Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Keine Volta in New York: Direktorin Amanda Coulson; Foto Stefan Kobel

25.02.2019 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 9 2019

Schon wieder wird eine Messe kurz vor ihrer Eröffnung abgesagt. Die Volta Show in New York wird nächste Woche nicht wie gewohnt parallel zur Armory Show stattfinden. Die Gründe sind jedoch andere als bei der Art Stage Singapore vor einigen Wochen. Weil eine Halle der Armory Show marode ist, muss die kleine Schwester weichen. Zuerst wusste Andrew Goldstein bei Artnet davon. Auf Deutsch gibt es dazu eine Meldung von mir im Artmagazine.

Größer als die Art Basel macht Roland Sonnabend die etwas rheinabwärts gelegene Regionalmesse im Handelsblatt vom 22. Februar: "Die Art Karlsruhe wächst. An der 16. Ausgabe dieser qualitativ breit aufgestellten Kunstmesse nehmen 80 Aussteller mehr teil als im Vorjahr. Bis zum 24. Februar bieten 294 Galerien Kunst der letzten 120 Jahre an." Die Messe selbst gibt die Zahl der teilnehmenden Galerien mit 208 an. Das ist immer noch ganz schön viel.

Die Macher der Messe scheinen sich hingegen in ungewohnter Bescheidenheit zu üben, wie Daniela Gregori im Artmagazine notiert: "Auf allzu markige Sprüche und Vergleiche hat die Messespitze diesmal allerdings verzichtet. Auf die Frage, was die Kunstmesse im Speziellen auszeichnen würde, antwortet die Geschäftsführerin der Messe Britta Wirz, es wäre der Fokus auf das Private. Und wenn sie es meint, scheint die Messe mit ihrem Selbstverständnis dort angekommen, wo sie immer schon war. Eine Veranstaltung für Menschen, die sich gerne mit Kunst umgeben, ob dies nun unter Sammeln oder Verschönerung des Eigenheims läuft, sei dahingestellt, da können nicht einmal im Areal eingestreute opulente Skulpturenplätze darüber hinwegtäuschen."

Wirklich anfreunden möchte sich Brita Sachs in der FAZ vom 23. Februar dennoch nicht mit der Veranstaltung: "Solides Handwerk hat Konjunktur: Akkurate Reliefs, gehäkelt, aus Papier gefaltetet [sic!] oder von Zhuang Hong Yi aus farbig changierenden Reispapiertütchen puschelig gesteckt; Letztere finden bei Martina Kaiser aus Köln reißenden Absatz. Auch sieht man selten eine so unfassbare Menge an Arbeiten, die dem Realismus in seinen sämtlichen Varianten verpflichtet sind. Sinnsuche muss da nicht unbedingt sein; beliebt sind offenbar Effekte und weitere Fertigkeiten, die es braucht, um eine riesige Schachtel Konfekt aussehen zu lassen wie eine kleine echte".

Von der Investec Cape Town Art Fair ICTAF berichtet Daghild Bartels im Handelsblatt vom 22. Februar Widersprüchliches: "Da der oft beschworene 'Boom afrikanischer Kunst' in Wahrheit doch eher moderat ist, bleiben die Preise im Rahmen. Das wiederum verlockte Sammler aus Europa und USA zum eifrigen Kauf, während sich die lokalen Sammler - so heißt es - merkwürdiger Weise etwas zurückhielten. Eines bleibt sicher: Wer sich einen Überblick über das Kunstgeschehen des afrikanischen Kontinents verschaffen will, ist mit der Kapstädter Kunstmesse an der ersten Adresse."

Die I-54 in Marrakesch hat Anne Reimers für die FAZ besucht und eine vergleichbare postkoloniale Erfahrung gemacht: "Denn dass es hier nicht um die immer noch geringe Anzahl afrikanischer Sammler geht, ist schon am Eröffnungstag klar. Es sind vor allem wohlhabende Franzosen und französischsprachige Belgier, von denen einige auch einen zweiten Wohnsitz in Marrakesch haben, die gekommen sind; daneben aber auch viele Künstler. Marrakesch ist nicht mehr nur eine Stadt, die seit Jahrhunderten Künstler aus aller Welt anzieht, sondern eine, die mit ein paar jungen Galerien, dem neuen Museum of African Contemporary Art Al Maaden (Macaal) und jetzt mit der Messe den Anspruch hat, zum Ziel für das globetrottende Sammlerpublikum zu werden. Um unbekannte Namen zu entdecken, kommt man allerdings nicht hierher, sondern um weniger hochpreisige Werke von bereits etablierten oder aufsteigenden Künstlern zu kaufen, die schon internationale Erfolge vorweisen können."

Einen zwar aufschlussreichen, aber doch recht willkürlichen und arg unvollständigen Blick auf die Eintrittspreise von Kunstmessen wirft Andrew Russeth bei Artnews. Ungewöhnlich ist sein Ansatz: Statt die tatsächlichen Eintrittspreise aufzulisten, errechnet er die Preise pro ausstellender Galerie. Die Auswahl erscheint allerdings  etwas willkürlich: New York, alle Basel- und Frieze Messen sowie... Arco Madrid. Letztere ist übrigens mit umgerechnet 12 US-Cent pro Galerie am günstigsten, am teuersten ist Frieze Los Angeles mit 71 Cent. Für die Art Cologne läge der Preis pro bei 15,5 US-Cent, in Karlsruhe bei 12,5 und für die Tefaf in Maastricht bei ungefähr 18 Cent.

Während andere Kunstmessen den meist wenig erfolgversprechenden Versuch unternehmen, das Angebot ihrer Aussteller virtuell ganzjährig einem Publikum näherzubringen, bleibt die Dallas Art Fair bei ihrem Leisten und stellt teilnehmenden Galerien einen real existierenden Ausstellungsraum zur Verfügung, um auch außerhalb der Messelaufzeit vor Ort präsent sein zu können, wie Alex Greenberger für Artnews berichtet. Die Idee ist nicht gänzlich neu. Nur gemacht es bisher noch niemand. Glückwunsch!

Einen Galerierundgang in Berlin hat Astrid Mania für die Süddeutsche Zeitung unternommen.

In Wien scheint der über Jahrzehnte eingehaltene Burgfrieden gefährdet zu sein. Während die eine Galeristengruppe den Eröffnungstag der anderen ohne Absprache okkupiert, kauft sich eine weitere Galerie in ein lokales Auktionshaus ein: Die Galerie Thoman steigt bei den Ressler Kunstauktionen ein, meldet Werner Rodlauer bei Artmagazine.

Die Düsseldorfer Politik führt vor, wie man den eigenen Standort ruiniert. Es gab dort einmal ein funktionierendes und international renommiertes Festival für Fotografie, mit öffentlichen Mitteln gefördert, für dessen Erfolg vor allem privates und privatwirtschaftliches Engagement verantwortlich waren. Dann entdeckte die Politik das Thema und kaperte die Veranstaltung. Den aktuellen Stand der Abbrucharbeiten protokolliert Helga Meister für die Westdeutsche Zeitung.

Das ist allerdings nicht der einzige Fall, in dem die Düsseldorfer Kulturpolitik eine schlechte Figur macht. Beim Umgang mit der Vergangenheit, konkret bei der Aufarbeitung des Schicksals des jüdischen Kunsthändlers Max Stern, hat der Bürgermeister der Stadt kein Fettnäpfchen ausgelassen, wie bei Christiane Frickes Tagungsbericht im Handelsblatt vom 22. Februar nachzulesen ist: "Und dann fehlten ausgerechnet die kanadischen Forscher; die Einzigen, die bereits lange und kontinuierlich mit dem Fall Stern befasst sind, und die Einzigen, die an den entscheidenden Quellen der Überlieferung sitzen. Die Kanadier hatten die Einladung ausgeschlagen, nachdem Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel sich Ende 2017 in ihre schon weit gediehenen Vorbereitungen einer Ausstellung über Max Stern im Stadtmuseum eingeschaltet hatte. Mit dem Argument, es gebe 'aktuell laufende Auskunfts- und Restitutionsgesuche in deutschen Museen, die im Zusammenhang mit der Galerie Max Stern stehen', sagte er die Schau ab - offenbar aus Angst davor, die Ausstellung könnte zum verlängerten Arm des Max Stern Art Restitution Project werden."

Überraschung! 85 Prozent der in 18 untersuchten US-Museen vertretenen Künstler seien weiß, 87 Prozent männlich, so das Ergebnis einer Studie (PDF-Download), die Eileen Kinsella bei Artnet zusammenfasst. Was die Studie verschweigt: Ein hoher Anteil der von den betreffenden Museen gesammelten Künstlern dürfte nicht nur weiß und männlich, sondern auch tot sein. Ebenso verblüffend scheint die Erkenntnis, dass im 1885 gegründeten Detroit Institute of Arts mit seinem Schwerpunkt auf Kunst und Kultur Amerikas seit dem 18. Jahrhundert deutlich weniger weibliche Künstler vertreten sind als in den Museen für zeitgenössische Kunst in San Francisco und Los Angeles. Hilfreich für Gegenwart und Zukunft wäre eine Untersuchung über die aktuelle Akquise der Institutionen.

Der Return on Investment (RoI) der Fundraising-Abteilungen US-amerikanischer Kulturinstitutionen sei zwischen 2014 und 2017 von 8,80 Dollar pro investiertem Dollar auf 8,56 Dollar gefallen, so eine Studie der gemeinnützigen Organisation Data Arts, die Andy Battaglia bei Artnews vorstellt. Da die Institutionen insgesamt weniger in ihre Sponsoring-Akquise investiert hätten, sei der Rückgang der Einnahmmen mit 5,6 Prozent höher als der des RoI. Mit einem Rückgang um 20 Prozent sei der Umsatzverlust bei Kunstmuseen besonders dramatisch. Solche Zahlen sollte man im Hinterkopf behalten, für den Fall, dass Privatisierungsbefürworter wieder einmal die Segnungen des Schlanken Staates auch für Deutschland fordern.

Künstler haben steuerlich noch viel weniger davon als Sammler oder Galeristen, wenn sie Kunstwerke für Benefiz-Auktionen spenden, zumindest in den USA. Warum das so ist, erklärt Doug Woodham bei Artsy.

Warum kosten Museen überhaupt Eintritt? Zweieinhalb mal so viele Besucher wie vorher besuchen laut einer dpa-Meldung, nachzulesen unter anderem bei Monopol, das Museum Folkwang, seit der Besuch kostenlos ist. Demnach erhält das Museum von der Krupp-Stiftung jährlich 200.000 Euro, um den Einnahmeausfall auszugleichen. Wenn sich das gemessene Mehr von 70.000 Besuchern mit 3 Euro pro Kopf erkaufen lässt, stellt sich diese Frage sehr dringend. Denn das Eintrittsgeld deckt ohnehin nur einen Bruchteil der tatsächlichen Kosten, wie eine schnelle Recherche ergibt. Flächendeckend betragen die auf Besucherzahlen umgerechneten Kosten zwischen 70 und weit über 100 Euro, andere Kulturerlebnisse sind noch teurer, vor allem Opern. Das gilt für Köln, München oder Berlin gleichermaßen.

Mary Boone werde ihre beiden New Yorker Galerien schließen, bevor sie Mitte Mai ihre Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung antritt, meldet Andrew Russeth bei Artnews. Kolja Reichert erweitert in der FAS vom 24. Februar mit ihrem Fall das Sittenbild des aktuellen Netflix-Hits "Velvet Buzzsaw": "Das Verblüffende an dem Urteil ist, dass es echt ist. Denn einerseits werden auf dem Kunstmarkt den gehandelten Waren unglaubliche Wirkungen zugeschrieben, andererseits wird so gehandelt, als spielten sich diese in einer anderen, der unmittelbaren Wirklichkeit übergeordneten Sphäre ab, und in dieser Sphäre wähnte sich vielleicht auch Mary Boone. Dieses Doppelsphärenparadox bildet den Kern einer ganz eigenen moralischen Ökonomie, die der Kunstwelt eigen ist."

Zum Schluss noch etwas zum Thema seriöser Finanzjournalismus: Mit der Aktie von Christie's wären Anleger nach einer jahrelangen Durststrecke jüngst gut gefahren, da das Unternehmen die beste Jahresbilanz seiner Geschichte vorgelegt habe, behauptet Florian Spichalsky in der Börse am Sonntag. Dumm nur, dass das Auktionshaus Christie's in Privatbesitz ist und über die Artémis-Gruppe vollständig François-Henri Pinault gehört. Möglicherweise verwechselt der Autor das Unternehmen mit der Christie Group PLC, einem kleinen Finanzdienstleister, der an der Börse mit gerade einmal 36 Millionen Euro bewertet ist. Das hätte man mit zwei Klicks herausfinden können. Der Autor ist übrigens Redakteur bei The European.

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