Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Kunst, Blockchain, Risikokapital: Artory; Foto Stefan Kobel

23.04.2019 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 17 2019

Mit Gagosian Art Advisory LLC steige Larry Gagosian jetzt in das Beratungsgeschäft ein, meldet Artnews. Damit begibt sich das Galerieimperium auf ein Geschäftsfeld, das die großen Auktionshäuser in den letzten Jahren entwickelt haben. Vielleicht wird es für den kinderlosen Unternehmer Zeit, an einen Börsengang zu denken. Dafür würde auch die Schaffung eines Advisory Boards sprechen, das allerdings weitgehend aus den Top-Verkäufern der Galerien besteht, wie Nate Freeman bei Artsy berichtet, der mutmaßt, Gagosian-Mitarbeiter Andrew Fabricant solle als Nachfolger Gagosians aufgebaut werden, der am Karfreitag seinen 74. Geburtstag feierte.

Im dritten Teil ihrer Christie's Online Education Courses, die Artsy veröffentlicht, erklärt die Autorin des Art Basel UBS Market Reports Clare McAndrew, wie die Nachverfolgung wiederholt auf Auktionen gehandelter Kunstwerke helfen kann, Kunstmarktindizes zuverlässiger zu machen. Zufällig bietet die Kunstpreisdatenbank von Artory, die McAndrew für ihren jährlichen Bericht nutzt, genau dieses Feature. Währenddessen vermeldet Artory selbst per Pressemitteilung eine erfolgreiche Finanzierungsrunde, die 7,3 Millionen US-Dollar frisches Kapital in die Kassen gespült habe, was das Startup zum Branchenführer in Sachen Blockchain mache. Letzteres ist allein schon eine interessante These.

Die Jahreszahlen von Sotheby's und Christie's fasst Anne Reimers in der FAZ vom 20. April zusammen. Zwar habe Sotheby's den Umsatz im Vergleich zum Vorjahr steigern können, der ohnehin schmale Gewinn sei jedoch zurückgegangen. Der Ausblick biete Licht und Schatten: "Was sich im aktuellen Jahr 2019 positiv auf den Umsatz auswirken sollte, ist die Anhebung der für Käufer anfallenden Gebühren bei allen drei Auktionshäusern, die im Februar erfolgte. Den Brexit sieht man gelassen, doch andere Faktoren - wie die Handelsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und China und das Zinsniveau auf den globalen Kapitalmärkten - könnten einen signifikanten Effekt haben. Bisher ist 2019 erfolgversprechend angelaufen, mit soliden Ergebnissen bei den Prestigeauktionen Ende Februar und Anfang März in London. Der nächste große Markttest sind die Mai-Auktionen mit Moderne und Zeitgenossen in New York."

Dem Phänomen Banksy widmet sich Rose-Maria Gropp ausführlich in der FAZ vom 19. April: "Ob Banksy erreicht hat, was er nie wollte? Einem Auktionshaus, das angeblich geschädigt werden sollte, hat er einen unerwarteten Medienhype verschafft. Ein Werk von ihm fungiert als Zugnummer in einem wichtigen Museum. Vielleicht liegt die wahre Pointe der Aktion aber woanders: nämlich darin, den charmanten Mythos seiner anarchischen Aufsässigkeit dermaßen zu enttäuschen. Gnadenlos final offenzulegen, dass er ein unentbehrlicher Teil des Kunstsystems ist. Natürlich weiß er das selbst längst. Trotzdem haben es immer noch nicht alle kapiert. Jetzt hat das Phantom Banksy die Schraube bis zum Anschlag gedreht. Und dafür hat er dann schon wieder Achtung verdient. Gut möglich, dass er gar nicht in den vorigen Stand seiner verspielten Unschuld zurückkehren will."

Ausgerechnet Basel sei ein schwieriges Pflaster für zeitgenössische Kunst, hat Gerhard Mack im Gespräch mit lokalen Galeristen für die NZZ (evtl. kostenlose Anmeldung erforderlich) herausgefunden: "Gleichwohl sehen Basler Galerien sich eher im Schatten der Messe. Sie bringt zwar viele wichtige Sammler in die Stadt, aber diese 'haben ein volles Programm und wollen nach acht Stunden Messebesuch lieber eine Einladung wahrnehmen als Galerien besuchen', sagt Tony Wüthrich. Andere erleben die Messe sogar als Konkurrenz: 'Käufer mit einem überschaubaren Budget sparen das ganze Jahr und kaufen an der Art Basel. Dann können sie sagen, dass sie das Werk an der besten Messe der Welt erworben haben', sagt Fabian Walter, der Präsident des Verbandes Schweizer Galerien. Branding und Label sind im Kunstmarkt immer wichtiger. Hier sehen sich die Basler Galerien denselben Herausforderungen ausgesetzt wie Kollegen in anderen Städten. Der Kunstmarkt hat sich globalisiert. Wer bestehen will, braucht eine umspannende Präsenz und ein Angebot, das für diesen Markt attraktiv ist. Schweizer kaufen nicht mehr unbedingt Kunst aus ihrem Land. Markus Rück, Partner der Basler Traditionsgalerie Carzaniga, findet: 'Das Interesse an Schweizer Kunst ist deutlich zurückgegangen.' Das ist nicht anders als in Fernost oder Lateinamerika; Sammler agieren international. Wer vom globalen Markt profitieren will, muss seine Künstler auf Messen im Ausland zeigen."

Die zeitliche Anbindung an die Mailänder Möbelmesse sichere die Attraktivität der Miart, stellt Christiane Meixner im Tagesspiegel fest : "Diese Einbettung begründet den Erfolg der MiArt. Sie sorgt für den verlässlichen Auftrieb in jedem Frühjahr und trägt die regionale Messe, deren Anziehungskraft - trotz vieler Highlights - nicht allein aus dem Angebot rühren kann. Eben weil die Stadt sich ebenso mit Mode und Design schmückt, sieht man in den Kojen mitunter viel Dekoratives. Und doch zeigt sich an der MiArt, was eine bürgerlich geprägte Stadt kulturell zu leisten vermag."

Über die Wellen, die Millionenpreise für bestimmte Top-Künstler noch am unteren Ende des Marktes schlagen, wundert sich Gunnar Lützow in der ZEIT: "Schon für 490 Euro kann man dagegen aus drei Skateboard-Decks bestehende Sätze mit Basquiat-Motiven auf der Unterseite bei Lumas erwerben - wobei diese allerdings erst im Jahr 2015 aufgelegt worden sind. Ähnlich fragwürdige, wohl eher für Fans als für seriöse Kunstsammler gedachte Produkte waren jüngst in der CWC Gallery in der Berliner Auguststraße zu entdecken, wo im Rahmen der Ausstellung Andy Warhol - fantastic! eine komplette, mit Silberfolie verkleidete Wand mit Warhol-Skateboards dekoriert war, auf denen die berühmte Campbell-Suppendose prangte. Preis der in einer Auflage von hundert angebotenen 32 Decks: stolze 11.900 Euro."

Der Restitutionsstreit um Kunstwerke aus dem ehemaligen Besitz des Kunsthändlers Max Stern könnte zu einem Umdenken führen, glaubt Christiane Fricke im Handelsblatt vom 18. April: "Der Staat kann zwar öffentliche Museen und Archive dazu anhalten, die Prinzipien zu befolgen, nicht aber Privatsammler. Deshalb kehrt nun die Forderung nach einem Restitutionsgesetz zurück. Wenn es kommt, dann hätte es zur Folge, dass alle Restitutionsbegehren nur noch streng juristisch entschieden werden könnten. Und das hätte bei der häufig lückenhaften Quellenlage die Ablehnung vieler Rückgabeansprüche zur Folge. Die Washingtoner Prinzipien hätten dann ausgedient."

Wie das Fürstentum Liechtenstein zunächst den Staatshaushalt nach dem Zweiten Weltkrieg durch Verkäufe aus seiner Kunstsammlung sanierte, und seit der Jahrtausendwende dank der Gewinne der eigenen Bank wieder rege zukauft, erzählt Christian Herchenröder im Handelsblatt vom 18. April: "Mit berechtigtem Stolz hat der kunstsinnige Fürst immer wieder auf seine Ankaufspolitik verwiesen. Sie hat ihn neben dem Getty Museum und den Emiraten in Katar und Dubai zu einer der wichtigsten Stützen des Kunstmarkts gemacht." Gemeint ist wohl der Markt für Altmeistergemälde.

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