Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Die Strandparty fällt aus: Keine ABMB 2020; Bild Stefan Kobel

07.09.2020 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 36 2020

Den Spuren der Corona-Pandemie in der Kunstwelt geht Kolja Reichert in der FAS vom 6. September nach. Dabei macht er mitunter gegenläufige Entwicklungen aus: "Jetzt, wo der Kunstmessen-Jetset pausiert, wird aber auch spürbar, was an Messen so toll war, außer dass Galeristen auf sie schimpfen konnten, um dann doch zu fünfzehn Stück im Jahr zu reisen. Was mit ihnen ausfällt, ist ein Ort, an dem das Ganze der Kunst in den Blick kommt. Je höher die Preise stiegen, je größer das Publikum wurde, desto dichter wurden die Talk-Programme, auf denen berühmte Gesichter um die Wette sinnstifteten. Klar, das meiste war Quatsch, aber immerhin gab es Gipfel, die einen Horizont für alles andere boten, die man besteigen wollte und gegen die man sich profilieren konnte. Jetzt könnte sich herausstellen, dass es die Öffentlichkeit zur Legitimation der Preise gar nicht braucht. Superreiche können sich, so eine Vision der Basler Kuratorin Chus Martínez, auch zu Tupper-Partys treffen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit Stücke ihrer Sammlung tauschen, in Zollfreilagern oder internationalen Gewässern."

Die Bedeutung der DC Open für die rheinischen Galerien hebt Susanne Schreiber im Handelsblatt hervor: "Für alle ist das Coronajahr mit Einbußen an Aufmerksamkeit und Umsatz verbunden. Zuletzt hat die Art Basel ihre Messe in Miami Beach abgesagt. Für alle werden die DC Open ein Testlauf, wie das Publikum auf zeitgenössische Kunst reagiert. Ob die Freude an den Denkräumen sie zu öffnen versteht und auch in beherzte Ankäufe mündet. Denn bislang fehlte den meistern Sammlern die Stimmung, Geld auszugeben und sich etwas Gutes zu tun."

Auf die Gesamtsituation der rheinischen Szene blickt Georg Imdahl bei seinem Rundgang für die FAZ: "Im kommenden April steht dann auch wieder die Art Düsseldorf auf dem Programm (von der sich viele Galerien der Region, dem Vernehmen nach, fürsorglicher betreut fühlen als von der großen Kölner Konkurrenz). Allenthalben wird erwartet, dass die Art Cologne dann 2021 wieder endgültig in den Herbst wechselt, wo sie früher stattfand. Zunächst aber starten die rheinischen Galerien an diesem Wochenende in die Herbstsaison, und auch hier erweist sich manches als machbar, wenn es mit dem nötigen Nachdruck betrieben wird."

In Frankfurts Galerien hat sich Kevin Hanschke für die FAZ umgesehen: "Mehr als fünfzig Galerien nehmen teil, wegen der Pandemie sind es weniger als in den Vorjahren. Dafür gibt es diverse Online-Experimente, Apps und digitale Showrooms. Die Messe 'Paper Positions' fällt stillschweigend aus; sie soll nach Angaben der Veranstalter 2021 neu aufgelegt werden. An ihre Stelle tritt die Ausstellung 'Time in Transition', die Fotografie und Bewegtbild zusammenführen und durch den digitalen Auftritt neue Sammlergruppen ansprechen soll. In den Galerien dominiert, wenig erstaunlich, die Auseinandersetzung mit existentiellen und gesellschaftlichen Fragen in vielfachen Varianten."

Meine Rundgänge im Rheinland und in Frankfurt finden sich bei Artmagazine.cc.

Fürs Schräge ist traditionell Wien zuständig. Die kuratierten Galerieeröffnungen hat Nicole Scheyerer für die FAZ besucht: "Eine der witzigsten Paarungen von Curated by ist in der Galerie Crone zu finden: Dorthin lud Gastkuratorin Jakob Lena Knebl die Baumarktfirma Hornbach ein. Der bei Künstlern beliebte Do-it-yourself-Spezialist verwandelte Crone mit Transparenten, Regalen und Bestellterminal in eine Art Filiale."

Selbst ist die Galerie: Zehn Kollegen versammelt die Brüsseler Galerie Maruani Mercier zu ihrer Warehouse Fair vom 12. bis 15. November (wenige Tage vor der Art Cologne), meldet Naomi Rea bei Artnet.

Mit sehr dürren Worten hat die MCH Group die Absage der Art Basel Miami Beach in diesem Jahr verkündet, wie ich im Artmagazine melde.

Der diesjährige Ausfall von unterhalb des wirtschaftlich etablierten Kunstbetriebs angesiedelten Berliner Formaten wie 48 Stunden Neukölln sei nur ein Symbol für tiefgreifendere Veränderungen, mahnt Harry Nutt in der Berliner Zeitung: "Still und leise aber vollzieht sich in Berlin ein Ausverkauf der Existenzformen, die in den drei zurückliegenden Jahrzehnten erheblich zum Image der Kreativmetropole beigetragen haben. Preiswerte Räume für Galerien und Ateliers kamen dem Bedürfnis entgegen, den Impulsen des Augenblicks Geltung zu verschaffen. Berlins Kapital war die räumliche Vielfalt der Bezirke Neukölln und Treptow, Friedrichshain und Charlottenburg. Überlagert vom Getöse derer, die es besser verstehen, auf ihre Lage aufmerksam zu machen, vollzieht sich inzwischen ein Rückzug und Ausverkauf preiswerter Kreativräume. Ein Atelier, das heute aufgegeben und geschlossen werden muss, ist vermutlich für immer als potenzieller Kunstraum verloren. Im Schatten der Pandemie ereignet sich in Berlin der Ausverkauf der kulturellen Nische - ein Strukturwandel des öffentlichen Raumes vollzieht sich nicht nur in den Bürotürmen der City, sondern auch an den Rändern der Stadt."

Unter anderem über die Berliner Kulturpolitik und deren Umgang mit Sammlern und Künstlern spricht Axel Haubrok im Interview, das Robert Klages für den Tagesspiegel vom 5. September mit dem Sammler und dessen Sohn Konstantin geführt hat: "Im Kunstmarkt heute geht es um viel Geld, häufig auch um Immobilien. Das führt dazu, dass Künstler keine Räume mehr finden. Es geht nicht von alleine weiter, wenn der Druck des Geldes zu hoch ist. Da muss man gegensteuern. Ich glaube, dass der Kultursenator Klaus Lederer da gut reagiert. Klar, er könnte die eigenständigen Sammler unterstützen, indem er da mehr koordiniert. Aber direkte Unterstützung, die will ich eigentlich gar nicht. Ich wäre schon froh, wenn uns bei der 'Fahrbereitschaft' vom Bezirksamt keine Knüppel zwischen die Beine geworfen werden würden. Die Macht der Bezirke ist in Berlin einfach zu groß. Wenn der Senat sagt, wir möchten Kunst haben, muss er dafür auch die Orte definieren und sie für die Kultur sichern." Beim Lesen stellt sich das Gefühl ein, dass da jemand versucht, Bezirk und Senat gegeneinander auszuspielen. Das ist nicht neu und hätte dem Interviewer eine Frage wert sein dürfen. So wirkt das Stück wie PR.

Gerade rechtzeitig vor der Hauptversammlung, auf der dem Artnet-Gründer Hans Neuendorf und seiner Familie die Entmachtung durch Rüdiger K. Weng und andere unzufriedenen Aktionäre drohte, ist der Vorstandsvorsitzende Jacob Pabst erkrankt. Details zu ausgefallenen Übernahmeschlacht habe ich für das Handelsblatt zusammengetragen.

Das welt- und branchenumspannende Unternehmen Hauser & Wirth sowie dessen Gründer Iwan Wirth portraitiert Susanne Schreiber im Handelsblatt: "Wer Kunst im großen Stil an die potentesten Sammler unserer Zeit verkaufen möchte, muss enge persönliche Beziehung zu ihnen pflegen. Manuela und Iwan Wirth pflegen ihre Sammler-Beziehungen längst nicht nur mit ihrem legendären Art-Basel-Dinner im Hotel Trois Rois. Sie eröffnen einen außergewöhnlichen Ort nach dem anderen: Das Fünf-Sterne-Hotel The Fife Arms in Schottland oder die Restaurants an ihren Ausstellungsorten in Somerset und Los Angeles. Für Wirth sind diese Unternehmungen eine wichtige Abrundung des Geschäfts: 'Sie ersetzen nicht die traditionelle Rolle der Galerie. Aber in einem bestimmten Kontext sind sie wichtige Katalysatoren.' Er begeistert mit diesen besonderen Orten nicht nur seine Sammler und Künstler. Auch die Allgemeinheit profitiert davon, das ist ihm wichtig zu betonen."

Keinen Kommentar erhielt Margret Carrigan von den Berteibern des einzigen Freeports in New York für das Art Newspaper auf ihre Fragen zur abrupten Schließung des Zollfreilagers, das dessen Kunden bis Ende Oktober geräumt haben müssen.

Gute Neuigkeiten hat Susanne Schreiber für das Handelsblatt aus Stuttgart erfahren: "Der neue Geschäftsführer des Kunstversteigerers Nagel heißt nach vier Jahren Pause wieder Uwe Jourdan. Diesmal ist der 53-Jährige ausgebildete Kunsthändler und Teppich-Experte die treibende Kraft im neuen Gesellschafterkreis. Dazu zählen nun auch Nagels bewährter Asiatika-Experte Michael Trautmann sowie Saskia Straub, Fabio Straub und Tim Straub. Die drei Kinder des 2004 plötzlich verstorbenen Nagel-Eigentümers Robin Straub werden in einigen Jahren ins operative Geschäft eintreten. Damit ist eine Insolvenz des 1922 gegründeten Traditionshauses abgewendet und das seit Juni laufende Sanierungsverfahren in Eigenregie erfolgreich beendet."

Wieder einmal in Berlin-Neukölln ist die Polizei fündig geworden, diesmal auf der Suche nach Spuren zu den Einbrechern ins Dresdner Grüne Gewölbe, meldet Monopol: "Am Mittwoch durchsuchten sächsische und Berliner Beamte ein Internet-Café im Bezirk Neukölln und die Wohnung eines Beschäftigten. Sie stellten umfangreiches Beweismaterial sicher, wie die Dresdner Staatsanwaltschaft mitteilte."

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