Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Wiener Befindlichkeiten; Foto Stefan Kobel

27.05.2019 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 22 2019

"Sensation" mit Gschmäckle bei Bares für Rares, der Kunst und Trödel-Sendung des ZDF? Nachdem eine Händlerin dort ein diamantenbesetztes Reliquienkreuz mit Splittern vom Kreuz Jesu schlagzeilenträchtig für 42.000 Euro gekauft hat, müssen sich die Macher der Sendung gegen den Vorwurf wehren, auf einer Auktion hätte das Stück noch viel mehr gebracht, berichtet heidelberg 24. Dabei übersieht der Boulevard allerdings nicht, dass die Verkäuferin nicht überredet werden musste. Außerdem wurden beii dem vom Experten ermittelte Marktpreis von 60-80.000 Euro möglicherweise weder Auktionsprovisionen noch Mehrwertsteuer berücksichtigt, von Vermarktungskosten ganz zu schweigen.

Und schon wieder werden sich Menschen ärgern, dass sie kein Banksy-Schnäppchen gemacht haben. Laut Daniel Völzke bei Monopol habe Banksy während der Biennale di Venezia einen Straßenmaler-Stand  inszeniert, den niemand als Banksy identifiziert habe, nicht einmal der dpa-Fotograf, der die Venedig-Impression eingefangen hatte. Elke Buhr macht sich, ebenfalls in Monopol, Gedanken darüber, warum von den unzähligen Kunstprofis niemand auf die Meisterwerke aufmerksam wurde: "Moderne Kunst ist eben das, was das Kunstsystem als Kunst ausstellt. Was kein Label hat, nicht in irgendeiner Galerie steht, nicht Teil einer Ausstellung ist, keine Signatur eines anerkannten Künstlers hat, gilt nicht als Kunst. Und anders kann dieses seltsame, gleichzeitig so freie und so streng reglementierte System der zeitgenössischen Kunst auch gar nicht funktionieren. Deswegen konnte Banksy sicher sein, dass ihn zwar die Polizei erwischt, wenn er sich als profaner Straßenmaler tarnt, aber kein professioneller Kunstkritiker."

Die vier großen Mega-Galerien vergleicht Claire Selvin bei Artnews  miteinander. Während Hauser & Wirth mit 24 innerhalb der letzten drei Jahre die meisten Künstler hinzugewonnen habe - zuletzt John Chamberlain - sei Gagosian bei Mitarbeitern (250) und Umsatz (1 Mrd. US-Dollar) vorne. Zwirner und Pace dürfen demnach auch noch in dieser Liga mitspielen, sind aber in keiner Kategorie führend.

LiveAuctioneers, in den frühen Nullerjahren führend bei der Live-Übertragung von Kunstauktionen im Internet, sei jetzt mehrheitlich von einer Private Equity-Firma übernommen worden, meldet Annie Armstrong bei Artnews. Mit der Plattform wird sich in der aktuellen Wettbewerbssituation wohl kein Staat machen lassen. Man darf gespannt sein, was die Investoren noch mit angeschlagenen Plattform planen.

Die Kunstsammlung des Unternehmers Federico Cerrutti ist samt der sie beherbegenden Villa in die Obhut des Castello di Rivoli übergangen. Heidi Bürklin hat den geheimnisvolle Ort für DIE WELT besucht : "Nicht zum Leben, nur zum Genießen seiner Kunst benutzte er die Villa. Er soll jeden Sonntag zu einem einsamen Mahl in einem orchideengefüllten Zimmer gekommen sein, erfreute sich an seinen "Kindern" und kehrte abends nach Turin zurück. Nur zweimal im Jahr lud er einige ausgewählte Gäste ein. Seine gesamte Sammlung aber bekam lange niemand zu sehen. Werke wurden zwar ausgeliehen, als Sammler blieb Cerruti aber stets anonym."

Die Sammlung Sør Rusche wird wird bekanntlich verkauft. Christiane Meixner hat sich für die ZEIT das zeitgenössiche Angebot bei Van Ham angeschaut und erklärt den Hintergrund: "Rusche muss verkaufen. Die Firma, die sein Vater in den Fünfzigerjahren als Geschäftskette gründete, braucht dringend Investitionen. Der klassische stationäre Handel wird ohne seine digitale Erweiterung kaum überleben. Für Thomas Rusche ist das die "größte Herausforderung in meinem Leben als Manager". Er spricht von einem "permanenten Liquiditätsbedarf" in den kommenden Jahren. Seine Kunst soll nun mit dafür sorgen, dass Sør auch in Zukunft flüssig sein wird.

Über Kunst, die Welt, Geld und viele andere Dinge hat der Maler Norbert Bisky sehr ausführlich und erfrischend unprätentiös mit Susanne Schreiber für das Handelsblatt-Magazin gesprochen: "Alle in meinem Umfeld verzweifeln darüber, dass ich jeden Pinselstrich selber mache. Dadurch ist meine Malerei langsam. Ich könnte ja eine Industrie aufbauen, eine Produktion ankurbeln - aber das interessiert mich alles nicht. Ich mag meine Ruhe. Ich will keine Industrie, sondern eine persönliche Beziehung zu meinen Bildern haben. Und das hat indirekt auch mit Geld zu tun. [...] Geld ist ein Kommunikationsmittel. Manchmal bringt es Klarheit in eine Beziehung zwischen Leuten. Ich habe das große Glück, mehr Geld zur Verfügung zu haben, als ich brauche. Das ist ein wahnsinniger Luxus. Aber ich lebe auch entsprechend einfach. Ich brauche keinen Ferrari. Ich habe den Luxus, darüber nachdenken zu können, wie ich leben möchte. Jede Entscheidung, die ich im Leben treffe, hat eine Rückkopplung auf die Bilder."

Derweil scheint in der Wiener Szene der Haussegen schief zu hängen. Per Rundbrief beklagen die Galeristen Elisabeth und Klaus Thoman die Nichtzulassung zur Viennacontemprary. Den Bescheid haben sie gleich mit verschickt. Darin wird die Ablehnung mit Platzmangel begründet. Das ist wenig glaubwürdig. Allerdings hat die Galerie ihren innerstädtischen Widersachern auch eine Steilvorlage geliefert, indem sie sich Anfang des Jahres an dem Auktionshaus Ressler beteiligt hat, das seine Auktionen neuerdings in den Räumen der Galerie abhält.

Auf eine Zunahme von Gerichtsverfahren im Kunstmarkt, die vor allem weniger kapitalkräftigen Marktteilnehmern und unabhängigen Experten Schwierigkeiten bereite, macht Jane Kallir im Art Newspaper aufmerksam.

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