Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Mini-Messe in Salzburg; Foto Eberhard Kohlbacher

12.08.2019 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 33 2019

Und schon wieder hat ein "Irgendwas mit Kunst im Internet"-Start Up aus Deutschland einen Dummen Investor gefunden, der ihm zu einer Millionen-Bewertung verhilft. Das Mönchengladbacher Online-Versandhaus Meet Pablo habe eine Finanzierung in siebenstelliger Höhe von dvh ventures erhalten, meldet die Wirtschaftswoche. Aktuell listet die Webseite 189 Artikel auf, von denen 11 als verkauft markiert sind. Im Angebot sind Objekte von 299 Euro (Baumgärtel-Banane) bis 85.000 Euro (Virnich-Baum). Die Künstler mit den meisten Positionen (je 12) heißen Devin Miles und James Rizzi. Der vom Boulevard zum Wunderkind erklärte achtjährige Mikail Akar ist siebenmal vertreten. Zuletzt hatte Auctionata Investorengelder von rund 100 Millionen Euro verbrannt. Es ist wirklich zum Haareraufen, dass die Holtzbrinck-Gruppe als Verlag seriöse Titel wie Handelsblatt, Wirtschaftswoche, Die ZEIT und Tagesspiegel zum Teil gnadenlos auspresst, um das Geld anschließend mit ihrer Risikokapitalgesellschaft zum Fenster hinauszuwerfen.

Voll des Lobes ist Eva Karcher für die Galerie Hauser & Wirth, deren Aufstieg sie in der ZEIT beschreibt: "Die Galerie handelt als Global Player, der sehr viel Geld mit der Kunst verdient und damit nun ein lokales Kulturimperium finanziert. Es verschmilzt Kunst und Natur, Bildung und Erziehung, Landwirtschaft und Gastronomie. Sogar reparaturbedürftige Hotels zählen zum Portfolio der Wirths [...] Ihr jüngstes Projekt, ein Kulturzentrum in einem ehemaligen Marinehospital auf der Isla del Rey östlich von Menorca, soll 2020 eröffnen. Auch wer die Machtdominanz von Hauser & Wirth argwöhnisch betrachtet, muss dennoch feststellen, dass es ihnen dank ihrer Strategie gelingt, Kunst, Kommerz und soziales Engagement zu verbinden."

Anlässlich der Salzburger Festspiele flaniert Brita Sachs für die FAZ vom 10. August durch die Galerien und stattet der örtlichen Kleinstmesse mit vier Ausstellern einen Besuch ab: "Am 'Kunst Salon' in der Sala Terrena an der Hofstallgasse ist Salis ebenfalls wieder beteiligt, dort auch mit Africana. Zwar fehlen in diesem Jahr die Wiener Galerien Johannes Faber und Konzett, aber den übrigen Händlern gelang wieder eine kuratierte Zusammenschau von musealem Rang."

Der Saisonstart der Frankfurter Galerien wird in diesem Jahr von einer neuen Messe begleitet, einer Schwester der Berliner Paper Positions. Für den Tagesspiegel vom 10. August habe ich unter anderem die Terminierung thematisiert: "Der Messekalender im Herbst ist dicht gepackt, von der Art Berlin Mitte September über Wien (Viennacontemporary), London (Frieze) und Paris (Fiac) bis Düsseldorf (Art Düsseldorf) im November bliebe Ausstellern und Sammlern kaum Zeit zum Luftholen. Das weiß auch [Messegründer] Jarmuschek: 'Wunschtermin für eine Messe in Frankfurt läge Anfang des Jahres, nach der Art Karlsruhe und vor der Kölner Art Cologne. In Frankfurt gibt es ein jüngeres kunstinteressiertes Publikum, das auch international orientiert ist und nicht nach Karlsruhe fährt.' Außerdem laden im Rheinland die Kollegen am selben Wochenende mit der gemeinsamen Eröffnung DC Open zu ihren Galerieeröffnungen. 'Die Kollision mit der DC Open ist nicht beabsichtigt und ein Grund mehr, mit einer dauerhaften Veranstaltung ins Frühjahr zu gehen.'"

Statt der aufgegebenen Galerie Rotwand führt die Schweizerin Sabina Kohler jetzt eine zeitgenössische Version des Salons in Zürich, den Gabrielle Boller für die NZZ besucht hat: "Regelmässig lädt sie eine vermittelnde Persönlichkeit aus dem Kunstbereich - Kurator, Museumsdirektorin, Kritikerin, Verleger - dazu ein, eine ihr am Herzen liegende künstlerische Position vorzustellen. Damit ist der Raum für ein spielerisches und experimentelles Zusammentreffen unterschiedlicher Protagonisten geöffnet. Und weil ein zeitgenössischer Salon nicht nur im analogen, sondern auch im virtuellen Raum stattfindet, übernimmt das jeweils die Ausstellung bestreitende Team auch gleich den hauseigenen Instagram-Account."

Die bisher vor allem in den USA und Großbritannien geführte Debatte über ethische Ansprüche im Zusammenhang mit privatem Kunstsponsoring greift dpa auf, nachzulesen in voller Länge bei der Berliner Morgenpost. Unter anderem kommt die Künstlerin Hito Steyerl zu Wort: "Auch deswegen sieht die international einflussreiche deutsch-japanische Künstlerin Hito Steyerl die Kulturszene in Deutschland gefährdet. "'Bis jetzt ist der Einfluss privater Sammler und Förderer längst nicht so massiv wie in England und den USA', sagt die Professorin an der Universität der Künste in Berlin der dpa. Das scheine sich aber gerade zu ändern. 'Deswegen wäre jetzt ein sehr guter Moment, den Einfluss privater Sammler und Stiftungen auf den öffentlichen Kunst- und Kulturbetrieb einer kritischen Prüfung zu unterziehen.' Es sei noch früh genug gegenzusteuern."

Deutschland ist offenbar doch eine Drehscheibe des Handels mit illegalen Antiken, aber anders als gedacht. Martin Bernstein hat für die Süddeutsche Zeitung eine atemberaubende Mafia-Geschichte recherchiert: "Eine von London aus gesteuerte kriminelle Holding habe 'dank eines komplexen logistisch-operativen Netzwerks zwischen Italien, Spanien und Deutschland ... beträchtliche Mengen des archäologischen Erbes Siziliens' außer Landes geschafft. Die Rede ist von mehr als 20 000 archäologischen Objekten mit einem Marktwert von mehr als 40 Millionen Euro. Kuriere brachten die antiken Vasen, Keramiken, Münzen und Statuetten heimlich nach Deutschland, dort wurden sie nach offiziellen italienischen Angaben durch fiktive Herkunftsnachweise 'gewaschen' und auf den legalen Kunstmarkt gebracht. Und zwar, so der Vorwurf der Ermittler, durch in München tätige Auktionshäuser." Da hilft auch kein Kulturgutschutzgesetz.

Die Auktionatorenkarriere Ernst Noltes lässt anlässlich dessen 80. Geburtstags Günter Herzog in der FAZ vom 10. August Revue passieren: "Mit einem Lüsterweibchen von Tilman Riemenschneider, das 1985 für 1,3 Millionen Mark versteigert wurde - es befindet sich heute in der Sammlung Würth -, erfolgte der erste Millionenzuschlag auf einer Auktion im Nachkriegsdeutschland."

Der Kritiker kritisiert den Künstler, der beleidigte Künstler malt daraufhin ein diffamierendes Bild, woraufhin der Kritiker ebenfalls beleidigt ist, das Gemälde wird für einen guten Zweck versteigert und von einem Immobilienunternehmer für viel Geld gekauft. Alles gut also, findet Rose-Maria Gropp in der FAZ, jetzt könne man seine Aufmerksamkeit wieder wichtigeren Dingen zuwenden: "Die Versteigerung jetzt in Leipzig - mit dem, gemessen an anderen Werken Neo Rauchs, übrigens zu hohen Preis für den 'Anbräuner' - muss da perfekt ins Bild passen. Voilà, der Konnex zwischen Großkapital und Kunstbesitz. Es ist kein glücklicher Auftritt, womöglich vom Käufer als eine Provokation gedacht, der eines fehlt - der gesunde Menschenverstand. Daraus gleich die 'pauschale Diffamierung von Kritikern und Intellektuellen' abzuleiten, wie es [Wolfgang] Ullrich in seinem Blog-Eintrag zuletzt tut, erweist dieser Aktion aber vielleicht doch zu viel der Ehre."

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