Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Sommermesse in Indonseien: Art Jakarta; Foto Gil Schneider

06.08.2018 06:00 Uhr

Kunstwoche 32 2018

Palastrevolution in Basel! René Kamm, Vorstandsvorsitzender MCH Group ist "zurückgetreten", "in gegenseitigem Einvernehmen" mit dem Aufsichtsrat, wie es in einer Pressemitteilung heißt. Hintergrund ist der Rückzug der Swatch-Gruppe von der Baselworld. Die größte Uhrenmesse der Welt ist seit langem in der Krise und hatte in den letzten drei Jahren einen dramatischen Ausstellerschwund zu verzeichnen. Mit Swatch soll die Messe jetzt weitere 50 Millionen Franken Umsatz verlieren, wie 20 Minuten meldet. Die Lage ist so dramatisch, dass im zweiten Teil der Meldung indirekt die Frage nach der Zukunft der Veranstaltung gestellt wird. Die ehemalige Cash Cow wird in dem Text auch nur noch an zweiter Stelle nach der Art Basel genannt. Das dürfte den Druck auf die Kunstmesse noch weiter erhöhen. Man darf gespannt sein, ob die Messegesellschaft sich weiter so unbeeindruckt von den Bedürfnissen und Möglichkeiten ihrer Aussteller zeigt und ihre ausschließliche Fixierung auf Profitmaximierung in den bestehenden Strukturen weiterverfolgt.

Publicity-Gag oder disruptive Erneuerung des klassischen Galeriegeschäfts? Stefan Simchowitz, der Sammlerhändler, für den das Schimpfwort Art Flipper kreiert wurde, verwandelt einen aufgegebenen Zeitungsstand in Los Angeles in einen Kunststand - eine Art Galerie, die nur aus Schaufenster besteht und nur zu den Zeiten mit Personal besetzt werden soll, in denen Dienste wie Google und Yelp für die Gegend ein hohes Passantenaufkommen feststellen. Nachzulesen bei Eileen Kinsella auf Artnet.

Dass Art Flipping kein neues Phänomen sei, behauptet Peter Dittmer in seinem Versuch, einem ZEIT-lesenden Laien den Begriff zu erklären. „Verdrängt wird dabei, dass es schon immer gewitzte Männer gab – Frauen sind in diesem Gewerbe erst in jüngster Zeit aktiv –, die einen Blick und die Kennerschaft besaßen, bei Händlern oder bei Auktionen Kunstwerke ausfindig zu machen, die sie für unterschätzt hielten. Also investierten sie in diese "Schläfer", um sie bald – finanziell und oft auch wissenschaftlich aufgewertet – wieder in den Kreislauf des Marktes einzuspeisen. Nichts anderes tun die Art-Flipper.“ Dabei ignoriert er den strukturellen Unterschied zwischen dem Arbitragehandel mit etablierter Kunst und dem Hochjazzen atelierfrischer Ware junger Nachwuchskünstler.

„Sie waren schon tot. Ich habe nur geholfen, ihre Leichen zu beseitigen.“ Mit diesem Nachwort zu den Vertretern des Abstarkten Expressionimus zitiert Nate Freeman den legendären Galeristen Leo Castelli, dessen Neuerfindung des Galeriegeschäfts auf Artsy nacherzählt wird.

Eine überraschende Lösung, um die Hörigkeit junger Künstler gegenüber dem Kapital abzubauen, schlägt Chris Wiley im zweiten Teil seines Essay über das Erbe des Zombie-Formalismus bei Artnet vor: das Bedingungslose Grundeinkommen. Wenn es doch nur so einfach wäre!

Eine von Christie's organisierte Konferenz zum Thema Kunst und Blockchain hat Stephanie Dieckvoss für das Handelsblatt vom 3. August besucht. Nicht nur sie ist skeptisch: „Für den Kunstmarkt selbst, in dem es kaum industrieweite Standards oder Akkreditierungen gibt, wird es vor allem für Kunden zum Problem, wenn jeder eine Blockchain-Internetplattform betreiben kann, ohne dafür Qualitäten im Kunst- oder Technikbereich nachweisen zu müssen. Bellanca weist generell auf den Nachholbedarf der Kunstbranche hin. Seiner Meinung nach 'gibt es nicht genug Wissen über Technologien im Kunsthandel'. Damit steigt auch die Gefahr, unwissentlich unsoliden Anbietern zu folgen. Anton Ruddenklau, Fintech-Experte bei KPMG, warnt auf dem Summit drastisch vor dem blinden Vertrauen in Blockchain. 'Technologie macht die Menschen der Welt nicht besser - seien Sie vorsichtig.' Weder Betrug, Geldwäsche, Fälschungen noch fehlende Transparenz lassen sich mit einer neuen Technologie beseitigen.“ Es ist wohl ein Zeichen der Zeit, dass dieses Thema von Vielen im Kunstmarkt so begierig aufgesogen wird. Angesichts der erwiesenen Grenzseriosität des Bereichs (rund die Hälfte der ICO abgekürzten Initial Coin Offerings ist innerhalb eines Jahres gescheitert), sollte man in einem ohnehin undurchsichtigen Kunstmarkt vielleicht überhaupt erst anfangen sich damit zu beschäftigen, wenn sich etwa ein grundbuchfestes Verfahren im Immobiliensektor bewiesen hat.

Wem zeitgenössische Kunst zu teuer oder - je nach Sichtweise – zu unzugänglich oder zu unterkomplex ist, findet vielleicht in Zeichnungen der Goethe-Zeit ein fruchtbareres Sammelgebiet, das Anna Schultz in der August-Ausgabe der Weltkunst vorstellt: „Ebensoschnell wächst beim Sammler durch die Auseinandersetzung mit den Originalen das optische Reservoir von Stilen und Charakteristika, Sujets und Künstlerhandschriften bis hin zur Beschaffenheit der damals benutzten Papiere. Der Jagdtrieb erwacht. Allgemein gilt: Verlassen Sie sich auf Ihren eigenen Geschmack. Geben Sie sich Zeit, den Markt zu beobachten, und fassen Sie Mut, im richtigen Moment zuzuschlagen. Ob Sie nun das Typisch-Essenzielle oder das Ausgefallene, Individuelle sammeln, ist Ihnen überlassen. Große Namen sind teuer, aber zuweilen stößt man auf Werke von ihnen, die motivisch oder stilistisch aus der Reihe fallen und dadurch erschwinglich werden. Andererseits ist dabei auch das Risiko höher, auf eine Fälschung oder eine überoptimistische Zuschreibung zu stoßen. Es gilt also abzuwägen. [...] Wem bis zu 5000 Euro für ein Blatt zur Verfügung stehen, der kann eine interessante und wertvolle Kollektion aufbauen. Und wie gesagt, mit Kennerschaft und etwas Glück wird man selbst im dreistelligen Bereich fündig.“

Die Auktionssaison in Paris fasst Olga Grimm-Weissert für das Handelsblatt vom 3. August zusammen: „Die Pariser Versteigerer verbuchten im ersten Halbjahr insgesamt 623 Millionen Euro, was über dem Resultat der ersten sechs Monate des Vorjahres liegt. Der Kampf untereinander um die Führungsposition in Frankreichs Hauptstadt ähnelt dem Jo-Jo-Geschicklichkeitsspiel. Mal hüpft das eine, dann das andere Auktionshaus in die Höhe. Man wechselt zwar laufend die Plätze, im Grunde aber ändert sich nicht viel. Den höchsten Gesamtumsatz von 195,3 Millionen Euro erzielten die vereinten Aktionäre im Versteigerungsgebäude Hôtel Drouot, das 61 Auktionshäuser gemeinsam benutzen, betreiben und verwalten. Drouot ist das größte Auktionsgebäude mit 15 Auktionssälen, wo 350 000 Besucher das Angebot der 576 Auktionen des ersten Halbjahres vorbesichtigten oder beboten. Bis 2001, solange das Monopol der französischen Versteigerer existierte, war es die Ali-Baba-Höhle der Händler, Zwischenhändler und gewieften Sammler. Seit Christie’s, Sotheby’s, Artcurial und Pierre Bergé & Associés in Paris versteigern, herrscht bittere Konkurrenz in Paris.“

In Spanien werden wesentlich kleinere und konservativere Brötchen gebacken, ist der Zusammenfassung der dortigen Auktionssaison durch Clementine Kügler für die FAZ vom 4. August zu entnehmen: "Im ersten Halbjahr bewies der spanische Kunstmarkt wieder einmal seine Vorliebe für religiöse Themen. Vier der acht Toplose oberhalb von 100 000 Euro sind biblische Motive. Allen voran ein Jesusknabe mit Dornenkrone im Schoß und einem Blutstropfen am Finger von Francisco de Zurbarán." 400.000 Euro kostete das Toplos.

Wesentlich deutlichere Worte als vor drei Wochen in der ZEIT findet Thomas E. Schmidt in der August-Ausgabe des Fachblatts Weltkunst zu den neuen Regelungsvorhaben der EU. Besonders schlecht kommt dabei die Bundesregierung weg: „In Brüssel heißt es, die Deutschen hätten sich im Vorfeld der neuen Verordnung als Scharfmacher profiliert. Die Pflicht, Herkunftsnachweise vorzulegen, verdanke sich ihrer Initiative. Kulturstaatsministerin Grütters, heißt es weiter, versuche, die Bestimmungen der EU-Verordnung noch in diesen Wochen dem deutschen Kulturgutschutzgesetz anzunähern, um ihr eigenes, hochkontroverses Gesetz zu rechtfertigen. In jedem Fall muss das deutsche Gesetz der EU-Norm angepasst werden. Der Kunsthandel, seine Sammler auf die neue Rechtslage vorbereitend, berichtet von geradezu allergischen Reaktionen. Man sei der Kontrollmanie langsam überdrüssig, meinen die Sammler, sie seien es leid, als Schmuggler und Schwarzgeldbesitzer verdächtigt zu werden. Das staatliche Interesse für den privaten Kunstbesitz diene zudem in Wirklichkeit der Vorbereitung einer Vermögensabgabe.“

Der bei Kunst in privatem Eigentum sehr engagierte deutsche Staat hält sich im eigenen Haus vornehm zurück. Christiane Fricke hat für das Handelsblatt vom 3. August den Stand der Dinge recherchiert: „Die Rechtsanwältin Barbara Zumbaum, die das Leopold-Hoesch-Museum bei den Restitutionsverfahren rechtlich begleitet, moniert mit gutem Grund, dass die Washingtoner Erklärung nur eine Empfehlung formuliere. 'Sie ist nicht bindend.' Hinzu käme, dass die Institutionen ein natürliches Interesse daran hätten, die Werke zu behalten. Ob Provenienzen erforscht würden, hinge von ihrer Bereitschaft ab, Dritte zu Untersuchungszwecken ins Haus zu lassen. Zumbaum plädiert deshalb für eine systematische, von außen gesteuerte Klärung der musealen Bestände. Ähnlich äußerte sich kürzlich der Historiker Julius H. Schoeps im ZDF: 'Diese Erklärung ist ein moralischer Appell - und sonst nichts. Das ist das eigentliche Problem. Ich fordere seit Langem, ein Restitutionsgesetz in Deutschland zu verabschieden.'“

Bei einem interessanten Restitutionsfall hat gerade ein kalifornisches Berufungsgericht letztinstanzlich zugunsten des Käufers entscheiden – zufällig ein ein US-Museum – berichtet Martin Bailey im Art Newspaper. Bei den strittigen Cranach-Gemälden aus der Sammlung Goudstikker liege bereits ein Urteil aus den Niederlanden vor, demzufolge die Erben nach dem Krieg ihre Ansprüche nicht rechtzeitig geltend gemacht hätten, so die Argumentation des US-Gerichts. In einer Timeline der Redaktion lässt sich die Geschichte des Rechtsstreits nachverfolgen.

Noch einmal 50-jähriges Dienstjubiläum des Münchener Galeristen Rüdiger Schöttle. Alexandra Wach hat ihm in der ZEIT eine wundervolle Hommage bereitet: „Schöttle hat immer wieder bewiesen, dass sein Beruf für ihn mehr ist als das merkantile Verschieben einer dekorativen Ware. Zeitgenössische Kunst zu vermitteln ist schließlich eine Disziplin, die eigenen Regeln gehorcht. Es reicht nicht aus, ein Gespür für die Vorlieben der Käufer zu haben. Man muss sich auf die Produzenten einlassen und ihr oft noch erratisches Suchen unterstützen.“ Und dann hat die Autorin noch einen denkwürdigen Satz aus Schöttles eigenen Schriften gehoben: „Die Befreiung von der allseitigen Konsumption, von dem Dogma der unendlich ausgedehnten Identitätsgrenzen, wird uns die jeweils umfassendste und welthaltigste Möglichkeit ergreifen lassen.“

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