Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Millionen für Knochen; Bild Stefan Kobel unter Verwendung von https://pixy.org/4148052 unter CC BY-NC-ND 4.0

12.10.2020 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 41 2020

Kunst und Krise passt als Begriffspaar immer, aktuell sowieso. Jörg Heiser macht sich für Republik Gedanken über das Verhältnis der beiden und die Beziehung der Kunst zu sich selbst: "Einerseits wird der Ruf nach Solidarität laut, andererseits stattet sich so manch einer mit dem Geschäftsgebaren 'disruptiver' Silicon-Valley-Unternehmer oder Wallstreet-Händler aus. Finanzkapitalistisches Rattenrennen? Oder das Heil in staatlicher Hilfe suchen? Beim gleichen Staat, dem man beispielsweise vorwirft, seine Kolonialvergangenheit zu ignorieren? Beziehungsstatus: Es ist kompliziert."

Warum ein Dinosaurierskelett in der gegenwärtigen Situation sehr gut zu einer Kunstauktion passt und einen ähnlichen Preis (umgerechnet rund 26,5 Millionen Euro) erzielt wie Gemälde von Twombly (32,7), Rothko (30) und Picasso (25 ), erklärt Michael Huber im im Kurier: "Etwas realistischer ist die Erklärung, dass jene Klientel, die bereit ist, jeden erdenklichen Preis für einmalige Trophäen zu zahlen, in den vergangenen Jahren vor allem im Bereich Gegenwartskunst zu finden war: Nicht die Kennerschaft, sondern die Kaufkraft zählt hier, es geht um das demonstrieren von wirtschaftlicher Potenz."

Die Beschreibung der Abendauktion bei Christie's (die mit dem Dino) von Anne Reimers in der FAZ vom 10. Oktober klingt wie der Programmablauf eines besseren Shopping-Senders: "Christie's '20th Century Evening Sale' in New York, ein neuer Oktober-Termin, verfolgten nach Angaben des Auktionshauses etwa 280 000 Zuschauer. Neben der Live-Übertragung, bei welcher der Auktionator Adrien Meyer Gebote von den Telefonbänken vor Ort sowie in London und Hongkong pflückte, gab es ein ganzes Rahmenprogramm mit vorausgehender Analyse mit Gästen im virtuellen Studio, Marketing-Video zum Auftakt, leise pulsierender Musik-Unterlegung und Live-Kommentierung des Geschehens durch zwei Christie's-Mitarbeiter. Die Kamera glitt gelegentlich über die Ohrringe und Halsketten der Spezialistinnen an den Telefonen - sie modelten die Lose einer anstehenden Schmuck-Versteigerung."

Auf ein nicht unwesentliches Detail der mit einem Umsatz von 342 Millionen Dollar durchaus erfolgreich Auktion weist Colin Gleadall im Art Market Monitor hin: Das Angebot sei zu rund 60 des Einspielergebnisses mit Garantien versehen, also bereits vorab verkauft gewesen.

Die "Rückkehr der fünf betrunkenen Prinzen zu Pferd" habe bei Sotheby's ein 75-minütiges Bietgefecht entfacht und das Rollbild von Ren Renfa mit umgerechnet knapp 42 Millionen US-Dollar brutto zum teuersten Kunstwerk der traditionellen chinesischen Gemälde gemacht, das jemals in Hongkong versteigert wurde, berichtet, Angelica Villa von Art Market Monitor. Käufer sei das (private) Long Museum in Schanghai. Derweil habe das private japanische Pola Museum Gerhard Richters "Abstraktes Bild (649-2)" mit einem Gebot über umgerechnet gut 29 Millionen US-Dollar zum teuersten je in Asien versteigerten westlichen Kunstwerk gemacht.

Mindestens 33 Millionen Dollar Kapitalertragssteuer könnte der Verkäufer des Botticelli sparen. Wie das geht, erklärt Katya Kazakina bei Bloomberg.

Die Online-Kunstmesse wird uns als Ersatz für das reale Event wohl noch ein wenig erhalten bleiben. Wie sich Galeristen auf der virtuellen Frieze London präsentieren, beschreibt Stephanie Dieckvoss im Handelsblatt: "[Daniel] Von Schacky schließt sich in der Konzeption der Messebeteiligung einem weiteren Trend an, der das genaue Gegenteil zur Globalisierung darstellt. Um Kunden die Kunst auch im lebendigen Raum nahezubringen, haben sie einen Teil der Präsentation in der Galerie aufgebaut. Das mag lokale Kunden anlocken, zeigt aber auch über Videokonferenzen besser, wie die Arbeiten im Raum aussehen, denn die Online Viewing Rooms sind immer noch nicht viel besser als ins Internet gestellte digitale Fotos. Mit diesem Hybridmodell wirbt auch White Cube, die parallel eine Ausstellung mit neuen Arbeiten des amerikanischen Künstlers Theaster Gates in ihrer Galerie in London aufgebaut hat, die nach Voranmeldung zu besichtigen ist. Denn obwohl die Skulpturen und Wandobjekte gut fotografiert sind, kommt die Dreidimensionalität der Objekte online schlecht zum Ausdruck."

Die neue Strategie von Neumeister beschreibt Sabine Spindler im Handelsblatt: "Zum ersten Mal verzichtete das Münchener Auktionshaus Neumeister auf einen gedruckten Katalog. Im Netz alle Lose listen, in der Vorbesichtigung präsentieren, live versteigern - das war bislang eher der Weg kleinerer Versteigerer von kuranter Ware. Die Topergebnisse der Auktionen mit Antiquitäten, Alten und neueren Meistern sowie moderner und zeitgenössischer Kunst vom 23./24. September zeigen: Es geht auch ohne Katalog."

Die Deutsche Bank macht erneut einen Teil ihrer Kunstsammlung zu Geld, meldet Susanne Schreiber im Handelsblatt: "In der mehr als 55.000 Werke umfassenden Firmensammlung gibt es frühe Erwerbungen, die schon lange nicht mehr ins Profil passen. In der Nachkriegszeit schmückten Gemälde der Klassischen Moderne und der Nachkriegs-Avantgarde die Vorstandsetagen. Doch seit bald vier Jahrzehnten sammelt das Bankhaus zeitgenössische junge Kunst auf Papier, einschließlich Fotografie. Der Abverkauf soll über drei Jahre laufen und einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag generieren."

Bemühte sich das Geldinstitut dabei bisher um Unauffälligkeit, passiert es diesmal ganz offiziell, wie Jörg Häntzschel in der Süddeutschen Zeitung festhält: "Dennoch tat die Bank alles, um die Verkäufe zu verbergen. Selbst als die SZ im vergangenen Dezember darüber berichtete, zeigten sich die Verantwortlichen noch schmallippig. Nun hat die Bank es endlich offiziell gemacht. Am Donnerstag teilte sie mit, sie werde 200 Kunstwerke versteigern lassen, teils bei Christie's in London und Paris, wo schon am 22. Oktober die ersten Gemälde zum Aufruf kommen, teils beim Münchner Auktionshaus Ketterer."

Was genau mit den Einnahmen passieren soll, konnte auch Marcus Woeller für die WeLT nicht erfahren: "Ob die Erlöse aus den Auktionen vollständig in Kunst reinvestiert, darauf möchte Friedhelm Hütte sich nicht festlegen. Aber man werde einen 'signifikanten Teil der Auktionserlöse für den Ankauf von Werken aufstrebender künstlerischer Talente' aufwenden, sagt er. 'Wir wollen eine Sammlung, die ausschließlich zeitgenössisch ist.' Den Anfangspunkt setzt Hütte mit dem Jahr 1945, wichtig sei ihm aber, 'dass die Sammlung mit der Zeit geht.'" Was aus Perspektive der Kunstszene fadenscheinig klingt, leuchtet bei genauerer Betrachtung ein. Schließlich dürfte es Aktionären wie Mitarbeitern kaum zu vermitteln sein, warum eine Bank, deren Börsenwert sich vom Beginn der Finanzkrise bis heute verfünfzehntelt hat, die Früchte eines ihrer wenigen werthaltigen Engagements nicht in die Rettung des Unternehmens investieren sollte.

Auch andere Unternehmen machten ihre Kunstsammlungen zu Geld, hat Ollie Williams für Barrons recherchiert.

Ob Museen ihre Assets liquidieren dürfen oder sollten, ist ebenfalls ein aktues Thema. Gerade in den USA passiert das immer häufiger. Marcus Woeller hinterfragt diese Praxis in der WeLT anlässlich des Verkaufs des zweiten Drip Paintings, das Jackson Pollock je gemalt hat, durch das Everson Museum of Art in in Syracuse, N.Y.: "Es wird genau beobachtet werden, was das Museum für die Pollock-Millionen anschafft. Ob es ein flaues Tauschgeschäft wird, wie beim San Francisco Museum of Art, das 2019 ein Gemälde von Mark Rothko (50 Millionen Dollar bei Sotheby's) gegen elf Werke von Forrest Bess, Frank Bowling oder Alma Thomas eintauschte. Im Gegensatz zur ethnischen Herkunft der Künstler machte das Museum die Kaufpreise nicht transparent. Immerhin soll vom Erlös so viel übrig sein, dass die Sammlung noch vielfältiger werden kann. Tatsächlich steht es Museen gut an, ihre Sammlung auf Lücken und Fehleinschätzungen zu überprüfen. Und wer die Entscheidungsbefugnis für Neuerwerbungen hat, sollte auch die Souveränität haben, sich von Stücken trennen zu dürfen. Doch wann heiligt der Zweck die Mittel?"

Wer in der aktuellen Situation immer noch sammelt und daher ihrer Meinung nach die Aufnahme in die Liste der Top 200 Collectors verdient, hat Artnews recherchiert: "Es handelt sich um ein Phänomen, das Sammlerveteranen aus der Finanzkrise von 2008 bekannt ist. Die in Dallas ansässigen Sammler Cindy und Howard Rachofsky sagten gegenüber ARTnews: '2009 wurden uns einige außergewöhnliche Werke angeboten, die sonst nicht auf den Markt gekommen wären'. Eine wichtige Veränderung seitdem ist jedoch das Wachstum des Art Lendings. Sammler, die in einer wackeligen Wirtschaft auf der Suche nach Liquidität sind, haben jetzt viel mehr Möglichkeiten, ihre Bestände durch die Verwendung als Sicherheiten werthaltig zu machen, und fühlen sich daher nicht mehr so stark unter Verkaufsdruck. Das hat die ohnehin schon schwierige Nachschubbeschaffung noch komplizierter gemacht, insbesondere für die Auktionshäuser."

Die britische Denkmalschutzorganisation National Trust habe den Abbau von 1.300 Arbeitsplätzen und Einsparungen von 100 Millionen Pfund angekündigt, meldet Gareth Harris im Art Newspaper.

Die Erhöhung der staatlichen Überbrückungsfinanzierung in Österreich von 6.000 auf 10.000 Euro meldet das Artmagazine.

Der Berliner Galerist Georg Nothelfer war einer der wichtigsten Vorkämpfer für Tachismus und Informel. Als einer der wenigen Vertreter der dieser Richtungen war er auch bis zuletzt immer auf der Art Basel zugelassen. Am 3. Oktober ist er gestorben. Einen Nachrufhat Christian Herchenröder für das Handelsblatt verfasst.

Ebenfalls verstorben ist der Sammler und Museumsmitbegründer Franz Joseph van der Grinten, laut einer dpa-Meldung, nachzulesen unter anderem bei Monopol.

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