Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Eine ganze Stadt im Zeichen der Kunst: Rotterdam Anfang Februar

11.02.2019 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 7 2019

Nur Positives von der Eröffnung der Zona Maco in Mexiko-Stadt weiß Nicole Martinez im Art Newspaper zu berichten. Die möglicherweise strengere Politik des neuen linken Präsidenten habe noch keine Auswirkung auf die Upper Middle Class und deren Kauflaune, zitiert sie Aussteller.

Einen Hoffnungsschimmer für die Artefiera in Bologna sehen nach langen Jahren des Niedergangs Silvia Anna Barrilà und Francesca Guerisoli in Il Sole 24 Ore. Direktor Simone Megeoi sei es gelungen, das wildwuchernde Angebot zu straffen und wichtige italienische Galerien zurückzugewinnen.

Die Art Rotterdam versteht sich seit 20 Jahren als Plattform für junge Kunst und mittelständische Galerien, die bürgerliches Sammlerpublikum bedient. Genau dieses Segment steckt in der Dauerkrise. Für Artmagazine habe ich versucht herauszufinden, wie die Messe mit der Situation umgeht.

Einen umfassenden und kenntnisreichen Überblick des indischen Kunstmarkts bietet Birgit Rieger im Tagesspiegel: "Erlebt die indische Kunst gerade ein neues Hoch? Die Zeichen stehen nicht schlecht. Nach der Bargeldentwertung, die Ministerpräsident Narendra Modi im Jahr 2016 anordnete und die auch den Kunstsektor schwächte, erwartet Indiens Wirtschaft in diesem Jahr ein Wachstum von sieben Prozent. Auch die Zahl der Superreichen, die sich Kunst leisten können, nimmt auf dem Subkontinent zu. 'Wir erholen uns eigentlich immer noch vom Hype der 2000er-Jahre', sagt die in Mumbai angesiedelte Galeristin Shireen Gandhy. Ab 2003 erlebte die indische Gegenwartskunst einen Boom. Investoren und Spekulanten aus dem In- und Ausland kauften, was sie in den wenigen Galerien des Landes finden konnten, indische Kunst versprach hohe Renditen. Nach der Pleite von Lehman Brothers war der Rausch vorbei. 'Heute sehen wir vermehrt Sammler, die es ernst meinen mit der Kunst', sagt Gandhy. Und die gehen es wesentlich langsamer an."

Mit einem Rekordumsatz im vergangenen Jahr habe Christie's seine führende Stellung im Auktionsmarkt ausgebaut, berichtet Susanne Schreiber im Handelsblatt vom 8. Februar: "Das 1766 von James Christie gegründete Kunstversteigerungshaus konnte 2018 mit Bildern, Skulpturen und Grafik insgesamt 5,3 Milliarden Pfund umsetzen. Umgerechnet in die den Kunstmarkt dominierende Währung sind das sieben Millionen Dollar. Im Vergleich zu 2017 hat das Haus ein Plus von sechs Prozent erwirtschaftet. Damit liegt es deutlich über den Erlösen des ewigen Mitbewerbers Sotheby's. Das an der US-Börse notierte Unternehmen nahm nach eigenen Angaben 2018 5,3 Milliarden Dollar ein." Mit den Jahreszahlen von Christie's befassen sich gleichfalls Anny Shaw im Art Newspaper und Benjamin Sutton bei Artsy.

Den Lesern der aktuellen Ausgabe von GQ erklärt der Berliner Junggalerist Robert Grunenberg, "Wie Blockchain jetzt den Kunstmarkt aufmischt": "Sie würden gern einen Rembrandt oder Picasso besitzen? Dies ist jetzt für jedermann, der am Kunstmarkt mitmischen möchte, möglich. Ähnlich wie bei einer Aktie, mit der man sich Anteile an einem Unternehmen sichert, kann man künftig Anteile an einem Meisterwerk erwerben. Das funktioniert ganz unkompliziert und sicher über Blockchain, die Datenbank-Technologie, die unter anderem hinter der Kryptowährung Bitcoin steht." Wenn das so einfach ist, kann ja nichts mehr schiefgehen. Irgendwer wird bestimmt Gewinn machen mit einem solchen Geschäftsmodell. Womöglich gar die Betreiber der Plattform, die der Autor über den grünen Klee lobt.

Mit Büchern lässt sich doch noch Geld verdienen. 12 Millionen Euro verlange der Antiquar Heribert Tenschert für eine über zehn Jahre zusammengetragene Bibliothek zur Pariser Mentalitätsgeschichte des 19. Jahrhunderts, weiß Gloria Ehret im Handelsblatt vom 8. Februar: "Bei Tenscherts neuen Mammut-Unternehmen handelt sich um rund 1 000 Bücher aus dem 19. Jahrhundert, die er unter dem Titel 'Univers romantique' zusammenfasst. Es ist eine nicht anders als üppig zu nennende Sammlung französischer illustrierter Bücher, Buchreihen, Magazine, Mappen und Alben aus den Jahren zwischen 1825 bis 1875. Das enzyklopädisch angelegte Unterfangen spiegelt Geschichte, Politik und Alltagsleben in Paris - zeigt die Stadt auf dem Weg zur glanzvollen Weltmetropole und in die Moderne. Tenschert hat die Druckwerke in den letzten zehn Jahren zusammengetragen, rund die Hälfte erwarb er komplett von dem Züricher Antiquar und Freund Adrian Flühmann."

Den Versuch des Auktionshauses Phillips der Online-Plattform Daata, digitale Kunst handelbar zu machen, stellt Taylor Dafoe bei Artnet vor.

Was die Art Basel ihren Kunden alles an Informationen bieten kann, preist die Messe Schweiz in ihrem Blog an. Kleiner Hinweis: Mit Kunden sind nicht die Sammler gemeint, sondern die Aussteller.

Rechte obere Ecke schwarz malen darf längst nicht jeder. Zumindest nicht mit Vantablack, dem schwärzesten Schwarz, an dem sich Anish Kapoor die Rechte gesichert hat, auf dass ja niemand so schwarze Löcher male wie er. Marcus Woeller stellt mit Black 3.0 des Künstlers Stuart Semple in DIE WELT eine Open Source-Alternative vor, die fast so schwarz sei wie Vantablack, deren Verwendung aber jedem offenstehe - außer Anish Kapoor. Armer reicher Mann.

Banksy oder Cornbread - an welchen Graffiti-Künstler werden sich kommende Generationen erinnern? Aus heutiger Sicht scheint die Antwort einfach: An den mit dem geschredderten Bild. Das Schöne und das Schreckliche am Ruhm ist allerdings seine Vergänglichkeit. Vielleicht wird also dereinst doch der heute praktisch vergessene (Mit)-Erfinder des Graffiti in den Kunstgeschichtsbüchern stehen, statt oder neben dem begnadeten Selbstvermarkter. Florian Friedmann portraitiert den Pionier in der ZEIT.

Die unkoordinierte Ankaufpraxis der Wiener Museen nimmt eine APA-Meldung unter die Lupe, nachzulesen unter anderem in Die Presse: "Von Arnulf Rainer finden sich 1.008 Werke in den Sammlungen von Albertina (493), Belvedere (49), MAK (439) und mumok (27). Einer der Top-Künstler im Belvedere ist mit 311 Werken Herbert Boeckl, allerdings hat die Albertina mit 324 Arbeiten einen größeren Bestand des Künstlers. Oswald Oberhuber ist mit 138 Arbeiten im MAK stark vertreten, sein Werk wird jedoch auch von der Albertina (191), dem Belvedere (102) und dem mumok (19) gesammelt." Anders als in Österreich ist die deutsche Hauptstadt nicht derartig dominant, und so viele sammelnde Bundesmuseen gibt es hierzulande auch nicht; die Frage der Koordination stellt sich so also gar nicht. Aber es wäre natürlich reizvoll, wenn die Summe aller Ankaufsetats unter anderem den Erwerb von jeweils mehreren Hundert Arbeiten Gerhard Richters oder Rosemarie Trockels hergegeben hätte.

Vom Besuch der aktuellen Ausstellung im Museum der Sammlerin Andra Lauffs-Wegner hat Michael Kohler für die Süddeutsche Zeitung auch Einsichten in die Geschichte der Sammlung ihrer Eltern mitgebracht: "Gemeinsam mit [Paul] Wember bauten die Eltern seit 1968 eine der wichtigsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst in Deutschland auf und halfen dem Direktor, sein in Krefeld stets umstrittenes Avantgardeprogramm fortzuführen und auszubauen. 'Schon damals hatten die Museen kaum Geld', so Lauffs-Wegner. 'Dank meiner Eltern konnte Wember endlich im großen Stil sammeln.' Als die Lauffs ihre international bekannte Sammlung 2008 größtenteils aus Krefeld abzogen und verkauften, brachte dies der Familie viel Kritik ein. Laut Lauffs-Wegner wäre eine Verlängerung der Ausleihe durchaus in Betracht gekommen. Aber die Zustände im damals sanierungsbedürftigen Kaiser-Wilhelm-Museum seien untragbar gewesen. 'Es regnete durchs Dach und die Klimaanlage war defekt, da tat sich nichts.' Und wenn ein Yves Klein feucht werde, sei er nun mal hin."

Dass sich Deutschland in einer Raubkunstdebatte als Opfer wiederfindet, ist fast schon originell. Kerstin Holm erzählt in der FAZ von der eigenwilligen Haltung des russischen Kulturministers zum Thema: "Dagegen bezeichnet Medinski die deutschen Ansprüche nicht nur als unverschämt, sondern verortet sie auch im Kontext der gegenwärtigen Kolonialkunstdebatte, um Russland als beispiellos großherzig hinzustellen. Medinski, ein ausgebildeter Werbemann, ist Minister, weil er es als Hauptaufgabe der Kultur ansieht, Patriotismus und Staatstreue zu stärken, weshalb viele Mitarbeiter von Kultureinrichtungen ihn verachten. Er wiederholt die bekannte russische Rechtsposition in zugespitzter Form. Die Haager Landskriegsordnung von 1907, die Kultureinrichtungen von Kriegshandlungen auszunehmen verlangt und auf die sich die deutsche Seite beruft, wischt er als de facto ungültig vom Tisch, weil die Deutschen schon im Ersten Weltkrieg massiv gegen sie verstoßen hätten. Bis zum Zweiten Weltkrieg habe das Prinzip gegolten, dass dem Sieger zustehe, was ihm in die Hände gerate, behauptet Medinski".

Nach der Beschlagnahme wegen Fälschungsverdachts dreier Aquarelle mit Hitler-Signatur sind jetzt in einem Nürnberger Auktionshaus gleich 31 Papierarbeiten aufgetaucht, die von Adolf Hitler stammen sollen. Stefan Koldehoff warnt in der ZEIT vom 7. Februar: "Die Grenzziehung zwischen Kunsthandel und dem Geschäft mit NS-Devotionalien ist schwierig. Die in Nürnberg angebotenen Stücke dürften nur 'zu Zwecken der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen, des wissenschaftlichen Studiums oder der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens (Paragraf 86 und 86a StGB) verwendet werden', erklärt das Auktionshaus pflichtgemäß. Das gilt dann auch für eine angeblich 1929 entstandene, mit 'A. Hitler' signierte aquarellierte Aktstudie von dessen Nichte und angeblicher Geliebter Geli Raubal, die mit einem Schätzpreis von 3500 Euro aufgerufen werden soll. Doch auch von diesem Motiv gibt es mindestens eine Variante aus der Hand von Konrad Kujau."

Währenddessen meldet Olaf Przybilla in der Süddeutschen Zeitung, dass sogar 63 Werke in Nürnberg beschlagnahmt worden seien, von denen 26 hätten versteigert werden sollen. Fünf weitere Aquarelle mit Schätzpreisen bis 45.000 Euro seien weiterhin im Angebot.

Budi Tek, einer der bekanntesten und wichtigsten Sammler Asiens, möchte sein Yuz Museum in Schanghai in die Obhut des LACMA, des Los Angeles County Museum of Art geben, weil die chinesischen Mühlen für den an Krebs erkrankten Sammler zu langsam mahlen, wie er Andrew Goldstein im Interview für Artnet erläutert.

Kinder und Jugendliche, deren Eltern weniger als 4.500 Euro netto im Monat zur Verfügung haben, sollen demnächst freien Eintritt in Frankfurter Museen erhalten, meldet dpa, nachzulesen unter anderem bei Monopol. Wie hoch ist wohl die Zahl derer, deren Einkommen darüber liegt? Wäre es womöglich preiswerter, sich den Verwaltungsaufwand zu sparen, Bürger nicht zu Bittstellern und den Eintritt für alle unter 18 gratis zu machen?

Die neueste Kunstmarkt-Satire aus Hollywood, diesmal zu sehen auf Netflix, mit dem Titel "Die Kunst des toten Mannes" stellt Marcus Woeller in DIE WELT vor.

Immer mehr (ehemalige) Museumsleute wechseln auf die Dunkle Seite der Macht. Aktueller Neuzugang der Marian Goodman Gallery ist laut Artforum Philipp Kaiser, der zuvor Direktor des Museum Ludwig Köln und Chefkurator des MOCA Los Angeles war.

Das Glamour Couple des Kunstmarkts hat sich getrennt. Die Email von Michaela und Simon de Pury habe ich für Artmagazine paraphrasiert. Ein wenig ausführlicher ist Artnews.

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