Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Immer schön: Brafa in Brüssel; Foto Stefan Kobel

29.01.2018 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 5 2018

Kunst und Kultur dürfen sich schonmal warm anziehen. Dem Kulturausschuss des Bundestages wird die SPD vorsitzen, deren Fraktion sich Tim Renner als Berater geholt hat, der der Kultur als erstes seine Spezis aus der Kreativwirtschaft untergejubelt hat. Die Genossen scheinen vor ihrem Verschwinden noch auf wirklich jedem Gebiet größtmöglichen Schaden anrichten zu wollen.

Die neue rechtsnationale Regierung in Österreich könnte die Kunstförderung kürzen oder restriktiver handhaben - oder auch nicht, mutmaßt Kate Brown bei Artnet. Mit Fakten kann sie zwar nicht aufwarten, dafür mit reichlich besorgten Zitaten aus der Kunstszene.

Der wichtigste Antiquar ist gleichzeitig Sammler, Wissenschaftler und Verleger. Stefan Koldehoff hat Heribert Tenschert für die ZEIT vom 25. Januar in dessen Antiquariat Bibermühle in Ramsen in der Schweiz besucht und mit ihm über die Eigenheiten seiner Branche und ihre Entwicklung gesprochen: "In Deutschland, sagt Heribert Tenschert, habe es um 1900 und dann bis in die siebziger Jahre hinein bedeutende Manuskriptsammler gegeben. Inzwischen werde dieses Gebiet trotz des guten Angebotes kaum mehr geschätzt: 'Die Sammler sitzen heute in Frankreich, in der Schweiz und in den USA.' Künstlerisch entflammbar seien sie, beobachtet der Antiquar seit vielen Jahren: 'Wenn sie etwas kaufen, steht dahinter nicht der Gedanke des Investments, sondern die schiere, reine Freude an der Schönheit.' Museen seien nur selten unter seinen Kunden: aus Geldmangel, aber auch, weil es dort kaum mehr Spezialisten für diese Werke gebe."

Im Schatten der großen Filialmessen hat sich die BRAFA in Brüssel als hochkarätige Regionalmesse für Kunst und Antiquitäten etabliert. Olga Grimm-Weissert schreibt im Handelsblatt vom 26. Januar: "In diesem Jahr kristallisieren sich auf dieser sympathischen, extrem gut organisierten Messe mit interdisziplinärem Charme drei Tendenzen heraus: Die bildende Kunst und Skulpturen nehmen zu, die 1960er-Jahre rücken stärker in den Fokus." Begeistert ist Christiane Meixner vom Tagesspiegel: "Wer kein Experte ist, muss sich da auf ihr Urteil verlassen. Er lernt aber auch mit jeder neuen Brafa, diesem universalen Museum auf Zeit. Dafür genügt schon ein Vergleich der Kojen von Poenix Ancient Art (Genf), die jedes ihrer antiken Exponate sorgfältig auf Sockeln unter Glas arrangieren, mit dem Gesamtkunstwerk von Steinitz. Der Spezialist für europäische Kunst des 17. bis 19. Jahrhunderts lädt in einen Saal mit historischem Parkett, barocken Spiegeln und Mobiliar, das einen eklektischen Salon nachstellt. Nicht alles hier ist top, doch zusammen atmet es den Geist vergangener Epochen, die sich am dekorativen Überschwang delektierten." Ich war für Artmagazine dort.

Die Art Stage Lorenzo Rudolfs könnte Singapore den Rücken kehren, orakelt Philipp Meier in der NZZ: "Singapur war lange ohne Kunst. Die Art Stage hat sie der Stadt gebracht. Zahlreiche Galerien haben sich hier niedergelassen. Und Sammler kommen jedes Jahr im Januar zur Messe aus ganz Asien. Die Art Stage streckt aber auch ihre Fühler aus, in andere, neuere und jüngere Märkte. Etwa nach Jakarta, Indonesiens boomender Hauptstadt. Dort wird die Art Stage Anfang September zum dritten Mal stattfinden. Und interessant könnte auch der Standort Bangkok werden, wo es brodelt in der Kunstszene". Auch Christoph Hein kolportiert die Drohung des Messemachers in der FAZ: "Und doch ist dieses Schrumpfen Ausdruck des Problems, dass sich nicht mehr verheimlichen lässt: Die Regierung Singapurs ist aus Rudolfs Sicht gescheitert mit ihrem Plan, eine Kunstszene zu begründen. War der Versuch am Anfang noch vielbeachtetes Spektakel, droht er nun im Kunst-Orbit zu verglühen. Denn der Millionärsstaat zeige kein wahres Interesse: Der Markt sei zu klein, die Regierung zu unerfahren und beratungsresistent, die Nachbarländer erstarkten unterdessen. So entsteht Konkurrenzdruck vor allem aus Indonesien und Thailand, wo junge Galerien und Künstler sprießen."

Paddle8 hat wieder einen Investor gefunden. Nachdem die Geldvernichtungsmaschine von der untergegangenen Auctionata übernommen worden war, um anschließend von einem chinesischen Investor aus der Insolvenz gerettet zu werden, habe sich mit The Native jetzt eine Schweizer Tech-Firma als Geldgeber aufgetan, dank derer demnächst Kunst mit Bitcoin bezahlt werden können soll, schreibt Gabriela Angeleti im Art Newspaper.

Durch den Zukauf des Start Ups Thread Genius wolle Sotheby's Künstliche Intelligenz nutzen, um seinen Kunden Kunst anzudienen, die ihnen auf Basis ihrer bisherigen Käufe gefallen könnte, berichtet Katya Kazakina für das Art Newspaper. Das war auch mal die Motivation von Google bei seinem Eintieg bei Artsy. Um das Vorhaben ist es irgendwie still geworden.

Das Geschäft der großen Auktionshäuser verlagere sich zunehmend von öffentlichen Auktionen zu Private Sales, schreibt Henri Neuendorf bei Artnet. Während Sotheby's dafür eine eigene Abteilung gegründet habe mit einem Ex-Banker an der Spitze, sei Marktführer Christie's in dieser Hinsicht konservativer und belasse dieses Geschäft bei den einzelnen Auktions-Abteilungen des Hauses. Zur Zeit habe Christie's jedoch die Nase vorn mit einem Jahresumsatz von 936 Millionen Dollar in diesem Bereich gegenüber 583 Millionen bei Sotheby's.

Warum Jahresbilanzen deutscher Auktionshäuser nur schwer vergleichbar sind, erklärt Brita Sachs in der FAZ vom 27. Januar: "Die Berechnungsgrundlagen der Häuser sind mitnichten einheitlich. So sind die von allen in die Resultatberechnung einbezogenen Aufgelder auf die Hammerpreise teilweise nicht nur kompliziert gestaffelt, sie liegen auch unterschiedlich hoch. In der Regel werden die Jahresbilanzen auch mit den Nachverkäufen aufgepeppt - und manchmal mit private sales. Wenn man, zum selben Zweck, nicht sogar noch die Umsatzsteuer hineinpackt. Kurz, jeder bastelt sich seine Bilanz, wie es ihm gefällt. Das Gerangel um die Positionen im Ranking - keinem anderen Zweck kann das Gebastel dienen - nimmt gelegentlich bizarre Formen an. Rupert Keim, der Geschäftsführer der Münchner Firma Karl & Faber und Präsident des Bundesverbands Deutscher Kunstversteigerer (BDK), berichtet von einem Haus, das im Kopf-an-Kopf-Rennen um Platz eins sogar einmal die Folgerechtsbeträge einbezogen hat."

Schon wieder ist ein Art Basel-Teilnehmer pleite: Die New Yorker Galerie Broadway1602 habe Insolvenz angemeldet, tweetet Katya Kazakina.

David Zwirner sei die erste von sieben Konzerngalerien, darunter Hauser & Wirth, Pace und Pearl Lam, die zusammen mit einem Auktionshaus elf von 24 Stockwerken in einem maßgeschneiderten Neubau in Hongkong beziehen werde, erzählt Sarah Forman in einem mit reichlich Werbematerial bebilderten Artikel auf Artsy.

Statt des gewünschten Van Gogh-Gemäldes habe die Direktorin des Guggenheim Museums Nancy Spector Donald Trump als Dauerleihgabe für das Wieße Haus die goldene Toilette "America" von Maurizio Cattelan angeboten, meldet unter anderem Adam Gabatt im Guardian. Eine dpa-Meldung dazu gibt es unter anderem im Tagesspiegel.

#metoo: Die Hexenjagd nimmt Fahrt auf. Die National Gallery hat Ausstellungen von Chuck Close (und einem weiteren Künstler) abgesagt. Weil Close sich schlecht benommen hat. Das gibt dieser auch zu. Nachdem die New York Times schon im Dezember Anschuldigungen von Frauen veröffentlicht hatte, in dem diese dem Künstler vorwarfen, sich durch sein Verhalten ihnen gegenüber "ausgebeutet und schlecht" gefühlt zu haben, habe die Institution die geplante Schau abgesagt, schreiben Colin Moynihan und Robin Pogrebin in der New York Times. Zuerst gemeldet hat die Absage Peggy McGlone in der Washington Post. Zur Begründung wird die National Gallery mit der Aussage zitiert: "Angesichts der Aufmerksamkeit, die ihr Privatleben in letzter Zeit bekommen hat, haben wir eine Verschiebung der Ausstellungen mit beiden Künstlern diskutiert." Eine Zusammenfassung der Affäre ist bei Monopol auf Deutsch nachzulesen. Justiziabel ist keine der Anschuldigungen, und zumindest bei Close, der im Rollstuhl sitzt, geht es ausschließlich um verbale Entgleisungen. Wenn es jetzt schon ausreicht, jemanden schlechter Manieren zu beschuldigen, um Karrieren zu beenden, stehen wir tatsächlich vor großen Umwälzungen.

Die Verwirrung um Steuern auf Kunstgeschäfte in Italien, die ein deutscher Radiojounalist letzte Woche gestiftet, kann ein Beitrag von Franco Fanelli im Art Newspaper auflösen.

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