Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Expo Chicago; Foto Stefan Kobel

23.09.2019 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 39 2019

Im Grunde ist es eine Binsenweisheit, wenn Hubertus Butin in der Süddeutschen Zeitung den Unterschied zwischen Marktwert und dem kulturellen Wert eines Kunstwerks darlegt : "Der Geschmack des Publikums wie auch die Preise auf dem Kunstmarkt sind einem ständigen Wandel unterworfen. Auch aus der Perspektive größerer historischer Distanz zeigt sich also, wie absurd Tobias Meyers zitierte Behauptung, die teuersten Werke seien die besten, in Wahrheit ist. Die Bewertungskriterien des Marktes sind höchst relativ, da sie sich kurzfristig und grundlegend ändern können. Man sollte den Marktwert aber nicht mit dem Kulturwert verwechseln." In einer Gegenwart, die so um sich selbst kreist, dass sie meint, aus der Vergangenheit keine Lehren ziehen zu müssen, ist es aber wahrscheinlich notwendig, von Zeit zu Zeit auch an simple Wahrheiten zu erinnern.

Nicht berauschend seien die Halbjahresergebnisse von Sotheby's und Christie's, analysiert Anne Reimers in der FAZ vom 21. September: "Sotheby's gibt an, dass das Unternehmen in den ersten sechs Monaten dieses Jahrs insgesamt 3,1 Milliarden Dollar umsetzte; das sind zehn Prozent weniger als im Vergleichszeitraum 2018. Insgesamt 2,6 Milliarden Dollar davon wurden mit Auktionen erwirtschaftet, von denen Sotheby's mehr als vierhundert im Jahr in verschiedenen Kategorien abhält. [...] Den Gesamtumsatz für das erste Halbjahr gab Christie's nicht bekannt, teilte aber einen Auktionsumsatz von 2,2 Milliarden Pfund (oder 2,8 Milliarden Dollar) mit. Nicht angegeben ist, dass dies einen starken Rückgang gegenüber dem Vorjahr bedeutet, als 2,65 Milliarden Pfund allein mit Auktionen umgesetzt werden konnten, was damals noch 3,61 Milliarden Dollar entsprach. Christie's-Geschäftsführer Guillaume Cerutti hebt jedoch in seinem kurzen Statement hervor, dass die Versteigerung der Rockefeller-Sammlung im ersten Halbjahr 2018 ein Ausnahmeereignis darstellte - und dass also der Halbjahrsumsatz, bereinigt um die Rockefeller-Auktion, im ersten Halbjahr seit 2016 in etwa stabil sei."

Die Expo Chicago sortiert sich neu. Zunächst als internationale Kunstmesse vom Kaliber etwa einer Armory Show oder Arco geplant, scheint die Veranstaltung ihre Stärken tatsächlich als Regionalmesse mit großem Einzugsgebiet zu haben. Entsprechend war die diesjährige Ausgabe aufgestellt, mit einigen großen US-Galerien und einem eher konservativen Angebot. "Rückenwind" hat Eva Komarek in Chicago wahrgenommen und schreibt in der Presse aus Wien, als wäre sie dabeigewesen. Von der Eröffnung berichtet Nate Freeman für Artnet.

Von der Premiere der Invitation, die von der Galerienvereinigung Nada erstmals in Chicago abgehalten wird, berichtet ebenfalls Nate Freeman ausführlich bei Artnet. Deren Direktorin hatte schon zur alten Art Chicago eine Satellitenmesse organisiert und kennt die Szene der Stadt gut. Sie berichtet, dass vermehrt Künstler wie Sammler hierher kämen oder hier blieben.

Ich war für das Handelsblatt und Artmagazine vor Ort.

Drei Faktoren seien entscheidend für den Erfolg einer neuen Kunstmesse, glaubt Elisa Shoenberger bei Artsy: Der Marktplatz dürfe noch nicht besetzt sein, oder die Messe müsse ein innovatives Konzept haben und vor Ort bedürfe es bereits vorhandener Strukturen in Form von Sammlern und Institutionen, zu deren Stärkung die Messe selbst wiederum etwas beitragen müsse, etwa über Benefizveranstaltungen und Ankäufe. Das wiederum sind alles Binsenweisheiten, deren Wiederholung nicht zwingend notwendig scheint.

Über die Renaissance der Kunst aus der DDR spricht Vivien Trommer mit dem Frankfurter Galeristen Karl Schwind in der WELT über deren Rezeptionsgeschichte: "Zeitgenössische Figuration gab es auf Kunstmessen zu dieser Zeit nicht zu sehen. Als ich 1992 auf der Art Cologne antrat, wurde ich von Besuchern als Stasi-Mitarbeiter und Kommunist beschimpft. Kollegen schnitten mich. Die Stimmung im Rheinland kippte nach einigen Jahren der Wiedervereinigung. 2006 wurde meine Galerie von der Art Cologne ausgeschlossen und bis heute nicht mehr zugelassen. Begründung: Die Künstler Wolfgang Mattheuer, Werner Tübke seien provinziell und deshalb nicht ausstellungswürdig auf einer internationalen Messe."

Über einem Schnitzel sinniert Michael Huber im Kurier aus Wien über Auftragskunst heute: "Auftragskunst spielt im gegenwärtigen Kunstbetrieb eine größere Rolle, als man gemeinhin denkt. Denn sofern es sich nicht um Werke im öffentlichen Raum handelt, bleiben auf Bestellung entstandene Kunstwerke im Ausstellungsbetrieb meist unsichtbar. Zum anderen ist das Selbstbild vieler Kunstschaffender an der Idee des unabhängigen Kreativgeists orientiert - Aufträge passen da nicht wirklich ins Bild."

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz rufe jetzt den Obersten Bundesgerichtshof der USA an, ist einer dpa-Meldung, unter anderem im Berliner Kurier zu entnehmen. Sie wolle klären lassen, ob im Streit um den Welfenschatz US-Gerichte überhaupt zuständig seien. Die Erben der ehemaligen Eigentümer hatten nämlich vor einem Bezirksgericht in Washington Klage eingereicht. Das Gericht hatte sich daraufhin für zuständig erklärt.

Die Münchener Kunsthändler-Familie Bernheimer müsse sich ausgerechnet mit dem Bayerischen Nationalmuseum in einem eindeutigen Restittutionsfall auseinandersetzen, berichtet Catrin Lorch in der Süddeutschen Zeitung: "Von den mehr als 1000 verdächtigen Werken in den Staatsgemäldesammlungen wurden in der Nachkriegszeit gerade mal ein Dutzend restituiert. Internationale Provenienzforscher sprechen von einer spezifisch deutschen Ignoranz, weil Behörden zu selten die Opfer in den Mittelpunkt der Bemühungen stellen."

Werbung für Wolfgang Beltracchi, geb. Fischer, macht Kerstin Herrnkind im Stern, indem sie mit dem Betrüger ein Interview führt. Darin beantwortet er gerne Fragen wie die nach den Preisen für seine aktuellen Kreationen - Portraits, die 100.000 bis 200.000 Euro kosten sollen.

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