Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Aus gegebenem Anlass (s.u.): So einfach ist das!

05.10.2020 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 40 2020

Nachdem Christie's schon einen fragwürdigen Leonardo in einer Zeitgenossen-Auktion sehr erfolgreich verkauft hat, schieben sie jetzt ein Saurierskelett in den 20th Century Evening Sale. Die Witze schreiben sich angesichts der Bemühungen der Auktionsgiganten um die Rettung ihres Geschäftsmodells in die Gegenwart fast von selbst.

Sotheby's habe sein New Yorker Hauptquartier mit 483 Millionen Dollar beliehen, hat Cathy Cunningham für den Commercial Observer erfahren. Ein Großteil des Geldes werde zur Abgeltung von Altschulden genutzt.

Anne Reimers fasst das New Yorker Herbstangebot für die FAZ zusammen: "Jede Gelegenheit, den Jahresumsatz anzukurbeln muss genutzt werden, und vielleicht versucht man damit, über den Sommer angestautes Kaufinteresse vor der Konkurrenz zu bedienen. Marc Porter von Christie's spricht jedenfalls von einem 'besonders starken Moment im Kunstmarkt' und einem 'günstigen Zeitpunkt vor der amerikanischen Präsidentenwahl'. Vielleicht hat der zusätzliche Termin auch etwas damit zu tun, dass Sotheby's gleichzeitig eine Saison mit asiatischen und internationalen Zeitgenossen in Hongkong abhält."

60 Prozent Neukunden verhalfen Van Ham in Köln bei der ersten Tranche der Sammlung Olbricht zu einem White Glove Sale, bei dem alle Lose zugeschlagen wurden, meldet Christiane Fricke im Handelsblatt.

Während die Art Düsseldorf für dieses Jahr und dauerhaft ins Frühjahr auf den alten Art Cologne zieht, wie bei Monopol nachzulesen ist, wurde die physische Artissima in Turin abgesagt. Die ohnehin schon geplanten Online-Formate sollen stattfinden und wie zu hören ist, soll in den ehemaligen Räumen der Galerie Franco Noero auch ein kleineres Ausstellungsformat stattfinden. Einer der Gründe für die Absage soll die Weigerung des französischen Eigentümers der Messehalle sein, dem Veranstalter beim Preis entgegenzukommen.

Wie prekär die Lage der deutschen Galerien ist und wie nötig die jetzt angekündigte Unterstützung der Bundesregierung, erörtert Christiane Fricke im Handelsblatt: "Der Kunsthandel mag es kaum glauben. Gerade hatte er noch irritiert zur Kenntnis nehmen müssen, dass der kürzlich um 2,5 auf drei Millionen Euro erhöhte Ankaufsetat der Bundeskunstsammlung gezielt auch zum Einkauf direkt bei den Künstlern genutzt werden soll. Will die Kulturministerin hier etwas wiedergutmachen? Grütters versucht es zumindest und betritt damit Neuland. 'Eine solche Art der Förderung hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie gegeben', kommentierte der Düsseldorfer Galerist Rupert Pfab." Im NDR Radio hat Raliza Nikolov mit BVDG-Vorstand Thole Rotermund gesprochen.

Der Berufsverband Bildender Künstler*innen Berlin hingegen kritisiert, dass bei diesem Programm laufende Kosten und Honorare geltend gemacht dürfen, bei den vorherigen Förderungen für Künstler und Kunstvermittler hingegen nicht: "Honorare für Galerie-Stammpersonal werden anerkannt - Künstler*innen-Honorare bei den Bewerbungen im NEUSTART KULTUR Programm des Kunstfonds Bonn als 'In-Sich-Geschäfte' verunglimpft. Was bei Künstler*innen und Akteur*innen der freien Szene anscheinend unmöglich war, ist hier erlaubt." Zwar geht es nur um 20 Prozent der Fördersumme als Pauschale, doch ist die Kritik absolut berechtigt. Denn wer nicht weiß, wovon nächsten Monat die Miete bezahlt werden soll, kann von einer Katalogfinanzierung nicht satt werden.

Ihre Rückschau auf 30 Jahre im Kunstmarkt beschließt Georgina Adam im Art Newspaper mit einem Blick auf aktuelle Produkte: "Ein neuerer Trend ist das Fractional Ownership, bei dem Kunst in Scheiben geschnitten und in vermarktbare Stückchen gewürfelt wird (natürlich nicht physisch). Obwohl viele Modelle behaupten, ihr Ziel sei die Demokratisierung des Kunstbesitzes, befürchte ich, dass die Kunst in dem Bestreben, sie als reine Anlageklasse zu behandeln, zu einer Erweiterung der Luxusgüterindustrie wird. Vielleicht wird ein positiver Aspekt der Pandemie (und Gott weiß, es gibt nur wenige) eine Rückkehr zu Werten sein, die wir früher in der Kunst geschätzt haben - symbolisch, ästhetisch, herausfordernd. Nicht nur etwas, das man kauft, lagert und weiterverkauft."

Und was braucht man für so etwas Revolutionäres wie Fractional Ownership? Genau: die Blockchain! Wer jetzt Lust bekommen hat auf ein bisschen Bullshit-Bingo, sollte sich durch eine Präsentation von Snark.art arbeiten. Nicht fehlen darf bei so einer virtuellen Veranstaltung natürlich Nanne Dekking, früher Chairman der altehrwürdigen Tefaf und damals wie heute Betreiber von Artory. Als Side Quest zum Bingo sei die Beachtung der Selbstinszenierungen der Videokonferenz-Teilnehmer empfohlen. Welchem der Akteure würde man wohl einen Gebrauchtwagen abkaufen?

Wie der Kunstmarkt in Zukunft funktioniert, erklärt Bastian Hosan seinen jungen, erfolgreichen, digitalaffinen Lesern der aktuellen Ausgabe von Business Punk: "[Paul] Schrader ist ein Künstler neuen Typs. Einer, der nicht möglich wäre, gäbe es das Internet und die sozialen Medien nicht. Sie sind sein direkter Marketingkanal, sein digitales Schaufenster, wenn man so will. [...] Am Ende des Abends wird fast jeder der Gäste ein Bild mit Schrader oder eines von seinem Kunstwerk auf dem Handy haben, von der Party sowieso - viele werden sie teilen. Es sind Freunde und Bekannte mit Reichweite, die Trennlinie zwischen privat und Business ist fein, manchmal gar nicht sichtbar, und eigentlich ist beides beides. Privates Business - und Schrader, der Künstler, nutzt genau das, um seine Kunst zu vermarkten. Er arbeitet in etwas wie einer digitalen Symbiose mit Leuten, die sich - wenn auch manchmal nur entfernt - kennen und gewogen sind. Ein Foto im Feed hier, eine Story da. Am Ende ergibt das eine gigantische akkumulierte Reichweite, die Schrader nutzen kann, um Kunstinteressierte zu erreichen." Es folgen noch weitere Jubelgeschichten, Kronzeugen des Autors sind unter anderem Magnus Resch, Michael Neff und Johann König. Als Anhänger eines traditionellen Kunstdiskurses, wie er nicht zuletzt von Galerien in Gang gehalten wird, mag man sich im Verlauf der Lektüre immer älter fühlen. Dann hilft ein Blick auf die Internetseite des "Künstlers neuen Typs". Denn so etwas Altmodisches hat Paul Schrader noch. Einen besseren Überblick bietet jedoch die Bildersuche bei Google. Das Ergebnis erinnert an Leon Löwentraut, nur dass Schraders Klientel die Modetipps nicht aus der Raffaello-Werbung bezieht, sondern aus der U2 zwischen Alexanderplatz und Schönhauser Allee, um sie dann im Soho House vorzuführen. Spätestens an dieser Stelle erschließt sich der Sinn von Fachjournalismus.

Der Düsseldorfer Galerie Hans Strelow hat Patrick Bahners für die FAZ vom 1. Oktober aus Anlass des 80. Geburtstags ihres Betreibers einen letzten Besuch abgestattet: "Der White Cube als Container einer radikal modernen Kunst ist Strelow suspekt, das Versprechen des total Neuen und sofort Museumsreifen. Das Kunsturteil findet nicht im Vakuum statt, bedarf der Hintergründe und der Vergleiche mit anderen Kunstwerken und Werken anderer Künste. Am Luegplatz in Oberkassel, auf der linken Rheinseite, fand Strelow für seine Galerie Räume, die für die Aufnahme von Kunstwerken, auch solchen großen Formats, geeignet, aber nicht gemacht waren. Eine ehemalige Wohnung im vierten Stock eines Hauses, in dem Anwaltskanzleien und Arztpraxen hinter hohen Türen die Infrastruktur für die Bewahrung, Wiederherstellung und Ausweitung der Geschäftsfähigkeit einer solventen Klientel bereithalten."

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