Wände. Hat er sich einmal an die Bilder gewöhnt, will er mit ihnen leben, selbst wenn sein Blick sie nur gelegentlich streift."

Gleichfalls sind nicht alle Galeristen Krämerseelen. Das belegt Rose-Maria Gropp in ihrer Besprechung der Ausstellung mit Werken aus der Sammlung von Kasper König in der Berliner Galerie Thomas Fischer in der FAZ vom 3. März: "Eine Auslese von Früchten seines speziellen unorthodoxen Blicks ist in der Galerie ausgebreitet. Und dieser Blick eben ist das genaue Gegenteil von Arbitrarität oder blindem Zufall. Verkäuflich ist keiner von Königs Schätzen. Und für die Ausstellung zu preisen ist also auch der Galerist, der dabei mitmacht."

Bei den Londoner Impressionismus- und Moderne-Auktionen macht Stephanie Dieckvoss für das Handelsblatt vom 2. März nicht nur einen Run auf Picasso aus, sondern auch auf Künstler, die bisher eher ein (relatives) Nischendasein auf dem Kunstmarkt geführt haben, etwa die Surrealisten Georges Vantongerloo oder Antoine Pevsner. Zudem seien US-Amerikaner weniger aktiv gewesen, dafür Asiaten und Russen mehr.

118,8 Millionen US-Dollar habe Sotheby's im letzten Jahr verdient, und damit 60 Prozent mehr als im Vorjahr, berichtet Tad Smith in seiner Zusammenfassung des Jahresberichts bei Artnews.

In seiner Geschichte des Kunstmarkts seit der Finanzkrise erläutert Christian Herchenröder im Handelsblatt vom 2. März auch das Sytem der Händlerfamilie Nahmad: "Mehrere Generationen der Nahmads kaufen fortlaufend teure Werke des Impressionismus und der Moderne in den Prestige-Auktionen. Der Clan sitzt dann bei Christie's oder Sotheby's in der ersten Reihe. Patriarch David bewilligt Bietschritte - unsichtbar für die Saalbieter - im Augenkontakt mit dem Auktionator. Die ersteigerten 'Blue Chips' bunkern die Nahmads mittelfristig in Freilagern und veräußern sie von dort aus mit Gewinn. Allein der Patron David Nahmad soll 116 Werke von Picasso besitzen, von denen immer wieder einzelne in den Markt zurückfließen. Meist an Käufer, aber gelegentlich auch zu einem der Auktionsriesen. Etwa, wenn noch ein singuläres Werk fehlt, das sich auf dem Titel und als alles überstrahlende Einlieferung besser vermarkten ließe als alle bereits getätigten Einlieferungen. Die Schattenwirtschaft ist der problematische Teil der 'Diskretion', ohne die die Kunstmärkte nicht leben. Die Private Sales, die auch für die Auktionshäuser immer wichtiger werden, sind der legitime Teil."

"Deaccessioning" wird es im englischen Sprachgebrauch genannt, Sammlungsbereinigung im deutschen - gemeint ist in beiden Fällen der Verkauf von Kunstwerken aus Museen, von Kritikastern auch als Verschleudern des Tafelsilbers beklagt. Anlässlich des seit Monaten in der internationalen Fachpresse verbreiteten Skandals um das Berkshire Museum in den USA rekapituliert Peter Dittmar in der ZEIT vom 1. März die Geschichte dieser fragwürdigen Praxis. Auch in Deutschland "musste 1987 Renoirs Blumenstrauß mit 'gut einer Million' Mark den Erweiterungsbau der Bremer Kunsthalle finanzieren helfen. Das Osthaus-Museum Hagen gab einen Vuillard und 1998 Gerhard Richters Seestück - angeblich für das Haus 'zu groß' - in den Handel. Nur in Krefeld scheiterte die Versteigerung von Claude Monets Parlament, Sonnenuntergang am öffentlichen Protest. Bonns Kunstmuseum verlor fast den Sandteichdamm von Georg Baselitz, nachdem Walter Smerling der Stadt mit der großspurig inszenierten Ausstellung Zeitwenden ein Defizit von 1,9 Millionen Mark beschert hatte. Am Ende erwarb die Bonner Sparkassenstiftung das Gemälde zwar für 400 000 D-Mark - beließ es aber am gewohnten Platz im Museum."

Dramatische Besuchereinbrüche hätten die National Gallery (17 Prozent) und die National Portrait Gallery (35 Prozent Prozent) in London im letzten Jahr zu verzeichnen gehabt, weil sie nicht genügend Blockbuster auf die Beine gestellt hätten, beklagt Martin Bailey im Art Newspaper. Wenn man sich einmal auf Besucherzahlen als maßgebliche Einheit für die Messung von Erfolg eines Museums eingelassen hat, muss man halt auch in dieser Währung liefern.

Auf unangenehme Weise passt dazu, dass Herzogin Kate jetzt eine Ausstellung in der National Portrait Gallery kuratiert. In der Schau geht es um Kinderportraits, die die immerhin studierte Kunsthistorikerin ja auch von ihren Kindern fertige, ist in einer dpa-Meldung, unter anderem bei Monopol zu lesen. Wenn man mit der Kunst schon keine Schlagzeilen mehr machen kann, dann wenigstens mit dem Kuratorennamen. Auf die Art endet das Museumswesen wirklich beim Eiskremmuseum. Übrigens sind in der Ausstellung auch Bilder von Lewis Carroll zu sehen, dem Autor von Alice im Wunderland. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis jemanden dessen pädophile Neigung einfällt und die Entfernung der Fotos fordert.

Fast schon wieder lustig ist Facebooks Zensur der Venus von Willendorf, über die Aimee Dawson für das Art Newspaper berichtet, vor allem durch die bizarre Entschuldigung des Unternehmens, derzufolge es das Bild der steinzeitlichen Figur aus dem Naturhistorischen Museum in Wien für eine verbotenerweise Nacktheit enthaltende Anzeige gehalten habe.

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