Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Die Sekunde, in der vieles anders wurde

15.03.2021 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 11 2021

69.346.250 Millionen US-Dollar hat Christie's für Beeples NFT „Everydays: The first 5000 days“ eingenommen und den bis dahin nur Eingeweihten geläufigen 39-jährigen Amerikaner auf Platz 3 der teuersten lebenden Künstler katapultiert. Die Auktion markiert zweifellos eine Zäsur und möglicherweise eine Wende am Kunstmarkt. Knapp zwei Drittel der 33 aktiven Bieter waren laut Pressemitteilung 40 Jahre oder jünger, und überhaupt waren dem Auktionshaus nur drei von ihnen vorher bekannt.

Von einer „Kryptokunstblase“ spricht Ursula Scheer in der FAZ. Im Handelsblatt versuche ich anlässlich Beeples einen Schnellkurs in Sachen NFT zu geben, während ich mir für Monopol Gedanken über die Bedeutung des Hypes für das Betriebssystem Kunst mache.

Den Konflikt zwischen alter und neuer Kunstwelt, inklusive der jeweiligen Blinden Flecken, beschreibt Andrew Thurman für den Coin Telegraph: „Noah Davis, Spezialist für Nachkriegs- und zeitgenössische Kunst bei Christie's, der die Beeple-Auktion betreut hat, sagte gegenüber Cointelegraph, dass die Reaktion der Besitzstandswahrer 'nicht unähnlich dem Aufkommen der Street Art als Blue-Chip-Sammlerkategorie ist', wo die Kontroverse um die Arbeiten von Außenseiter-Künstlern wie Banksy, die in Auktionshäuser gelangten, paradoxerweise deren Arbeit legitimierte.“

Ob NFT den Kunstmarkt revolutionieren oder seine größten Fehler wiederholen werde, fragt sich Tim Schneider bei Artnet.

Latente Fehler des Betriebssystems Kunst würden durch NFT wiederholt und verstärkt, argumentiert der ehemalige Londoner Galerist und Aktivist Pierre D'Alaincaisez in seinem Blog PetitPoi: „NFTs sind kein neues Paradigma, das die Kunst besser, demokratischer oder fairer für Künstler machen wird. Das werden sie nicht tun, weil die grundlegende Idee dahinter die schlimmsten Aspekte der Kunstwelt mit Teilen der Finanzmärkte zusammenbringt: ein Pyramidensystem und eine Spekulationsblase. Tatsächlich hat der Kunstmarkt - wenn nicht sogar die Kunst selbst - diese Tendenzen schon lange gezeigt, und das Aufkommen der NFTs rückt sie nur noch stärker in den Fokus.“

Um auch mal über den vergoldeten Tellerrand zu schauen, hier ein Beitrag aus dem etwas nerdigen Blog von Fefe zum Thema Sicherheit bei Ethereum, der Blockchain, auf die NFT in der Regel aufbauen: „Die haben euch die ganze Zeit ins Gesicht gelogen, dass ihre Infrastruktur sicher sei, dass ihre Kryptografie so sicher ist, dass es keine Fehler und Angriffe mehr gibt und man das jetzt für ewig fortschreiben kann. Deshalb ist es so sicher, dass ihr da bedenkenlos euer Geld reinpumpen könnt. Aber gleichzeitig haben sie ihre Lügen selbst so wenig geglaubt, dass sie bei Ethereum Landminen eingebaut haben in den Algorithmus, der nach einer Weile einfach komplett zum Stillstand kommt. […] Oder, die andere Erklärung, falls euch die besser gefällt: Der 'Erfinder' von Ethereum ist so unfassbar inkompetent, dass er nicht erkennt, dass sein exponentielles Wachstum im Miningaufwand eine eingebaute Zeitbombe ist.“ Denn Etherium ist so gebaut, dass der Aufwand für das Schürfen von neuen Ether exponentiell steigt und damit auch die benötigte Energie.

Auch nicht uninteressant in diesem Zusammenhang ist die geplante Umstellung von Proof of work zu Proof of stake im Miningprozess, also bei der Produktion von Kryptowährungen. Die Neuerung würde den Stromverbauch erheblich senken, allerdings auch die Gewinne der sogenannten Miner, die mit Rechnerfarmen die Token erzeugen. Deren Betreiber sind von den Plänen aus naheliegenden Gründen nicht begeistert und versuchen laut James Baker bei status gerade eine Art Bürgerkrieg anzuzetteln, indem sie über eine eingebaute Schwachstelle die Macht übernehmen wollen, bevor die Änderungen greifen.

Die Diskussion um den horrenden Stromverbrauch der NFT wiederum betrifft direkt Beeple und viele andere Künstler und Vermarkter. Valentina di Liscia berichtet darüber auf Hyperallergic.

Nicht ganz überraschend erheben sich Stimmen, die bei NFT dieselbe Anfälligkeit für Geldwäsche und andere Betrügereien sehen wie bei allem anderen im Zusammenhang mit Kryptowährungen, wie Lu Wang bei Bloomberg befürchtet. Zu den lange bekannten Risiken aller Kryptowährungen gehört der Umstand, dass schon ein einziger der sogenannten Wale mit seinen riesigen Währungsbeständen die Kurse fast beliebig manipulieren kann.

Tatsächlich scheint es sich bei dem bizarren Schauspiel, das sich der Kunstwelt aktuell bietet, um einen Wettstreit zwischen Leuten zu handeln, deren Vermögen auf genau dem Spielgeld basiert, mit dem hier gehandelt wird. Anna Brady berichtet im Art Newspaper von dem 31-jährigen chinesischen Justin Sun, Gründer der Blockchain-Plattform TRON, der sich auf Twitter darüber beklagt, dass er 70 Millionen habe bieten wollen, es jedoch technische Probleme gegeben habe. Der erfolgreiche Bieter sei ein „Bitcoin OG“ (für Original Gangster) mit dem Pseudonym Metakovan, der bereits seit 2013 in Kryptowährungen investiere, berichten Marion Maneker bei Artnews und Zack Seward von Coindesk unter Berufung auf eine gemeinsame Pressemitteilung (PDF) von Christie's und Metakovans NFT-Fond Metapurse. Auch die übrigen Player im NFT-Markt scheinen aus der Krypto-Ecke zu kommen, wie ein Bericht von Shanti Escalante-de Mattei über frühe Beeple-Sammler für Artnews nahelegt.

Übrigens wolle Damien Hirst mit seinem Projekt „The Currency“ebenfalls auf den NFT-Zug aufspringen und im Laufe des Jahres damit auf den Markt kommen, meldet James Pickford am 12. März in der Financial Times.

Das Ende der traditions- und einst glorrreichen Biennale des Antiquaires in Paris meldet Bettina Wohlfarth in der FAZ. Eine Nachfolgeveranstaltung sei jedoch geplant: „Allerdings kündigte der Verband der französischen Antiquitätenhändler an, zum Partner einer neuen Veranstaltung zu werden, die Ende November 2021 im provisorischen Grand Palais auf dem Champ de Mars hinter dem Eiffelturm stattfinden soll.“

Die Schließung der 1980 eröffneten New Yorker Foto-Galerie Metro Pictures melden Sarah Douglas bei Artnews und Zachary Small in der New York Times. Die Galerie, die unter anderem Cindy Sherman, Louise Lawler und Robert Longo vertritt, werde noch bis Ende des Jahres Ausstellungen veranstalten. Das schier unendlich scheinende Wachstum der Mega-Galerien scheine bei dem Entschluss zur Geschäftsaufgabe eine Rolle gespielt zu haben, vermutet Sarah Douglas bei Artnews. Wie der prompte Wechsel von Cindy Sherman zu Hauser & Wirth bestätigt.

Die Diskussion um die Nazi-Vergangenheit der Familien von Buchhändlerin Emilia von Sänger und Kunstsammlerin Julia Stoschek nimmt bei Yossi Bartal im Freitag eine Wendung ins Fiskalische: „Angesichts der Tatsache, dass das Kapital so vieler Mitglieder der deutschen 'ein Prozent' aus der Nazi-Wirtschaft stammt: Wäre nicht eine deutlich progressivere Steuerpolitik die beste Form der Vergangenheitsbewältigung? Auf jeden Fall würde sie Chancengleichheit erhöhen und Armut besser bekämpfen als jede Selbstpositionierung einer Buchhändlerin mit Nazi-Großeltern auf Instagram. Die Einführung einer Vermögenssteuer, in Deutschland wäre sie eine antifaschistische Maßnahme.“

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