Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Berlin in Trümmern nach Abzug der Sammler? Foto Bundesarchiv via Wikimedia

18.05.2020 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 20 2020

Ist das Internet die bessere Galerie? Der New Yorker Galerist Mitchell Algus stellt bei Artnews verschiedene Online-Initiativen vor, ist selbst jedoch skeptisch: "Beginnen wir mit dem aktuellen Trend der Kunstwelt in den virtuellen Raum und was das bedeutet. Galerieausstellungen, insbesondere Ausstellungen in kleineren Galerien, litten bereits vorher unter der verminderten Besucherzahl und der Kunstmessen-Krankheit, für die junge, kleine und finanziell eingeschränkte Menschen besonders anfällig sind. Für diejenigen von uns, für die die Galerieausstellung unsere Daseinsberechtigung ist, ist das Leben im virtuellen Raum unhaltbar. Das Internet ist - oder war zumindest - ein Raum, in dem Geschäfte und Werbung gemacht werden. Online-Viewing Rooms sind - wie Kunstmessestände - letztlich Warenausstellungsräume, Autohäuser. Aber sie sind kein Ersatz für Galerieausstellungen - auch wenn viele anderer Meinung zu sein scheinen und sagen: 'Ich habe die Ausstellung online gesehen, und sie war großartig'." Seine Beobachtungen beschreiben das Prinzip, das auch für andere Bereiche des Handels gilt: Die Plattform-Ökonomie bietet weder Anschauung noch Beratung.

Ernüchterung macht sich auch breit, nachdem die Online-Ausgabe der Frieze New York anscheinend nicht erfolgreicher war als die der Art Basel Hong Kong. Artnet hat gleichwohl die übliche Liste mit Verkäufen zusammengetragen, ihr jedoch vorangestellt, der Galerist David 'Zwirner berichtete, dass die Galerie am Eröffnungstag 'vielleicht 11 Anfragen von der Frieze und über 100 auf unserer eigenen Website erhielt, was mich zu der Annahme veranlasst, dass die Schaffung einer angemessenen Online-Umgebung nicht etwas ist, das man über Nacht macht. Das Geschäftsmodell der Online-Kunst ist nicht das Modell der Online-Kunstmesse'."

Galerien aus Ost- und Südosteuropa wollen sich nicht mehr mit den herkömmlichen Vertriebswegen - sprich Kunstmessen im Westen - zufriedengeben und haben sich der Wiener Online-Plattform not cancelled als Großregion east x south angeschlossen (noch bis Dienstag) , über die Artnet berichtet. In den nächsten Wochen folgen Chicago, die Niederlande, Dubai und die Südstaaten der USA.

Ein neues Messemodell mit dem so schlichten wie sprechenden Namen FAIR erprobt die Galerievereinigung NADA diese Woche ebenfalls online. Statt Standmiete zahlen die 200 ausstellenden Galerien jeweils 10 Prozent ihrer Einnahmen an die Veranstalter, und jeweils 20 Prozent aller Umsätze sollen - die Solidarität unter Galeristen und Künstlern in ungeahnte Höhen treibend - gleichmäßig unter allen Teilnehmern verteilt werden. Taylor Dafoe stellt das Projekt bei Artnet vor.

Über die schöne neue Welt der Online-Solidarität der Großen mit den Kleinen haben Marc Spiegler, Jeffrey Deitch, David Zwirner und Sadie Coles im Rahmen eines Art Basel-Webinars gesprochen, das Louisa Buck für das Art Newspaper zusammenfasst: "Wird also all dieser Gemeinschaftsgeist und Altruismus nach der Corona-Krise fortbestehen? Anscheinend ja. Alle drei Diskussionsteilnehmer glaubten, dass ihre Initiativen auch nach der Krise überleben würden, aber sie betonten auch, dass die neuen Plattformen, auch wenn sie zweifellos dazu beitragen, Gespräche mit ihren Sammlern anzuregen, von kollegialen und nicht von kommerziellen Prinzipien getragen werden sollten."

Christiane Meixner sieht in der Weltkunst das gesamte Messesystem gefährdert - nicht nur in diesem Jahr: "Sammler wie Galeristen müssen entscheiden, welche der zahlreichen internationalen Messen für sie unverzichtbar sind. Und ob sie wie bisher kreuz und quer durch die Welt fliegen (können), um in Bogotá, Singapur oder Miami präsent zu sein. Die Corona-Pandemie und ihre Folgen, die Reisebeschränkungen ebenso wie das social distancing, erschüttern diese gut geölte Maschinerie. Bisher verhallte die Kritik am Kunstrummel, an den explodierenden Hotelzimmerpreisen oder am zunehmend auf sichere Positionen geeichten Angebot. Doch nun kommt die große Zäsur, und Strategien wie die David Zwirners oder anderer Big Player lassen ahnen, dass die Topgalerien bereit sind, sich vom internationalen Messebetrieb unabhängig zu machen."

Einen Offenen Brief des Bundesverbands Deutscher Galerien und Kunsthändler an die Minister Monika Grütters, Olaf Scholz und Peter Altmaier greift Nikolai B. Forstbauer in den Stuttgarter Nachrichten auf: "Eine Situation, die jüngst auch die Künstlerinnen und Künstler zu Verbündeten des Handels machte und die Wiedereinführung der Steuerermäßigung für den Kunstmarkt fordern ließ. Aus Sicht von [BVDG-Vorstand Kristian] Jarmuschek eine folgerichtige Entscheidung: 'Denn Künstler wissen, dass sich die für ihre Existenzsicherung grundlegende öffentliche Anerkennung ihrer Arbeit primär durch das komplexe Engagement der Galerien entfaltet'."

Auf seinem Rundgang durch Berliner Galerien hat Kevin Hanschke für die FAZ vom 16. Mai ein Stimmungsbild eingefangen, unter anderem bei Eigen + Art: "Auch Lybke kritisiert die Verfehlungen der Berliner Kulturpolitik. Galerien seien der kulturelle Wirtschaftsfaktor Nummer eins der Stadt - und würden die Politik nichts kosten. Er meint, dass der Mythos von Berlin als Metropole von Kunst und Kultur gerade enden könnte, weil die Politik die Kunst schlichtweg vergessen habe: 'Der Senat dachte, die Kultur und ihr Erfolg seien gottgegeben, und merkt jetzt, dass es nicht so ist', sagt Lybke. Dennoch hat er Hoffnung. Berlin sei für ihn stets eine Stadt des Anfangs gewesen, der ständigen Veränderung, deshalb werde es immer Goldgräber geben, die unabhängig von staatlicher Unterstützung Neues erschaffen."

Ob Berlin noch zu retten sei, fragen Swantje Karich, Marcus Woeller und Gesine Borcherdt 20 (!) Galeristen und Kunsthändler in der WamS vom 17. Mai. Neben viel Kritik ist auch Versöhnliches zu hören, so von Esther Schipper: "Und wir haben großes Glück und enorme Vorteile, hier zu leben und nicht anderswo. Das musste ich in den letzten Wochen, in denen ich mich sehr oft mit internationalen Kollegen ausgetauscht habe, feststellen. Die Politik in Deutschland hat schnell reagiert und viel getan. Man hat sich hier viel sicherer gefühlt, als es mir Leute aus anderen Ländern ihrerseits vermittelt haben. Es wird, auch im Galeriegeschäft, zu einer neuen Normalität kommen. Die vergangenen Monate haben aber gezeigt, dass es durchweg auch positive Seiten gibt. So werden wir uns mehr auf unser Kerngeschäft und auf unsere Ausstellungen in Berlin fokussieren, statt ständig in der Welt herumzureisen. Das stärkt natürlich den Standort, dessen Vorteile nicht von heute auf morgen schwinden werden. Berlin war und ist immer noch ein Stück weit eine raue und harte Stadt - das hat einen gewissen Charme. Diese Stadt war schon immer eine Stadt in Bewegung. Aber von selbst bewegt [sich] nichts."

Nachdem Julia Stoschek letzte Woche in der WeLT ventiliert hatte, die Stadt verlassen zu wollen, ruderte sie vergangenen Montag per facebook zurück. Die Nachricht war damit jedoch auch buchstäblich in der Welt (etwa hier und hier) und der Zweck wohl erfüllt.

Kolja Reichert hat in Sachen Berliner Sammlerbehandlung für die FaS vom 17. Mai nachgehakt und Erstaunliches herausgefunden: "Ihr Vermieter, die BImA, spricht auch bei der Mieterhöhung, man hört von 3,20 Euro pro Quadratmeter, von einem 'Schnäppchenpreis'." Ausnahmslos jedem Künstler auf Ateliersuche - wie auch allen Gewerbetreibenden und Wohnungssuchenden - dürfte eine solche Miete Tränen der Rührung oder des Zorns in die Augen treiben. An dieser Stelle kommt möglicherweise der abschlägig beschiedene Kaufwunsch Stoscheks zum Tragen. Dann ginge es letztlich wohl wieder nur um das altbekannte Berliner Immobilien-Monopoly und die bestmögliche eigene Positionierung für Verhandlungen mit der Politik. Als leichtfertig in Kauf genommener Kollateralschaden bliebe der Imageverlust Berlins.

Harry Nutt findet in der Berliner Zeitung diesbezüglich sehr deutliche Worte: "Die Motive für die Richtungsentscheidungen so angesehener Sammler mögen sehr unterschiedlich sein und auf eine je eigene Leidensgeschichten verweisen. Schwer zu sagen, ob eine besonnene Kulturpolitik in der Lage gewesen wäre, eine Stimmungsänderung herbeizuführen. Sich nun jedoch über fehlendes Fingerspitzengefühl auszulassen, ist ebenso müßig. Berlin ist für seine Hemdsärmeligkeit berühmt, sie ermöglichte über viele Jahre erst jene viel gepriesene kommunikative Reibung jenseits starrer Barrieren und Hierarchien. Angesichts eines drohenden, durch die Corona-Krise auf jeden Fall forcierten Galeriensterbens scheint es sogar fast ein wenig unanständig, sich eingehend mit den Immobilienproblemen prominenter Kunstmarktakteure zu befassen."

Auch in Spanien werde Bildende Kunst von der Politik in der Krise eher stiefmütterlich behandelt, hat Clementine Kügler für die FAZ vom 16. Mai erfahren: "Die Galeristin Begoña Martínez führt die Galerie 'Aural', die einzige für zeitgenössische Kunst in Alicante. 'Es bleiben Kredite. Wir finanzieren alte Kredite mit neuen, wie ein Fisch, der sich in den Schwanz beißt', sagt sie, 'und die Zukunft ist ungewiss. Nicht nur für uns, genauso für die Museen.' Auch sie nennt den Beitrag des Kulturministeriums einen Skandal, er zeige die völlige Unkenntnis, wie dieser Markt funktioniert, wie Künstler, Galerien, Museen und Kuratoren arbeiten. Martínez vermisst, wie viele andere, ein attraktives Sponsorengesetz und eine bessere Zahlungsmoral der öffentlichen Hand. Denn die Werke, die die Region Valencia im vorigen Jahr angekauft habe, und die zugesagten Subventionen seien bis heute nicht bezahlt. Vielen Galerien gehe die jetzige Krise an die Existenz, sagt sie."

Vom Besuch bei Larry Gagosian in dessen Refugium in den Hamptons hat Katya Kazakina für Bloomberg einige Einblicke mitgebracht: "'Mein Weg unterscheidet sich von dem einiger anderer großer Galerien, weil ich bei Null angefangen habe', sagte er. 'Ich hatte keine Familie in dem Geschäft. Ich habe nie für eine andere Galerie gearbeitet. Ich habe nie für ein Auktionshaus gearbeitet. Ich bin also von Natur aus ein Überlebenskünstler und ein hemdsärmeliger Geschäftsmann gewesen, was mir in diesen Zeiten vielleicht zugute kommt.' Bisher hat die Galerie Teilzeitbeschäftigte und bezahlte Praktikanten freigestellt, aber Gagosian ist sich bewusst, dass möglicherweise schwierigere Entscheidungen getroffen werden müssen. 'Sie wollen Ihr Unternehmen gesund erhalten', sagte er. 'Sie sind dumm, wenn Sie einfach so tun, als ob nichts los wäre.' Gagosian, 75, versteht, dass Kunden mit wichtigeren Dingen beschäftigt sind. 'Der Kauf von Kunst hat selbst für aktive Sammler keine Priorität', sagte er. 'Sie haben jetzt andere Sorgen.'"

Christie's wird seine auf Juni verschobene Abendauktion von New York auf London, Hongkong, Paris und das Internet ausweiten. Angelica Villa beschreibt das Vorhaben bei Artnews. Ein ähnliches Projekt haben die International Auctioneers (u.a. Lempertz, Artcurial, Koller) zu Beginn der 2000er Jahre gestartet und nach ein paar Jahren wieder verworfen. Die Technik war damals noch nicht soweit und das Publikum wohl auch nicht.

Die Vorteile von Online-Auktionen selbst für Alte Meister hebt Stephanie Dieckvoss im Handelsblatt in ihrem Bericht über die Erfolge der Sparte bei Sotheby's hervor: "Online only-Auktionen sind besonders attraktiv, weil das Bieten anders abläuft als im Saal. Lose sind eine Woche lang aktiviert. Da kann man die Werke in Hochauflösung, von allen Seiten und virtuell in einen Raum platziert ansehen, aber auch schon Gebote abgeben. Mit wenigen Klicks lässt sich testen, was eventuell günstig zu haben ist, weil es im Vorfeld wenig Interessenten gibt. Dieses Wissen haben vor einer Live-Auktion sonst nur die Angestellten. Auf der Webseite hingegen ist klar zu sehen, wie viele Gebote abgegeben wurden und wann der Mindestpreis überschritten ist." Der kommerzielle Erfolg, den die Autorin behauptet, relativiert sich jedoch etwas, wenn man die hohen Steigerungsraten zu den niedrigen Schätzpreisen in Beziehung setzt.

Wie das gehobene Bürgertum in einem gar nicht so fernen Damals Kunst sammelte, erzählt Hubert Burda anhand der eigenen Familiengeschichte im familieneigenen Focus: "Diesem künstlerischen Geist fühlte sich Franz Burda, der Senator, immer verbunden und er gab diese auch an seine drei Söhne weiter. Nach seinem Tod wurde die Sammlung unter ihnen kameradschaftlich und je nach Geschmack geteilt. Gerne erzählte der Senator, dass er seinen Sohn Hubert, der Kunstgeschichte studierte, Anfang der 1960er Jahre in das Galeriehaus Ketterer nach Stuttgart schickte und wie es dazu kam, dass er in Zeiten mit wenig Geld eine so schöne Sammlung anlegen konnte. Wann immer mein Vater ein Geschäftsjahr mit Gewinn abschloss, auch wenn es nur ein kleiner Gewinn war, nahm er das Geld und kaufte sich davon Expressionisten, die ihn beeindruckten, etwa Ernst Ludwig Kirchner. So entstand die Sammlung, die jetzt im Frieder Burda Museum in Baden-Baden ausgestellt wird."

Das neue Buch von Hubertus Butin über Kunstfälschung stellt Sabine Spindler im Handelsblatt vor: "Butin klopft sein ergiebiges Thema von allen Seiten ab. Fälschungen, so eine der Thesen, hinterlassen nicht nur monetäre Schäden. Der wissenschaftliche Schaden ist kaum geringer. Denn die vermeintlich echten Werke verfälschen Werkzusammenhänge und Fakten. Fakes zersetzen die Kulturgeschichte. Butins Haltung ist unmissverständlich: Hört endlich auf, Kriminelle zu Medienstars und Meisterfälschern zu stilisieren, die lediglich nachahmen, was andere Künstler geleistet haben." Leider kolportiert auch sie in diesem Zusammenhang das Gerücht von einem Fälschungsanteil von "30 Prozent der im Umlauf befindlichen Kunstwerke". Allerdings wird eine Behauptung allein durch Wiederholung nicht wahrer.

Vom Rücktritt der österreichischen Kultur-Staatssekretärin Ulrike Lunacek nach anhaltender Kritik aus der Szene und wie es dazu kam, berichten Raffaela Lindorfer und Philipp Wilhelmer im Kurier: "Als Corona kam, hatte sie zunächst keine Botschaft für die Kulturschaffenden, dann eine unüberlegte. Eine 20-Quadratmeter-Regel für jeden Besucher, absurd scheinende Probenregelungen und mangelndes Gespür für die großen Befindlichkeiten einer Branche, die vom emotionalen Seiltanz jäh in den Abgrund blickte."

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