Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Auch ein Protest in Hongkong; Foto Stefan Kobel

02.09.2019 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 36 2019

Einen so amüsanten wie beunruhigenden Blick in die nahe Zukunft entwickelt Holger Liebs nach dem Besuch einer Ausstellung des Künstlers Oli Epp in der Berliner Galerie Duve für die FAS vom 1. September: "Dass viele Kunstwerke heute fast nur noch digital wahrgenommen werden und durch alle Medien einfach so durchrauschen und damit auch an den Stabilisierungsfaktoren von Galerien, Museen und Experten vorbei, bedeutet natürlich für ihre Halbwertszeit nichts Gutes." Beim Anblick der leicht erfassbaren Malerei des virtuosen Instagram-Bespielers Epp, der seine Kunst selbst Post Digital Pop nennt, steigert sich der Autor in eine dystopische Vision: "Die Ultrareichen leben in bewachten pastoralen Idyllen à la Mittelerde mit zahlreichen ästhetischen Verlockungen, darunter, neben anderen Konsumgütern wie grünen Hügeln, Wasser oder lokaler Bienenzucht, auch Kunst. Individuelle Autorschaft ist wie zu höfischen Zeiten ein Hobby für die wenigen, die es sich leisten können, auf Produzenten- wie auf Käuferseite. Die Art Basel, inzwischen dem weitverzweigten Portfolio des Finanzriesen Blackrock angegliedert, hat sich in Grönland etabliert. Die wenigen Megagalerien, die noch Ausstellungen veranstalten, sind im Grunde Feelgood-Schaufenster. Sie werden alle jeweils von einem der drei großen 'A's besessen, Alphabet, Amazon und Apple, die ohnehin fast alles besitzen. Aus den früher wichtigsten Galerien Gagosian, Zwirner und Hauser & Wirth ist das Amalgam Zwirthagosian geworden".

Über den "Kontext-Kollaps", der mit den sozialen Medien die Kommunikation heimsuche, klärt die Ex-Galeristin und Gründerin der Independent-Messen Elizabeth Dee bei Artnet auf. Davon seien auch und gerade Kunstmessen betroffen, bei denen von Ausstellern Kunstwerke zusammenhanglos in Kojen gezwängt würden und dem Publikum so eine intensive Auseinandersetzung mit dem einem Werk erschwerten oder unmöglich machten. Das ist wohl durchaus auch als Werbung für ihre eigene Veranstaltung zu verstehen.

Die negativen Auswirkungen der politischen Unruhen in Hongkong auf den dortigen Kunstmarkt beschreibt Barbara Pollack für Artnews. Größeren Einfluss auf den Kunsmarkt hätten jedoch der amerikanisch-chinesische Handelskrieg, die Anti-Korruptionsgesetze Chinas und die schwächelnde Wirtschaft, argumentiert Vivienne Chow im Art Newspaper.

Frischen Wind, alternative Vermittlungsformate und ein jüngeres Publikum könnte die Münchener Condo-Variante Various Others (ab 12. September) mit Gast-Galerien der lokalen Szene bescheren, hofft Sabine Spindler im Handelsblatt. Allerdings gebe es auch Kritik: "Doch es gibt auch Skepsis gegenüber der Initiative. Walter Storms, erfolgreicher Akteur der Münchener Szene, empfindet 'Various Others' als eine Abspaltung, die von der 1988 gegründeten 'Open Art' profitiert. Das populäre Galerien-Wochenende zur Saisoneröffnung, in diesem Jahr am 13./14. September, ist bis heute eine Erfolgsveranstaltung, die Münchens Stärken wie Schwächen spiegelt."

Das Kopenhagener Messe-Duo hat Eva Karcher für den Tagesspiegel vom 31. August besucht: "Lächeln können die meisten Teilnehmer der siebten Chart, der von fünf dänischen Galeristen gegründeten 'führenden Messe der nordischen Region', wie sie sich selbst definiert, schon zur Preview. Mit 39 Tophändlern aus Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland und Island residiert sie als hochkarätige Boutiquenmesse für drei Tage in der herrschaftlich barocken Kunsthal Charlottenborg". Die in den letzten Ausgaben so hip und erfolgreich scheinende Code hat indes einen sehr viel kleineren Nachfolger gefunden: "Die gleichzeitig im Viertel Refshaleon stattfindende neue Enter Art Fair mit rund 30 Galerien folgt nicht auf die abgesagte Code Art Fair. Nur Julie Alf bleibt als Messedirektorin dieselbe und hat einige Galeristen, darunter König, Kukje und The Hole als die prominentesten, für das neue Format gewonnen. Hier gilt: alles offen."

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mag ein Lieblingsspielzeug der Politik taugen, für Führungskräfte und Stifter scheint sie jedoch kaum noch attraktiv zu sein. Nicola Kuhn analysiert im Tagesspiegel die desolate Situation des Kulturkolosses mit neunstelligem Jahresbudget: "Dafür fließt viel Geld, auch wenn aus den Reihen der Kuratoren zu hören ist, dass sie mit den räumlichen Bedingungen hadern, die Provenienzforschung zu schleppend läuft. [...] Wie mag es da hinter den Kulissen zugehen, wenn sich für alle sichtbar die Politik in Ausstellungsbelange einmischt? Wer hat was zu sagen, wer entscheidet? Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist berüchtigt für ihre hierarchischen Strukturen. So mancher Museumsdirektor fühlt sich wie ein Abteilungsleiter."

Dass Unternehmen Kunst nicht nur fürs Foyer, zur Portfolio-Diversifikation wegen der Vorlieben der Chefetage sammeln, belegt die Kollektion der Telekom, mit deren Kuratoren Nathalie Hoyos und Rainald Schumacher sich Christiane Meixner für die Zeit unterhalten hat: "Das Unternehmen verhält sich sehr diskret. Niemand dort sagt: Lass uns die Ausstellung in Magenta tauchen. Es geht vorrangig um die Kunst, ihre Inhalte stehen im Vordergrund. Und wenn dann einer beim zweiten oder dritten Hinschauen denkt: Wow! Das ist die Sammlung der Deutschen Telekom, dann stimmt das Verhältnis."

100 Jahre Bauhaus sind für Christopher Suss Anlass, in Neues Deutschland vom 31. August über den Stellenwert von Kunsthandwerk und Design heute zu sinnieren: "Es fällt leicht, den Einfluss von Qualitätsprodukten heutzutage zu unterschätzen. Wenn sich nebenbei gehörte Radiomusik beim morgendlichen Supermarktgang zeitversetzt als Ohrwurm manifestiert, staunen wir über die gewaltsame Einwirkung dieses Kulturguts auf unseren Alltag. Was aber die Kaffeemaschine mit uns macht, die wir drei mal am Tag benutzen, ist schon abstrakter. Für einen Hocker das an Zeit und Geld zu investieren, das sonst für ein Fahrrad anfiele, und für eine Schrankwand, das sonst für ein Auto üblich ist, scheint von noch weiter hergeholt. Handwerklich gearbeitete und sorgfältig gestaltete Dinge gelten als Luxusgüter und werden im Zweifelsfall auch als solche diffamiert."

Mit einem frommen Wunsch beschließt Jonathan Kresse seinen Blick in den Gemeinschaftskatalog der Antiquare für die FAZ vom 31. August: "Wer sich selbst als einen Liebhaber des Buchs kennt, für den ist der Gemeinschaftskatalog eine sehr lohnende Lektüre. Im besten Fall macht er Lust darauf, die Wunderkammern der Antiquare einmal wieder selbst zu betreten, um deren Schätze vor Ort zu entdecken, anzusehen - und vielleicht auch mit nach Hause zu nehmen."

Dem Besitzer eines Hauses in Dover war eine Hauswand ohne Anit-Brexit-Propaganda wohl einen Millionenbetrag wert. Einer dpa-Meldung, nachzulesen unter anderem im Tagesspiegel, ist ein Banksy-Werk übermalt worden, dass einen Arbeiter beim Entfernen eines Sterns aus der Europafahne zeigt. Der Wert des Riesenformats solle bei über einer Million Pfund liegen.

Neues von den Art Boys: Die Sängerin Ellie Goulding hat Caspar Jopling geheiratet, meldet dpa, unter anderem im Spiegel. Der Sotheby's-Mitarbeiter firmiert in allen Medien schlicht als "Kunsthändler". Die Agentur Press Association hat einiges zum Werdegang Joplings beigetragen, unter anderem für die Isle of Wight County Press. Fotostrecken von der Hochzeit haben es sogar in die Gala geschafft. Caspar ist übrigens nicht der Sohn, sondern der Neffe des Galeristen Jay Jopling, der in Berichten jedoch kaum einmal erwähnt wird.

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