Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Schrumpfkur bei Christie's; Bild Yueer0902 via Wikimedia unter CC-BY-SA-4.0

29.06.2020 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 26 2020

Die erste Meldung über massive Sparmaßnahmen bei Christie's kam von der in Hongkong beheimateten Webseite The Value. Zwei Tage später gab es Details von Eileen Kinsella bei Artnet und von Margaret Carrigan im Art Newspaper. Demnach plane das Auktionshaus, die Abteilungen für Zeitgenössische und Moderne Kunst sowie Impressionismus zusammenzulegen und Stellen abzubauen. Gedruckte Kataloge solle es nur noch für die bedeutendsten Auktionen geben.

Die positiven Konsequenzen für den europäischen Markt als Folge dieser absehbaren Maßnahmen, hat der Gründer und Vorstand der nach ihm benannten Weng Fine Art AG bereits vorab im Interview mit mir für Artmagazine skizziert: "Für die mittelständischen, kontinentaleuropäischen Auktionshäuser ergeben sich dadurch neue Chancen und auch Nischenplayer werden mangels Konkurrenz ihre Spezialgebiete weiter ausbauen können. Vor allem aber können die kleineren Häuser mit dem Beibehalten von gedruckten Auktionskatalogen, insbesondere bei den Einlieferern punkten und damit gegenüber den einstmals übermächtigen Großauktionshäusern Marktanteile zurückgewinnen. Dies werden wir vor allem im Mittelmarkt sehen, den man in New York und London notgedrungen wohl teilweise preisgeben muss."

Mit welchen Hoffnungen die Auktionshäuser in die Saison gehen, hat Marcus Woeller für die WeLT am Sonntag vom 28. Juni zusammengetragen. So schicke Christie's Pablo Picassos "Version O der "Femmes d'Algier" ins Rennen: "In den globalen Onlineauktionen der vergangenen Monate wurde selten ein Kunstwerk für mehr als eine Million Dollar versteigert. Was weniger an mangelnder Nachfrage liege, wie der Christie's-CEO Guillaume Cerutti erklärt, sondern an vorsichtigen Einlieferern, die 'viele Fragen' hätten und Geschäfte, bei denen mehr als fünf Millionen Dollar bewegt werden, bevorzugt in der Verschwiegenheit der 'private sales' abwickeln. Insofern ist es nun nicht nur ein Test für den Picasso, sondern auch für die gesamte Auktion mit ähnlich taxierten Werken".

Die nur Mitgliedern zugängliche Auktions-App Fair Warning (Link zu Apples App Store) des ehemaligen Christie's-Mitarbeiters Loïc Gouzer stellt Nate Freeman bei Artnet vor: "Stark geprüft werden auch die Personen, die teilnehmen dürfen. Während Sotheby's, Christie's und die anderen sich oft als das demokratischste Unternehmen auf dem Kunstmarkt darstellen (Hat Geld, darf bieten), ist Gouzers Ansatz eher Soho House als Auktionshaus. Man muss eingeladen werden oder sich bewerben, und die Plätze sind begrenzt." Den Kunstmarkt erfindet das Projekt nicht neu, sondern versucht - wie viele andere - vom Sahnehäubchen einen Löffel abzuschöpfen.

Um näher an seinen Kunden in den Hamptons zu sein, eröffnet Hauser & Wirth rechtzeitig zu den Sommerferien eine Dependance auf Long Island, weiß Maximiliano Durón von Artnews.

Etwas sehr optimistisch oder abrupt nach der Einleitung abgeschnitten, entwirft die amerikanische Kunsthändlerin Jane Kallir in einem Gastbeitrag für das Art Newspaper ein Bild der Kunstwelt nach Corona: "In einer idealen nach-pandemischen Welt würde sich alles ändern. Kunst würde nicht mehr als Investition behandelt werden, und die gefälschten Metriken, die zur Rechtfertigung dieser Prämisse verwendet werden, würden über Bord geworfen. Kunstmessen und Biennalen wären nicht länger Disneylands für die Reichen. Wo immer Menschen mit Kunst in Berührung kämen, würden sie sich ihr auf ihre eigene Weise nähern, und nicht nur durch die Linse eines Smartphones. Was übrig bliebe, wäre das Herz der Kunstwelt: diejenigen von uns, die immer aus Liebe dabei waren, und nicht des Geldes oder des Glamours wegen. In den letzten Jahren sind die krassen sozioökonomischen Ungleichheiten in der Kunstwelt - die bisweilen zwielichtigen Finanzierungsquellen und die allgegenwärtigen rassistischen und geschlechtsspezifischen Vorurteile - bereits angegangen worden. Schon vor Covid war es höchste Zeit für einen Neuanfang." Die Analyse Kallirs spricht durchaus die richtigen Punkte an. Doch die Perspektive, die sie entwickelt, bleibt nebulös.

Die von ihr beklagte Investitionskunst sollte wohl besser Spekulationskunst genannt werden. Eine dieser Blasen scheint gerade geplatzt zu sein. Getroffen hat es nach Katya Kazakinas Recherchen für Bloomberg Rudolf Stingel: "'Es wurde zu schnell zu einem Hochpreis-Markt für Sammler auf Trophäenjagd', sagte Benjamin Godsill, ein Kunstberater. 'Die Preise überstiegen die Möglichkeiten der Menschen, das Werk zu kaufen. Und das saugte dem Markt eine Menge Sauerstoff ab', so Godsill."

Schon vor der Corona-Pandemie war die Art Basel-Mutter MCH Group in Turbulenzen geraten und dabei zuletzt so stark ins Schlingern gekommen, dass die an der Gesellschaft beteiligten Städte und Kantone jetzt endlich bereit sind, ihre Stimmenmehrheit aufzugeben, wie aus einer Pressemitteilung des Unternehmens hervorgeht. Nachdem die bisher kolportierten Namen als Investoren anscheinend nicht in Frage kommen, hat sich mit dem umstrittenen Medienunternehmer Rupert Murdoch möglicherweise ein neuer Interessent gefunden, wie das Magazin Cash aus der Schweiz meldet: "Verhandlungsführend soll James Rupert Murdoch sein, Sohn des Besitzers des US-Fernsehsenders Fox News Rupert Murdoch. Die MCH Group wollte das Gerücht gegenüber der Zeitung am Freitagabend nicht kommentieren. Man werde zu gegebener Zeit informieren, sagte ein Sprecher. Murdoch dürfte dem Bericht zufolge an der MCH Group nur aus einem Grund ein Interesse haben: die Art Basel. Es kursieren Schätzungen, wonach die Kunstmesse 500 Millionen Franken wert sei, während der MCH-Börsenwert noch gerade mal 100 Millionen beträgt."

Die Art Basel biete Galerien für ihre Ausgabe nächstes Jahr sehr günstige Konditionen, fasst Anna Brady für das Art Newspaper einen Brief der Messe an ihre Aussteller zusammen. Nur 25 Prozent Anzahlung, Anrechnung der Bewerbungsgebühr für dieses Jahr auf das nächste, die Option, die Anzahlung für die ausgefallene chinesische Messe auf die Kosten für Basel oder Miami Beach zu übertragen und von der Hongkonger Regierung finanzierte Rabatte auf die Standgebühren zwischen 15 und 30 Prozent umfasse das Paket. Das ist alles sehr löblich, wird die Messe jedoch auch nicht retten, wenn sich Peking dazu entschließen sollte, in Hongkong den Stecker zu ziehen.

Die Erkenntnisse der Abendauktion bei Lempertz in Köln fasst Christian Herchenröder im Handelsblatt zusammen: "Das gepflegte Cross-over aus Werken der Klassischen Moderne und der zeitgenössischen in dieser hundertteiligen Abendauktion am 19. Juni kam an. Schon die Vorbesichtigung war nach den Worten des Lempertz-Chefs Henrik Hanstein 'ein Fest der Sammler', die auch in der Auktion selbst die Hauptakteure waren. Obwohl der Saal nicht gerade leer war, liefen rund 70 Prozent der Gebote über Telefone. Das höchste Internetgebot lag bei 300.000 Euro. Das zeigt, dass diese Absatzform allmählich auch in Deutschland ins höhere Preissegment hineinwächst. Der Trend geht zu hochpreisigen Objekten, während die Mittelware selten ihre Schätzungen überrundet."

Facebook verbanne den Handel mit Antiken von seiner Plattform, melden Taylor Dafoe bei Artnet und Garteh Harris im Art Newspaper. Zeit wird's, möchte man meinen. Das wissenschaftliche Projekt Antiquities Trafficking & Heritage Anthropology Research ATHAR hat nach eigenen Angaben 2019 die Aktivitäten von 95 Gruppen mit knapp zwei Millionen Mitgliedern beobachtet. Die neue Facebook-Richtlinie ist allerdings extrem knapp und allgemein gehalten: Man dürfe keine Inhalte posten, die versuchen, "historische Artefakte zu kaufen, verkaufen, handeln, stiften, verschenken oder erbitten". Ein auf der Seite des Konzerns öffentlich zugängliches, aber wohl eher für den internen Gebrauch gedachtes Papier (PDF) diskutiert verschiedene Möglichkeiten des Umgangs mit dem Thema.

Auf 40 Millionen Euro beliefen sich die durch Corona bedingten Einnahmeausfälle des Louvre, meldet der Spiegel.

Die Schließung der 1971 in Düsseldorf eröffneten Galerie Hans Strelow meldet Georg Imdahl in der FAZ vom 27. Juni: "Ein Abschied mit Aplomb wäre in diesen Zeiten nicht angemessen, aber ohnehin nicht Sache des stilbewussten Fürsprechers der abstrakten Kunst. Es entspricht vielmehr seinem Naturell, dass er seine Galerie nach all den Jahrzehnten erfolgreicher Tätigkeit geräuschlos geschlossen hat."

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