Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Kommt sie oder kommt sie nicht: Art Basel HK 2020? Foto Stefan Kobel

03.02.2020 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 5 2020

In der Haut der Art Basel-Leitung möchte man aktuell nicht stecken. Immer mehr Aussteller der Art Basel Hong Kong fordern die Absage der Veranstaltung und/oder die Rückerstattung der Standgebühren wegen der Corona-Grippe und vor dem Hintergrund andauernder Unruhen. Gleichzeitig hat die Muttergesellschaft MCH Group massive wirtschaftliche Probleme. Eine Entscheidung über die Absage dürfte heute oder morgen bekanntgegeben werden, lautet meine Prognose.

Aus einem Brief des Londoner Kunsthändlers Richard Nagy an die Leitung der Art Basel zitiert Katya Kazakina bei Bloomberg. Darin fordert dieser eindringlich, die Art Basel Hong Kong abzusagen. Demnach wolle keiner seiner Kunden, mit denen er gesprochen habe, in der aktuellen Lage anreisen.

Das Finanzportal Finews aus der Schweiz weiß von einem Brief der Art Basel an Aussteller, in dem von einer möglichen Absage die Rede sein soll: "Die Organisatoren der Kunstmesse Art Basel in Hongkong sind selber nicht sicher, ob sie die Veranstaltung trotz dem in China grassierenden Coronavirus durchführen sollen. Am Donnerstag verschickten die Organisatoren der Messe einen Brief an die Kunsthändler, in dem sie erklärten, dass sie "hart daran arbeiten, alle möglichen Optionen zu prüfen" für den Anlass, der am 17. März im Hongkong Convention and Exhibition Centre für VIPs eröffnet werden soll."

Die Hong Kong Art Gallery Association plädiert in einem Offenen Brief für die Durchführung der Messe und kündigt an dafür Sorge zu tragen, dass selbst im Falle einer Absage "die Kunstwoche im März so ereignisreich wie möglich" zu gestalten. Lisa Movius berichtet für das Art Newspaper.

Für die Baseler Muttergesellschaft MCH kommt die Misere bekanntlich zur Unzeit. Von einer durch den Aktionär Erhard Lee erzwungenen Außerordentlichen Generalversammlung berichtet Kurt Tschan im Tagesanzeiger: "Gegenwärtig ist die MCH Group mit Investoren in Verhandlungen. Gemäs Lee befindet sich darunter auch ein chinesischer Milliardär, der Interesse an der Kunstmesse Art Basel bekundet. Denkbar wäre es auch, die Sparte Live Marketing Solutions, für 40 Prozent des Gruppenumsatzes zuständig, oder die zuletzt arg kriselnde Baselworld in eigene Gesellschaften auszugliedern oder zu verkaufen. Nur mit frischem Kapital, so Vischer, lasse sich die neue Strategie finanzieren. Lee will in den nächsten drei Monaten abklären, ob er die gestern abgelehnte Sonderprüfung auf gerichtlichem Weg durchsetzen will."

Währenddessen wurde die Design Shanghai für Luxusmöbel und -einrichtungsgegenstände, die Ende März stattfinden sollte, auf Mai verschoben, wie einer Pressemitteilung zu entnehmen ist.

Der ökologische Fußabdruck des Kunstbetriebs sei laut Eva Karcher im Tagesspiegel eines der wichtigsten Themen der art genève gewesen: "Der Klimawandel mit seinen Konsequenzen ist auf dieser neunten Ausgabe der Art Genève mit ihren rund 90, fast ausschließlich hochkarätigen Galerien in den Gesprächen allgegenwärtig. Meistdiskutiertes Thema waren nicht etwaige Rekordpreise (das durchschnittliche Niveau bewegt sich moderat zwischen 5000 und 80 000 Euro), sondern die sich spätestens seit der Verbreitung des Coronavirus häufenden Absagen von Händlern, an der Art Basel Hongkong im März teilzunehmen. Denn deren Sammler kommen nicht; die Angst vor Ansteckung ist nur ein Grund. Der andere, den man vermehrt von Kuratoren, Besuchern, Käufern wie Galeristen hört, ist der ökologische Fußabdruck, der Flugzeugreisen obsoleter macht."

Treffend charakterisiert Annegret Erhard das Genfer Publikum in der taz: "Die Klientel agiert hier gediegen und naturgemäß konservativ auf entsprechend gepolstertem Niveau. Man ist entspannt am Genfer See; calvinistische Prägung schließt prätentiösen Protz aus. Ein Gemeinplatz? Mag sein. Der Aufgalopp zur Eröffnung hätte jedenfalls lässiger nicht sein können. Eine Besonderheit der Veranstaltung mit derzeit über 120 Ausstellern - vor zwei Jahren waren es noch neunzig Ausstellern - ist die "Verbindung von Kultur und Kommerz", wie Thomas Hug sagt.

Ich war für das Handelsblatt und Artmagazine in Genf.

Die Fotomesse Unseen Amsterdam sei mit ihrer Suche nach neuen Investoren gescheitert und habe Insolvenz angemeldet, meldet Mathijs Smit bei RTL Z. Ob die neunte Ausgabe im September stattfinden kann, sei daher unsicher. Details zu den Finanzen liefert Michiel Kruijt in de Volkskrant, während Artnet in bewährter Manier die Recherchen der Kollegen von Kate Brown auf Englisch zusammenfassen lässt.

Die phänomenalen Steigerungszahlen bei den Onlineverkäufen von Gagosian präsentiert Yasmin Gagne bei Fastcompany. Motor des Wachstums seien die zwei (!) virtuellen Viewing Rooms, die die Galerie betreibe.

Die gemischten Ergebnisse der New Yorker Altmeister-Auktionen fasst Barbara Kutscher für das Handelsblatt zusammen: "Andere Ergebnisse sorgten dagegen für Kopfschütteln: etwa der Rückgang eines großartigen Männerporträts von der derzeit so angesagten Barock-Malerin Artemisia Gentileschi. Vergeblich hatte der Einlieferer, ein kalifornischer Sammler von Zeitgenossen und Alten Meistern, ein Jahr lang versucht, das Bild über den Handel zu verkaufen. Aber weder der bei Sotheby's auf 800.000 bis 1,2 Millionen Dollar reduzierte Preis noch Gentileschis im Frühjahr anstehende Soloschau in London animierten auch nur einen einzigen Bieter. Gefragt sind derzeit vor allem ihre Selbstporträts, in denen sie sich als attraktive Heldin des Alten Testaments verkleidet."

Ein wenig mehr Analyse und weniger Auflistung von Zuschlägen hätte man sich für Clementine Küglers Rückblick auf das Auktionsjahr in Spanien in der FAZ vom 1. Februar gewünscht: "Die Auktionshäuser in Spanien haben dem starken Beginn im ersten Halbjahr 2019 hochkarätige Angebote folgen lassen, doch die Nachfrage blieb zurückhaltend. Allerdings zeigte sich im Herbst wieder das Interesse an Kolonialkunst, das seit Jahren vor allem die Madrider Häuser beglückt. Auch der Staat gab sich wieder spendabler."

Als wesentliches Unterscheidungsmerkmal habe der Immobilientycoon und Kunstsammler Adrien Cheng seine neue K11 Musea Mall in Hongkong mit zeitgenössischer Kunst ausgestattet, ausschließlich Auftragsarbeiten, wie Christopher de Wolf in seiner Geschichte der Einkaufszentren in der ehemaligen Kronkolonie bei CNN darlegt.

Durch die strengere Auswahl von Sponsoren aus der Industrie (s. Familie Sackler) könnten die britischen Museen zukünftig stärker auf Kunsthändler und Galerien zur Durchführung von Ausstellungen angewiesen sein und dadurch in Interessenkonflikte geraten, warnt Anny Shaw im Art Newspaper.

Der britische Kunstmarkt werde sich nach dem Brexit neu ausrichten, mutmaßt Sebastian C. Strenger in der NZZ: "London hat in der Vergangenheit vor allem vom Verkäufermarkt gelebt. Spitzenstücke wurden über London gehandelt. Das Pfund war stark. Mit dem Sinkflug der britischen Währung und absehbaren Zollschranken wird sich diese Situation aber wohl stark verändern. London ist für Einlieferer an Auktionen weit weniger interessant geworden. Durch das niedrige Pfund wird indes der Käufermarkt gestärkt. 'Wir beobachten bereits, dass Investoren den Pfundkurs nutzen', meint der Londoner Galerist Aeneas Bastian. 'Er wird mehr Geschäfte mit US-amerikanischen und asiatischen Sammlern generieren. Die Beziehungen zu diesen Ländern werden sich weiter ausbauen. Ebenso zu Sammlern aus dem Mittleren und Nahen Osten, Indien und Australien.'"

Ein immer wieder vorgebrachtes Argument für den Brexit ist die Regulierungswut der EU. Dass es darum in einem "freien" Großbritannien nicht unbedingt besser bestellt sein könnte, gibt Johannes Wendland in der Berliner zitty zu bedenken. Für den Kunstmarkt bestehe der Wunsch: "Großbritannien würde viele der ungeliebten EU-Regelungen, die den bürokratischen Aufwand erhöhten, schnellstmöglich abschaffen. Dirk Boll, Chef des Auktionshauses Christie's, hatte in einem Interview 2018 als Beispiele die Mehrwertsteuer auf die Einfuhr von Kunstwerken und das Folgerecht genannt, das eine Beteiligung von Künstlerinnen und ihren Erbinnen bei Wiederverkäufen von Kunstwerken regelt. Dahinter steckt der Wunsch nach einem entbürokratisierten Markt. Rupert Keim, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Kunstversteigerer, erwartet jedoch nicht, dass dieser demnächst in London entstehen könne. 'Wenn ein Land aus der Union austritt und damit hinter der Zollgrenze verschwindet, nehmen der Papierkram und der Aufwand für die Zollabfertigung massiv zu', sagt er. Er nennt jedoch einige Vorteile für die Britinnen: 'London war immer ein großer Kunstmarktstandort. Die Engländer haben auf den Handel eine grundsätzlich positive Sichtweise, und der Kunstmarkt hat in England ein besseres Standing und eine bessere Lobby. Die Politik in Deutschland ist stattdessen von einem grundsätzlichen Misstrauen gegen den Kunstmarkt geprägt.'"

Dass der seriöse Kunsthandel es so schwer hat, bei der Politik Gehör zu finden, verwundert nicht, wenn man bedenkt, was führende Politiker mitunter für Kunst halten. So hat sich der Düsseldorfer Landtag ein Bild von Leon Löwentraut schenken lassen. Die Einlassungen des Landtagspräsidenten zu dem Präsent Daniel Schrader gegenüber in der Rheinischen Post sind in ihrer tiefen Schlichtheit fast beeindruckend: "Mit dem daraus resultierenden Ergebnis zeigte sich Landtags-Präsident André Kuper sehr zufrieden. 'Unsere Sammlung wird um ein markantes Kunstwerk erweitert', sagte der Hausherr. Die Architektur des Landtags stehe mit runden Formen und dem vielen Glas für die Debattenkultur und Transparenz der Demokratie, was Löwentrauts Bild widerspiegele. Ohnehin seien Freiheit der Kunst nicht von der Politik zu trennen: 'Demokratie ist dort am stärksten, wo sie keine Berührungsängste mit Kunst hat.'"

Wie Fox News mit Werken des vergleichbar untalentierten Steve Penley Politik macht, beschreibt Brendan Conroy bei The Baffler.

Das neue Help Desk des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste mag in guter Absicht eingerichtet worden sein, doch die Restitutionspraxis staatlicher Stellen sei immer noch verbesserungsfähig, demonstriert Olga Kronsteiner anhand eines konkreten Falls im Handelsblatt: "In der entsprechenden Pressemitteilung des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste (DZK) war von 'bürokratischen Hürden' die Rede, auf die Betroffene künftig nicht mehr stoßen sollten, oder auch von deren Bedürfnis nach einem Dialog 'auf Augenhöhe mit Museen, Bibliotheken und Behörden in Deutschland'. Doch ein aktueller Fall aus Österreich zeigt exemplarisch, auf welche Probleme die Nachkommen von NS-Verfolgten stoßen, wenn sie geraubte Kunstwerke zurückfordern."

Selbst für Schwergewichte wie das Rijksmuseum in Amsterdam und den Londoner Altmeisterhändler Dickinson scheint die digitale Welt Neuland zu sein. Wie Ellen Milligan bei Bloomberg berichtet, streiten sich die beiden Parteien vor Gericht darüber, wer die Verantwortung dafür trägt, dass sich ein Betrüger in die Email-Kommunikation zwischen ihnen einschalten und 3,1 Millionen US-Dollar ergaunern konnte.

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