Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Die Kunst, die Blockchain und der Kasino-Kapitalismus; Foto Ade McOran-Campbell via Flickr

30.07.2018 06:00 Uhr

Kunstwoche 31 2018

Noch nie habe Christie's bessere Halbjahreszahlen vermelden können, berichtet Anny Shaw im Art Newspaper. 2,97 Milliarden Pfund habe das Unternehmen eingenommen, ein Viertel mehr als im Vorjahreszeitraum. Mehr als ein Fünftel des Umsatzes sei dem Rockefeller Sale zu verdanken. Private Sales hätten sich, nach einer Delle im Vorjahr, auf 287 Millionen Pfund mehr als verdoppelt.

Trend oder Zufall? Die drei teuersten Lose der österreichischen Auktionssaison seien nicht die am Standort Wien oft und hoch gehandelten Vertreter der italienischen Nachkriegsavantagrde, sondern eine afrikanische Skulptur und zwei Oldtimer gewesen, resümiert Nicole Scheyerer in der FAZ.

In einem langen Essay bei Artnet versucht der Künstler und Kritiker Chris Wiley zu erklären, warum der inzwischen als tot geltende Zombie Formalismus gleichwohl den Kunstmarkt nachhaltig verändert habe. Vor allem sei er das perfekte Vehikel gewesen, um das schier unerschöpfliche Kapital des Kasino-Kapitalismus in den Kunstmarkt zu locken, der inzwischen nicht nur den Markt bestimme, sondern auch die Karrieren junger Künstler.

Eine Analyse der Kunstszene Estlands von Kate Brown bei Artnet gibt wertvolle Anregungen dafür, wie es auch anders gehen könnte. Natürlich bieten ein nicht einmal 30 Jahre junges Staatswesen sowie eine völlig auf die Hauptstadt konzentrierte Wirtschaft und Gesellschaft ganz andere Bedingungen. Doch Finanzierung und Organisation der dortigen Kunstszene können durchaus als Denkanstöße dazu dienen, wie Kunst und Markt zum beiderseitigen Gewinn in Einklang zu bringen sind.

Nutzen und Risken der Blockchain-Technologie im Kunstmarkt erläutert verständlich Anny Shaw im Art Newspaper.

Irgendwas mit Kunst und Blockchain preist der ehemalige BILD-Chefedakteur Udo Röbel in den Zeitungen der Madsack-Gruppe, unter anderem in den Lübecker Nachrichten an: „Doch die 4ARTechnologies kann noch mehr, als ein falsches Bild von einem echten zu unterscheiden. Mit der App lassen sich Bilder auch auf Knopfdruck und per 'Smart Contracts' an- und verkaufen, ohne dass Käufer oder Verkäufer öffentlich in Erscheinung treten. Für viele große Kunstsammler, die anonym bleiben wollen, ist dies von unschätzbarem Vorteil.“ Das ist wahrscheinlich deswegen ein Quantensprung, weil jede Banküberweisung ja bekanntlich auf den Webseiten der Banken veröffentlicht wird. Der Text entlarvt sich schon beim Einstieg als ahnungsloses PR-Geplapper: „Experten schätzen, dass 30 bis 50 Prozent aller Werke, die derzeit auf dem Kunstmarkt gehandelt werden, gefälscht sind oder aufgrund unvollständiger und diffuser Herkunftsangaben nicht eindeutig als Originale verifiziert werden können.“

Die hoch verschuldete Stadt Essen wolle die ohnehin schon in der kommunalen Bilanz aktivierte Sammlung des Folkwang-Museums neu bewerten und müsse sie dazu in eine GmbH überführen, warnt Andreas Rossmann in der FAZ: „Das Risiko, das die Kommune damit eingeht, wird bisher nur außerhalb der Kommunalpolitik erkannt: So spricht Lothar Pues, der als Steuerberater für mehrere Stiftungen tätig und selbst Kunstsammler ist, von einem 'Buchungstrick, der für die Öffentlichkeit nicht durchschaubar ist und den Bestand der Sammlung schon bald gefährden kann'. Wenn die Schulden steigen und die Marktkräfte größer werden, könnte, so befürchtet er, mit dem Druck auf die Stadt und den dann tätigen Vorstand des Museumsvereins auch deren Bereitschaft wachsen, Inkunabeln der Sammlung zu versilbern: 'Die Ausgründung ist der Anfang vom Ende.'“

Es gibt tatsächlich Politiker, die den Kunsthandel als Bereicherung empfinden. Christiane Fricke hat für das Handelsblatt vom 27. Juli anlässlich der Bamberger Antiquitätenwochen mit dem Oberbürgermeister der Stadt gesprochen: „Um die Abhängigkeit von der Autozulieferindustrie zu reduzieren, setzt Bamberg zusätzlich auf die Digitalisierung, investiert in die universitäre Bildung und fördert Start-ups. Vor diesem Hintergrund gewinnt auch der weiche Standortfaktor Kultur seine unverzichtbare Bedeutung. Man will attraktiv sein für Fachkräfte. 'Der wirtschaftliche Erfolg der Kunsthändler spiegelt sich auch in ihrer Investitionsfreude und Sanierungsbereitschaft', ergänzt Starke.“

Auch ohne Brexit, EU-Geldwäscherichtlinie und deutsche Im- und Exportregelungen gibt es schon vertrackte Rechtssituationen. Dalya Alberge beleuchtet im Guardian den Fall eines erst später Giotto zugeschriebenen Tafelbildes, dessen Exportgenehmigung von Italien widerrufen wurde und das jetzt nicht von Großbritannien in die Schweiz ausgeführt werden dürfe. Der theoretische Wert des Bildes belaufe sich auf 10 Millionen Pfund. Allerdings sei es aufgrund des Exportverbots nicht handelbar.

Für Antikenhändler entwickeln sich die USA immer mehr zum heißen Pflaster. Wie Tom Mashberg in der New York Times berichtet, hat ein New Yorker Gericht die Rückerstattung eines 1936 aus dem Iran geraubten persischen Reliefs mit langer Markthistorie angeordnet, das im vergangenen Herbst vom Stand des Londoner Händler Rupert Wace auf der Tefaf in New York beschlagnahmt worden war.

Bei einem halben Dutzend Gemälden scheint die Eigentumsfrage hingegen klarer zu sein als die Urheberschaft. Melissa Klein erzählt in der New York Post die Geschichte des New Yorker Kunsthändlers David Killen, der in einem Kaff in New Jersey den Inhalt des gemieteten Lagerraums der gestorbenen Partnerin eines schon länger toten Restaurators für 15.000 US-Dollar gekauft habe. Erst beim Ausräumen seien ihm die sechs in Kisten verpackten Gemälde aufgefallen, die er und ein weiterer Restaurator aus dem weiteren de Kooning-Umfeld für unsignierte, aber eigenhändige Werke Willem de Koonings aus den 70er Jahren halten. Die Freunde und Nachlassverwalter der Verstorbenen hätten die Arbeiten in den jeweils mit „de Kooning“ beschrifteten Kisten für Drucke gehalten; zuvor kontaktierte Auktionshäuser hätten kein Interesse am Erwerb des Lagerinhalts gezeigt. Nachrichtenagenturen und andere Medien weltweit sind auf diese Meldung angesprungen und verbreiten sie unhinterfragt, sogar die Deutsche Welle bastelt unter Zuhilfenahme von Agenturmaterial in holprigem Deutsch eine Jubelmeldung zusammen.

Ein besonders geschmackloses Sammelgebiet beschreibt Georg Etscheit in einer dpa-Meldung, nachzulesen unter anderem in der Süddeutschen Zeitung. Die Porzellan-Manufaktur München-Allach ließ unter der künstlerischen Anleitung des Bildhauers Josef Thorak von KZ-Häftlingen Skulpturen, Medaillen und anderes produzieren. Für Nazi-Nippes wie Tierfiguren würden schon über 1.000 Euro bezahlt, die Preise reichten bis 50.000 Euro. Greift da bei weiteren Wertsteigerungen eigentlich auch das Kulturgutschutzgesetz?

Der langfristige Erhalt von Kunstwerken ist eines der vordringlichsten Anliegen von Museen und Sammlern. Durch den teilweise sorglosen oder vorsätzlichen Umgang mit konservatorisch fragwürdigen Materialien wird das Problem bei der zeitgenössischen Kunst immer drängender. Im weitgehend auf Häppchenjournalismus reduzierten Kunstmarkt in der ZEIT bleibt Anke Manigold kaum mehr, als das Thema anzureißen: „Vor allem bei zeitgenössischer Kunst gibt es das Problem. Zum einen ist das Material für viele Künstler Inspiration, Markenzeichen, Bedeutungsträger und eben vielfach auch Sinnbild für Vergänglichkeit. So sind Kartoffeln, Zucker, Seife und Ketchup nicht dafür gemacht, die Zeiten an einer Museumswand oder in einem Sammlerwohnzimmer zu überdauern. Und trotzdem sollen Werke aus diesen Materialien so lange halten wie die Kunst früherer Jahrhunderte, die mit Ölfarben, Marmor und Bronze erstellt wurde. Kein Kunstliebhaber möchte seine Wertanlage von der Wand rieseln sehen. Wer allerdings ein solches Kunstwerk erwirbt, muss akzeptieren, dass Veränderungen vom Künstler beabsichtigt sind, Experten sehen das nüchtern.“

Zu seinem 85. Geburtstag würdigt Michael Kohler im Kölner Stadt-Anzeiger vom 28. Juli den Galeristen Rudolf Zwirner: „Man kann über die glanzvolle Karriere von Rudolf Zwirner nicht sprechen, ohne die Rolle Ludwigs, seines wichtigsten Kunden, zu würdigen. Allerdings kann man auch über Ludwigs Aufstieg zu einem der einflussreichsten Sammler der Nachkriegszeit nicht reden, ohne Zwirners Anteil daran zu erwähnen. Aus dessen Auslage stammen zahllose Bilder, die heute die nach Ludwig benannten Museen schmücken, vor allem Pop Art, aber auch Baselitz und Richter, und man übertreibt sicher nicht, wenn man Zwirner als graue Eminenz hinter dem zeitweiligen Aufstieg Kölns zur Weltstadt der modernen Kunst bezeichnet. Gemeinsam mit Hein Stünke hatte er die Idee zur Art Cologne, er wirkte an der legendären 'Westkunst'-Ausstellung mit und er half so mancher Karriere auf die Sprünge. Auch Kasper König ging, nachdem er gerade von der Schule geflogen war, seine ersten Schritte als Azubi in Zwirners Galerie.“

Der Tabakkonzern Oettinger Davidoff stellt die Davidoff Art Initiative ein, meldet das Artmagazine.

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