Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Raum der Stille mit freiem Eintritt: Humboldt-Forum; Foto Ernstol via Wikimedia

07.01.2019 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 2 2019

Die großen Tendenzen des Kunstmarkts skizziert Christian Herchenröder in seinem Jahresrückblick für das Handelsblatt vom 28. Dezember: "So bewegen sich die Märkte für das Idiotensichere und das Anspruchsvolle, das Populäre und das Rare, das Gesuchte und das Negierte immer weiter auseinander. Gleichwohl ist der Mittelmarkt noch in Ordnung, der Objekte bis hinauf in den mittleren sechsstelligen Bereich abdeckt, weil es noch mittelständische Sammler mit Passion gibt, die nicht die gewinnbringende Zirkulation der Objekte im Auge haben. Das zeigt sich etwa im Altmeistermarkt, der sich weitgehend normalisiert hat. Es zeigt sich auch bei den Antiken, bei Zeichnungen, Altmeistergraphik und historischem Design. Es kann nicht bestritten werden, dass die Märkte auch in diesem Jahr unter dem Zeichen eines fundamentalen Geschmackswandels stehen. Die Klassische Moderne des 20. Jahrhunderts krankt an Materialverknappung. [...] 'Der Markt schichtet sich um', betonte der Münchner Auktionator Hubert Keim (Karl & Faber) schon im Juli. Das gilt nicht nur für die Auktionen, sondern auch für die führenden Messen, deren Aussteller mit hohen Standkosten belastet werden. Der in einer Kunstmarkt-Konferenz von David Zwirner geäußerte Vorschlag, potente Galerien sollten die Standkosten ihrer jungen Kollegen auf den großen Messen mitfinanzieren, schafft nur neue Abhängigkeiten. Die Messegesellschaften selbst müssen den Nachwuchs fördern."

Das abgelaufene Auktionsjahr konnte nicht mit sensationellen Rekorden aufwarten. Rose-Maria Gropp wendet ihr Augenmerk im Rückblick für die FAZ daher auf das Personalkarussell der großen Auktionshäuser: "Im November gab das Auktionshaus Sotheby's bekannt, dass Philipp von Württemberg als Managing Director für Deutschland und Chairman von Sotheby's Europa zurücktritt und das Unternehmen nach zwanzig Jahren verlässt; er sieht die Zeit für einen Wandel gekommen. Von Sotheby's verlautet, man überdenke die Pläne für die Zukunft, derweil Heinrich von Spreti als Präsident von Sotheby's Deutschland noch einmal eine führende Rolle übernehme. Mitte Dezember erklärte dann Christie's, dass Loïc Gouzer seinen Posten als Co-Chairman of Post-War and Contemporary Art zum Jahresende verlässt. Der Schweizer will sich in den nächsten Monaten auf Umwelt- und Klimaschutz konzentrieren, bevor er in die Kunstwelt zurückkehrt; vermutlich ist die Pause zudem obligatorisch. Gouzer wurde zum Regenmacher für Christie's mit seiner Idee 'kuratierter' Auktionen, deren Zusammenstellung konsequent eklektisch ist, weil sie nicht auf Kenntnis, sondern auf den Gusto einer (neu)reichen Klientel zielt."

Eine Liste mit Auktionsrekorden des vergangenen Jahres hat Annie Armstrong für Artnews zusammengestellt.

Weil Aufmerksamkeit ja auch so etwas wie eine Währung ist, hat Monopol eine Liste der in Deutschland meistgegoogelten Künstler des Jahres zusammengestellt. Angeführt wird sie wenig überraschend von Banksy.

Der Unternehmer, Extremsportler (Nordpol, Südpol, Mount Everest - alles zu Fuß), Buchautor (Poor Collector's Guide to Buying Great Art) und Kunstsammler Erling Kagge vermittelt im Interview mit Sebastian Balzter für die FAS vom 6. Januar wertvolle Einsichten: "Die meisten, die mich um Rat fragen, haben eine romantische Vorstellung. Sie glauben, dass sie ein Kunstwerk zum Preis von 100 kaufen und dann für 200 verkaufen können. Wenn es so einfach wäre, würde ich doch sofort selbst auf Pump Kunst kaufen, so viel ich nur bekommen kann, und dann steinreich werden. Aber ich habe noch nie einen Kredit aufgenommen, um Kunst zu kaufen. Es ist nämlich so: Die meisten Kunstwerke, die ich habe, werden nicht wertvoller. Man glaubt, dass es so sein muss, weil die Preise auf den Auktionen und in den Galerien dauernd steigen. Aber diesen Superpreis bekommst du dann dummerweise gewöhnlich nicht, wenn du ein eigenes Werk verkaufen willst." Kunstsammeln sei im besten Fall ein Nullsummenspiel. "Die meisten Sammler müssen sich einfach an der Kunst freuen, die sie zu Hause hängen haben."

Diesen Umstand verdeutlicht Clemens Bomsdorf in der ZEIT, indem er einen Apfel mit einer Birne auf Augenhöhe vergleicht: einen sehr teuren Modigliani mit einer sehr teuren Aktie: "Das relativiert die erzielte Rendite beträchtlich. Im Vergleich zur Aktie von Apple etwa sieht die Wertsteigerung des Modigliani nahezu schwach aus. Auf die Jahre runtergebrochen, legte die Apple-Aktie dreimal so stark zu wie das Gemälde. Im gesamten Zeitraum von November 2003 bis Mai 2018 lag Apples Plus bei 11.400 Prozent, der Wert der Aktie hat sich also mehr als verhundertfacht, der des Gemäldes stieg gerade mal um das knapp Fünffache."

Die für den Kunstmarkt sieben wichtigsten Entscheidungen von US-Gerichten hat Benjamin Sutton bei Artsy zusammengestellt. Einige von ihnen haben Auswirkungen auf die gesamte Branche.

Der zunehmende kommerzielle Erfolg afroamerikanischer Künstler habe zu einem sprunghaften Anstieg an Fälschungen geführt, berichtet Margaret Carrigan im Art Newspaper. Bei bereits verstorbenen Künstlern sei das besonders problematisch, weil sie zu Lebzeiten marginalisiert wurden, gebe es kaum Dokumentationen. Das mache es Fälschern leicht.

Das Märchen von der Terrorfinanzierung, mit der unter anderem das neue Kulturgutschutzgesetz begründet wurde, zerlegt der Wiener Antikenhändler Christoph Bacher im Interview mit Nicole Scheyerer in der FAZ vom 5. Januar: "Diese These ist der größte, heute bereits mehrfach widerlegte Blödsinn und wurde doch immer wieder abgeschrieben. Schon allein die Zahlen, die da noch vor ein paar Jahren kursierten! Milliarden von Euro wären es, die der Antikenhandel dem IS in die Hände spielen würde: Dafür hätten die Terroristen ja jeden Tag das Grab mit dem Goldschmuck des Agamemnon finden müssen und noch den westlichen Käufer dazu, der ihnen den angemessenen Preis bezahlt, damit man Geld für Waffen hätte auftreiben können. Ich habe bis jetzt kein einziges Stück am Markt gesehen, das aktiv aus Syrien gekommen wäre. Ich bin der einzige Händler in Österreich, und mir ist noch kein illegales Stück aus dieser Gegend angeboten worden. Wo diese unzähligen Objekte also sein sollen, ist mir schleierhaft. Das glaube ich auch nicht, weil etwa in Palmyra die Museen ja schon vor den In-situ-Zerstörungen evakuiert waren. Man muss bedenken, dass der gesamte legale Antikenhandel im Jahr ungefähr vierhundert Millionen Euro umsetzt. Das entspricht einer einzigen guten Auktion für zeitgenössische Kunst in London."

Der geplante Raum der Stille im Berliner Humboldt-Forum erscheint Marcus Woeller in DIE WELT wie ein schlechter Scherz: "Wie gehen wir mit dem kolonialen Erbe um? Das Berliner Humboldt-Forum präsentiert nun eine verblüffend einfache Lösung: Totschweigen. Im Preußenschloss wird eigens ein Raum der Stille eingerichtet."

Derweil denkt Monika Grütters einer dpa-Meldung zufolge - nachzulesen unter anderem in der ZEIT - über die Eignung des freien Eintritts ins Humboldt-Forum als Test für andere Museen nach.

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