Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Back to work. Foto Stefan Kobel

29.07.2019 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 31 2019

Während der thematischen Halbjahresrückblicke der letzten drei Wochen hat sich die Kunstwelt weitergedreht: Über den Rückzug einer von zwei Expertenkommissionen aus dem Komitee der Biennale de Paris, früher Biennale des Antiquaires, berichtet Vincent Noce im Art Newspaper. Trotz ihres Widerstands hätte die Biennale drei umstrittene Händler zugelassen. Die Affäre ist derart schwerwiegend, dass sich das veranstaltende Syndicat National des Antiquaires (SNA) zu einer öffentlichen Erklärung veranlasst sah, derzufolge trotz Meinungsverschiedenheiten alles in bester Ordnung sei und die Biennale wie geplant stattfinde.

Independent Brussels, die Tochter der gleichnamigen Messe in New York, gibt auf, melden Taylor Dafoe bei Artnet und Annie Armstrong bei Artnews jeweils unter Berufung auf Recherchen der Financial Times (Paywall). Mit-Gründerin und Direktorin Elizabeth Dee mache dafür unter anderem den schwachen Marktplatz für die Entscheidung verantwortlich. Überraschen dürfte der Schritt kaum jemanden, hatte das zur eingesessenen Art Brussels parasitäre Format doch durch die Verlegung in den November jegliche Attraktivität für internationale Sammler verloren. Ihre eigene Galerie in New York hatte Dee im Jahr zuvor aufgegeben.

Wie "Sotheby's Börsenruckzug den Kunstmarkt für immer verändert", orakelt Nate Freeman bei Artsy, offensichtlich dem beliebten Irrtum unterliegend, gegenwärtige Ereignisse hätten Ewigskeitswert.

So ganz in trockenen Tüchern scheint die Sotheby's-Übernahme durch Drahi jedoch noch nicht zu sein, weiß Barbara Kutscher im Handelsblatt: "Das letzte Wort werden die Aktionäre haben, die in einer - zeitlich bisher noch nicht anberaumten - Sonderversammlung abstimmen werden. In der vergangenen Woche versuchten zwei Anteilseigner erst einmal, durch separate Klagen beim zuständigen New Yorker Gericht die geplante Übernahme in private Hände auszubremsen."

Zum Auftakt einer mehrteiligen Reihe über vernachlässigte Sammelgebiete befasst sich Christian Herchenröder im Handelsblatt mit Malerei des 17. und 19. Jahrhunderts, Handzeichnungen sowie japanischen Holzschnitten: "Jenseits ausgetretener Pfade gibt es immer noch Möglichkeiten, eine Sammlung aufzubauen, die mit Entdeckungen und Neubewertungen widerlegen kann, dass Kunstsammeln nur eine Geldfrage ist. Es gibt viele Sammelgebiete, die zurzeit zyklisch außer Mode sind, aber zeitlose kunsthistorische und ästhetische Relevanz besitzen, die Kennerschaft fördert und Sammellust stillt. Es gibt ganze Marktbereiche, die von der Generation Glamour kaum eines Blickes gewürdigt werden." Gerne möchte man die Ansicht des Autors teilen, dass die geringe Wertschätzung bestimmter Sparten nur eine Frage der Mode sei. Doch es deutet einiges darauf hin, dass von ehedem geschätzten Sparten dauerhaft nur das Top-Segment Chancen auf eine Renaissance hat.

Diese Vermutung bestätigen Aussagen von Händlern, die Christiane Fricke beim Besuch der Bamberger Antiquitätenwochen ebenfalls für das Handelsblatt aufgezeichnet hat: "Selten erschienen die Händler so zukunftsgewiss wie in diesem Jahr. Kein Wunder. Das Geschäft im oberen Preissegment läuft. Doch die Akquise von Ware, die höchsten Ansprüchen genügt, ist schwierig geworden. 'Suchen, suchen, suchen', beantwortet Walter Senger die Frage, wie es um den Nachschub steht. Der Händler, der inzwischen auch unter die Imker gegangen ist, muss nach eigenen Worten 'bienenfleißig' sein. 'Wir können nicht nachbestellen wie der Autohändler oder das Schuhgeschäft.' Ähnlich äußert sich Franke: 'Das Schwierigste ist das Finden. Je besser die Qualität, desto schwieriger.' Die breite Angebotsmasse spiele keine Rolle mehr. 'Es gibt kein Mittelmaß mehr.'"

Der wegen seiner Beteiligung an einem Tränengas-Produzenten in die Kritik geratene Warren Kanders hat seinen Rücktritt aus dem Vorstand des Whitney-Museums erklärt, ist bei Monopol nachzulesen. Der Konflikt um schmutziges Geld und fragwürdige Persönlichkeiten gerade im anglo-amerikanischen Kunstbetrieb schwelt bekanntlich schon länger. Eskaliert ist ist die Situation um die Whitney-Biennale durch einen "Die Tränengas-Biennale" betitelten Aufruf in Artforum einiger Künstler an Kollegen, die Veranstaltung zu boykottieren und ihre Werke zurückzuziehen. Was mindestens acht Künstler auch prompt taten, wie Eileen Kinsella bei Artnet berichtet. Dabei waren die Vorwürfe gegen Kanders bekannt und es hätte jedem Künstler schon im Vorfeld freigestanden, keine Arbeiten einzureichen. Wer Werke nachträglich aus der Schau nimmt, hat das Beste aus beiden Welten, nämlich offizieller Teilnehmer der Whitney-Biennale zu sein und sich gleichzeitig durch ihren Boykott auf die Seite der moralisch Aufrechten geschlagen zu haben. Alex Greenberger lässt bei Artnews Künstler zu Wort kommen, die sich bewusst gegen einen Rückzug entschieden haben.

Diese jüngste Wendung der Ereignisse bildet den vorläufigen Gipfelpunkt einer zunehmenden Politisierung des Kunstbetriebs, der etwas genauer darauf schaut, was von wem unter welchen Bedingungen ausgestellt wird. Jörg Heiser fasst in einem kurz zuvor im schweizerischen Online-Magazin Republik erschienen Essay die Eckpunkte der Entwicklung zusammen, in der "der real existierende Kunstbetrieb im Fahrwasser globaler Finanzspekulation zum Spielball der Superreichen geworden zu sein schien: Erlesene Gemälde und sündhaft teure Skulpturen wandern heute von Grossgaleristen zu Oligarchen wie die zeitgenössische Entsprechung der Fabergé-Eier. Doch genau in dieser Entwicklung liegt wohl der Grund, warum die Institutionskritik zurückkehrt: Es ist ja nicht so, dass sich der überwiegende Teil der Künstler, die nicht unmittelbar zum extremen Luxussegment des Kunstmarkts gehören, einfach in Luft aufgelöst hätte. Vielmehr hat sich über die Jahre des Booms mit Schlagzeilen über Auktionsrekorde und protzige Museumsgründungen durch Privatsammler reichlich Unmut angestaut. Nicht über die Philanthropie der Vermögenden als solche, sondern darüber, wie im Windschatten ebendieser Philanthropie oft betrieben wird, was man mittlerweile artwashing nennt: das Weisswaschen fragwürdiger politischer oder wirtschaftlicher Aktivitäten durch vermeintlich grosszügiges Kunst-Gönnertum."

Der Louvre biete jetzt Kreuzfahrten an die Adria und den Persischen Golf an, meldet Wallace Ludel bei Artsy.

Dass Yves Bouviers Singapore Freeport nach zwei Jahren immer noch zum Verkauf stehe, haben Chanyaporn Chanjaroen, Hugo Miller und Ranjeetha Pakiam für Bloomberg recherchiert. Das Unternehmen habe bis Ende letzten Jahres Verluste von 18,4 Millionen US-Dollar eingefahren und habe zudem einen Kredit von 20 Millionen Singapur-Dollar (rund 13 Mio. Euro) abzuzahlen.

Boris Johnson scheint das fragwürdig gewordene Geschäftsmodell Freeport hingegen zupass zu kommen. Marcus Woeller befasst sich für DIE WELT mit dem Plan des neuen britischen Premiers, zur Förderung des Kunsthandels auf der Insel sechs neue Zollfreilager zu errichten: "In Zollfreilagern ist vieles vorstellbar, was weder der Kunst noch dem Gesetz dient. Boris Johnson bekam daher auch prompt Kritik zu hören. Ed Davey, der für die Liberaldemokraten im britischen Parlament sitzt, wurde gegenüber der Zeitung 'The Guardian' besonders deutlich: 'Wir sollten bei der Unternehmenstransparenz weltweit führend sein und keine Strukturen fördern, die das Potenzial haben, Geldwäsche zu erleichtern.'"

Über die möglichen Folgen des Brexits hat Alexander Menden für die Süddeutsche Zeitung mit dem Logistiker Victor Khureya gesprochen: "Harte Grenzen, neue Zollschranken, große logistische Verzögerungen, höhere Kosten. Der komplette Mangel an Information und Klarheit darüber, was tatsächlich nach dem Brexit geschähe - vor allem nach einem Ausstieg ohne Abkommen -, hat die Planung extrem schwierig gemacht. Daher muss man auf das Beste hoffen, aber für das Schlimmste gewappnet sein."

Derweil eröffne David Zwirner nicht zuletzt wegen des Brexits eine Galerie in Paris, wie Bettina Wolfarth in der FAZ weiß: "Der Brexit lässt logistische Probleme wie Transportverzögerungen und Einfuhrschwierigkeiten erwarten, die Handel und Leihgaben erschweren. Die Unsicherheit über die zukünftigen Regelungen hat es schon jetzt mit sich gebracht, dass Sammler die britische Insel verlassen. Selbst wenn London seinen Rang nicht verlieren wird, kann Paris mit seiner herausragenden Museums- und Galerienstruktur, außerdem mit seinen großen Sammlern nur Vorteile erwarten. Die Mehrwertsteuer für Kunstimporte beträgt in Frankreich 5,5 Prozent (in Deutschland sind es sieben Prozent); sie liegt nahe bei Großbritannien, wo sie mit fünf Prozent bislang die niedrigste in Europa war."

Die Schließung der Pekinger Pace Gallery-Filiale wegen des anhaltenden Wirtschaftskrieges zwischen den USA und China meldet Barbara Pollack bei Artnews.

Pläne zur Eröffnung einer Galerie in Wien verrät Johann König im Gespräch mit Ruth Renée Reif im Standard.

Eine Analyse der meistgesuchten Künstler auf den eigenen Seiten und den von Kunstmessen bespielten Seiten hat Benjamin Sutton mit den Daten von und für Artsy zusammengestellt. Anders als bei den Auktionen führt hier nicht Jeff Koons die List an, sondern Yayoi Kusama, gefolgt von KAWS. Insgesamt überwiege immer noch deutlich das Angebot an Kunst von Männern auf den Messen, die Nachfrage nach ihr sei - gemessen an den Suchanfragen - jedoch noch größer. Als Ausreißer bezeichnet der Autor die Baseler Liste, bei der Frauen stärker gefragt seien als Männer. Es ist doch wirklich überraschend, dass sich bei einer Messe für Antiquitäten und Alte Meister wie der Londoner Masterpiece Geschlechterparität partout nicht einstellen will!

"Warum AI die Auktionspreise für Gemälde von Mark Rothko nicht voraussagen kann", versuchen Devin Liu und Doug Woodham bei Artsy zu erklären. Vielleicht, weil es sich bei vielem, was uns aktuell als Künstliche Intelligenz verkauft wird, tatsächlich um Statistik handelt.

Totale Transparenz bei gleichzeitiger Anonymität sind bei der Anwendung der Blockcjain auf den Kunstmarkt zwei schwer einzulösende Anforderungen, wie Gerhard Mack in der NZZ feststellt: "Das klingt verlockend, doch bleiben viele ungelöste Fragen. Bertold Müller von Christie's sagt denn auch, dass seine Firma keine personenbezogenen Daten herausgeben dürfe. Das würde sich auch beim Einsatz der Blockchain nicht ändern: 'Wir sind gegenüber unseren Kunden zur Verschwiegenheit verpflichtet und können ohne Einwilligung keine Daten über die Akteure einer Transaktion auf einen externen Server stellen.' Bernhard Bischoff, Präsident des Verbandes Schweizerischer Auktionatoren von Kunst- und Kulturgut, sieht grundsätzlichere Fragen noch ungelöst: 'Alle Behörden bestätigen uns, dass der heutige Schweizer Kunsthandel kein Feld für Kriminelle sei. Bei Auktionen liegen die Zahlen offen. Bei der Blockchain-Technologie bleiben Transaktionen anonym und werden von irgendwo auf der Welt getätigt. Das könnte illegale Tätigkeiten erleichtern.'"

Die Hohenzollern fordern Kulturgüter, Immobilien und kostenfreies Wohnrecht in großem Umfang. Detaillierte Berichterstattung findet sich von Thorsten Metzner im Tagesspiegel, Nikolaus Bernau in der Frankfurter Rundschau, Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung und Christiane Fricke im Handelsblatt. Das Wort "Gier" fällt auffällig oft. Inzwischen gebe es jedoch eine Annäherung zwischen den streitenden Parteien, berichtet wiederum Thorsten Metzner im Tagesspiegel.

Mit der seiner Meinung nach unrühmlichen Rolle der deutschen Ethnologischen Museen in der Aufarbeitung des kolonialen Erbes rechnet Jörg Häntzschel in der Süddeutschen Zeitung ab: "Die Restitutionsdebatte wäre für die Museumsleute die Gelegenheit, darüber endlich offen zu sprechen. Zwar stehen die Museen wie nie in der Kritik, sie genießen aber auch ungeahnte Aufmerksamkeit. Nie kümmerte sich jemand um sie, nun werden sie sogar im Koalitionsvertrag erwähnt: "Die Aufarbeitung der Provenienzen von Kulturgut aus kolonialem Erbe in Museen und Sammlungen wollen wir fördern." Sie sind Instrumente außenpolitischer Soft Power geworden. Doch obwohl weniger die heute Verantwortlichen als ihre Vorgänger und die Politik Schuld an der Situation tragen, verschleiern die Direktorinnen und Direktoren der Museen weiter, wie es zugeht bei ihnen. Den Mythos der Autorität und Vorbildlichkeit ihrer Häuser halten sie hartnäckig am Leben. Und kaum jemand zieht ihn in Zweifel. Es gibt gute und weniger gute Ausstellungen, sicher, aber dass in vielen deutschen Museen Verschleiß, Schlendrian und Überforderung herrschen, dass sie im internationalen Vergleich weit abgeschlagen sind, ist wenigen bewusst."

Die Rolle des französischen Kunsthandels während der Nazi-Zeit arbeitet eine Ausstellung in Paris auf, die Joseph Hanimann für die Süddeutsche Zeitung besucht hat.

Ministerin Grütters hat ein Gemälde Paul Signacs aus dem Gurlitt-"Fund" an eine Vertreterin der Erben des ursprünglichen Eigentümers zurückgegeben, meldet dpa, nachzulesen unter anderem in der FAZ: "Grütters sprach von einem 'ganz kleinen Glücksmoment', auch wenn eine solche Rückgabe das Unrecht nicht ungeschehen machen könne." Damit hat sich die Zahl der als Raubkunst identifizierten Objekte auf sieben unter 1.500 erhöht.

In New York ist gerade ein ein Prozess gegen einen Schmugglerring anhängig, der Asiatika im Wert von 140 US-Dollar unter anderem an Museen verschoben haben soll, berichtet Jim Mustian bei Time.

Heidi Horten eröffnet in Wien ein Privatmuseum, nachzulesen bei Olga Kronsteiner im Handelsblatt: "Geht es um ihre private Kunstsammlung, die sie über Jahrzehnte fern der Öffentlichkeit aufbaute, hat sich die 78-Jährige nun zu einem endgültigen Kurswechsel entschieden: Anfang 2022 will sie ihr eigenes Privatmuseum eröffnen. Zu diesem Zwecke erwarb sie für kolportierte 30 Millionen Euro in bester Wiener Innenstadtlage eine Immobilie. Ein ehemaliges Kanzleigebäude, das Erzherzog Friedrich von Österreich-Teschen 1914 für seine Beamten erbauen ließ - in einem Innenhof, vis-à-vis seiner Residenz, dem Palais Erzherzog Albrecht und heutigen Bundesmuseum Albertina."

Lesenswerte Nachrufe auf den Sammler Frieder Burda haben Christiane Meixner und Birgit Rieger für den Tagesspiegel, Peter Richter in der Süddeutschen Zeitung und Susanne Schreiber für das Handelsblatt verfasst. Zusätzlich hat Gaby Czöppan für den Focus Stimmen von Verwandten, Freunden und Bekannten gesammelt.

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