Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Sparkassen mögen Betrüger

13.07.2020 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 28 2020

Murdoch, ausgerechnet. Zwar ist es nicht Rupert selbst, sondern sein Sohn James, der voraussichtlich über seine Investment-Firma Lupa Systems bei der MCH Group einsteigt, wie einer Pressemitteilung zu entnehmen ist. Doch wird es immer der Makel des rechten Propagandasenders Fox News sein, der wie Kaugummi am Ruf der Art Basel kleben wird. Die Protestierenden auf dem Messeplatz zur Vernissage der nächsten Ausgabe in Basel ziehen schon jetzt vor dem geistigen Auge vorbei.

Eine Industrialisierung der Art Basel in Richtung Lifestyle befürchtet Gerhard Mack in der NZZ: "Keiner weiss, was James Murdoch plant. Eine solche Neupositionierung der Art Basel würde jedoch einen Trend fortsetzen, der seit geraumer Zeit zu beobachten ist: Der Kunsthandel hat sich zu einer Kunstindustrie fortentwickelt, die die grossen Galerien vorantreiben. So verkaufen Hauser & Wirth, bei aller Liebe zur Kunst, mit ihrem Konglomerat aus Galerien, Landsitz, Restaurants, Hotel, Zeitschrift und Verlag Kunst als Teil eines Lifestyles."

Positive Aspekte sucht und findet Andrea Martel ebenfalls für die NZZ: "Dazu ist zu sagen, dass James Murdoch zwar ein Murdoch ist, aber schon wiederholt deutlich gemacht hat, dass er die konservative Anschauung seines Vaters nicht teilt. Der 47-Jährige sitzt zwar im Verwaltungsrat der News Corp., des Verlagsarms der Familie, aber er engagiert sich unter anderem im Kampf gegen den Klimawandel und gegen Fake-News. Die Angst, dass Murdoch sich bloss die Art Basel unter den Nagel reissen und diese gar von Basel abziehen wolle, ist insofern wenig begründet, als ja die MCH-Führung bewusst die Kunstmesse nicht aus der Gruppe herausgelöst hat." Hätte man die Art Basel teilverkauft und sie weitgehend in die Selbständigkeit entlassen, wäre Murdoch allerdings wohl eher nicht zum Zug gekommen. Und der Erfolg des Juniors im Kampf gegen die vom Vater produzierten Fake News kann zu jeder Tages- und Nachtzeit in Augenschein genommen werden.

Doch noch ist der Deal nicht abgenickt, wie Werner Remm im Artmagazine anmerkt: "Der Einstieg von Lupa Systems ist bei weitem noch nicht in trockenen Tüchern, sondern muss erst bei einer ausserordentlichen Generalversammlung am 3. August genehmigt werden. 'Wenn das abgelehnt wird, haben wir ein Problem', kommentierte Verwaltungsratspräsident Vischer die angespannte Situation der MCH Group." Es drängt sich der Verdacht auf, das ganze unwürdige Schauspiel mit nicht zugelassenen Bietern und ignorierten Altaktionären würde nur aufgeführt, um Verwaltungsratspräsident Ueli Vischer den Kopf zu retten. Denn alles, was bei der ehemaligen Messe Schweiz in den vergangenen Jahren falsch gelaufen ist, geschah unter seiner Ägide und liegt damit in seiner Verantwortung.

Weiteres Ungemach droht den Schweizern in Asien, nachdem Hongkong völlig unter die Fuchtel Pekings gekommen zu sein scheint, wie Philipp Meier in der NZZ zu bedenken gibt: "Dass Hongkongs Erfolg als international attraktive Kunstdestination auf unbedingter Freiheit der Kunst gründet, muss auch der Leitung der Art Basel klar sein. Diese hat sich vor knapp zehn Jahren, als der Kunstmarkt in Asien ein immer rasanteres Wachstum versprach, sehr sorgfältig nach einem geeigneten Standort umgeschaut. Damals wurden auch Städte wie Schanghai und Singapur in Erwägung gezogen. Schanghai kam nicht infrage, weil dort der Versuch einer dauerhaft erfolgreichen Lancierung einer internationalen Kunstmesse nach ein paar Ausgaben an den chinesischen Behörden gescheitert war. Und Singapurs restriktive Haltung gegenüber Homosexualität, zumindest was deren Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit betrifft, hätte es nicht erlaubt, die Messe durchzuführen, die von der Art Basel erwartet wird, wie Direktor Marc Spiegler vor einem Jahr betonte."

Ungewohnt heftig attackiert Rose-Maria Gropp in der FAZ vom 11. Juli Henrik Hanstein, Inhaber des Kölner Kunsthaus Lempertz und Sprecher der europäischen Kunsthandelsverbände EAMC, der die geplante Durchführung der Art Cologne im November in einer Pressemitteilung ausdrücklich begrüßt: "'Wenn man Museen und Ikea wiedereröffnet, kann auch die Art Cologne stattfinden. Sie wäre vermutlich dann die einzige Messe für zeitgenössische Kunst, die dieses Jahr noch stattfinden könnte.' Erstens, was hat da Ikea zu suchen? Vielleicht sollte man manche Örtlichkeiten doch nicht so leichtfertig miteinander vergleichen. Zweitens, nein - sie wäre überhaupt nicht die einzige Messe ihrer Art, die noch stattfindet! Denn: Zweifelsohne war die Art Cologne,1967 als 'Kölner Kunstmarkt' begründet, damals eine Schau für Gegenwartskunst. Längst aber nennt sie sich selbst, seit Jahren und aus guten Gründen, 'Messe für moderne und zeitgenössische Kunst'. Und zwar sind einige Kunstmessen in diesem Corona-Jahr zunächst abgesagt worden, aber längst ist bekannt, dass noch vor der Art Cologne vom 18. bis zum 22. November andere Messen in diesem Herbst stattfinden sollen." Erstens schreibt Hanstein 'vermutlich' - und er könnte damit Recht haben. Bekanntlich sind Prognosen schwierig, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen. Zweitens, nein - eine auf 30 Aussteller reduzierte Liste in Basel, wie die Autorin sie als Gegenbeispiel anführt, spielt auf keinen Fall in der gleichen Liga wie die Art Cologne. Ein Ikea-Möbelhaus dürfte übrigens an einem durchschnittlichen Samstag ähnlich viele Besucher empfangen wie selbst die größeren Kunstmessen zu ihrer Vernissage.

Die Abendauktion bei Phillips sei für sich betrachtet durchaus erfolgreich verlaufen, im Vergleich zum Vorjahr stelle sie jedoch einen Einbruch dar, urteilt Anne Reimers in der FAZ vom 11. Juli: "Wie zuvor schon Sotheby's schloss auch Phillips seine New Yorker Saison mit zeitgenössischer Kunst erfolgreich ab. Es sei offensichtlich, dass es 'keinen Rückgang der Nachfrage' gebe, erklärte Edward Dolman, der CEO von Phillips, nach der Abendauktion mit '20th Century and Contemporary Art', die zu hundert Prozent verkauft wurde - ein 'White Glove Sale' also. Die Auktion war mit 25 Losen im Angebot allerdings recht klein. Sie erzielte 41,13 Millionen Dollar, einen Umsatz nahe der angepeilten oberen Gesamttaxe. Im vorigen Jahr wurden mit 42 Losen hundert Millionen Dollar eingespielt."

Einen Strukturwandel sieht auch Barbara Kutscher im Handelsblatt: "Die Prestigeauktionen machen nur deutlich, wie sehr die Coronakrise als Katalysator für den Onlinehandel wirkt. Der soeben vom Versicherer Hiscox veröffentlichte 'Online Art Trade Report' [PDF] schätzt, dass reine Onlineauktionen bei Christie's, Sotheby's und Phillips in der ersten Jahreshälfte (ohne die New Yorker Gala-Auktionen) 370 Millionen Dollar eingebracht haben. Das seien zwar nur 28,3 Prozent ihrer gesamten Auktionsverkäufe, bedeuten aber eine Steigerung von 436 Prozent zum gleichen Vorjahreszeitraum."

Mit den Augen des Kunstversicherers blickt der Makler Stephan Zilkens im Interview mit mir für Artmagazine auf die Folgen der Corona-Pandemie: "Der Kunstversicherungsmarkt wird Umsatzeinbußen zwischen 15% und 25% am Ende des Jahres verkraften müssen. Neue Anbieter, wie die Generali, werden es schwer haben ihr Konzept im Markt unterzubringen, zumal sie das niedrige Preisniveau nicht noch weiter absenken wollen. Auf der Schadenseite gibt es weniger Einzelfälle, allerdings nehmen jetzt Schäden durch Wasser oder mangelhafte Lagerung zu."

Schon lange gestaltet sich die Berliner Museumslandschaft als Trauerspiel. Der Wissenschaftsrat empfehle jetzt als Konsequenz in seinem Gutachten die Zerschlagung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, haben Anna-Lena Scholz und Tobias Timm für die ZEIT recherchiert: "Die Gutachter empfehlen, die Vielzahl an Institutionen nicht mehr unter der bisherigen Dachorganisation zu bündeln, deren Wirken sie als 'dysfunktional' bezeichnen. Es sei zu einer 'strukturellen Überforderung' der SPK gekommen, ihre Einrichtungen würden dadurch in ihrer weiteren Entwicklung gehemmt. Derzeit wird die SPK von einem Präsidenten geleitet, dem Archäologen Hermann Parzinger. Die Gutachter schlagen nun vor, stattdessen vier große, eigenständige Stiftungen oder Anstalten zu gründen".

Als Chronik eines angekündigten Todes sehen vor diesem Hintergrund Hans-Jürgen Hafner und Kito Nedo das Schicksal des Hamburger Bahnhofs in der Taz: "Mit dem endgültigen Abzug der Sammlung wird der Konstruktionsfehler abermals offenbar: Den Sammlern - gleichermaßen bewundert und gefürchtet für ihren Eigensinn - wurde ohne Not die Deutungsmacht in die Hände gespielt, auf der die Autorität des Museums als öffentliche Institution gründet. Warum, so muss man fragen, ist die Preußenstiftung bis heute nicht bereit, das Scheitern der Idee eines Sammlermuseums einzugestehen? Welchen Sinn hat es, am Sammeln möglichst prominenter Sammler festzuhalten? Es ist diese Konzeption, die für dieses Museumsdesaster mitverantwortlich ist. Eine Konzeption, die - historisch betrachtet - zum überkommenen neoliberalen Zeitgeist passt, der die Politik der letzten drei Dekaden dominiert und öffentliche Institutionen nicht nur in der Kultur irreparabel beschädigt hat."

Der Forderung nach Zerschlagung der Stiftung widerspricht Andreas Kilb in der FAZ: "Zugleich trägt die Kommission auf zahlreichen Seiten ihrer Studie den Klagen der von ihr befragten Museumsleute Rechnung, indem sie mehr Planstellen, eigene Programmetats, bessere technische Ausstattung und Budgethoheit für die einzelnen Häuser fordert. Haben sich die Evaluierer aus dem Wissenschaftsrat schon einmal gefragt, ob die eine Forderung vielleicht der anderen widersprechen könnte? Vier Stiftungen brauchen vier eigene Stiftungspräsidenten und ebenso viele Leitungsstäbe, Dienstsitze, Pressesprecher, Personalchefs et cetera. Die Summen, die diese institutionellen Umrüstungen kosten, werden bei der kreativen und technischen Aufrüstung der Einrichtungen schmerzlich fehlen."

Mehrwertdienste sollten Museen zu Geld machen, so die Vorstellungen von Start Ups, berichtet Christiane Fricke im Handelsblatt: "Einen 'Schatz an Wertangeboten' sieht MuVR in den Ausstellungsarchiven liegen. Der könnte gehoben werden, für Bildungshungrige, die bereit sind, einen Preis für diese Qualität zu zahlen. Geld verdienen ließe sich auch mit Werbung, die in die Social Media-Auftritte eingebaut werden könnte, oder mit grundsätzlich einfacherem oder mit erweitertem 'Ticketing'. So könnte etwa ergänzend zur online gebuchten Eintrittskarte das PDF eines Führers oder eines Audioguides miterworben werden. Geldwert sind auch die Rechte und Lizenzen, die Museen an ihren Exponaten haben." Leider finden solche Beutelschneider-Ideen in der Politik immer wieder Gehör. Zu Recht wehren sich Institution wie das im Artikel ebenfalls zitierte Frankfurter Städel gegen solche Geschäftsideen, führen sie doch tendenziell dazu, dass sich die öffentliche Hand noch weiter aus ihren Verpflichtungen zurückzieht.

Ein Sieg gegen seinen ehemaligen Kunden Dmitri Rybolowlew könne für den einstigen Freeport-König Yves Bouvier vor einem Gericht in Monaco nur ein schwacher Trost sein, glaubt Olga Grimm-Weissert im Handelsblatt: "Nun ist der Schweizer Geschäftsmann Yves Bouvier zwar nicht mehr in Monaco angeklagt. Aber weitere Klagen laufen gegen ihn in Genf wegen angenommener Steuerhinterziehung von angeblich 160 Millionen Schweizer Franken. Bouvier ist seit 2008 in Singapur gemeldet, die Schweizer Finanzbehörden finden jedoch, er sei im Lande steuerpflichtig. Ferner klagt Rybolowlew weiterhin beim Genfer Strafgericht wegen Betrugs. Darüber hinaus prozessiert der Russe in New York gegen Sotheby's und Bouvier wegen vermutlich illegaler Preisabsprachen mit einem Angestellten." Dass ausgerechnet die Schweiz meint, ein Anrecht auf Steuern von im Ausland ansässigen Personen zu haben, entbehrt nicht einer gewissen Komik.

Das Finanzportal der Sparkassen entblödet sich nicht, den Beltracchis ein Forum zu bieten, damit diese weiter an ihrer Robin Hood-Legende stricken können. Ob die öffentlich-rechtlichen Geldinstitute es wohl auch noch lustig fänden, wenn man ihnen selbstgemaltes Geld über den Tresen schöbe?

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