Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Ist das die Zukunft der Art Basel? Bild Stefan Kobel

06.07.2020 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 27 2020

Die mit Spannung erwartete Hybrid-Auktion von Sotheby's aus Auktionssälen ohne Publikum in drei Kontinenten könne unter den gegebenen Umständen als voller Erfolg gelten, urteilt Barbara Kutscher im Handelsblatt: "Die Ergebnisse für den Impressionismus bis zur zeitgenössischen Kunst nach dem fast fünfstündigen Versteigerungsmarathon, der erst nach 23 Uhr New Yorker Zeit endete, können den Markt beruhigen. 69 Lose spielten überaus starke 363,2 Millionen Dollar ein. Sie lagen am oberen Ende der Erwartungen."

Einen Wermutstropfen mengt jedoch bei Christian Schaernack von der NZZ in den Jubel: "Den Erwartungen entsprechend erzielte ein Triptychon von Francis Bacon mit 84,5 Millionen Dollar den höchsten Wert. Vielleicht nicht aus den besten Jahren, denn erst 1981 entstanden, kam das Werk aus dem Bestand des norwegischen Astrup Fearnley Museet und war bereits im Vorfeld für über 100 Millionen Dollar angeboten worden; Sotheby's hatte am unteren Rand der Taxe (60 bis 80 Millionen Dollar) eine Garantie abgegeben."

Dass mit 300,4 Millionen US-Dollar ohne Aufgeld das Ergebnis etwas unterhalb der mittleren Schätzung liegt, ist Eileen Kinsella von Artnet aufgefallen. Ebenso weist sie darauf hin, dass die 18 Lose aus der Sammlung von Ginny Williams mit einer Garantie versehen waren (die Hälfte davon durch Dritte) , also schon vor der Auktion als verkauft galten. Für eine Online-Auktion sind die Zahlen ein absolutes Novum. Allerdings machen sie nur einen Bruchteil der Beträge in normalen Zeiten aus.

Exorbitante Preissteigerungen vor allem für junge Positionen meldet Angelica Villa von der Auktion bei Philipps für Artnews.

Beim Ringen um die Muttergesellschaft der Art Basel bringen sich die verschiedenen Akteure in Stellung. Die MCH Group scheint mit Foxnews-Eigner Rupert Murdoch eine der umstrittensten Figuren der Medienbranche zu favorisieren, wie zuerst Ivo Ruch und Gabriela Hunter im schweizerischen Wirtschaftsblatt Finanz und Wirtschaft (Paywall) melden. Mehr Details dazu liefert Mark Dittli das NZZ-Finanzmagazin The Market: "Die Verbindungen zu Murdoch sind nicht nur deshalb pikant, weil die rechtskonservative Gesinnung von Rupert Murdochs News Corp-Imperium in Basel einiges Stirnrunzeln auslösen dürfte. Sie könnten auch deshalb problematisch sein, weil damit der Einstieg eines anderen, möglicherweise besseren Investors verhindert wird."

Für das Handelsblatt habe ich mit weiteren Interessenten gesprochen: "Der Schweizer Erhard Lee wurde nicht angesprochen. Er ist nach eigenen Angaben seit 15 Jahren bei der AG engagiert und hält über den AMG Fonds 10 Prozent der Aktien. Insgesamt soll er noch einmal mindestens die gleiche Menge kontrollieren. Die geplante Kapitalerhöhung hält er für überflüssig: 'Wir wurden nicht eingebunden in die Strategie. Die Gesellschaft braucht im Moment kein Kapital, das ist rein politisch. Klar geht es im Moment schlecht, aber sie haben ja noch 140 Millionen in der Kasse.' Lee empfiehlt einen Teilverkauf der Art Basel: 'Ich bin dafür, strategische Investoren ins Boot zu holen, etwa indem man 30 Prozent der Art Basel abgibt. Man hätte immer noch zwei Drittel, einen kompetenten Partner, der neue Impulse ins Unternehmen bringt und ungefähr 100 Millionen Franken in der Kasse.'"

In einen größeren Rahmen bettet Ingo Arend seine Skepsis für die Süddeutsche Zeitung ein: "Fraglich bleibt, ob eine Filetierung der MCH ihrem Messe-Flaggschiff den Logenplatz als wichtigste Kunstmesse nach Corona sichern wird. Nicht erst seit der Pandemie wird dort diskutiert, ob es ewig so weitergehen kann. Der Circulus vitiosus aus Reisefieber, Preistreiberei und CO2-Bilanz liegt selbst hartgesottenen Galeristen im Magen."

Art Basel-Direktor Marc Spiegler hatte im einige Tage zuvor bei Artmagazine erschienenen Interview erklärt: "Die Art Basel steht nicht zum Verkauf und ist ein elementarer Bestandteil der MCH Strategie. Mit der MCH Group haben wir einen sehr guten Partner, der uns in dieser Situation auf allen Ebenen unterstützt."

Ärger braut sich über der Wiener Kunstmesse Viennacontemporary zusammen, hat Sabine B. Vogel für die Wiener Presse vom 1. Juni erfahren: "Ein großer Teil der Wiener Galerien aber probt den Aufstand. 22 unterzeichneten einen Appell an die Messe: Sie verlangen eine Kostenreduktion um die Hälfte. Darauf aber lässt sich die VC nicht ein, geboten werden 35 Prozent Preisnachlass. Zum Ärger der Galerien sogar mit Einschränkung: ohne digitalen Besuchsraum. Oder minus 20 Prozent plus Onlineraum."

David Zwirner - im Gegensatz zu einigen anderen Mega-Galerien - bisher kein Personal entlassen habe, werde er sich nun doch von 40 Mitarbeitern oder rund 20 Prozent seiner Belegschaft trennen, berichtet Zachary Small bei Artnews. Er rechne mit einem Umsatzeinbruch um 30 Prozent für das Gesamtjahr.

Der Skandal um die Berliner Rieck-Hallen hat inzwischen auch das Mutterhaus Hamburger Bahnhof erfasst. Das Gebäude gehört nicht nur nicht dem Bund oder dem Land, wie Poris Pofalla in der WeLT nachgewiesen  (Paywall) hat, es ist auch noch marode, wie Elke Buhr bei Monopol schreibt: "Mittlerweile ist das Haus aber ein Sanierungsfall - bis auf die große Kleihues-Halle, in der die Sammlung Marx präsentiert wird, ist so gut wie der gesamte Bau stark renovierungsbedürftig. Doch wer sollte diese Renovierung bezahlen? Die Staatlichen Museen als Mieter ohne Mietvertrag? Wohl kaum. Die CA Immo, die schon vorher bewiesen hat, dass sie keine Lust hat, den Kunstmäzen zu spielen? Noch weniger. Es passiert also: Gar nichts. Und die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Hamburger Bahnhofs haben keine Ahnung, mit welchen Flächen sie eigentlich in naher und mittlerer Zukunft ihr Programm planen sollen. Für ein Museum, das den Anspruch hat, internationale Strahlkraft zu besitzen, eine unmögliche Situation." Kulturstaatsministerin Monika Grütters verhandle immerhin mittlerweile über den Rückkauf mit dem Immobilienkonzern, der seinerzeit das gesamte Areal übernommen hatte.

Wie geraubte Antiken Justiz und Handel in Frankreich umtreiben, berichtet Olga Grimm-Weissert im Handelsblatt: "Anfang vergangener Woche nahm die Spezialeinheit der französischen Polizei, die illegalen Handel mit Kulturgut bekämpft, fünf anerkannte Personen aus der Kunstszene vier Tage lang zum Verhör in Polizeigewahrsam. Bereits im November 2015 hatte der damalige Leiter dieser Polizeieinheit, Oberst Ludovic Ehrhart, anlässlich eines Kolloquiums im Versteigerungszentrum 'Hôtel Drouot' vorhergesagt, dass archäologische Werke aus Raubgrabungen in zwei bis fünf Jahren auf den westlichen Kunstmarkt kämen. Es ging um antike Kunst aus Syrien, Jemen, Libyen und Irak, die seit 2011 illegal ausgegraben, geraubt und verkauft wurde."

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