Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Coronabedingtes Biedermeier: Wilhelm Schürmann auf Instagram

20.04.2020 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 16 2020

Wenn sich sogar ein ausgewiesener Querdenker wie der Sammler Wilhelm Schürmann auf Instagram augenzwinkernd zum Biedermeier bekennt und Petersilie aus dem eigenen Garten auf kariertem Geschirrhandtuch postet, wird klar, welche verheerenden Auswirkungen das Coronavirus auf die Verfassung Einzelner und der Gesellschaft hat.

Einen deprimierenden Einblick in die aktuelle Lebenssituation von Kulturschaffenden gibt das halbstündige Feature "Kultur in der Pandemie - Wer rettet die Künstler?" bei 3sat.

Ein Stimmungsbild bei kleinen und mittleren Galerien hat Sabine Spindler für das Handelsblatt eingefangen: "Einen zusätzlichen Schlag versetzte der Galerie ein Kunde aus den USA. Aus Angst und Unsicherheit vor den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie ist er vom Kauf eines 50.000 Euro teuren Bilds zurückgetreten. Für die Galerie, deren Jahresumsätze knapp unter einer Million Euro liegen, lief das Geschäft vor der Krise sehr gut. Aber auch Reserven schmelzen wie Schnee in der Sonne, wenn der Shutdown zu lange dauert und die wirtschaftliche Erholung ausbleiben sollte."

Über die eigene Standortneubestimmung, das Unternehmerdasein und die sich verändernde Position von Frauen im Kunstbetrieb hat Tobias Timm für die ZEIT mit Alicja Kwade und Katharina Grosse gesprochen: "Alicja Kwade: 'Für mich hat die Situation der letzten Wochen enorm viel Stress bedeutet, ich musste noch nie so sehr Chefin sein. Inklusive psychologischer Einzelbetreuung. Ich bin mit meiner Buchhalterin und einer Assistentin allein in meinem Atelier, wir schlagen uns mit Kurzarbeit-Anträgen für meine zehn Angestellten herum. Ich versuche noch, meinen Angestellten ein wenig Arbeit nach Hause zu verteilen. Und ich vermittele den Dutzend Selbstständigen, mit denen ich zusammenarbeite, Tipps für Anträge auf Soforthilfen und schaue auch, dass wir für sie noch genug Arbeit haben. Ich musste jetzt auch sehen, welche Galerien mir noch Geld schulden, damit wir hier planen können, wie lange wir über die Runden kommen - auch im schlechtesten Fall.'"

Das Versagen der Politik bei der Rettung von Künstlerexistenzen kritisiert der ehemalige Innenminister Gerhard Baum in einem Appell, den der Tagesspiegel veröffentlicht: "In Krisenzeiten ist ihr Beitrag zur Aktivierung von Kreativität, Urteilsfähigkeit und Nachdenklichkeit unverzichtbar. Es ist ein Irrtum, die Kunst als eine beliebige Wirtschaftsbranche unter anderen zu sehen. Das 'Produkt' ist mit keinem anderen vergleichbar. Künstler als 'Solounternehmer' haben keine Betriebskosten wie ein Unternehmer. Der Betrieb, das sind sie selbst mit ihren Honorareinnahmen, durch die sie ihren Lebensunterhalt bestreiten. Sie haben selten feste Verträge, also keine Ansprüche auf Kurzarbeitergeld, und was sollen sie mit Krediten? Ein ausgefallenes Engagement lässt sich nicht nacharbeiten. Es fällt einfach weg. Sie sind jetzt auf Unterstützung angewiesen. Und diese gibt es nicht mehr."

Mit Nachrichten aus dem Absurdistan der Behördenrealität deprimiert in diesem Zusammenhang Till Briegleb die Leser der Süddeutschen Zeitung: "Denn Personen, die für sich und ihre Mitbewohner mehr als 9000 Euro in Werten wahrheitsgemäß angegeben haben, gelten weiterhin als 'erheblich vermögend' und erhalten keine Grundsicherung, selbst wenn diese 'Werte' aus einer privaten Altersversorgung, einer Berufsunfähigkeitsversicherung oder berufsnotwendigen Objekten wie einem Auto oder einer Geige bestehen. Die, so berichten Kulturschaffende aus allen Bundesländern, sollen bitte erst aufgelöst oder verkauft werden."

Eine deutliche Marktkorrektur erwartet Georg Imdahl in der FAZ vor allem für in den letzten Jahre gehypte junge Positionen. Allerdings sieht er auch Chancen: "Nüchtern betrachtet, müsste sich für sie in der aktuellen Situation eine ganze Menge guter Kunst anhäufen, die für Ausstellungen und Messen vorgesehen war, nun aber fürs Erste den Laden hütet. Wartelisten verkürzen sich. Einiges von dem, was in Blütezeiten für einzelne Institutionen zurückgehalten wurde, steht nun doch frei zum Verkauf. Das Angebot nimmt zu, die Nachfrage dürfte naturgemäß zögerlicher ausfallen. Das soziale Gedränge bei der Vernissage, ob in der Galerie oder auf der Messe, entfällt und damit auch der Zeitdruck bei der Kaufentscheidung. Da wird wohl noch häufiger ein Rabatt fällig. Andererseits drängt die Krise die gesamte Branche endgültig in den Online-Handel. Ein Signal wurde für viele schon durch die virtuellen Messekojen der im März abgesagten Art Basel Hong Kong gesetzt. Diese waren visuell einigermaßen schlicht ausgestaltet und kehrten in ihrer gähnenden Leere hervor, was das Momentum einer Messe ausmacht: jene Verdichtung sozialer und ökonomischer Realität, die den nötigen Druck auf die Kaufentscheidung ausübt."

Die Viewing Rooms der Frieze New York sollen laut Tessa Solomon bei Artnews wesentlich weiter gehen und mittels Augmented Reality den Besuchern erlauben, die gezeigten Kunstwerke virtuell in den eigenen Räumen zu platzieren.

Neben zahlreichen Online-Formaten sieht Laura Storfner im Tagesspiegel auch Innovatives in der realen Welt: "Dass Kooperation auch offline wichtig ist, hat Matthias Arndt ebenfalls erkannt. Mit A3 ist er Gründungsmitglied des Cromwell Place in London, der dieser Tage hätte eröffnen sollen. Der neue Kunstort unweit des Victoria and Albert Museums stellt seinen Mitgliedern - die sich um eine 'Membership' bewerben und dafür bezahlen - Ausstellungsräume, aber auch Büros und Lagermöglichkeiten auf Zeit zur Verfügung. Memberclubs haben in London Tradition, Co-Working-Spaces gehören zum Stadtbild - eine Adaption für die Kunstwelt erscheint da nur sinnvoll. Ob sich ein solches Modell auch in Berlin durchsetzen kann, wird sich nach Corona zeigen. Vorerst bleibt die Flucht nach vorn in den digitalen Raum." Ein ähnliches Format will in Zürich allerdings seit geraumer Zeit nicht richtig durchstarten.

Höchste Zeit sei es, Museen und Galerien wieder zu öffnen, findet Marcus Woeller in der WeLT: "Der Handel muss hoffen, überhaupt so lange durchzuhalten und nicht jetzt schon an den kathartischen Nebenwirkungen der Pandemie einzugehen. Das wäre nicht nur ein ökonomischer, sondern ein kultureller Schaden. Denn die Museen sind nicht allein für die Grundversorgung mit Kunst zuständig. Auch unter diesem Aspekt wird die Öffnung des Kunstmarktes gefordert. Gleichzeitig hört man die Frage, wer in diesen Zeiten, wo nicht nur Prepper Toilettenpapier und Trockenhefe hamstern, ausgerechnet Kunst kaufen soll. Aber warum eigentlich nicht? Kunstwerke mögen einigen zurzeit noch mehr als sonst als Luxusprodukt erscheinen, doch Sammler haben ihr Geld schon immer dafür eingesetzt, ihrer Leidenschaft zu folgen. Mehr als nur Objekte zu erwerben, unterstützen sie mit ihrer Investition die Künstler - und die Galeristen, die ihre Kunst vermitteln."

Wem es Ernst ist mit dem Wort vom Lebensmittel Kunst, sollte oder könnte gerade jetzt anfangen mit dem Sammeln, scheint sich Susanne Schreiber vom Handelsblatt zu denken und und stellt einen Katalog mit 15 Regeln für Einsteiger zusammen: "Die Selbstbefragung steht für jenen Kunstkäufer am Anfang, der nicht nur zufällig wild zusammengekaufte Erinnerungsstücke besitzen möchte: Sollen Geschäfts- oder Privaträume geschmückt werden? Eher gefällig oder so, dass sich die eigene Zeit darin spiegelt? Wie viel Widerständigkeit der Kunst ist noch akzeptabel? Soll das Image der Wertbeständigkeit transportiert werden? Oder eher der Anklang an Avantgarde und die Ausrichtung an der Zukunft?"

Einsichten, die der Kunsthändler Brett Gorvy in einem Youtube-Talk vermittelt hat, referiert Rose-Maria Gropp in der FAZ vom 18. April: "Was den 'masterpiece market' angeht, vermutet Gorvy, dass er deutlich schneller zurückkehren könne als der spekulative (Hochpreis-)Markt. Wofür eben auch Warhols Dollarnoten-Ikone im Herbst 2009 stehe, die das Vertrauen in den Markt für Gegenwartskunst wiedererwachen ließ - 'it opened the door again for activity'. Aber nicht nur die 'meisterlichen' Zeitgenossen ließen 2009 hoffen: Denn schon für die inzwischen legendäre Christie's-Auktion der Kunstwerke aus dem Besitz von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé im Februar 2009 im Pariser Grand Palais - noch tief inmitten der Finanzkrise - waren die wichtigen Sammler aus aller Welt zurück; sie bezahlten immense Preise (F.A.Z. vom 28. Februar 2009). Worum es im Kern geht, lässt sich aus Gorvys Erläuterungen leicht extrahieren: Qualität, die sich allerdings, immer wieder neu, ausdifferenzieren muss."

Mit Rolex, Patek Philippe und Chopard hätten die letzten Anker-Aussteller der Baselworld den Rücken gekehrt, um eine neue Messe in Genf aufzuziehen, meldet zuerst Jon Bues bei Hodinkee. Ein Grund für diesen Schritt sei das selbstherrliche Agieren der Art Basel-Mutter MCH Group. Das dürfte das Ende der Baselworld in der bisherigen Form bedeuten.

Die Live Marketing Solutions-Sparte MC2 der MCH Group in den USA habe 150 Mitarbeiter entlassen berichtet Eileen Kinsella bei Artnet. Insgesamt habe der Konzern demnach vorher 800 Menschen beschäftigt.

MCH-Präsident Ueli Vischer hat Peter Knechtli für Online Reports aus der Schweiz ein Interview gegeben, das einem Offenbarungseid gleichkommt. Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Konsequenz auch und gerade in Führungspositionen Realitätsverweigerung als Erfolgskonzept begriffen wird - in der Wirtschaft wie in der Politik.

Doch die Zeiten könnten vorbei sein. Verschiedene Optionen spielt Kurt Tschan in der Basler Zeitung durch: "Für den Fall, dass Investoren den Einstieg wagen, müsste die Stimmrechtsvinkulierung [Stimmrechtsbeschränkung] für Private aufgehoben werden. Es entstünden bei der MCH Group neue Machtverhältnisse. Die Strategie, möglichst viele Messen, Kongresse und Veranstaltungen in Zürich und Basel stattfinden zu lassen, wäre gefährdet. Um überleben zu können, könnte die MCH Group auch Teile ihres Immobilienportfolios veräussern. Wahrscheinlicher ist aber der Verkauf von Geschäftseinheiten." Noch weiter gingen die Forderungen des Großaktionärs Erhard Lee: "'Die Firma muss geschlachtet werden.' Die Einzelteile will er von Profis führen lassen beziehungsweise in grössere professionelle Firmen integrieren. 'Die Hallen in Basel und Zürich würden so geöffnet für vielfältigere Nutzung, statt zu 80 Prozent vom Staat leer gehütet zu werden.'" Eine Privatisierung der Art Basel hätte wahrscheinlich zur Folge, dass die Messe gnadenlos auf Umsatz getrimmt und die Marke zur Lancierung allerlei anderer Produkte wie City-Marketing und exklusive Gruppenreisen genutzt werden würde. Zwinkersmiley.

Eine Entwicklung wie bei der Baselworld müsse für die Art Basel verhindert werden, warnt Pierre Weill in der NZZ: "Auch die Art Basel ist unter Druck. Für die Kunstwelt stellt die Pandemie eine extreme Herausforderung dar. Victor Gisler von der Galerie Mai 36 in Zürich ist zwar überzeugt: 'Art is here to stay.' Doch damit die Art Basel nicht das gleiche Schicksal wie die "Baselworld" erleidet, muss 'die Messeleitung sicherstellen, dass die grossen Galerien wie David Zwirner, Lisson, Gagosian, Hauser&Wirth und Pace weiter an der Art Basel ausstellen', sagt Gisler."

Selbst Gagosian schicke jetzt einen Teil der Mitarbeiter in den (unbezahlten) Zwangsurlaub und kürze bei den übrigen das Gehalt, meldet Zachary Small bei Artnews.

Warum sogar US-amerikanische Museen wie das MoMA mit seinem Milliardenvermögen Personal entlassen müssten, versucht Valentina Di Liscia bei Hyperallergic zu erklären.

Die endgültige Absage der von April auf Juni verschobenen Art Brussels meldet zuerst Christophe Dosogne im Quotidien de l'Art.

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