Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Zankapfel Stammeskunst; Foto By Bin im Garten via Wikimedia

26.03.2018 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 13 2018

Magnus Renfrew will es noch einmal wissen: Der ehemalige Gründungsdirektor der heutigen Art Basel Hong Kong gründet jetzt eine Messe in Taiwans Hauptstadt Taipeh. Sarah Douglas führt bei Artnews aus, dass Taipei Dangdai nicht nach den Sternen greifen, sondern sich mit zunächst 80 Ausstellern zeitgenössischer Kunst an ein regionales Publikum wenden wolle. Hauptsponsor von Taipei Dangdai solle die UBS sein, die ebenfalls größter Sponsor der Art Basel-Messen ist. Und wieder habe das Trio Tim Etchells, Sandy Angus and Will Ramsay seine Finger mit ihm Spiel, hat Enid Tsui für die South China Morning Post erfahren. Die drei sind in unterschiedlicher Kombination Gründer, Betreiber oder Ex-Inhaber von Pulse, Art London, CI Istanbul und - in diesem Zusammenhang interessant - Art Hong Kong, die 2011 an die Art Basel-Mutter MCH Group verkauft wurde und heute Art Basel Hong Kong heißt. Direkt im Anschluss eröffnete Sandy Angus die Art Central in Sichtweite zur Art Basel, und verkaufte den Schweizern anschließend noch die India Art Fair.

Art Basel Cities, die Digitalisierung und die Schwierigkeiten junger Galerien sind einige der Themen, über die sich Art Basel-Chef Marc Spiegler sehr ausführlich im Interview mit Andrew Goldstein bei Artnet verbreiten darf.

Einen weiteren Bericht über die Überlebensstrategien kleinerer Galerien steuert Scott Reyburn in der New York Times bei.

Kleine, spezialisierte Messen können durchaus ein Segen für die Branche sein und ihren Teilmarkt nicht nur pflegen, sondern sogar zu seinem Ausbau beitragen, ist Bettina Wolfarth in der FAZ überzeugt. Als Beispiel führt sie die beiden Zeichnungsmessen Salon du Dessin und Drawing Now in Paris an: "Seit eine kleine Gruppe Pariser Händler vor 27 Jahren die erste Messe für Zeichnungen ins Leben rief, haben Werke auf Papier immer mehr Beachtung erlangt und werden von einem wachsenden Sammlerpublikum gesucht. Mit der Aufmerksamkeit sind auch die Preise gestiegen, und zu den erlesenen Altmeisterzeichnungen haben sich am gewohnten Ausstellungsort, dem Palais Brongniart, längst exquisite Blätter des 20. Jahrhunderts gesellt. Dass der Salon du Dessin in all den Jahren manches Sammlerauge geschult hat, kommt auch Drawing Now zugute, der jungen, nun zum zwölften Mal im Carreau du Temple stattfindenden Messe für zeitgenössische Werke auf Papier." Olga Grimm-Weissert bestätigt im Handelsblatt vom 23. März diese Rolle der älteren Veranstaltung: "Die Messe verwandelte den Nischenmarkt der Skizzen, Entwürfe und Vorzeichnungen in ein eigenständiges, kommerziell höchst erfolgreiches Segment."

Was für ein Wandel in 70 Jahren! Früher war die alte Kunst am teuersten und Museen hatten noch Geld. Christian Herchenröder beschreibt im letzten Teil seiner Serie zur Geschichte des Kunstmarkts die Nachkriegszeit für das Handelsblatt vom 23. März: "Preise, die die Kunstwelt bewegten, finden sich bei den Impressionisten und den Alten Meistern. Ein erster Marktgipfel ist das Rembrandt-Gemälde 'Aristoteles betrachtet die Büste Homers', das 1961 in dem New Yorker Auktionshaus Parke-Bernet für 2,3 Millionen Dollar vom Metropolitan Museum ersteigert wird. Im November 1970 erwirbt dasselbe Museum das Velázquez-Porträt des Juan de Pareja für 2,3 Millionen Pfund. Dass die Welt-Museen auch in dieser Zeit Käufer mit Hochpreis-Ambitionen sind, bestätigte sich 1970, als die Bayerischen Staatsgemälde-Sammlungen München von dem Fürsten von Liechtenstein das Ganzporträt des Willem van Heythuysen von Frans Hals für zwölf Millionen D-Mark erwerben - bis 1977 der höchste Preis auf dem Nachkriegsmarkt für einen niederländischen Meister. Der Markt für flämische und holländische Altmeistergemälde floriert." Heute ist das allerdings nur wenig anders: Leonardo da Vinci und Paul Gaugin führen die Rekordlisten an, und es sind immer noch Museen, von denen oder für die diese Summen ausgegeben werden, nur eben private statt öffentliche.

Sinnlose Ratschläge, wann man bei Galerien und wann auf Auktionen kaufen sollte, gibt der ehemalige Christie's-Präsident und jetzige Berater Doug Woodham bei Artsy: Einerseits bleibe bei angesagten Künstlern oft nichts anderes übrig, als hohe Preise bei Versteigerungen zu bezahlen, wenn man in der Galerie leer ausginge, andererseits würden bei gerade nicht so beliebten Künstlern Auktionen den fairen Marktpreis ermitteln, während Galerien ihre überzogenen Preisvorstellungen beibehielten. Dabei macht es in dieser reinen Marktlogik überhaupt keinen Sinn, Arbeiten unbeliebter Künstler zu kaufen.

Die Reformresistenz des Museumsdinosauriers Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Versuche von Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die ursprünglich föderal aufgestellte Veranstaltung unter Bundesregime zu bringen und das umstrittene Agieren von Stiftungs-Präsident Hermann Parzinger beschreibt Jörg Häntzschel in der Süddeutschen Zeitung: "Besonders schwer haben es die Jungen, nicht nur, weil viele sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangeln. Brauchen sie für ihre Forschung Zugang zu den Archiven, müssen sie sich oft auf eine Genehmigungsodyssee begeben, die bis hinauf zum Präsidenten selbst führen kann. Neues Denken, Kritik und Debatten seien nicht erwünscht: 'Die staatlichen Museen sind der größte Kulturarbeitgeber Berlins. Wer seinen Mund aufmacht, kann sich eine andere Stadt suchen', sagt eine Kuratorin." Der Fisch beginnt bekanntlich vom Kopf an zu stinken, und dieser Koloss hat gleich mehrere, von dem es keinem um eine vernünftige Aufstellung der Berliner Museumslandschaft zu gehen scheint, sondern vor allem um die jeweils eigenen Ziele.

Heiße Eisen schrecken Bénédicte Savoy nicht ab. Größere Bekanntheit erlangte die französische Kunsthistorikerin mit Lehrstuhl an der TU in Berlin, als sie letztes Jahr aus der Expertenkommission des Humboldt-Forums austrat und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz eine "totale Sklerose" attestierte. Jetzt wolle sie zusammen mit einem Wirtschaftswissenschaftler Optionen für die von Emanuel Macron angekündigten Rückgabe von Kunst an afrikanische Staaten erkunden, berichtet Olga Grimm-Weissert in der NZZ vom 24. März: "Dem Wunsch des französischen Präsidenten folgend, soll das Wissenschafter-Duo über die Möglichkeiten etwaiger Rückgaben von Kunstwerken, die sich seit der Kolonialzeit in französischen Museen befinden, nachdenken. Sie werden insbesondere prüfen müssen, unter welchen Bedingungen diese Werke an ihre Herkunftsländer übergeben werden können. Der rechtlich verankerte Schutz ist wesentlich, weil die Gegner solcher Kulturgut-Rückgaben argumentieren, die afrikanischen Staaten hätten weder die entsprechende Infrastruktur zur Aufbewahrung der Werke noch das nötige Fachpersonal. Sie prophezeien, die restituierten Objekte würden sich rasch auf dem Kunstmarkt wiederfinden."

Alles ist vergänglich, auch das Plastik, mit dem Designer gerne arbeiten. Deren kreativer Umgang mit den unterschiedlichsten neuen Werkstoffen seit den 60er Jahren stellt Museen, Sammler und Händler zunehmend vor Probleme, die Eve M. Kahn in der New York Times eindrücklich schildert.

Er wolle Geschichten erzählen, meint Kai Strittmatter über den Stararchitekten Ole Scheeren, dem er dessen Berufsoptimismus und sein Pekinger Hauptquartier für den chinesischen Auktionsgiganten Guardian in der Süddeutschen Zeitung vom 23. März um die Ohren haut: "Mit dem Geschichtenerzählen ist das so eine Sache hier. Wenn es Scheerens Idee war, dass sein Wunderturm drüben im Osten die 'Auflösung der Hierarchien' befördern sollte, dann streckt der Turm längst auch seinem Schöpfer die Zunge raus. Der Bau ist Sitz von CCTV, das ist das staatliche Fernsehen und heute mehr denn je 'Kehle und Zunge' der Partei: willige Propagandawaffe des außerhalb Nordkoreas hierarchischsten Politapparats der Erde. Ein Apparat, der China gerade wieder abschottet. Vom Hunger auf die Welt, der vor ein paar Jahren noch herrschte, ist heute zumindest bei denen, die das Sagen haben, nicht mehr viel zu spüren.Und die einstige Aufbruchstimmung in der Gesellschaft macht im Moment gerade großer Niedergeschlagenheit Platz bei vielen von denen, an die sich Scheerens neuer Bau richtet."

Donald Trump habe das Budget des National Endowment für the Arts (NEA), entgegen seiner erklärten Absicht, die Einrichtung zu schließen, im Rahmen der Genehmigung des gesamten Staatshaushalts um 3 Millionen auf 152,8 Millionen Dollar erhöht, meldet Artsy. Er wolle so ein Gesetz auch nie wieder unterschreiben, ließ Trump inzwischen wissen.

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