Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Neuer Konzernchef für die Frieze; Foto Parametrism via Wikimedia

20.01.2020 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 3 2020

Frieze goes Boulevard: Die Messe und das Magazin bekommen laut Gareth Harris im Art Newspaper mit Simon Fox ab 2. April einen CEO, der zuvor das Medienunternehmen Reach leitete, das unter anderem den Daily Mirror und den Daily Express herausgibt.


Ein ganzes Asien-Dossier, angereichert mit drei ausführlichen Interviews, hat Philipp Meier anlässlich der Kunstmesse Taipei Dangdei in Taipeh für die NZZ verfasst: „Der Appetit auf Kunst scheint unstillbar in Asien. Trotz den politischen Unruhen sorgen Käufer in Hongkong aus dem gesamten asiatischen Raum für gewaltige Umsätze. Zu einem beträchtlichen Teil stammten die Sammler an den vergangenen Herbstauktionen von Sotheby's und Christie's nicht nur aus Hongkong selber sowie aus China, sondern auch aus den Tigerstaaten Südkorea, Taiwan und Singapur, aber auch aus Japan, Thailand und Indonesien. Gut ein Viertel davon wies ein Alter von unter 40 Jahren auf. Asiens Kunstkäufer sind jung, dynamisch, wohlhabend und entweder Unternehmer, die ihr Vermögen aus eigener Kraft erwirtschaftet haben, oder aber Erben einer zweiten Unternehmergeneration. Ihr Hunger nach Luxusgütern ist gross, und dazu zählt wie selbstverständlich auch die Kunst, die sie als wichtigen Teil ihres Lifestyles entdeckt haben.“ Der positive Tenor ist repräsentativ für den gesamten Beitrag.


Angekommen ist Kunst aus der DDR noch immer nicht im Kunstmarkt – und auch in den Institutionen beginnt eine angemessene Auseinandersetzung gerade erst. Ein Film von Tom Erhardt stellt im MDR einen der profiliertesten Sammler vor, den ehemaligen Kulturattaché der brasilianischen Botschaft in der DDR. Gunnar Decker hat die Dokumentation vorab für das Neue Deutschland vom 17. Januar gesehen: „Wie gut, dass es die unverdächtigen Zeugen von weither gibt; dieser hier kommt aus Amazonien und hat 1200 Bilder in seinem Depot, das er gut versteckt, denn so langsam spricht sich herum, dass die Bilder von DDR-Malern einen größeren Wert besitzen, als es die Player der bundesdeutschen Kunstszene bis heute suggerieren. Aber was heißt das, 'einen Wert besitzen'? Die einen denken da sofort an einen Kaufpreis, die anderen an einen künstlerischen Wert, der nichts mit Geld zu tun hat, jedenfalls nicht in erster Linie. Den einen ist dieser Unterschied sofort klar, die anderen, die Händlergemüter, die zwanghaft alles Poetische sofort entwerten müssen, werden es nie begreifen.“


Wie ein Unternehmerehepaar dem müden Markt für junge Kunst in Hamburg mit ihrem salondergegenwart auf die Sprünge hilft, beschreibt Frank Kurzhals im Handelsblatt: „Zuspruch erhalten Holles auch von den ausstellenden Künstlern. Die haben meist während des Salons zum ersten Mal die Chance, den Markt für ihre Werke zu testen. 'Vergangenes Jahr wurden rund um die Eröffnung Bilder für gut 300.000 Euro verkauft,' fasst Holle den ökonomischen Erfolg des Salons für 2019 zusammen. 'Das gesamte Geld für die 52 verkauften Werke geht direkt und ohne Abzug an die Künstler. Falls in Ausnahmefällen mal ein Galerist dazwischen sein sollte, klärt das der Künstler direkt mit ihm. Wir jedenfalls nehmen kein Geld.'“


Die Verbund AG ist Österreichs größter Stromversorger und als börsennotiertes Unternehmen mehrheitlich in öffentlicher Hand. Ihre Sammlung zeitgenössischer Kunst genießt einen hervorragenden Ruf. Wie es dazu kam und warum die strategische Ausrichtung der Sammlung auch wirtschaftlich ein Erfolg ist, erklärt Sammlungs-Direktorin Gabriele Schor im Gespräch mit Eva Komarek in der Presse aus Wien: „Nehmen wir als Beispiel die Arbeiten von Jürgenssen. Als ich sie 2004 für die Sammlung gekauft habe, habe ich zwischen 1800 und 6400 Euro für die Vintagefotografien bezahlt und 10.000 bis 20.000 Euro für die Zeichnungen. Heute hat sie die Galerie Hubert Winter im Programm und verlangt 16.000 Euro für Fotos, ab 45.000 Euro für Zeichnungen und 120.000 Euro für Skulpturen. Ähnlich ist das bei Bertlmann. Die Zeichnung 'Frau' habe ich 2009 um 2660 Euro gekauft, Fotos für 2000 bis 5000 Euro. Heute gibt es Vintagefotografie nicht mehr unter 10.000 Euro, Objekte fangen bei 25.000 Euro an und Malerei bei 60.000 Euro. International werden ihre Werke sogar für ein paar 100.000 Euro verkauft.“


Das unwürdige Politikschauspiel um das in Düsseldorf entstehende Deutsche Fotoinstitut breitet Jörg Häntzschel in der Süddeutschen Zeitung aus.


Neues aus Dresden: Der Redaktion der MDR-Sendung "Kripo live" wurden Stücke aus dem Juwelendiebstahl angeboten: „Die Art und Weise, wie in dem Mailaustausch verhandelt worden sei, und auch die Formulierungen darin sprächen nicht für ein professionelles Vorgehen. Ein Indiz sei der Umstand, dass innerhalb einer Stunde der geforderte Kaufpreis deutlich gesenkt worden sei. [Experte] Hofmann dazu: 'Normalerweise dauern diese Verhandlungen viel länger und ein so schnelles Reduzieren ist nicht der Fall.' […] Das Fazit des Experten: 'Wenn man diese Indizien alle zusammenzählt, ist hier eher von einem Trittbrettfahrer auszugehen.'“


Ein gutes und außergewöhnliches vorläufiges Ende nimmt der Kunstraub von Gotha, der im Jahr 1979 Schlagzeilen machte. Susanne Schreiber berichtet im Handelsblatt: „Das glückliche Ende ist in doppelter Hinsicht etwas Besonderes. Zum einen ist ungewöhnlich, dass der in der DDR ungelöste Raub nach 40 Jahren in Teilen aufgeklärt werden konnte und zur Rückkehr der Gemälde führte. Zum anderen, dass das beraubte Museum den 'Findern' keinerlei Geld bezahlt, das meist beschönigend als 'Finderlohn' bezeichnet wird. Das gelang nur, weil die Gemälde-Anbieter dazu bewegt werden konnten, in einer schriftlichen Vereinbarung das Eigentum der Stiftung Schloss Friedenstein an den Bildern anzuerkennen. Sie gaben die Bilder zurück ohne den zunächst geforderten finanziellen Ausgleich. Dafür sieht die Eigentümerin von einer strafrechtlichen Verfolgung der zwischenzeitlichen Besitzer ab.“ Kito Nedo führt diesen Aspekt in der Süddeutschen Zeitung weiter aus: „Dass am Ende kein Lösegeld gezahlt wurde und trotzdem alle fünf Bilder zurückgegeben wurden, sei eine 'diplomatische Meisterleistung', sagte die auf Kunstrecht spezialisierte Berliner Anwältin Friederike von Brühl gestern. Die von Kreuch im Zuge der Verhandlungen mit ins Vertrauen gezogene Ernst von Siemens Kunststiftung übernahm lediglich die Kosten für Anwälte und Logistik. 'Es geht kein Geld an Diebe. Das macht man nicht', erklärte Martin Hoernes, Generalsekretär der Kunststiftung. Kunstdiebstahl soll sich auch in Zukunft nicht lohnen.“


Immer gleich scheinen die Maschen von Kunstfälschern zu sein. Catrin Lorch stellt in der Süddeutschen Zeitung ein neues Buch von Nora und Stefan Koldehoff vor, die einen Fall aus der Weimarer Republik aufgearbeitet haben: „Es war, als habe der Markt nur auf den Betrüger gewartet. Die Kunstzeitschrift Der Cicerone schwärmte von den 'schönen, großen, ruhigen und vortrefflich hergerichteten Räumen', die Otto Wacker mit einer 'sehr bedeutenden Ausstellung des Zeichnungswerkes Vincent van Goghs eindrucksvoll eröffnet' habe. Dass er auch gleich den Band 'Vincent van Gogh' im eigens dafür gegründeten Otto-Wacker-Verlag veröffentlichte, unterstrich die Seriosität des Unternehmens. Der Jung-Galerist hatte sogar den Herausgeber des Werkverzeichnisses, Jacob-Baart de la Faille, verpflichtet, der ihm Kontakte zu etablierten Sammlern vermittelte und ihn mit dem Neffen des Künstlers bekannt machte.“ Leider scheint der Markt nur bedingt lernfähig zu sein.


Nach fünf Jahren ist das Verfahren um ein trotz Verbots aus Spanien ausgeführten Gemäldes von Pablo Picasso zu einem vorläufigen Ende gekommen: Der Milliardär und ehemalige Chef der Banco Santander Jaime Botín wurde zu einer Gefängnisstrafe von 18 Monaten sowie zur Zahlung von 52,4 Millionen Euro, dem doppelten Schätzwertes des Kunstwerks, verurteilt, das Gemälde selbst wurde eingezogen. Nachzulesen als dpa-Meldung unter anderem im Kölner Stadt-Anzeiger oder als Reuters-Meldung unter anderem in der New York Times.


Derweil stehe in Düsseldorf ein Zahnarzt vor Gericht, weil er Auktionshausmitarbeitern rund zwei Dutzend falsche Picassos vorgeführt habe, wie dpa meldet, nachzulesen unter anderem bei Monopol.


Die neue Abteilung für gebrauchte Bekleidung und Taschen des Auktionshauses Bonhams nimmt Rose-Maria Gropp in der FAZ vom 18. Januar aufs Korn: „Laut 'Global-Data', so erläutert Bonhams die neue Sparte, soll sich der weltweite Markt für alle gebrauchten Luxusgüter bis 2023 auf 51 Milliarden Dollar belaufen, mehr als der doppelte Wert von immerhin 24 Milliarden Dollar 2018. (Vorsicht, das ist Statistik). Zu den treibenden Faktoren dieser bemerkenswerten Hochrechnung zählen, heißt es weiter, steigendes 'soziales Bewusstsein', 'Sorge für die Umwelt' bei den Verbrauchern und die – vorsätzliche – Verknappung begehrter Teile. Die ersten beiden Gründe sind nachgerade rührend.“


Sotheby's hat sich mit dem Modelabel Highsnobiety zusammengetan, um seine aktuelle Altmeister-Auktion mit motivisch passenden Hoodies und T-Shirts zu begleiten, wie Tessa Solomon von Artnews weiß.


Der Souvenirshop der Galerie Johann König hat aktuell ein Produkt im Angebot, das nicht nur auf Zustimmung stößt. Eine vom Schauspieler Lars Eidinger designte Ledertasche für 550 Euro, die sich an der Plastiktüte von Aldi-Nord orientiert, sorgt für Diskussionen, die Judith Brachem bei Monopol aufgreift: „Kritik gibt es dabei weniger wegen der Selbstinszenierung, die man von dem Schauspieler durchaus gewohnt ist, sondern viel mehr wegen der Obdachlosen-Anmutung, die er für die Vermarktung eines so kostspieligen Accessoires nutzt.“


Über drei Jahrzehnte berichtete Reinhard Müller-Mehlis über den Kunstmarkt aus München für dem dortigen Merkur und für das Handelsblatt, das seinen Tod im Alter von 88 Jahren meldet.

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